Tenecteplase beim ischämischen Hirninfarkt – Zeit für den Wechsel!
Autor:
PD Dr. med. Christoph Globas
Klinik für Neurologie
Universitätsspital Zürich
E-Mail: christoph.globas@usz.ch
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Die intravenöse Thrombolyse zählt zu den grössten therapeutischen Fortschritten der modernen Schlaganfallmedizin. Seit der Publikation des NINDS-Trials im Jahr 1995 hat sich Alteplase weltweit als Standardtherapie des ischämischen Hirninfarkts etabliert. In den vergangenen Jahren hat jedoch Tenecteplase als alternative Substanz zunehmend an Evidenz gewonnen. Mit der Swissmedic-Zulassung im Jahr 2025 für die Behandlung des akuten ischämischen Schlaganfalls zeichnet sich nun ein Paradigmenwechsel in der intravenösen Fibrinolytikatherapie ab.
Keypoints
-
Tenecteplase (0,25mg/kg i.v. als Bolus) war Alteplase in mehreren grossen randomisiert-kontrollierten Studien hinsichtlich des funktionellen Outcomes und der Sicherheit nicht unterlegen.
-
Metaanalysen liefern zudem Hinweise auf höhere Raten exzellenter funktioneller Outcomes (mRS 0–1).
-
Die Bolusapplikation vereinfacht den klinischen Workflow und kann die «Door to needle»-Zeit verkürzen.
-
In der Schweiz wurde Tenecteplase 2025 zur Behandlung des akuten ischämischen Hirninfarkts zugelassen.
Die intravenöse Thrombolyse – ein Meilenstein
Die intravenöse Thrombolyse mit Alteplase ist seit dem NINDS-Trial von 19951 eine etablierte Therapie des akuten ischämischen Schlaganfalls. Sie markierte den Beginn der spezialisierten Stroke Units und Stroke Centers, wie wir sie heute kennen. In dieser randomisierten Studie führte Alteplase (rtPA), verabreicht innerhalb eines Zeitfensters von weniger als drei Stunden, zu einer signifikanten Verbesserung des funktionellen Outcomes nach 90 Tagen. In den folgenden Jahren wurde das therapeutische Zeitfenster zunächst auf 4,5 Stunden und mithilfe der Perfusionsbildgebung in ausgewählten Fällen auf bis zu 9 Stunden erweitert; die intravenöse Thrombolyse wurde daraufhin weltweit als Standardtherapie implementiert. Trotz dieser Fortschritte und der erfolgreichen Etablierung der endovaskulären Therapie (EVT) stellte sich die Frage, ob alternative Fibrinolytika mit günstigeren pharmakologischen Eigenschaften zusätzliche Vorteile bieten könnten.
Pharmakologische Vorteile der Tenecteplase
Tenecteplase (TNK) ist eine genetisch modifizierte Variante des Gewebeplasminogen-Aktivators («tissue plasminogen activator», tPA) (Abb. 1). Durch gezielte Veränderungen der Aminosäurestruktur an drei unterschiedlichen Stellen weist die Substanz eine längere Halbwertszeit (rtPA 4–6min vs. TNK 17–20min), eine höhere Fibrinspezifität (14-fach) sowie eine höhere Resistenz gegenüber dem Plasminogen-Aktivator-Inhibitor 1 (PAI-1; 80-fach) auf. Die verlängerte Halbwertszeit ermöglicht eine Einmal-Bolus-Applikation, während Alteplase als Bolus mit anschliessender einstündiger Infusion verabreicht werden muss. Die höhere Fibrinspezifität verspricht ein günstigeres Nebenwirkungsprofil, und die höhere Resistenz gegenüber PAI-1 könnte mit einer besseren Wirksamkeit einhergehen.
Abb. 1: Die Substitution von Asparagin durch Glutamin eliminiert eine mannosereiche Seitenkette und trägt zur längeren Halbwertszeit bei, während die Substitution von Threonin durch Asparagin eine neue Glykolysierungsstelle schafft, die ebenso die Molekülgrösse und die Halbwertszeit erhöht1,2 (Bild: adaptiert nach einer Grafik von Boehringer Ingelheim International GmbH)
Evidenz aus randomisierten Studien
Tenecteplase ist seit vielen Jahren zur Behandlung des akuten Myokardinfarkts (STEMI) in einer Dosierung von 0,5mg/kg Körpergewicht zugelassen. Aufgrund des darunter erhöhten Risikos intrazerebraler Blutungen bei älteren Menschen wird ab einem Alter von 75 Jahren jedoch eine Dosisreduktion auf 0,25mg/kg empfohlen. Dosisfindungsstudien beim ischämischen Hirninfarkt wurden deshalb mit Dosie-rungen von 0,1mg/kg, 0,25mg/kg und 0,4mg/kg durchgeführt. Unter 0,1mg/kg zeigte sich zwar eine gute Sicherheit, jedoch eine verminderte Wirksamkeit im Vergleich zu den höheren Dosierungen. Unter 0,4mg/kg war die Wirksamkeit mit jener von 0,25mg/kg vergleichbar, allerdings bei signifikant erhöhtem Blutungsrisiko bei Patient:innen mit moderatem bis schwerem Schlaganfall. Daher wurde 0,25mg/kg als Standarddosierung beim ischämischen Hirninfarkt festgelegt.
