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Paradigmenwechsel

Sport und Krebserkrankungen

In den letzten Jahzehnten hat sich insgesamt ein Paradigmenwechsel in der Medizin vollzogen – von der körperlichen Schonung hin zur Aktivität und frühen Mobilisierung im Rahmen von Erkrankungen. Diese Veränderung zeigt sich ebenso in der Onkologie. Die aktive Beteiligung am Therapieprozess hat zudem zusätzlich positiven Einfluss auf das Selbstwertgefühl der Patient:innen.

Onkologische Erkrankungen unterliegen, wie auch andere Krankheiten, vielen ätiologischen Aspekten wie Lebensstilfaktoren (Ernährung, körperliche Aktivität, Umweltfaktoren, psychosoziales Umfeld,…), Genetik, aber auch äußeren Stressoren.

Die Datenanalyse zu dieser Thematik ist somit erschwert, da die allermeisten Studien oft isoliert die körperliche Aktivität betrachten und somit andere Einflussfaktoren außer Acht lassen. Zuästzlich ist die große Gruppe der Krebserkrankungen ein sehr heterogenes Feld, in dem sich die Erkrankungen oft schwer vergleichen lassen. Dennoch zeigt sich überall ein zumindest positiver Trend bis hin zu klaren Vorteilen von Bewegung und Sport in Bezug auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit, das Outcome einer Erkrankung, die Rezidivwahrscheinlichkeit, aber auch die „quality of life“ (QoL) – selbst im Rahmen einer metastasierten Erkrankung. Der zusätzliche Effekt einer Reduktion der Nebenwirkungen der Therapie trägt dazu sicherlich einen wesentlichen Anteil bei.

Da ein relevanter Anteil einer Tumortherapie oft eine Operation beinhaltet, ist auch die Reduktion der perioperativen Morbidität bei körperlicher Fitness ein sehr wesentlicher Faktor, der neben unseren Patientinnen auch uns Ärzt:innen zugutekommt.

Anfang des Jahres 2025 schaffte es eine große Beobachtungsstudie in die Medien, die im British Journal of Sports Medicine publiziert worden ist.

Über 28000 Patient:innen mit Krebs im Stadium I wurden analysiert (2007–2022), meist mit Brust- und Prostatakarzinomen. Wer sich regelmäßig bewegt, bevor eine Krebserkrankung diagnostiziert wird, kann das spätere Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und sein Sterberisiko reduzieren.

Ausgewertet wurde das Aktivitätslevel anhand von Aufzeichnungen durch Fitnessuhren, Besuchen von Fitnessstudios und Teilnahmen an bestimmten Fitness-Events innerhalb der letzten zwölf Monate vor der Diagnosestellung. Schon 60 Minuten pro Woche zeigten eine deutliche Risikoreduktion.

Bewegung stimuliert das Immunsystem und beeinflusst und reguliert außerdem den Östrogen- und Progesteronspiegel. Dadurch könnte auch die Progression von hormonabhängigen Krebsarten wie Brust- und Prostatakarzinomen verlangsamt werden, vermuten die Forschenden. Jedoch wurden andere Risikofaktoren wie Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum etc. nicht ausreichend beachtet.

Mechanismen

Relevant ist es, die molekularen Mechanismen oder auch Erklärungsmodelle hinter den positiven Auswirkungen sportlicher Aktivität kurz zu beleuchten, die teilweise noch nicht zur Gänze geklärt und verstanden sind.

Ein ganz wesentlicher Punkt scheint ein entzündungshemmender Effekt zu sein. Bewegung durchbricht den Teufelskreis der chronischen Inflammation durch antiinflammatorische Zytokine, aber auch indirekt durch Reduktion des viszeralen Fetts sowie eine Reduktion von kardiovaskulären Risikofaktoren. Adipositas ist mit einer chronischen, niedriggradigen Entzündungsreaktion assoziiert, die sich nachteilig auf die Gesundheit auswirkt. Bei Bewegung kommt es durch Muskelkontraktion-induzierte Myokine (z.B. IL-6, IL-7, IL-15) zu einer Senkung chronischer Entzündungsparameter (CRP, Interleukine). IL-6 begünstigt die intratumorale Immunzellinfiltration.

