Mehr als ein Bauchgefühl: Fünf Erkenntnisse zu Entzündungen und Infekten des Darms
Bericht:
Moana Mika, PhD
Redaktorin
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Am FOMF Update Gastroenterologie verrieten Expert:innen ihre fünf «top secrets» zu Erkrankungen des Magendarmtrakts. PD Dr. med. Pascal Frei, Facharzt für Gastroenterologie bei der Praxis Bethanien, Zürich, lüftete nicht nur seine Geheimnisse zu Entzündungen und Infekten, sondern gab gleich auch noch konkrete Empfehlungen für die Praxis mit.
Keypoints
-
Das postinfektiöse IBS ist häufig und kann lange anhalten. Um den Verlauf der Entzündung zu bestimmen, wird das fäkale Calprotectin gemessen.
-
Verschiedene Medikamente wurden mit der mikroskopischen Kolitis assoziiert. Bestehen chronologische Zusammenhänge zwischen Diarrhö und Arzneimitteleinnahme, so sollte die Medikamenteneinnahme nach Möglichkeit gestoppt werden.
-
Mithilfe des serologischen Nachweises von Transglutaminaseantikörpern kann auch ohne Endoskopie nach einer Zöliakie gesucht werden.
-
Zur antibiotischen Behandlung einer Reisediarrhö bietet sich Azithromycin an, das eine gute Wirksamkeit gegen Campylobacter spp. zeigt.
-
Ein wichtiger Erreger nosokomialer Diarrhö ist C. difficile. Bei Verdacht auf eine Infektion sollte spezifisch auf das Clostridiumtoxin getestet werden.
Im Sommer 2009 brach in einer Gemeinde in der Lombardei, Italien, das Norovirus aus: Fast 300 Menschen erkrankten an einer Gastroenteritis, nachdem sie verschmutztes Leitungswasser getrunken hatten.1 Die akuten Symptome – Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö – dauerten im Schnitt für einige Tage an. Zwölf Monate nach dem Ausbruch zeigte sich aber: 13% der Betroffenen litten immer noch unter gastrointestinalen Beschwerden. Der Befund: ein postinfektiöses Reizdarmsyndrom («irritable bowel syndrome», IBS).2 «Das postinfektiöse IBS ist häufig», sagte Frei in seinem Vortrag. «Da muss man cool bleiben.»
Das womöglich unerwartet grosse Vorkommen des postinfektiösen IBS war eines von fünf «top secrets» zu Entzündungen und Infekten des Darmtrakts, die Frei präsentierte. Nebst Zahlen und Fakten hielt Frei auch konkrete Handlungsempfehlungen bereit. Etwa, wie man seine Coolness beim postinfektiösen IBS bewahrt.
Secret 1: Das postinfektiöse IBS ist häufig
Ein postinfektiöses IBS tritt bei rund 10% der Betroffenen nach akutem Darminfekt auf. Studien vermuten, dass die Krankheit durch mehrere Faktoren verursacht wird, wie ein aus dem Gleichgewicht geratenes Darmmikrobiom, epitheliales und neuronales Remodeling sowie Immunaktivierung. Diese Mechanismen können verschiedene Folgen haben, etwa eine veränderte Gallenzusammensetzung, viszerale Hypersensitivität oder erhöhte Darmpermeabilität, und dabei die klassischen Symptome eines IBS hervorrufen.3 «Das ist wie der Husten nach einer Bronchitis», sagte Frei. Der Infekt sei zwar weg, aber Symptome blieben bestehen. In diesem Fall braucht es gemäss dem Gastroenterologen vor allem eines: Geduld. «Funktionelle Beschwerden können sehr lange bestehen bleiben», erklärte er. Patient:innen müssten entsprechend beschwichtigt werden. «Eine gute Begleitung ist Bestandteil der Behandlung», sagte Frei.
Er sprach sich denn auch für Zurückhaltung in der Diagnostik aus: Eine Stuhlbakteriologie Wochen oder gar Monate nach Infekt sei üblicherweise nicht mehr konklusiv und eine Endoskopie nur in den wenigsten Fällen begründbar, wie zum Beispiel bei schwerer Diarrhö, die länger als einen Monat andauere. Frei empfahl aber, bei lang andauernden Symptomen das fäkale Calprotectin zu messen. «Wenn die Beschwerden länger als einen Monat anhalten, so ist die Messung des Calprotectins sinnvoll», sagte er.
