Was ist relevant in der Praxis?
Autorinnen:
Dr. med. Jessica Kreienbühl1
Dr. med. Karin Camastral2
Kantonsspital Winterthur
1 Klinik für Geburtshilfe
2 Klinik für Gynäkologie
E-Mail: jessica.kreienbuehl@ksw.ch
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Das mittlere Alter der Erstgebärenden liegt laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz 2024 bei 31,3 Jahren. Die immer spätere Familiengründung ist Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen: längere Ausbildungs- und Karrierewege, instabile Partnerschaften und ein geändertes Rollenverständnis. Parallel nimmt die Fertilität ab 35 Jahren deutlich ab.1 Aus diesem Spannungsfeld wächst die Nachfrage nach Verfahren der Fertilitätserhaltung.
Social Freezing
Social Freezing bezeichnet die vorsorgliche Eizellkonservierung ohne medizinische Indikation. Das Ziel ist also, möglichst junge, genetisch gesunde Eizellen zu gewinnen und diese später zur Reproduktion zu nutzen und somit reproduktive Autonomie zu erlangen. Hauptmotiv ist entgegen der medialen Meinung weniger Karriereorientierung als vielmehr das Fehlen eines Partners im reproduktionsbiologisch «optimalen» Lebensalter.2 Psychologisch spielen die Sorge vor späterer Kinderlosigkeit und der Wunsch nach genetischer Elternschaft eine grosse Rolle.3
Medizinische Praxis
Die Grundlage des Social Freezings sind die ovarielle Stimulation und die anschliessende Entnahme der Oozyten (Abb. 1). Abhängig von Anti-Müller-Hormon (AMH) und Follikelreserve werden Gonadotropine in individueller Dosierung appliziert.4 Moderne Antagonistenprotokolle mit Ovulationsinduktion mit einem GnRH-Agonisten reduzieren das Risiko einer ovariellen Hyperstimulation erheblich.5 Bei der ovariellen Stimulation reifen – abhängig von Alter und ovarieller Reserve – durchschnittlich 7–15 Eizellen. Diese werden über eine vaginale Punktion gewonnen und mittels Vitrifikation schockgefroren. Dieses ultraschnelle Verfahren führt im Gegensatz zu früheren Methoden zu vergleichbaren Schwangerschaftsraten wie bei frischen Eizellen.6
Für eine realistische Lebendgeburtenrate von 70–80% sind bei einer 30–34-jährigen Frau 15–20 Eizellen erforderlich, was in der Regel zwei bis drei Stimulationszyklen bedeutet.7 Die Qualität der Eizellen entspricht dem biologischen Alter bei Entnahme: Eine 40-Jährige benötigt etwa doppelt so viele Zyklen wie eine 30-Jährige, um eine vergleichbare Lebendgeburtenrate zu erzielen (Tab. 1).3
Tab. 1: Geschätzte Lebendgeburtenrate nach Kryokonservierung (modifiziert nach Skala C und Theis S, Pape J und Tschudin S, Goldman RH et al., Doyle JO et al.)3,7–9
Erfolgswahrscheinlichkeit und Nutzung
In der öffentlichen Wahrnehmung wird Social Freezing oft wie eine «Fertilitätsversicherung» dargestellt. Die Realität ist differenzierter. Social Freezing ist die Möglichkeit einer späteren Schwangerschaft, jedoch nicht die Garantie dafür. Die Abrufrate eingefrorener Oozyten liegt international nur bei 6–20%.3,7 Der Abruf erfolgt im Mittel nach 2,1 Jahren nach der Kryokonservierung in einem Durchschnittsalter von 39,2 Jahren. Viele Frauen werden spontan schwanger, bevor sie ihre Reserve nutzen. Bei jenen, die Oozyten einsetzen, geschieht dies häufig vor dem Hintergrund einer bereits bestehenden Fertilitätsstörung.2
Der grösste Zugewinn in der Lebendgeburtenrate im Vergleich zu einem abwartenden Vorgehen ergibt sich jedoch nicht im jungen Alter, sondern im Bereich Mitte 30. In einer US-amerikanischen Modellrechnung10 lag der grösste Zugewinn an Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt bei 37 Jahren: Hier konnte die Lebendgeburtenrate durch Kryokonservierung von 21,9% auf 51,6% gesteigert werden. Gleichzeitig war die Kosteneffektivität in diesem Alter am besten, mit etwa 29000 US-Dollar pro zusätzlicher Lebendgeburt. Bei deutlich jüngeren Frauen sind die biologischen Voraussetzungen zwar optimal, ökonomisch ist das Vorgehen aber ineffizient: Viele werden spontan schwanger, bevor sie ihre eingefrorenen Eizellen nutzen. Da die Eizellen in der Schweiz aus rechtlichen Gründen bei Social Freezing maximal 10 Jahre kryokonserviert werden dürfen (Fortpflanzungsmedizingesetz, FMedG, Abs. 3, Art. 15), macht eine Kryokonservierung von Eizellen Mitte 20 wenig Sinn, da diese dann Mitte 30 vernichtet werden müssten. Zusammenfassend lässt sich sagen: Biologisch ist eine frühe Kryokonservierung am erfolgversprechendsten, ökonomisch und in der Schweiz juristisch liegt der «sweet spot» jedoch eher zwischen 33 und 37 Jahren, da hier der Zugewinn in der Lebendgeburtenrate in einem günstigeren Verhältnis zu den entstehenden Kosten steht.
