«Schon während der Schwangerschaft screenen»
Unser Gesprächspartner:
Prof. Dr. med. Daniel Surbek
Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Inselspital, Bern
Das Interview führte
Dr. med. Felicitas Witte
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Noch drei Jahre nach der Geburt können Frauen unter Depressionen leiden, wie eine aktuelle Studie zeigt.1 Die Autoren haben bestimmte Verläufe identifiziert und fordern, dass Pädiater screenen sollen. Prof. Surbek aus Bern erklärt, warum er die Studie kritisiert, aber trotzdem ein Screening für sinnvoll hält.
Ein Screening auf postpartale Depressionen scheint für mehrere Jahre sinnvoll zu sein. Das lässt zumindest eine Studie von den National Institutes of Health in den Vereinigten Staaten vermuten.1 Von 4866 Müttern litt 1 von 4 noch bis zu 3 Jahre nach der Geburt unter schweren depressiven Symptomen. Die Forscher hatten 4, 12, 24 und 36 Monate post partum auf depressive Symptome gescreent. Sie identifizierten 4 Verlaufsformen: Die meisten Frauen (74,7%) zeigten einen «Low-stable»-Verlauf mit wenigen Symptomen zu allen vier Befragungsterminen. 8,2% der Frauen hatten einen «Low-increasing»-Verlauf mit wenigen Symptomen zu Beginn, die langsam schlimmer wurden. Der «Medium-decreasing»-Verlauf (12,6%) war charakterisiert durch initial moderate Symptome, die sich aber mit der Zeit besserten. 4,5% der Mütter wiesen einen «High-persistent»-Verlauf mit schlimmen Beschwerden zu allen Terminen auf.
Die Ergebnisse seien wichtig, um Mütter mit persistierenden Symptomen zu identifizieren, so das Fazit der Autoren. So könnte beispielsweise eine kleine Gruppe von Müttern mit Beschwerden zum Zeitpunkt 4 Monate post partum ein erhöhtes Risiko haben, lang anhaltende, deutliche depressive Beschwerden zu haben, die auch noch nach 3 Jahren andauern können. Andere Mütter wiederum könnten zwar ziemliche Beschwerden nach 4 Monaten haben, die sich aber rasch bessern. Zwei Untersuchungen im Abstand von mindestens einigen Monaten seien wichtig, um den individuellen Verlauf vorherzusagen, so die Autoren.
Zwei Aspekte an der Studie lassen sich vor allem kritisieren: Zum einen haben die Autoren die Symptome zum ersten Mal erst 4 Monate nach der Geburt erfasst. So lässt sich überhaupt nicht sagen, ob zum Beispiel eine Frau mit milden Symptomen direkt nach der Geburt nicht doch schon deutliche Symptome zeigte oder ob es andersherum einer Frau, die 4 Monate post partum starke Symptome hat, zum Zeitpunkt direkt nach der Geburt noch sehr gut ging. Zum anderen verwendeten die Autoren nur eine abgespeckte Version der EPDS mit 5 statt 10 Fragen. «Das habe ich überhaupt nicht verstanden», sagt Anke Rohde, emeritierte Professorin für gynäkologische Psychosomatik an der Universitätsklinik Bonn. «Selbst die klassische EPDS dauert nicht lange und in der abgespeckten Version fehlen wichtige Fragen, zum Beispiel, ob die Frau Suizidgedanken hat.»
Prof. Surbek, was haben Sie gedacht, als Sie die Studie lasen?
D. Surbek: Auf den ersten Blick tönt das Ergebnis natürlich eindrucksvoll: Noch 3 Jahre nach der Geburt leidet 1 von 4 Frauen unter depressiven Symptomen. Ziemlich rasch ist mir aber aufgefallen, dass an der Studie einiges zu kritisieren ist. Was mir als Erstes aufgefallen ist: Die federführenden Autoren sind allesamt Pädiater und die Studie ist in einer Fachzeitschrift für Pädiater erschienen. Weder Geburtshelfer noch Psychiater waren an der Studie beteiligt. Das ist schon recht ungewöhnlich. Die Kollegen berichten über ein Krankheitsbild, in das sie als Ärzte selbst nicht involviert sind, und binden keinen der Fachkollegen mit ein. Zumindest eine Psychiaterin oder ein Psychiater hätten an der Studie beteiligt sein sollen, um die Ergebnisse einzuordnen.