Zwar ist die Endoskopie der Goldstandard, um eine entzündete Darmmukosa nachzuweisen. Als Surrogatmarker kann aber das Calprotectin dienen – ein zytosolisches Protein, das hauptsächlich von neutrophilen Granulozyten ausgeschüttet wird. Die Messung ist eine kostengünstige, nichtinvasive Methode, um das Ausmass der Entzündung zu bestimmen. Ein erhöhtes Calprotectin ist allerdings ein unspezifischer Wert und wird bei vielen Darmerkrankungen gemessen, etwa bei Morbus Crohn, einer Kolitis oder auch bei einem Karzinom. Bei stark erhöhten Calprotectinwerten müssen also weitere Abklärungen erfolgen. Ist das Calprotectin allerdings im normalen Bereich, spricht dies für postinfektiöse Beschwerden.4
Secret 2: Medikamente als Risikofaktoren der mikroskopischen Kolitis
Das fäkale Calprotectin kann auch bei der mikroskopischen Kolitis (MK) erhöht sein – eine inflammatorische Darmerkrankung, die wässrige und teils schwere Durchfälle auslöst. Die Inzidenz der Erkrankung ist insbesondere bei Frauen im Alter von über 50 Jahren erhöht.5 Wie der Name sagt, wird die MK unter dem Mikroskop, basierend auf Kolonbiopsien, diagnostiziert. Die Histologie zeigt eine erhöhte Zahl an intraepithelialen Lymphozyten mit oder ohne Ausdehnung in die subepitheliale Kollagenschicht. Die Pathophysiologie wird bis heute allerdings nur unzureichend verstanden. Ein Zusammenhang zwischen abnormer Immunreaktion auf die luminale Mikroumgebung bei genetisch prädisponierten Menschen wird vermutet.6
Seit jeher wurden Medikamente wie Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI), nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) oder selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) als Risikofaktoren der MK betrachtet. Mittlerweile wird diese Annahme allerdings infrage gestellt.6 «Insbesondere das Risiko durch SSRI trifft womöglich nicht zu», sagte Frei. Diese neue Erkenntnis basiert auf der Beobachtung, dass SSRI nur je nach Wahl der Kontrollgruppe als Risiko für eine MK identifiziert wurden. Studien zeigten: Wenn Patient:innen mit MK mit der Normalbevölkerung verglichen wurden, konnte die Krankheit mit der Einnahme von SSRI assoziiert werden. Wurden allerdings von anderen Durchfallerkrankungen Betroffene als Vergleichsgruppe beigezogen, wurde diese Assoziierung nicht gefunden.7
Hinzu kommt, dass es unterdessen eine breite Evidenz für andere Risikofaktoren gibt. Zum Beispiel das Alter, weibliches Geschlecht, Rauchen oder Alkoholkonsum. Frei empfahl, bei Patient:innen mit MK insbesondere PPI zu reduzieren, NSAR zu ersetzen und eine Rauchentwöhnung einzuleiten. «Es ist auf jeden Fall wichtig, nach allen Medikamenten zu fragen», sagte er. «Falls einige einen chronologischen Verlauf parallel zum Durchfall zeigen, dann sollten diese Arzneimittel, wenn möglich, nicht mehr eingenommen werden.»
Secret 3: Eine Zöliakie kann ohne Endoskopie bestimmt werden
«Die Serologie ist ein nahezu perfekter Suchtest für die Zöliakie», sagte Frei. Er nannte zwei Argumente, die für den serologischen Suchtest sprechen: Die hohe diagnostische Aussagekraft und die Einsparung von Kosten – im Gegensatz zur Endoskopie ist die Messung von Antikörpern deutlich günstiger.
Der primäre Test, um serologisch nach einer Zöliakie zu suchen, ist die Bestimmung von Antikörpern gegen die Gewebstransglutaminase des Typs IgA (tTGA IgA). Eine englische Studie von 2007 untersuchte 2000 Patient:innen mit Verdacht auf Zöliakie, bei denen sowohl eine Duodenumbiopsie als auch ein Test auf tGA-IgA-Antikörper gemacht wurde. Es zeigte sich, dass insbesondere der negativ prädiktive Wert des serologischen Tests mit 99–100% sehr hoch war. Das heisst, dass eine Zöliakie mit grosser Sicherheit dann ausgeschlossen werden kann, wenn keine tTGA-IgA-Antikörper gemessen werden.8
Nur: Wenn sich eine Person wegen der Beschwerden bereits glutenfrei ernährt hat, bevor eine Untersuchung gemacht wird, so ist der Test auf tTGA-IgA-Antikörper womöglich wenig aussagekräftig. «Allerdings dauert es Wochen, bis sich die Werte normalisieren», erklärte Frei. Eine Beobachtungsstudie mit über 1000 Kindern mit Zöliakie zeigte, dass eine Remission der tTGA-IgA-Antikörper bei 67,3% der Kinder erst 12 Monate nach Ernährungsumstellung eintrat. Im Mittel betrug die Zeit bis zur Remission neun Monate.9 «Einige Wochen nach Beginn der glutenfreien Diät kann also immer noch eine aussagekräftige Serologie gemacht werden», sagte Frei.
