ESC-Empfehlung: alle kardiologischen Patienten auf Nierenerkrankungen testen
Bericht: Reno Barth
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Die Kernbotschaft: Alle Patient:innen mit kardiovaskulären oder anderen kardiologischen Erkrankungen sollen auf chronische Nierenerkrankung (CKD) gescreent und bei Bedarf entsprechend therapiert werden.
Erstmals haben die European Society of Cardiology (ESC) und die European Renal Association (ERA) eine gemeinsame Guideline zur Rolle der Niere in der kardiologischen Praxis erstellt. Fällt die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate unter 60ml/min/1,73 m2, so steigt das kardiovaskuläre Risiko. Liegt darüber hinaus Albuminurie vor, erhöht dies das Risiko zusätzlich, führte Prof. Dr. William Herrington von der University of Oxford im Rahmen der Präsentation der gemeinsamen Leitlinie von ESC und ERA aus.1 Dies gilt sowohl für atherosklerotische als auch für nichtatherosklerotische Erkrankungen. Der Zusammenhang ist bidirektional. So ist das Risiko von Nierenversagen in den ersten Wochen nach einer Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz um mehr als den Faktor 30 erhöht. Auch nach Myokardinfarkt, Vorhofflimmern oder Schlaganfall steigt das renale Risiko.2
Nicht auf den Teststreifen verlassen, Laborwerte anfordern
Das bedeute, dass im Umgang mit kardiologischen Patient:innen mehr Sensibilität für die Niere entwickelt werden müsse. „Viele Patient:innen mit CKD werden von der Kardiologie betreut, und die neuen ESC-Leitlinien zielen darauf ab, die Nutzung von Nierenfunktions- und Urin-Albumin-Tests bei Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erhöhen. Durch verbessertes Screening können mehr Risikopatient:innen identifiziert und die am besten geeigneten Behandlungen für CKD und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschrieben werden“, erläuterte Herrington, der Vorsitzende der Guideline Task Force. Die Dimension des Problems ist erheblich, denn nach Schätzungen leben in Europa rund 100 Millionen Menschen mit chronischer Nierenerkrankung.3
Als Leitfaden für die praktische Umsetzung entwickelte die Task Force das Akronym „STAMP on CKD“, das für folgende Schritte steht: Screen (Screening), Triage (Einstufung), Address CKD risk (CKD-Risiko adressieren), Modify CVD management (Anpassung des kardiovaskulären Managements) und Plan health services (Planung für die Gesundheitsdienste). Screening bedeutet, dass alle Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Diagnosestellung auf CKD mittels Blut- und Urintests (eGFR aus Kreatinin im Blut plus Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin) abgeklärt werden sollen. Herrington unterstrich, dass es mit einem Harn-Teststreifen nicht getan ist und entsprechende Laborwerte angefordert werden müssen.
KDIGO Scores ermöglichen Abschätzung des renalen Risikos
Voraussetzung für das Management ist die genaue Einschätzung des Risikos für Nierenversagen sowie des kardiovaskulären Risikos mithilfe validierter Bewertungssysteme, die die Nierenfunktion einbeziehen. Für das Risiko von Nierenversagen können die Scores von KDIGO (Kidney Disease Improving Global Outcomes CKD Work Group) eingesetzt werden, die auf Basis von eGFR und Albuminausscheidung das renale Risiko klassifizieren, wobei ein niedriges Risiko nur bei einer Albumin-Kreatinin-Ratio von weniger als 30mg/g und einer eGFR von mindestens 60ml/min/1,73m2 besteht.4
Diagnostizieren und entsprechend reagieren sei insofern wichtig, als mit der Gruppe der SGLT2-Inhibitoren eine wirksame und gut verträgliche medikamentöse Therapie der CKD verfügbar ist. Handelt es sich um diabetische CKD, sind auch GLP-1-Rezeptoragonisten und nichtsteroidale Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten indiziert. Hinzu kommen RAS-Inhibitoren und ein Statin-basiertes Lipidmanagement, so Prof. Dr. Kevin Damman vom Universitätskrankenhaus Groningen in den Niederlanden. Diese „bewährten, kosteneffektiven, risikomodifizierenden Therapien“ verlangsamen nachweislich das Fortschreiten der CKD und senken das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, so Damman.
Anpassung der kardiovaskulären Therapie
Ein eigener Abschnitt der Guidelines ist den Anpassungen der kardiovaskulären Therapie gewidmet, die im Kontext von CKD erforderlich sind – zum Beispiel, weil Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion eine Reihe von Wirkstoffen nicht adäquat ausscheiden können und folglich Standard-Dosierungen nicht vertragen. Exakte Dosierungsempfehlungen in Abhängigkeit von der Nierenfunktion werden aufgelistet. Explizit gefordert wird auch eine „aktive und effiziente Kommunikation zwischen den Fachrichtungen“, die aufgrund der Komplexität der CKD häufig notwendig ist, so Herrington. Diese sei auch erforderlich, um einen rechtzeitigen Zugang zur Versorgung durch Kardiolog:innen und Nephrolog:innen sicherzustellen. Eine Version der neuen Leitlinien für Patienten soll Betroffenen das Wissen und das Selbstvertrauen geben, sich an gemeinsamen Entscheidungen mit den Behandler:innen zu beteiligen.
Quelle:
ESC 2026, Session „2026 ESC Guidelines and Document overview“ am 28.8.2026 in München
Literatur:
1 2026 ESC-Leitlinien für das Management von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischer Nierenerkrankung. Eur Heart J 2026; doi: 10.1093/eurheartj/ehag098 2 Mark PB et al.: Major cardiovascular events and subsequent risk of kidney failure with replacement therapy: a CKD Prognosis Consortium study. Eur Heart J 2023; 44(13): 1157-66 3 GBD Chronic Kidney Disease Collaboration: Global, regional, and national burden of chronic kidney disease, 1990-2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. Lancet 2020; 395: 709-33 4 Kidney Disease Improving Global Outcomes CKD Work Group: KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int 2024; 105: S117-S314
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