Highlights aus Forschung und Klinik
Bericht:
Dr. med. Anna Maria Roll
Medizinjournalistin
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An der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie vom 10. bis 12. Juni 2026 in Basel präsentierten Schweizer Kardiologinnen und Kardiologen aktuelle Forschungsergebnisse aus Klinik und Wissenschaft. Wir stellen Ihnen ausgewählte Vorträge und Abstracts vor.
Perioperatives Absetzen von SGLT2-Inhibitoren kritisch prüfen
Aktuelle Leitlinien empfehlen, die Behandlung mit SGLT2-Hemmern drei bis vier Tage vor einer geplanten Operation zu pausieren, um das Risiko einer euglykämischen diabetischen Ketoazidose (eudKA) zu senken. Diese Empfehlung beruht jedoch überwiegend auf Fallberichten, nicht auf prospektiven Studien. «Ziel unserer Studie war es, zu untersuchen, ob das perioperative Absetzen der Medikation mit einer erhöhten Hospitalisierungsrate wegen Herzinsuffizienz und einer höheren kardiovaskulären (CV) Mortalität verbunden ist», sagte Fisnik Haziri, Basel, an der SGK-Jahrestagung.1
Grundlage war eine Sekundäranalyse der prospektiven BARTON-PMI-Kohorte mit 451 Hochrisikopatienten, die zwischen 2014 und 2024 am Universitätsspital Lausanne eine nichtkardiale Operation erhielten und präoperativ einen SGLT2-Hemmer eingenommen hatten. Anhand der Krankenakten bestimmten die Autoren die Dauer der perioperativen Therapieunterbrechung. Primärer Endpunkt war ein kombinierter Endpunkt aus Hospitalisierung wegen akuter Herzinsuffizienz und CV Tod innerhalb von 90 Tagen. Als sekundären Endpunkt untersuchten sie das Auftreten einer euDKA innerhalb von sieben Tagen; zusätzlich analysierten sie die Einjahresprognose.
Die häufigste Indikation für einen SGLT2-Hemmer war Typ-2-Diabetes, gefolgt von chronischer Nierenerkrankung und Herzinsuffizienz. Mit zunehmender Dauer der perioperativen Therapieunterbrechung stieg die kumulative Ereignisrate signifikant an; die höchsten Ereignisraten zeigten Patienten, bei denen der SGLT2-Hemmer für drei oder mehr Tage pausiert worden war. Nach multivariabler Adjustierung erhöhte jeder zusätzliche Tag der Therapieunterbrechung das Risiko für Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz oder CV Tod um 50% (OR: 1,5). Gleichzeitig trat innerhalb von sieben Tagen nur ein Fall einer wahrscheinlichen euDKA auf. Nach einem Jahr war eine Therapieunterbrechung von drei oder mehr Tagen mit einem etwa zehnfach erhöhten Risiko für kardiale Ereignisse gegenüber Patienten ohne Therapieunterbrechung assoziiert. Zudem sank mit der Dauer der Therapiepause die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten bei Entlassung erneut einen SGLT2-Hemmer erhielten.
Die Ergebnisse zeigen, dass die derzeitigen Empfehlungen zum routinemässigen Absetzen von SGLT2-Hemmern insbesondere bei Patienten mit hohem CV und niedrigem metabolischem Risiko kritisch überprüft werden sollten.1
Antithrombotische Sekundärprävention bleibt unterrepräsentiert
Aktuelle Leitlinien empfehlen für Patienten mit hohem ischämischem Risiko eine individualisierte antithrombotische Sekundärprävention. Evidenzbasierte Optionen in Kombination mit ASS sind u.a. niedrig dosiertes Rivaroxaban, Ticagrelor sowie eine verlängerte duale Plättchenhemmung. Darüber hinaus hat sich Colchicin als mögliche Behandlung für Patienten mit KHK etabliert. Daten zeigen jedoch, dass diese Therapien in Deutschland bislang nur selten eingesetzt werden. «Ziel unserer Studie war es, die Abgabemengen dieser Therapien in der Schweiz zu quantifizieren, mit Deutschland zu vergleichen und zu prüfen, ob ihr Einsatz dem aufgrund der Evidenz zu erwartenden Versorgungsniveau entspricht», so Dr. med. Michael Kunz, Basel.2
Hierfür wurden für jedes Land zwei Datenbanken ausgewertet. Erfasst wurden ASS, Clopidogrel, Ticagrelor, niedrig dosiertes Rivaroxaban (2,5mg) und Colchicin. Um die Arzneimittelabgabe länderübergreifend vergleichen zu können, wurde sie als Zahl der abgegebenen Tabletten pro 1000 Einwohner und Jahr standardisiert.