Falls Betroffene sich aber bereits länger glutenfrei ernähren, keine erneute Exposition wünschen und eine Endoskopie ablehnen, so kann eine Zöliakie auch mittels HLA-Genotypisierung gesucht werden. Die Autoimmunerkrankung ist assoziiert mit gewissen HLA-Molekülen, die von den DQA- und DQB-Genen codiert werden. Eine Untersuchung bei 84 Menschen mit Zöliakie zeigte, dass 97% der Studienteilnehmenden zwei spezifische HLA-Allele trugen: DQA1*05 und DQB1*02. Fast alle Menschen mit Zöliakie weisen dementsprechend die Haplotypen HLA-DQ2 und/oder HLA-DQ8 auf.10 «Das sind die Moleküle, die das Gluten den Immunzellen präsentieren», erklärte Frei. Der Hauptnutzen der Genotypisierung sei, dass ein negatives Ergebnis eine Zöliakie fast sicher ausschliessen könne. «Ein positives Ergebnis bestätigt die Diagnose allerdings nicht», so Frei weiter.
Secret 4: Azithromycin eignet sich bei Reisediarrhö
Die Hygienemassnahmen, um einer Reisediarrhö vorzubeugen, sind seit Langem bekannt: «Boil it, cook it, peel it or forget it» erwies sich bereits 1985 in einer Studie als erfolgreich.11 Dennoch: Auch allen Vorsichtsmassnahmen zum Trotz sind Durchfallerkrankungen auf Reisen nicht selten. Ein wichtiger Keim ist dabei der Campylobacter spp.12 Aber nicht nur im Urlaub in entfernten Ländern, sondern auch in der Schweiz ist er mittlerweile der häufigste lebensmittelübertragene Krankheitserreger. Eine Studie des Schweizer Tropen- und Public-Health-Instituts beschrieb 2016, wie über die letzten 30 Jahre die Zahl der Krankheitsfälle mit Campylobacter zunahm, während die Zahl der Fälle mit Salmonella abnahm (Abb. 1).13
Abb. 1: Anzahl an Campylobacter- und Salmonella-Infektionen, die in der Schweiz zwischen 1988 und 2013 beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) gemeldet wurden (modifiziert nach Schmutz C et al., 2016)13
«Wenn Sie also ein Antibiotikum zur Behandlung der Diarrhö auf eine Reise mitgeben, dann Azithromycin», empfahl Frei in seinem Vortrag. Seine Empfehlung basiert auf der guten Wirksamkeit von Azithromycin gegen Campylobacter. Auf andere Antibiotika zeigt der Erreger zunehmend Resistenzen.14 Die grundlegende Massnahme bei Reisediarrhö bleibe aber selbstverständlich die orale Rehydrierung, so Frei weiter.
Secret 5: Bei nosokomialer Diarrhö nach C. difficile suchen
Durchfallerkrankungen bei hospitalisierten Patient:innen sind häufig, haben aber oft andere Ursachen als bei der Allgemeinbevölkerung, auch nichtinfektiöse. So können zum Beispiel Medikamente wie auch eine Sondenernährung oder Erkrankungen der hospitalisierten Person eine Diarrhö auslösen.15
«Sollte es einen Verdacht auf einen infektiösen Auslöser geben, dann suchen Sie nach Clostridium difficile», sagte Frei. In den USA wurde der Erreger in einer Studie als häufigstes Pathogen nosokomialer Infektionen identifiziert. Die Inzidenz nahm über die Jahre rasch zu und wurde hauptsächlich auf das Aufkommen von hypervirulenten Stämmen zurückgeführt.16
Frei war aber in Bezug auf nosokomiale Infektionen mit C. difficile noch ein weiterer Punkt wichtig: die Diagnostik. «Man muss nach Clostridien suchen, aber bitte pragmatisch mittels Clostridiumtoxin», sagte er. Der Gastroenterologe machte darauf aufmerksam, dass der Toxinnachweis gezielter und insbesondere auch deutlich kostengünstiger sei als Multiplex-PCR-Panels, die mehrere verschiedene Erreger abdecken. «Das maximale diagnostische Programm braucht es in diesen Fällen nicht», so Frei.
