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KI in der Medizin

Was können wir von künstlicher Intelligenz erwarten?

<p class="article-intro">Künstlicher Intelligenz wird langfristig das Potenzial eingeräumt, Krankheit und Armut auszulöschen. Ungeachtet der Euphorie, die dieser neuen Technologie entgegengebracht wird, müssen wir ethische Aspekte stets mitverhandeln.</p> <p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Keypoints</h2> <ul> <li>K&uuml;nstliche Intelligenz (KI) bezeichnet ein Teilgebiet der Computerwissenschaften.</li> <li>Die St&auml;rke dieser Technologie liegt in ihrer F&auml;higkeit, unvorstellbar gro&szlig;e Datenmengen zu erfassen, vorprogrammierte Muster zu erkennen, aber auch noch unbekannte Verkn&uuml;pfungen herzustellen.</li> <li>KI-basierte Systeme k&ouml;nnen in Zukunft Mediziner dabei unterst&uuml;tzen, ma&szlig;geschneiderte personalisierte L&ouml;sungen f&uuml;r jeden einzelnen Patienten zu kreieren.</li> <li>Der Einsatz KI-basierter Systeme in der Medizin muss von einem profunden ethischen Diskurs begleitet sein.</li> </ul> </div> <p>In Medizinerkreisen wird heute der Begriff &bdquo;k&uuml;nstliche Intelligenz&ldquo; (KI) eher einem futuristischen extraterrestrischen Ph&auml;nomen zugeordnet als einer Teildisziplin der Computerwissenschaften. Tats&auml;chlich sind KI-basierte Technologien gerade dabei, die Medizin von Grund auf zu revolutionieren. Als Stichworte seien hier &bdquo;personalisierte Medizin&ldquo; in Zusammenhang mit onkologischer Diagnostik und Therapie, &bdquo;automatisierte Bildanalyse&ldquo; oder auch &bdquo;Wearables und Smart Devices&ldquo; genannt. Den genannten Anwendungen liegt aus technischer Sicht die F&auml;higkeit zugrunde, gro&szlig;e Datenmengen zu erfassen und vorprogrammierte Muster zu erkennen, aber auch noch unbekannte Verkn&uuml;pfungen herzustellen. Richtig eingesetzt haben KI-basierte Systeme das Potenzial, Mediziner bei diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen zu unterst&uuml;tzen und mit ihnen gemeinsam ma&szlig;geschneiderte personalisierte L&ouml;sungen f&uuml;r den einzelnen Patienten zu kreieren.</p> <h2>Medizinische Entscheidungsfindung</h2> <p>Entscheidungsfindungen in Diagnostik und Therapie sind oft komplex, folgen aber in der modernen evidenzbasierten Medizin einem konstanten Schema. Am Beginn stehen Daten, die meist aus naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung, klinischen Studien oder Gesundheitsversorgungssystemen generiert werden. Interpretation dieser Daten &ndash; meist durch Experten des jeweiligen Fachgebietes &ndash; f&uuml;hrt zur Entstehung von Information, welche in Form von einschl&auml;gigen Publikationen, Leitlinien, Medikamentenfachinformationen etc. den professionellen Konsumenten zur Verf&uuml;gung gestellt wird. Konsumierte Informationen werden in einem n&auml;chsten Schritt individuell bewertet und im Kontext der subjektiven Erfahrung in Wissen transformiert. Im Idealfall ist dieses Wissen auch Grundlage f&uuml;r medizinische Expertise und letztlich auch Entscheidungen in Bezug auf Diagnose und Therapie (Abb. 1). Gleicherma&szlig;en kann KI unvorstellbar gro&szlig;e Datenmengen speichern (Zettabytes), zu Information verarbeiten, in den Kontext des aktuellen Wissens &ndash; ebenfalls unvorstellbar gro&szlig;e Datenmengen &ndash; stellen und so Diagnosen herleiten oder Therapieempfehlungen abgeben. Somit k&ouml;nnte KI &ndash; nicht zuletzt durch ihre F&auml;higkeit, gro&szlig;e Datenmengen zu erfassen und zu interpretieren &ndash; auf dem Gebiet der medizinischen Entscheidungsfindung gro&szlig;e Bedeutung erlangen.