In beiden Ländern war ASS mit Abstand das am häufigsten abgegebene Medikament, gefolgt von Clopidogrel. Ticagrelor und niedrig dosiertes Rivaroxaban wurden dagegen nur selten verordnet; einen kontinuierlichen Anstieg zeigte lediglich Rivaroxaban 2,5mg. Im Ländervergleich waren die ASS-Abgabemengen in der Schweiz höher, was vermutlich auf Unterschiede in den Datengrundlagen zurückzuführen ist. Prasugrel wurde häufiger in Deutschland, Ticagrelor hingegen häufiger in der Schweiz verordnet. Zur Einordnung der Verordnungszahlen wurden die Abgabemengen der intensivierten antithrombotischen Therapien ins Verhältnis zu den ASS-Verordnungen gesetzt. Als Orientierungswert gingen die Autoren davon aus, dass intensivierte antithrombotische Therapien etwa 10% der ASS-Abgabemenge ausmachen könnten. Tatsächlich lag ihr Anteil – nach Dosisanpassung – bei lediglich 4,5%. Dies deutet darauf hin, dass evidenzbasierte Strategien der intensivierten antithrombotischen Sekundärprävention auch in der Schweiz nicht vollständig ausgeschöpft werden.2
RAS-Blockade verbessert die Prognose auch bei dialysepflichtigen Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz
Die Wirksamkeit einer medikamentösen RAS-Blockade bei Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) ist gut belegt. Für dialysepflichtige Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz ist die Evidenz jedoch begrenzt, da diese Patientengruppe aus randomisierten kontrollierten Studien weitgehend ausgeschlossen wurde. «Ziel dieser systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse war es daher, die Wirksamkeit und Sicherheit von Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren (ARNI) sowie von ACE-Hemmern (ACEi) bzw. Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARB) bei Patienten mit HFrEF unter Erhaltungsdialyse zu untersuchen», sagte Dr. med. Aarthiga Sritharan, Yverdon.3
Eingeschlossen wurden Studien mit Erwachsenen (≥18 Jahre) mit HFrEF unter Erhaltungsdialyse, in denen ARNI-Anwender mit -Nichtanwendern bzw. ACEi-/ARB-Anwender mit -Nichtanwendern verglichen wurden. Primärer Endpunkt war die Gesamtmortalität, sekundäre Endpunkte waren die CV Mortalität sowie die Sicherheitsendpunkte Hyperkaliämie und Hypotonie.
Für die ARNI-Analyse wurden sechs Beobachtungsstudien mit insgesamt 8162 Patienten eingeschlossen (mittleres Alter: 62–67 Jahre, Frauen: 30–41%). Die Analyse zu ACEi bzw. ARB umfasste zwei Beobachtungsstudien und eine randomisierte Studie mit insgesamt 5275 Patienten (mittleres Alter: 64,9 Jahre, Frauen: 46–52%).