Hinsichtlich der Therapie einer Infektion mit C. difficile empfehlen Leitlinien, wie beispielsweise diejenige der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie, das Antibiotikum Fidaxomicin, das spezifisch zur Behandlung der Clostridium-assoziierten Diarrhö zugelassen ist.
Quelle:
FOMF Update Gastroenterologie, WebUp Experten-Forum, 16. Dezember 2025
Literatur:
1 Scarcella C et al.: An outbreak of viral gastroenteritis linked to municipal water supply, Lombardy, Italy, June 2009. Euro Surveill 2009; 14: ppi=19274 2 Zanini B et al.: Incidence of post-infectious irritable bowel syndrome and functional intestinal disorders following a water-borne viral gastroenteritis outbreak. Am J Gastroenterol 2012; 107: 891-9 3 Berumen A et al.: Post-infection irritable bowel syndrome. Gastroenterol Clin North Am 2021; 50: 445-61 4 Ricciuto A, Griffiths AM: Clinical value of fecal calprotectin. Crit Rev Clin Lab Sci 2019; 56: 307-20 5 Frei P, Scharl M: Mikroskopische Colitis – Evidenz Stand 2025. Schweiz. Gastroenterol 2025; 6: 95-101 6 Peery AF et al.: Update on the epidemiology and management of microscopic colitis. Clin Gastroenterol Hepatol 2025; 23: 490-500 7 Zhang SW et al.: Drug exposure and risk of microscopic colitis: a systematic review and meta-analysis. Dig Dis 2023; 41: 217-26 8 Hopper AD et al.: Pre-endoscopy serological testing for coeliac disease: evaluation of a clinical decision tool. BMJ 2007; 334: 729 9 Sbravati F et al.: Antitissue transglutaminase antibodies‘ normalization after starting a gluten-free diet in a large population of celiac children-a real-life experience. Dig Liver Dis 2022; 54: 336-42 10 Murray JA et al.: HLA DQ gene dosage and risk and severity of celiac disease. Clin Gastroenterol Hepatol 2007; 5: 1406-12 11 Kozicki M et al.: ‚Boil it, cook it, peel it or forget it‘: does this rule prevent travellers‘ diarrhoea? Int J Epidemiol 1985; 14: 169-72 12 Anderson MS et al.: Etiology and epidemiology of travelers’ diarrhea among US military and adult travelers, 2018–2023. Emerg Infect Dis 2024; 30: 19-25 13 Schmutz C et al.: Inverse trends of Campylobacter and Salmonella in Swiss surveillance data, 1988-2013. Euro Surveill 2016; 21 14 Shane AL et al.: 2017 Infectious Diseases Society of America clinical practice guidelines for the diagnosis and management of infectious diarrhea. Clin Infect Dis 2017; 65: e45-80 15 Polage CR et al.: Nosocomial diarrhea: evaluation and treatment of causes other than Clostridium difficile. Clin Infect Dis 2012; 55: 982-9 16 Magill SS et al.: Multistate point-prevalence survey of health care-associated infections. N Engl J Med 2014; 370: 1198-208 17 Guery B et al.: Clostridioides difficile-Infektion (CDI). Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Infektiologie, 17.4.2026. Abrufbar unter: https://ssi.guidelines.ch/guideline/3120/de. Abgerufen am: 20.7.2026
Das könnte Sie auch interessieren:
Antibiotikaprophylaxe oft nicht nötig
Ob eine antibiotische Prophylaxe in der Endoskopie, besonders im Gastrointestinaltrakt, notwendig ist, wird nach wie vor diskutiert, unter anderem weil die Studienlage schwach ist. Die ...
Neuroimmunologische Aspekte bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
Psychische Belastungssituationen und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sind untrennbar miteinander verbunden, wobei Ursache und Wirkung oft schwer auseinanderzuhalten sind. Die ...
«Manche Fakten sind womöglich wenig bekannt»
Am FOMF WebUp Update Gastroenterologie teilte PD Dr. med. Christine Manser, Leiterin der Gastroenterologie am Kantonsspital Frauenfeld, ihre fünf «top secrets» zu chronisch-entzündlichen ...