Ökonomische und rechtliche Rahmenbedingungen
Die Kosten belaufen sich in der Schweiz auf CHF 5000–8000,– pro Zyklus. Notwendig sind meist 2–4 Stimulationszyklen. Zusätzlich werden Lagerungsgebühren von ca. CHF 400,– jährlich fällig. Die Kosten für spätere IVF/ICSI belaufen sich auf ca. CHF 2000–5000,–.3,7 Insgesamt entstehen häufig Gesamtsummen von CHF 15000–20000,–.
Die kryokonservierten Eizellen aus sozialer Indiktion können in der Schweiz maximal zehn Jahre gelagert werden. Nur bei medizinischer Indikation kann die Frist verlängert werden. Die Nutzung der Eizellen ist in der Schweiz nur mit Partner bzw. Ehefrau (in diesem Fall im Rahmen einer Samenspende) möglich. Die Befruchtung der Eizellen mittels Samenspende als «single mother» ist in der Schweiz nicht erlaubt. Ebenfalls können die Eizellen nicht gespendet werden.
Psychosoziale Dimension
Studien zeigen, dass Nutzerinnen von Social Freezing überwiegend gut ausgebildete, berufstätige und häufig kinderlose Frauen ohne Partner sind.2 Die Beweggründe für Social Freezing sind vielfältig und gehen weit über die oft zitierte Karriereplanung hinaus. Am häufigsten nennen Frauen die Absicherung gegen den altersbedingten Rückgang der Fertilität (84%) sowie das Gefühl, die biologische Uhr anzuhalten (81%). Rund 72% geben an, mit dem Einfrieren «alles getan zu haben, um spätere Reue zu vermeiden». Ein zentrales Motiv ist das Fehlen eines geeigneten Partners (44%), verbunden mit dem Wunsch, den Druck bei der Partnersuche zu reduzieren (58%). Zudem betonen viele Frauen die Bedeutung einer genetischen Verwandtschaft mit dem Kind (60%). Social Freezing erscheint damit weniger als Instrument zur Karriereförderung, sondern vielmehr als Möglichkeit, Zeit für die Realisierung einer «konventionellen Elternschaft» mit Partner und genetischem Kind zu gewinnen.