Das Immunsystem hat einen positiven Einfluss auf Zellfunktionen sowie auf die Mobilisierung z.B. von NK-Zellen. Es kann eine bewegungsabhängige Mobilisierung und Redistribution zytotoxischer Immunzellen, einschließlich tumorinfiltrierender Lymphozyten (TIL), festgestellt werden. Dadurch scheint auch das Metastasierungspotenzial zu sinken. Auch eine Beeinflussung des AKT/mTOR/PI3K-Pathways, welcher eine zentrale Rolle in Wachstum und Proteinsynthese spielt, konnte zumindest im Mausmodell nachgewiesen werden.

Durch körperliche Aktivität kommt es außerdem zu einer hormonellen Modifikation durch Reduktion von Sexualhormonen (Östrogen, Testosteron) und zu einer Verbesserung des Insulin- und IGF-1-Stoffwechsels; weiters ist die Katecholaminausschüttung gesteigert und es kommt zu einer sympathischen Aktivierung (Abb. 1).

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Abb. 1:Hypothetische biologische Mechanismen, die der bewegungsinduzierten IL-6-Wirkung in der primären und sekundären Krebsprävention zugrunde liegen (modifiziert nach Orange et al.)

Tumoren sind energiekonsumierend und Sport braucht Energie. Dadurch scheinen besonders proliferative Tumoren unter der Konkurrenz des Energiekonsums zu leiden.

Körperliche Aktivität kann epigenetische Mechanismen beeinflussen und über eine beschleunigte Darmpassage Veränderungen des Mikrobioms bewirken. Das wiederum stellt eine wesentliche Säule des Immunsystems dar.

Inzidenz – Risikoreduktion – Überlebensvorteil

Die WHO empfiehlt zur Förderung der Gesundheit mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität moderater Intensität pro Woche, ergänzt durch Kraft- und Balancetraining. Je nach Nation erreicht ein erheblicher Teil der Bevölkerung diese Empfehlungen nicht, insbesondere in der westlichen Welt. Die Etablierung eines aktiven Lebensstils wäre wichtig. In der westlichen Welt ist eine zwei- bis dreifach erhöhte Krebsinzidenz zu beobachten, die zu einem erheblichen Teil mit sitzender Tätigkeit und weiteren Lebensstilfaktoren assoziiert ist. Im Rahmen dieser Thematik habe ich mich auf drei Publikationen fokussiert, deren Daten überwiegend aus den USA stammen. Die Datenerhebung erfolgte größtenteils mittels Fragebögen oder telefonischer Befragungen, ohne objektive Aktivitätsmessungen, während andere Lebensstilfaktoren nur eingeschränkt berücksichtigt wurden. Darüber hinaus unterschieden sich die Interventionen sowie die Follow-up-Dauer deutlich. Im Review von Kruk et al. werden 37 Beobachtungsstudien und 10 Reviews aus Publikationen der letzten fünf Jahre analysiert (59% davon in den letzten zwei Jahren). Ein Einfluss auf die Krebsinzidenz konnte in 10–29% der Fälle gezeigt werden, je nach Tumorentität.

Die beste Evidenz für einen Einfluss von Sport auf die Inzidenz der Erkrankung liegt für den hormonabhängigen Brustkrebs, Endometriumkarzinome, aber auch Kolorektalkarzinome vor. Dies dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass diese Patient:innengruppe sehr groß ist.

Hinsichtlich der Risikoreduktion zeigt sich, dass körperliche Aktivität bereits vor der Diagnose zu einer Reduktion des relativen Risikos beitragen kann. Nach der Diagnose einer Krebserkrankung ist körperliche Aktivität besonders effektiv und mit einer Risikoreduktion von etwa 30–69% assoziiert. Insbesondere für Brust- und Endometriumkarzinome konnte zudem eine relevante Reduktion der krebsspezifischen Mortalität gezeigt werden.