Wie beurteilen Sie die Methodik der Studie?
D. Surbek: Das Kollektiv ist ziemlich speziell. Jede dritte Frau hatte eine Unfruchtbarkeitsbehandlung, mehr als jede fünfte eine Geburt mit Drillingen oder Vierlingen und mehr als jede sechste Frau schon eine vorbestehende «mood disorder». Allein damit ist schon klar, dass die Daten nicht für alle Frauen verallgemeinert werden können. Abgesehen davon verstehe ich nicht, warum die Studienautoren nur die abgespeckte Version der EPDS mit 5 Fragen verwendet haben. Diese 5 Fragen reichen für ein umfassendes Screening auf eine postpartale Depression nicht aus.
Interessant sind doch zumindest die 4 verschiedenen Verläufe der depressiven Symptomatiken?
D. Surbek: Das scheint so. Die Verläufe sagen aber wenig aus. Das Problem ist: Die Kollegen haben die Frauen erstmals nach 4 Monaten untersucht. So ist unbekannt, wie es den Frauen mit den dargestellten Verläufen in den ersten 4 Monaten postpartal ging. Die Verläufe könnten komplett anders gewesen sein. Ich frage mich, warum die Autoren die Frauen nicht direkt nach der Geburt befragt haben oder idealerweise schon in der Schwangerschaft. Ich hätte die Studie wohl eher nicht angenommen, wenn ich Gutachter der Zeitschrift gewesen wäre. Auch das Fazit der Autoren ist in meinen Augen nicht gerechtfertigt.
Inwiefern?
D. Surbek: Sie sagen, 1 von 4 Frauen hätte 3 Jahre nach der Geburt noch eine postpartale Depression. Es handelt sich hier aber streng genommen um keine postpartalen Depressionen, sondern um Depressionen bei Müttern von kleinen Kindern. Es kann sein, dass der Ausbruch der Depression mit Schwangerschaft und Geburt nicht direkt etwas zu tun hat. Dies kann nur beurteilt werden, wenn dazu Daten rund um die Geburt vorhanden sind.
Meinen Sie, die Depressionen haben oft mit der Geburt gar nichts zu tun?
D. Surbek: Auf eine junge Mutter kommen viele Herausforderungen zu, die sie bei entsprechender Veranlagung und wenig Resilienz enorm stressen können: Sie ist plötzlich für einen anderen Menschen verantwortlich, fühlt sich vielleicht unattraktiv für ihren Partner, überlastet, weil sie Beruf und Privatleben unter einen Hut bringen möchte oder weil sie den Ansprüchen der Schwiegereltern nicht gerecht wird. Natürlich haben diese Faktoren etwas mit einer Geburt zu tun, aber mehr indirekt. Andere Menschen erleben vielleicht ähnliche Stressoren. Ob eine junge Mutter depressiv wird oder nicht, hängt von ihrer genetischen Veranlagung und ihren psychischen Widerstandskräften ab und auch davon, wie viel Unterstützung sie im persönlichen Umfeld hat und wie vielen Stressoren sie ausgesetzt ist.
Ob man es nun nach 3 Jahren noch postpartale Depressionen nennt oder nicht: Befürworten Sie ein längeres Screening?
D. Surbek: Auf jeden Fall. Das sollte aber nicht erst nach der Geburt anfangen, sondern schon während der Schwangerschaft oder sogar davor. Dann könnten wir einen Eindruck bekommen, welche Frau vielleicht ein erhöhtes Risiko hat, und sie entsprechend engmaschiger betreuen. Bei uns im Inselspital werden Schwangere nun regelmässig auf depressive Symptome gescreent, einmal zu Beginn der Schwangerschaft und dann im dritten Trimester. Zeigt sich, dass eine Schwangere ein höheres Risiko hat, wird sie durch eine speziell ausgebildete Hebamme und bei Bedarf durch eine Psychiaterin betreut. Ich gehe davon aus, dass sich dies günstig auf den Verlauf depressiver Symptome oder manifester Depressionen in Schwangerschaft und postpartal auswirkt.
Literatur:
1 Putnick DL et al.: Pediatrics 2020; 146: e 20200857
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