Darüber hinaus spielen Unsicherheit im Hinblick auf den Kinderwunsch (z.B. «noch nicht bereit für Familie») und das Bedürfnis nach persönlicher Entwicklung, Ausbildung und finanzieller Stabilität eine wichtige Rolle. Auch Empfehlungen durch Freund:innen oder Ärzt:innen sowie die Hoffnung auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder liberalere rechtliche Rahmenbedingungen können den Entschluss unterstützen. Interessanterweise zeigen Studien, dass die Art der Motive die psychologischen Folgen beeinflusst: Frauen, die Social Freezing aktiv zur Gestaltung ihrer Lebensplanung nutzen, berichten häufiger von positiven Effekten wie gesteigerter Selbstwirksamkeit. Dagegen sind Motive wie das Hoffen auf gesellschaftliche Veränderungen oder die Bewältigung reproduktiver Probleme eher mit negativen psychischen Belastungen assoziiert.2
Chancen und Risiken später Mutterschaft
Die Verschiebung der Elternschaft bringt sowohl Vorteile als auch Risiken mit sich. Ältere Mütter sind sozioökonomisch stabiler, weisen häufig gesündere Lebensstile auf und bieten Kindern bessere Bildungs- und Entwicklungschancen.11 Späte Mutterschaft bringt aber auch eine erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsrate mit sich. Ein höheres maternales Alter bei der Geburt erhöht die Wahrscheinlichkeit für Gestationsdiabetes, Frühgeburtlichkeit, fetale Wachstumsrestriktion und Präeklampsie.12 Frauen im fortgeschrittenen Alter haben also ein deutlich erhöhtes Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft. Eine aktuelle Metaanalyse mit über 31 Millionen Frauen zeigt, dass ab 40 Jahren die Risiken für Totgeburt, Präeklampsie, Frühgeburt, Kaiserschnitt und maternale Mortalität signifikant ansteigen. Das relative Risiko für mütterliche Sterblichkeit lag bei 3,2 (>40 Jahre), 11,6 (>45 Jahre) und 42,8 (>50 Jahre), womit sich die Morbidität und die Mortalität mit zunehmendem Alter stark potenzieren.13 Diese Risiken gelten auch bei Social Freezing, da sie nicht durch die «jungen» Eizellen, sondern durch das Alter der Mutter bedingt sind.
Fazit für die Praxis
Social Freezing kann ein wertvolles Instrument zur Wahrung reproduktiver Autonomie sein, erfordert aber eine realistische Aufklärung: Die Chancen steigen bei frühzeitiger Eizellentnahme. Die tatsächliche Nutzung bleibt ungewiss. Das optimale Alter für Social Freezing liegt bei 33 bis 37 Jahren. Die finanzielle Belastung ist hoch, dank moderner Stimulationsprotokolle sind die körperlichen Risiken überschaubar. Für die Praxis bedeutet dies: Social Freezing ist eine relevante Option – aber keine einfache Lösung. Ärzt:innen sollten die Patientinnen dabei unterstützen, informiert eine individuelle Entscheidung zu treffen.
Literatur:
1 Attali E, Yogev Y: The impact of advanced maternal age on pregnancy outcome. Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol 2021; 70: 2-9 2 Schmid JJ et al.: Who freezes her eggs and why? Psychological predictors, reasons, and outcomes of social egg freezing. Reprod Biol Endocrinol 2025; 23(1): 7 3 Skala C, Theis S: Social egg freezing. Gynäkologie in der Praxis. Springer Journal 2024; 34(2): 61-7 4 Findeklee S, Diedrich K: Ovarian stimulation in reproductive medicine. Gynakologie 2025; 58(8): 467-8 5 Felberbaum R et al.: The antagonist protocol for ovarian stimulation. Gynakologie 2025; 8 6 Gil-Arribas E et al.: Oocyte vitrification for elective fertility preservation: a SWOT analysis. Reprod Biomed Online 2022; 44(6): 1005-14 7 Pape J, Tschudin S: Pros and cons of social freezing: a statement from a reproductive medicine and a psychosomatic perspective. Gynakologische Endokrinologie 2023; 53-8 8 Goldman RH et al.: Predicting the likelihood of live birth for elective oocyte cryopreservation: a counseling tool for physicians and patients. Hum Reprod 2017; 32(4): 853-9 9 Doyle JO et al.: Successful elective and medically indicated oocyte vitrification and warming for autologous in vitro fertilization, with predicted birth probabilities for fertility preservation according to number of cryopreserved oocytes and age at retrieval. Fertil Steril 2016; 105(2): 459-66 10 Mesen TB et al.: Optimal timing for elective egg freezing. Fertil Steril 2015; 103(6): 1551-6 11 Myrskylä M et al.: Vorteile später Mutterschaft. Gynakologe 2017; 50(10): 767-72 12 Frick AP: Advanced maternal age and adverse pregnancy outcomes. Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol 2021; 70: 92-100 13 Saccone G et al.: Maternal and perinatal complications according to maternal age: a systematic review and meta-analysis. Int J Gynaecol Obstet 2022; 159(1): 43-55
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