Das Ergebnis: Sowohl die Behandlung mit ARNI als auch die mit ACEi bzw. ARB reduzierte die Gesamtmortalität signifikant. Bei der CV Mortalität bestand hingegen in keiner der beiden Gruppen eine signifikante Risikoreduktion. Vergleichende Sicherheitsdaten zu ARNI lagen lediglich aus drei Studien vor und deuteten auf ein geringeres Hyperkaliämierisiko hin. Zum Hypotonierisiko war nur eine Studie verfügbar, die keinen signifikanten Unterschied zeigte. Für ACEi bzw. ARB wurden in den meisten Studien keine Sicherheitsdaten berichtet. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist allerdings aufgrund des überwiegend beobachtenden Studiendesigns, der Heterogenität der ARNI-Vergleichsgruppen sowie der überwiegend ostasiatischen Studienpopulationen eingeschränkt.3
Standort und Ersthelfernetzwerk beeinflussen die ROSC-Chancen nach ausserklinischem Herzstillstand
Trotz Fortschritten in der Reanimationsmedizin bleibt die Überlebensrate nach ausserklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand niedrig und variiert regional erheblich. Selbst bei Patienten der Utstein-Kohorte – also bei von Laien beobachtetem Herz-Kreislauf-Stillstand mit initial schockbarem Rhythmus – bestehen deutliche Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit, einen «return of spontaneous circulation» (ROSC) zu erreichen. Welche Rolle dabei geografische Gegebenheiten und die Strukturen der Ersthelfernetzwerke in der Schweiz spielen, wurde bislang nicht systematisch untersucht.
«Wir wollten deshalb den Einfluss der geografischen Lage, der Bevölkerungsdichte und der Struktur der Community-Responder-Netzwerke auf die Wahrscheinlichkeit eines ROSC in der Utstein-Kohorte untersuchen», erklärte Dr. med. Valentina Guerini Giusteri, Lugano.4 Grundlage waren Daten des Schweizer Registers für ausserklinische Herz-Kreislauf-Stillstände aus den Jahren 2019 bis 2024. In die retrospektive Analyse wurden alle konsekutiven Fälle eingeschlossen, die die Utstein-Kriterien erfüllten. Die Ereignisorte wurden anhand der Bevölkerungsdichte als ländlich, intermediär oder urban klassifiziert. Zusätzlich wurden Merkmale der Community-Responder-Netzwerke erfasst, darunter die Durchführung einer Laienreanimation, der Einsatz eines automatisierten externen Defibrillators durch Ersthelfer sowie die Verfügbarkeit von First Respondern.
Insgesamt erfüllten 5752 ausserklinische Herz-Kreislauf-Stillstände die Utstein-Kriterien. 2600 Patienten (49%) erreichten einen ROSC. Das mediane Alter betrug 67 Jahre, 83% der Betroffenen waren Männer und knapp die Hälfte der Ereignisse trat zu Hause auf. Die ROSC-Rate zeigte einen deutlichen geografischen Gradienten: Sie lag bei 36% in ländlichen, 46% in intermediären und 54% in urbanen Regionen. Unabhängige negative Prädiktoren waren ein Herz-Kreislauf-Stillstand in der Nacht, das Fehlen einer Intervention durch Ersthelfer (Reanimation erst durch den Rettungsdienst begonnen) sowie refraktäre ventrikuläre Arrhythmien. Als einziger unabhängiger positiver Prädiktor erwies sich eine Defibrillation durch Ersthelfer. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung der Community-Responder-Netzwerke – insbesondere der frühzeitigen AED-Anwendung – als des wichtigsten beeinflussbaren Faktors, um einen ROSC zu erreichen. Insgesamt spiegeln die hohen ROSC-Raten die gute Qualität des Schweizer Rettungswesens wider, gleichzeitig bestehen jedoch erhebliche regionale Unterschiede. Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit, Community-Responder-Netzwerke weiter zu stärken, insbesondere in ländlichen Regionen.4
Ischämietestung vor einer PCI ist nicht obsolet
Dr. med. Christel Hermann Kamani, Lausanne, stellte mehrere randomisierte Studien aus den vergangenen Jahren vor, die untersucht hatten, ob eine Ischämietestung vor einer perkutanen Koronarintervention (PCI) bei Patienten mit stabiler KHK die Prognose verbessert und eine zielgerichtete Therapiestrategie unterstützt.