<br /><br /> Aus Sicht eines praktizierenden Mediziners umfassen Entscheidungsfindungsprozesse f&uuml;r gew&ouml;hnlich mehr als die oben skizzierten Schritte. Es ist in der Tat schwer zu leugnen, dass viele klinische Entscheidungen intuitiv getroffen werden, einer Art &bdquo;Bauchgef&uuml;hl&ldquo; folgend. Solch ein intuitiver Aspekt findet sich zugegebenerma&szlig;en nicht im oben skizzierten Entscheidungsprozess, und dies wird gerne als Schw&auml;che KI-gest&uuml;tzter Entscheidungsfindungsprozesse angef&uuml;hrt. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Intuition, vor allem jene, die in Zusammenhang mit langj&auml;hriger professioneller Erfahrung ausgebildet werden konnte, sehr wohl bestimmten Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten folgt und daher durchaus auch f&uuml;r KI-basierte Algorithmen zug&auml;nglich sein k&ouml;nnte. Konkret wird die Meinung vertreten, dass zwei Bedingungen erf&uuml;llt sein m&uuml;ssen:</p> <ol> <li>eine Umgebung, die immer den gleichen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten folgt, und</li> <li>die M&ouml;glichkeit, diese Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten ausgiebig zu studieren, speziell durch das Sammeln praktischer Erfahrung.</li> </ol> <p>Je nach Fachdisziplin kann die Intuition unterschiedlich stark ausgepr&auml;gt werden. Als Paradebeispiel f&uuml;r ein Fachgebiet, in dem Intuition eine zentrale Rolle einnehmen kann, wird die An&auml;sthesie angef&uuml;hrt. So k&ouml;nnen An&auml;sthesisten &ndash; wenn sie entsprechend viel Zeit in ihrem typischen Arbeitsumfeld verbringen &ndash; meist sehr genau einsch&auml;tzen, wie der Kreislauf eines Patienten reagieren wird, wenn sie eine Dosis&auml;nderung am Noradrenalinperfusor vornehmen etc. Das unmittelbare Feedback nach einer gesetzten Handlung f&uuml;hrt zu einem oft unbewussten Lernprozess und somit zur Intuitionsbildung.<br /><br /> Ein weiterer nicht zu untersch&auml;tzender Aspekt in der medizinischen Entscheidungsfindung ist das sogenannte &bdquo;Rauschen&ldquo; oder &bdquo;noise&ldquo;. &bdquo;Rauschen&ldquo; bezeichnet den Einfluss von Zufallsfaktoren auf Entscheidungen. So wei&szlig; man von Richtern, dass sie strengere Urteile f&auml;llen, wenn sie hungrig sind oder m&uuml;de, also kurz vor dem Mittagessen. &Auml;hnlich werden medizinische Entscheidungen von individueller Tagesverfassung, &auml;u&szlig;erer Umgebung oder dem Wetter beeinflusst. KI-basierte Algorithmen k&ouml;nnen diese menschlichen Schw&auml;chen sicherlich gut kompensieren.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2018_Jatros_Kardio_1803_Weblinks_s30_abb1.jpg" alt="" width="1417" height="922" /></p> <h2>Datenflut und gesellschaftliche Herausforderungen der Zukunft</h2> <p>In der medizinischen Forschung sowie in der Gesundheitsversorgung entstehen laufend gro&szlig;e Datenmengen. Statistischen Berechnungen zufolge wird sich im Jahre 2020 das medizinische Wissen alle 73 Tage verdoppeln. Die dadurch generierten Daten k&ouml;nnen zudem sehr heterogen sein und k&ouml;nnen durch herk&ouml;mmliche IT-Methoden nur schwer und meist nicht vollst&auml;ndig verarbeitet werden. Die Art der Medien, in denen die Informationen verarbeitet werden (Text, Bilder, Videos), sind oftmals nicht einheitlich und eine vollst&auml;ndige Datenextraktion kann nur durch spezielle Sprach- und Bildverarbeitungssysteme erfolgen.