Beratung bei Menschen mit kognitiver Einschränkung
Autorin:
Claudia Schwingruber
Fachperson sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung
Leitung interne Fachstelle, Valida
Leitung Kompetenzzentrum sexuelle Gesundheit für Menschen mit Behinderungen
Trainerin Sensoa Flaggensystem
Vorstandsmitglied SGCH (Sexuelle Gesundheit Schweiz)
Vorstandsmitglied faseg (Fachverband sexuelle Gesundheit)
E-Mail: Claudia.Schwingruber@valida.ch
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Dies ist kein wissenschaftlicher Text. Es ist ein Text aus der Praxis, mit viel Zeit, Geduld und unterstützter Kommunikation (UK). Und wer weiss, vielleicht finden wir am Ende heraus, weshalb Hendrik (Trisomie 21, zweisprachig, kleiner Wortschatz, Name geändert) Grenzen nicht versteht und ständig andere anstupst, auch am Po.
Ich bin ausgebildete Primarlehrerin mit Erfahrung in der Oberstufe und in der Heilpädagogik. Zusätzlich bin ich Sexualpädagogin und Sexualberaterin. Den Titel «Fachperson sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung» erhielt ich 2017.
Nicht nur Fälle wie der von Hendrik erreichen mich. Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Anliegen zu mir. Etwa: «Ich lebe mit einer Autismus-Spektrum-Störung und möchte mit meinem Partner herkommen können.» Oder: «Unsere Beziehung ist geheim, weil ihre Eltern nicht wollen, dass sie einen Freund hat.» Manche berichten von traumatischen Erfahrungen: «Ich wurde mit K.o.-Tropfen betäubt, vergewaltigt, wurde schwanger und musste die Schwangerschaft abbrechen. Wie wurde mein Baby herausgenommen? Ich habe das nicht verstanden.» Betreuende Fachpersonen wenden sich in Momenten von Verzweiflung an mich: «Sie schickt fremden Menschen Nacktfotos – bitte hilf uns.» Oder mit existenziellen Fragen: «Ich will mir die Gebärmutter entfernen lassen – was muss ich tun?»
Was sind also meine Grundlagen für eine solche Begleitung?
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Ich kenne die sexuellen Rechte.
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Ich besitze Expertise in der körperlichen, kognitiven, psychosexuellen und emotionalen Entwicklung von Menschen. – «Wenn die Reaktion nicht oder nur unzureichend mit dem jeweiligen Stand der kognitiven und emotionalen Entwicklung übereinstimmt, wird kein positives Ergebnis herauskommen.»
(Quelle: Sensoa Flaggensystem) -
Ich verfüge über viel UK-Material (Tab. 1).
Mit diesem Rucksäckchen gehe ich in meine Beratungen. Ich sieze alle, bis wir gemeinsam ein Du vereinbaren. Ich spreche direkt mit den Betroffenen, nicht über sie mit den Bezugspersonen. Mindestens zehn Minuten möchte ich mit der Person alleine sprechen, denn den Satz «Ich konnte die Ärztin nicht fragen, meine Schwester war dabei» höre ich nicht selten. Ich bin zudem Trainerin des Sensoa Flaggensystems©. Das Flaggensystem wurde in Belgien entwickelt und ist eine Methode, um sexuelles Verhalten einzuschätzen, zu beurteilen und pädagogisch angemessen darauf zu reagieren. Diese Weiterbildung holte die Dachorganisation «Sexuelle Gesundheit Schweiz» (SGCH) in die Schweiz, eine Weiterbildung, die ich nicht missen möchte.
Und Hendrik?
Mit diesem Background zeigte sich bei Hendrik bereits nach etwa drei Sitzungen (jeweils 15 Minuten) und mithilfe vieler Bilder und Piktogramme, dass seine Familie ihn im Intimbereich rasiert, weil sie das für hygienischer hält. Er möchte das aber nicht. Nun stellt sich die Frage: Wie kann man ihm klarmachen, dass er andere nicht pieksen darf, wenn seine eigenen Grenzen ständig massiv überschritten werden? Die Antwort war: Familie mit ins Boot holen und ihm Piktogramme mitgeben, mit denen er kommunizieren kann, statt durch Pieksen Aufmerksamkeit zu bekommen. Keine grosse Wissenschaft – oder?
Literatur:
bei der Verfasserin
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