Physische und psychosoziale Aspekte

Ein sehr gelungener Literaturreview aus dem Jahr 2019 beleuchtet unterschiedliche Wirkmechanismen von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit. Insbesondere wurde eine Reduktion sowohl tumorbedingter als auch therapieassoziierter Fatigue beschrieben, einer Nebenwirkung, die in der klinischen Praxis häufig unterschätzt wird. Die körperliche Leistungsfähigkeit, aber auch die Knochendichte wird allgemein gesteigert und es kommt zu einer Reduktion von Neuropathien und Schmerzen. Stationäre Aufenthalte sind verkürzt; darüber hinaus werden Krankenstandszeiten verkürzt, was insbesondere vor dem Hintergrund knapper werdender Krankenkassenbudgets zunehmend relevant ist. Eine Verbesserung der QoL kann klar gezeigt werden, was auch durch eine Stärkung des Körperbildes, aber auch Senkung von Angst und Depression mitbedingt ist. Die soziale Interaktion wird gefördert, insbesondere durch Teamsportarten.

Guidelines-Empfehlungen

Die Empfehlungen der verschiedenen Fachgesellschaften bzgl. körperlicher Aktivität bei Krebserkrankungen sind sehr heterogen und manche zeigen sich sehr zurückhaltend.

Die Evidenzlage erlaubt jedoch die Ableitung einer Empfehlung von 150 Minuten moderater Ausdaueraktivität pro Woche, ergänzt durch zweimal wöchentliches Krafttraining, die für den überwiegenden Teil der Bevölkerung als umsetzbar gilt.

Fazit

Sowohl Krebserkrankungen als auch unsere Patient:innen sind sehr heterogen. Durch den zusätzlichen Einfluss zahlreicher weiterer Faktoren auf den Krankheitsverlauf ist die Datenqualität häufig eingeschränkt. Viele Studien weisen geringe Fallzahlen auf, die Interventionen sowie die Datenerhebung sind sehr heterogen, und es besteht ein Mangel an randomisiert-kontrollierten Studien. Dennoch zeigt sich eine Senkung des Erkrankungsrisikos, eine Verbesserung der QoL, eine Reduktion der Nebenwirkungen einer Therapie als auch eine bessere Prognose. Ebenso ist die postoperative Rehabilitation verbessert.

© Mit freundlicher Genehmigung

Abb. 2: Mit freundlicher Genehmigung: Bild einer meiner metastasierten Brustkrebspatientinnen

Der große Vorteil liegt in der Vielzahl unterschiedlicher Formen körperlicher Aktivität, die es uns ermöglichen, im Zeitalter der Präzisionsmedizin individuell auf die Patient:innen einzugehen.

Darüber hinaus gibt es kaum eine kostengünstigere adjuvante Therapie, sodass strukturierte Trainingsprogramme konsequent in adjuvante Behandlungskonzepte integriert werden sollten. Insbesondere, da vermutlich mit sportlicher Betätigung eine bessere Compliance als mit einer antihormonellen Therapie zu erzielen ist.

Rehabilitationen bei Krebspatient:innen sollten ohne bürokratische Hürden gefördert und dabei auch strukturierte Konzepte je nach Erkrankung erarbeitet werden.

Es besteht die Notwendigkeit, körperliche Aktivität stärker in den klinischen Alltag einzubinden, nicht zuletzt, um valide Evidenz zu ihrem Einfluss auf die Outcomes zu gewinnen.

● N. Mabena et al.: Association between recorded physical activity and cancer progression or mortality in individuals diagnosed with cancer in South Africa. Br J Sports Med 2025; 59(10): 715-721 ● Orange ST et al.: The exercise IL-6 enigma in cancer. Trends Endocrinol Metab 2023; 34(11): 749-763 ● P Hoyman et al.: Molecular mechanisms linking exercise to cancer prevention and treatment. Cell Metab 2018; 27(1): 10-21 ● Kruk J et al.: Physical activity and cancer incidence and mortality: Current evidence and biological mechanisms. Cancers (Basel) 2025; 17(9): 1410 ● Ungvari Z et al.: Exercise and survival benefit in cancer patients: evidence from a comprehensive meta-analysis. Geroscience 2025; 47(3): 5235-5255 ● Luo H et al.: Sport medicine in the prevention and management of cancer. Integr Cancer Ther 2019; 18: 1534735419894063 ● Avancini A et al.: Physical activity guidelines in oncology: A systematic review of the current recommendations. Crit Rev Oncol Hematol 2025; 210: 104718

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