In die COURAGE-Studie wurden rund 2000 Patienten mit nachgewiesener Myokardischämie oder hochgradiger Koronarstenose eingeschlossen;5 alle wiesen mindestens eine Koronarläsion mit einer Stenose >70% auf. Die Patienten erhielten entweder eine PCI zusätzlich zu einer optimalen medikamentösen Therapie oder eine alleinige optimale medikamentöse Therapie. Das Ergebnis: Weder nach fünf Jahren noch in der Langzeitnachbeobachtung über zwölf Jahre zeigte sich ein signifikanter Vorteil der invasiven Strategie in Hinsicht auf die Gesamtmortalität oder nichttödliche Myokardinfarkte. Substudien lieferten jedoch differenziertere Erkenntnisse: In einer nuklearmedizinischen Analyse mit 314 Patienten reduzierte die PCI die Ischämielast signifikant stärker als die alleinige medikamentöse Therapie, insbesondere bei Patienten mit ausgeprägter Ischämie.6 In einer weiteren Studie konnte die PCI Angina-pectoris-Beschwerden rasch und deutlich lindern, wenngleich dieser Vorteil im Langzeitverlauf abnahm.7
Die ISCHEMIA-Studie umfasste Patienten mit moderater bis schwerer Myokardischämie, die ebenfalls entweder invasiv (PCI plus optimale medikamentöse Therapie) oder konservativ behandelt wurden.8 Trotz moderner PCI-Techniken zeigte sich auch hier nach drei Jahren kein Vorteil der invasiven Strategie hinsichtlich der Parameter Tod, Myokardinfarkt, Hospitalisierung wegen instabiler Angina pectoris oder Herzinsuffizienz sowie überlebter Herzstillstand. Allerdings bestätigten Substudien erneut einen symptomatischen Nutzen der PCI: Patienten mit Angina pectoris profitierten von einer frühen und deutlichen Beschwerdelinderung.9 Darüber hinaus zeigte sich, dass Patienten mit vollständiger Revaskularisation langfristig weniger Beschwerden hatten als Patienten mit unvollständiger Revaskularisation oder mit alleiniger medikamentöser Therapie.10
Sowohl COURAGE als auch ISCHEMIA wiesen jedoch Limitationen auf, weshalb die Ergebnisse kritisch interpretiert werden müssen. So können bereits die Definition des Myokardinfarkts und die Wahl des Verfahrens zur Ischämiediagnostik die Studienergebnisse massgeblich beeinflussen.
Die CMR-Substudie der ISCHEMIA-Studie verdeutlichte den Einfluss der Bildgebung auf therapeutische Entscheidungen:11 Patienten mit geringer oder fehlender Ischämie in der Kardio-MRT wurden trotz Koronarangiografie überwiegend nicht revaskularisiert, während nach SPECT oder Belastungsechokardiografie häufiger eine Revaskularisation erfolgte. Zwischen PET und SPECT bestanden zudem im direkten Vergleich erhebliche Diskrepanzen: Nur 19 von 94 schweren PET-Befunden wurden in der SPECT bestätigt, während rund 60% der schweren SPECT-Befunde in der PET keine schwere Ischämie zeigten.
Weitere Evidenz spricht für den Einsatz moderner quantitativer Bildgebung: In der ersten randomisierten Studie zu einer PET/CT-gesteuerten Revaskularisationsstrategie führte eine an der «coronary flow capacity» orientierte Revaskularisation nach fünf bis elf Jahren zu einer signifikanten Reduktion der Mortalität gegenüber der Standardversorgung.12
Aktuelle Studien zeigen zudem, dass die PET und die 3-Tesla-Kardio-MRT zu den diagnostisch genauesten Verfahren zum Nachweis einer hämodynamisch relevanten KHK zählen.13 Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die quantitative Auswertung der Bildgebung: In einer Kohorte von rund 12000 Patienten ermöglichte die zusätzliche Bestimmung der «coronary flow reserve» (CFR) eine weitere Differenzierung des Risikos.14 Auch die fraktionelle Flussreserve (FFR) ist entscheidend, sollte jedoch nicht rein binär interpretiert werden. Speziell im Grenzbereich ist eine ergänzende Ischämiediagnostik sinnvoll. FFR und nichtinvasive Bildgebung sind dabei keine konkurrierenden, sondern komplementäre Verfahren: Die FFR beurteilt den Druckverlust an einer einzelnen Läsion, während die Bildgebung die Auswirkungen auf das Myokard erfasst.