Mittlerweile haben zahlreiche randomisiert-kontrollierte Studien Tenecteplase in einer Dosierung von 0,25mg/kg mit Alteplase 0,9mg/kg in unterschiedlichen klinischen Szenarien verglichen. «Den Stein so richtig ins Rollen» brachte der Trial EXTEND-IA TNK.2 In dieser randomisiert-kontrollierten Phase-II-Studie zeigten sich bei 202 Patient:innen mit akutem Verschluss der distalen A. carotis interna oder der proximalen A. cerebri media – also einer sogenannten «large vessel occlusion» (LVO) – und geplanter EVT deutlich höhere frühe Rekanalisationsraten (22% vs. 10%). Das heisst, in mehr als doppelt so vielen Fällen war eine Thrombektomie gar nicht mehr erforderlich. Darüber hinaus ergaben sich Hinweise auf ein möglicherweise besseres klinisches Outcome unter Tenecteplase im Vergleich zu Alteplase in diesem Kollektiv.
Nach diesem vielversprechenden Ergebnis folgten weltweit mehrere grosse multizentrische randomisiert-kontrollierte Phase-III-Studien. Die Studien AcT (Kanada), ATTEST-2 (Europa), TRACE-2 und ORIGINAL (beide China) verglichen Tenecteplase mit Alteplase jeweils in breiteren Schlaganfallkollektiven innerhalb des 4,5-Stunden-Zeitfensters.3–6 Der internationale TASTE-Trial7 wurde speziell konzipiert, um die postulierten Vorteile von TNK nicht durch andere potenziell beeinflussende Kofaktoren zu verwässern; eingeschlossen wurden daher keine Patient:innen mit zusätzlicher EVT, sondern nur solche mit bildgebend nachgewiesenem Perfusionsmismatch, also vorhandener Penumbra. In all diesen Studien erwies sich Tenecteplase gegenüber Alteplase bei vergleichbarer Sicherheit als nicht unterlegen. Eine klare Überlegenheit von Tenecteplase konnte jedoch in keiner dieser Studien nachgewiesen werden.
Aktuelle Metaanalysen der randomisierten Studien mit insgesamt mehr als 7500 Patient:innen liefern allerdings Hinweise auf signifikant höhere Raten exzellenter funktioneller Outcomes (Scores von 0–1 auf der modified Rankin-Scale [mRS]) unter TNK («number needed to treat» [NNT] 20–33)8 (Tab. 1).
Tab. 1: Aktuelle Metaanalysen, die Tenecteplase mit Alteplase zur Thrombolyse verglichen, wiesen für die Tenecteplase höhere funktionelle Outcomes aus
Die Leitlinien der European Stroke Organisation (ESO) von 20239 und der American Heart Association/American Stroke Association (AHA/ASA) von 202610 empfehlen Tenecteplase (0,25mg/kg) daher als zumindest gleichwertige Alternative zu Alteplase im Zeitfenster bis 4,5 Stunden. Zusätzlich empfehlen die ESO-Leitlinien bei Patient:innen mit LVO und geplanter mechanischer Thrombektomie – in erster Linie auf Grundlage der EXTEND-IA-TNK-Studie – bevorzugt Tenecteplase. Die Datenlage bleibt in dieser Subgruppe allerdings uneinheitlich; so konnte dieser Vorteil in der entsprechenden Subgruppe der AcT-Studie beispielsweise nicht repliziert werden.
Klinische Einordnung
Die Frage, ob Tenecteplase Alteplase als Standardtherapie ablösen sollte, wird derzeit weltweit intensiv diskutiert. Die Evidenz zeigt eine klare Nichtunterlegenheit, wahrscheinlich sogar eine Überlegenheit. Hinzu kommen praktische Vorteile, die für Tenecteplase sprechen: Die Einmal-BolusApplikation vereinfacht den Workflow erheblich und reduziert potenzielle Fehlerquellen im Vergleich zur Infusionstherapie. Mehrere Zentren berichten zudem über eine Verkürzung der «Door to needle»-Zeiten. Besonders bei Patient:innen mit geplanter mechanischer Thrombektomie, die zunächst in eine periphere Stroke Unit eingeliefert werden, ergeben sich zusätzliche Vorteile, da der Transfer in das zuständige Stroke Center ohne laufende Infusionspumpe erfolgen kann (Abb. 2).