<br /> Parallel mit der skizzierten Datenflut geht ein rasant zunehmender &Auml;rztemangel einher. So wird erwartet, dass im Jahre 2035 global 12,9 Millionen im Gesundheitswesen t&auml;tiger Personen fehlen werden. Neueste Statistiken einschl&auml;giger Fachgesellschaften zeigen, dass Burnout unter Medizinerinnen und Medizinern stetig ansteigt. Gleichzeitig wird eine Zunahme &auml;lterer und komplex kranker Patienten erwartet. In Summe bieten diese Entwicklungen erstmals eine Chance f&uuml;r die Etablierung KI-basierter Systeme in der Medizin.</p> <h2>Ethische Aspekte</h2> <p>Ungeachtet der Euphorie, die diesen neuen technischen Entwicklungen entgegengebracht wird, sollten ethische Aspekte, die nicht ganz unproblematisch sind, immer mitthematisiert werden. Eine rezente Arbeit<sup>1</sup> hat darauf hingewiesen, dass drei unterschiedliche Gesichtserkennungsprogramme (Microsoft, IBM, Megvii of China) eindeutig besser die Gesichter wei&szlig;er M&auml;nner erkennen konnten (Fehlerquote: 1 % ) als jene von wei&szlig;en Frauen (Fehlerquote: 7 % ), von dunkelh&auml;utigen M&auml;nnern (Fehlerquote: 12 % ) oder gar von dunkelh&auml;utigen Frauen (Fehlerquote: 35 % ). Die Programme wurden mit Fotos aus dem Internet gespeist, zumeist mit Gesichtern aus dem &ouml;ffentlichen Leben. Die Autoren der Studie wollten in der Arbeit darauf hinweisen, dass die Output- Qualit&auml;t KI-basierter Programme nur so gut sein kann wie der Input. Und wenn der Input auf verzerrten Daten beruht (&Uuml;berrepr&auml;sentanz wei&szlig;er M&auml;nner im &ouml;ffentlichen Leben), dann wird der Output umso fehleranf&auml;lliger. Dieser Zusammenh&auml;nge sollte man sich jedenfalls bewusst sein, wenn man KI als Entscheidungshilfe einsetzt.<br /> Im Jahre 2015 haben Stephen Hawking und Elon Musk gemeinsam mit Dutzenden von KI-Experten einen offenen Brief in Bezug auf den Einsatz von KI verfasst. Im Wesentlichen r&auml;umen sie dieser Technologie das Potenzial ein, Krankheit und Armut auszul&ouml;schen, gleichzeitig &auml;u&szlig;ern sie nicht ganz unbegr&uuml;ndete ethische Bedenken. Mittelfristig geht es um ethische Grundlagen der Programmierung von Algorithmen, Bedenken im Hinblick auf Datenschutz und negativen &ouml;konomischen Einfluss, vor allem durch Verschiebung von Berufsbildern und m&ouml;glichen Arbeitsplatzverlust an intelligente Systeme. L&auml;ngerfristig werden auch derzeit noch utopisch anmutende Themen wie &bdquo;feindselige Roboter&ldquo; und &bdquo;Roboterrechte&ldquo; benannt.</p> <h2>Zusammenfassung</h2> <p>Was k&ouml;nnen wir also von KI erwarten? Die Ausl&ouml;schung von Krankheit und Armut vielleicht. Mit Sicherheit ein neues Verst&auml;ndnis von naturwissenschaftlichen Zusammenh&auml;ngen und der damit verbundenen Medizin, eine h&ouml;here Treffsicherheit diagnostischer Verfahren und therapeutischer Ans&auml;tze, verschobene Rollenbilder von &Auml;rzten und Patienten, um hier nur einige konkrete Implikationen zu benennen.<br /> Wichtig ist, dass diese Systeme als Unterst&uuml;tzung und Bereicherung der Patientenversorgung gesehen werden. Sie sind sicherlich nicht als Ersatz f&uuml;r den behandelnden Arzt zu verstehen. Eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und Computer erm&ouml;glicht eine bessere, evidenzbasierte Entscheidungsfindung, die im Endeffekt aber immer noch in der Verantwortung des Arztes liegt.</p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Buolamwini J: Proceedings of Machine Learning Research 2018; 81: 1-15</p> </div> </p>
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