Die Entscheidung für oder gegen eine PCI sollte daher heute auf einer integrierten Beurteilung von Symptomatik, Koronaranatomie, FFR bzw. iFR, quantitativen Perfusionsparametern und dem Ziel einer möglichst vollständigen Revaskularisation beruhen, so Hermann Kamani.
PFO-Verschluss nach Schlaganfall bei Patienten über 60 Jahre
Ein persistierendes Foramen ovale (PFO) ist ein häufiges fetales Relikt, das bei etwa 15–35% der Erwachsenen vorkommt und in seiner Grösse erheblich variieren kann. Grössere PFO werden häufiger bei Patienten mit kryptogenem Schlaganfall gefunden. «38% aller ischämischen Schlaganfälle sind kryptogen, wobei etwa 30% dieser Patienten ein PFO aufweisen», so PD Dr. med. Thomas Nestelberger, Basel, an der Jahrestagung der SGK. Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines kausalen Zusammenhangs bei Patienten unter 60 Jahren sowie bei Hochrisiko-PFO mit grossem Rechts-links-Shunt, Vorhofseptumaneurysma oder ausgeprägtem Chiari-Netz. Mithilfe des RoPE-Scores und der PASCAL-Klassifikation lässt sich abschätzen, wie wahrscheinlich das PFO ursächlich für den Schlaganfall ist. Patienten mit hohen Scores profitieren am stärksten von einem interventionellen Verschluss.
Entsprechend empfehlen die aktuellen Leitlinien bei Patienten im Alter von 18 bis 60 Jahren mit kryptogenem Schlaganfall und einem wahrscheinlichen kausalen Zusammenhang ausdrücklich einen PFO-Verschluss. Für Patienten über 60 Jahre gibt es aktuell keine belastbare Evidenz aus randomisierten Studien. Neue Erkenntnisse stammen jedoch aus grossen Beobachtungsstudien. Im US-amerikanischen Medicare-Register wurden mehr als 55000 Patienten über 60 Jahre analysiert, wobei rund 5000 Personen einen PFO-Verschluss erhielten und circa 50000 ausschliesslich medikamentös behandelt wurden.15 Nach einem Propensity-Score-Matching wurden jeweils etwas mehr als 5000 Patienten pro Gruppe verglichen. Dabei zeigte sich, dass ein PFO-Verschluss die Rate rezidivierender ischämischer Schlaganfälle nach drei Jahren gegenüber einer alleinigen medikamentösen Therapie signifikant reduzieren konnte (Reduktion des relativen Risikos: 38%). Da jedoch keine Angaben zu den anatomischen PFO-Merkmalen vorlagen, blieb unklar, welche Patienten besonders profitierten.
Eine Metaanalyse aus einer randomisierten und elf Beobachtungsstudien bestätigte diese Ergebnisse: Die Rezidivschlaganfallrate lag bei 5% nach PFO-Verschluss gegenüber 10% unter alleiniger medikamentöser Therapie. Gleichzeitig zeigte sich, dass ältere Patienten ein höheres Risiko sowohl für erneute Schlaganfälle als auch für neu auftretendes Vorhofflimmern aufweisen.15
Daraus leitet sich ein differenziertes Vorgehen ab: Jeder Patient mit kryptogenem Schlaganfall sollte gründlich abgeklärt werden, bevor über einen PFO-Verschluss entschieden wird. Besteht Vorhofflimmern, steht die orale Antikoagulation im Vordergrund. Kann dagegen keine andere Ursache nachgewiesen werden, sollte gezielt nach einem PFO gesucht werden. Patienten unter 60 Jahren mit hohem RoPE-Score oder hoher PASCAL-Klassifikation profitieren nach heutiger Evidenz eindeutig von einem PFO-Verschluss.