Abb. 2: Vorteile der Tenecteplase gegenüber der Alteplase(eigene Darstellung, modifiziert erstellt mit ChatGPT)
Gleichzeitig bleibt zu berücksichtigen, dass für bestimmte Subgruppen – etwa im erweiterten Zeitfenster oder bei speziellen Patientenkollektiven wie pädiatrischen Patient:innen – weiterhin offene Fragen bestehen.
Situation in der Schweiz
Seit der Zulassung durch Swissmedic im Jahr 2025 wird Tenecteplase zunehmend in der klinischen Praxis implementiert. Neben den klinischen Vorteilen ist das Medikament in der Schweiz – anders, als man im Rahmen einer Neuzulassung vielleicht erwarten würde – im Vergleich zu Alteplase kostenneutral. Sämtliche Stroke Centers in der Schweiz haben sich daher entschieden, den Wechsel zu vollziehen, beziehungsweise haben ihn bereits vollzogen. Es ist davon auszugehen, dass die Stroke Units, sofern nicht bereits erfolgt, ebenfalls nachziehen werden.
Fazit
Die aktuelle Evidenz legt nahe, dass Tenecteplase eine mindestens gleichwertige Alternative zu Alteplase darstellt. Neben einer mutmasslich etwas besseren Wirksamkeit bei vergleichbarer Sicherheit bietet die Substanz relevante praktische Vorteile im klinischen Workflow – bei Kostenneutralität. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Wechsel hin zu Tenecteplase plausibel. Es ist daher zu erwarten, dass sich die Substanz in den kommenden Jahren weltweit als neuer Standard der intravenösen Thrombolyse etablieren wird.
Literatur:
1 National Institute of Neurological Disorders and Stroke rt-PA Stroke Study Group: Tissue plasminogen activator for acute ischemic stroke. N Engl J Med 1995; 333(24): 1581-7 2 Campbell BCV et al.: Tenecteplase versus alteplase before thrombectomy for ischemic stroke. N Engl J Med 2018; 378(17): 1573-82 3 Menon BK et al.: Intravenous tenecteplase compared with alteplase for acute ischaemic stroke in Canada (AcT): a pragmatic, multicentre, open-label, registry-linked, randomised, controlled, non-inferiority trial. Lancet 2022; 400(10347): 161-9 4 Muir KW et al.: Tenecteplase versus alteplase for acute stroke within 4.5 h of onset (ATTEST-2): a randomised, parallel group, open-label trial. Lancet Neurol 2024; 23(11): 1087-96 5 Wang Y et al.: Tenecteplase versus alteplase in acute ischaemic cerebrovascular events (TRACE-2): a phase 3, multicentre, open-label, randomised controlled, non-inferiority trial. Lancet 2023; 401(10377): 645-54 6 Meng X et al.: Tenecteplase vs alteplase for patients with acute ischemic stroke: the ORIGINAL randomized clinical trial. JAMA 2024; 332(17): 1437-45 7 Parsons MW et al.: Tenecteplase versus alteplase for thrombolysis in patients selected by use of perfusion imaging within 4.5 h of onset of ischaemic stroke (TASTE): a multicentre, randomised, controlled, phase 3 non-inferiority trial. Lancet Neurol 2024; 23(8): 775-86 8 Palaiodimou L et al.: Tenecteplase vs alteplase in acute ischemic stroke within 4.5 hours: a systematic review and meta-analysis of randomized trials. Neurology 2024; 103(9): e209903 9 Alamowitch S et al.: European Stroke Organisation (ESO) expedited recommendation on tenecteplase for acute ischaemic stroke. Eur Stroke J 2023; 8(1): 8-54 10 Prabhakaran S et al.: 2026 Guideline for the early management of patients with acute ischemic stroke: a guideline from the American Heart Association/American Stroke Association. Stroke 2026
Das könnte Sie auch interessieren:
Diagnostik der intrazerebralen Blutung
Die spontane intrazerebrale Blutung ist eine besonders schwere Form des Schlaganfalls mit hoher Morbidität und Mortalität, bei der rasches Akutmanagement entscheidend ist. Neben der ...
Schlaganfall und intraarterielle Lyse: Altes neu entdeckt
In der Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls hat die mechanische Thrombektomie große therapeutische Fortschritte ermöglicht. Neue Daten zeigen jedoch, dass eine gezielte ...
Beschleunigen epileptische Anfälle die Alterung des Gehirns?
Die Epilepsie kann weitreichende Auswirkungen auf die Morphologie und Funktion des Gehirns haben. Ob diese Veränderungen progressiver Natur sind und inwieweit epileptische Anfälle die ...