Bei Patienten über 60 Jahre sollte zunächst eine erweiterte Diagnostik erfolgen, insbesondere ein deutlich verlängertes EKG-Monitoring zum Ausschluss von Vorhofflimmern. Wird trotz intensiver Diagnostik kein Vorhofflimmern nachgewiesen, kann auch bei älteren Patienten ein PFO-Verschluss sinnvoll sein – insbesondere bei einem grossen PFO, ausgeprägtem Rechts-links-Shunt und Vorhofseptumaneurysma. «In jedem Fall sollte die Therapieentscheidung bei älteren Patienten individuell und interdisziplinär mit einem Neurologen getroffen werden», betonte Nestelberger.
Mehr Klarheit sollen laufende Studien schaffen. Besonders erwartet werden die Ergebnisse einer französischen randomisierten Studie mit 800 Patienten im Alter von 60 bis 80 Jahren, in der der interventionelle PFO-Verschluss mit einer alleinigen medikamentösen Therapie verglichen wird.
Quelle:
Gemeinsame Jahrestagung 2026 der Swiss Society of Cardiology (SSC), der Swiss Society for Heart and Thoracic Vascular Surgery (SSCS), der Swiss Society of Pneumology (SSP) und der Swiss Society for Thoracic Surgery (SSTS), 10. bis 12. Juni 2026, Basel
Literatur:
1 Haziri F et al.: Perioperative discontinuation of SGLT2-inhibitors and cardiac complications after non-cardiac surgery. Swiss Med Wkly 2026; 156 (Suppl 298): 30S (O025) 2 Kunz M et al.: Underuse of long-term antithrombotic and anti-inflammatory therapies: a cross-national comparison between Switzerland and Germany. Swiss Med Wkly 2026; 156 (Suppl 298): 34S (O031) 3 Sritharan A et al.: Renin-angiotensin-aldosterone system blockade in patients with chronic heart failure and end-stage kidney disease: a systematic review and meta-analysis. Swiss Med Wkly 2026; 156 (Suppl 298): 5S (O004) 4 Caputo ML et al.: Geographic and community responder determinants of ROSC in out-of-hospital cardiac arrest with shockable rhythm: a nationwide swiss study. Swiss Med Wkly 2026; 156 (Suppl 298): 15S (O012) 5 Boden WE et al.: Optimal medical therapy with or without PCI for stable coronary disease. N Engl J Med 2007; 356: 1503-16 6 Shaw LJ et al.: Optimal medical therapy with or without percutaneous coronary intervention to reduce ischemic burden: results from the Clinical Outcomes Utilizing Revascularization and Aggressive Drug Evaluation (COURAGE) trial nuclear substudy. Circulation 2008; 117: 1283-91 7 Weintraub WS et al.: Effect of PCI on quality of life in patients with stable coronary disease. N Engl J Med 2008; 359: 677-87 8 Maron DJ et al.: Initial invasive or conservative strategy for stable coronary disease. N Engl J Med 2020; 382: 1395-407 9 Spertus JA et al.: Health-status outcomes with invasive or conservative care in coronary disease. N Engl J Med 2020; 382: 1408-19 10 Mavromatis K et al.: J Am Coll Cardiol 2023; 82: 295-313 11 Kwong RY et al.: Complete revascularization and angina-related health status in the ISCHEMIA trial. JACC: Cardiovascular Imaging 2026; 19: 326-41 12 Gould KL et al.: Optimal medical care and coronary flow capacity-guided myocardial revascularization vs usual care for chronic coronary artery disease: the CENTURY trial. Eur Heart J 2025; 46: 3273-86 13 Rasmussen LD et al.: Diagnostic yield of second-line functional imaging after an abnormal coronary computed tomography angiography: an individual patient-data meta-analysis. Eur Heart J Cardiovasc Imaging 2026; 27: 1176-89 14 Patel KK et al.: Myocardial blood flow reserve assessed by positron emission tomography myocardial perfusion imaging identifies patients with a survival benefit from early revascularization. Eur Heart J 2020; 4: 759-68 15 Satpathy R et al.: PFO device closure in patients >60 years of age with ischemic stroke: results From U.S. Medicare Beneficiaries. JACC Cardiovasc Interv 2025; 18: 1303-14
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