Besonderheiten bei Skin of Color
Autor:innen:
Dr. Dr. med. Patrick Obermeier1,2
Dr. med. Andrea Vanegas Ramirez3
1 Klinik für Infektiologie
Joseph Kliniken, Berlin
2 MVZ Die Hautambulanz, Berlin
3 Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, Universitätsklinikum Köln
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Globale Mobilität verändert das dermatologische Patientenspektrum in Klinik und Praxis. Die sichere Beurteilung von Skin of Color setzt eine diagnostische Expertise voraus, die über die traditionell an hellen Hauttypen orientierte Lehre hinausgeht. Begleitend erfordert die Migrationsdermatologie ein differenziertes Verständnis dynamischer Patientenprofile – nicht nur für spezifische Dermatosen, sondern auch für psychosoziale Barrieren.
Keypoints
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Entzündungen zeigen sich bei Skin of Color selten leuchtend-erythematös, sondern eher livid bis gräulich-dunkel.
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Skabies, Dermatophytosen und Pyodermien gehören zu den relevantesten Infektionsdermatosen bei Geflüchteten bzw. Asylsuchenden.
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Mit zunehmender Aufenthaltsdauer, durch klimatische Wechsel und psychosozialen Stress exazerbieren oft vorbestehende chronisch-entzündliche Dermatosen.
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Eine erfolgreiche Therapie bei Skin of Color erfordert die Anpassung der Therapiemodalitäten an die biophysikalischen Spezifika der Haut. Flankierend sind die Überwindung struktureller Barrieren und kultursensible Konzepte wichtig, um die Therapieadhärenz zu sichern.
Profile der Migrationsmedizin
Die Migrationsmedizin adressiert kein homogenes Kollektiv, sondern ein dynamisches Kontinuum. In der klinischen Praxis der Migrationsdermatologie definieren die Perspektive und aktuelle Lebensphasen der Betroffenen das Risikoprofil:1,2
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Geflüchtete/Asylsuchende sowie Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus: In der akuten Phase dominieren Hauterkrankungen, die durch schwierige Umstände auf der Migrationsroute bedingt sind, z.B. durch eine hohe Personendichte (Crowding) und eingeschränkte Hygiene. Prekäre Wohnverhältnisse begünstigen das Auftreten von Infektionsdermatosen, während psychosozialer Stress vorbestehende Dermatosen aggraviert. Unkenntnis des Gesundheitssystems, Sprachbarrieren und Repressionsängste verzögern oft die ärztliche Vorstellung, was zu fortgeschritteneren klinischen Manifestationen führt.
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Menschen mit Migrationsgeschichte: Bei Personen, die bereits länger im Land leben, verschiebt sich das Spektrum. Klimatische Umstellungen, Veränderungen des Mikrobioms und die Adaptation an neue Lebensumstände begünstigen vor allem chronisch-entzündliche Dermatosen.
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«Visiting Friends and Relatives» (VFR): Diese Gruppe umfasst Personen mit Migrationshintergrund, die vorübergehend in ihre Herkunftsländer reisen. Sie tragen ein hohes Risiko für endemische Infektionen, da sie allgemein seltener reisemedizinische Prophylaxen in Anspruch nehmen als andere Touristen.
Skin of Color
Globale Süd-Nord-Migration sowie demografische Verschiebungen führen zu einer Diversifizierung des Patientenspektrums.1 Damit verbunden wächst die Relevanz der dermatologischen Versorgung von Menschen mit dunkler Haut. In der Dermatologie wird das Hautkolorit nach der Fitzpatrick-Skala (Typ I bis VI) eingeteilt. Ursprünglich wurde sie zur Klassifikation der UV-Empfindlichkeit entwickelt und hat sich heute als klinischer Standard etabliert. Der Begriff «Skin of Color» umfasst in der Regel die Fitzpatrick-Typen IV (olivfarben) bis VI (tiefbraun bis schwarz).
Da die klassische dermatologische Literatur über Jahrzehnte fast ausschliesslich Effloreszenzen auf den Hauttypen I bis III abgebildet hat,3 erfordert die Diagnostik bei Skin of Color ein Umdenken in der morphologischen Beurteilung.4,5
Das «versteckte» Erythem bei Skin of Color
Eine zentrale diagnostische Herausforderung ist das Fehlen des leuchtend erythematösen Erscheinungsbildes kutaner Entzündung. Dies beruht auf einer optischen Überlagerung durch dichteres epidermales Melanin. Entzündliche Prozesse imponieren dabei livid, gräulich oder dunkelbraun. Die maskierte Präsentation birgt das Risiko einer Unterschätzung von Entzündungsaktivität. Neben dem visuellen Aspekt kommt der Palpation eine besondere Bedeutung zu: Induration, Schwellung, Schmerzhaftigkeit und Überwärmung können hinweisend sein.
Klingt die akute Entzündungsphase ab, kommt es bedingt durch die ausgeprägte Melanozytenreaktivität auf inflammatorische Zytokine fast regelhaft zu einer Pigmentverschiebung. Diese Monate bis Jahre persistierende postinflammatorische Hyperpigmentierung geht häufig mit einem hohen Leidensdruck einher.
Migrationsassoziierte Infektionsdermatosen
Unter Berücksichtigung individueller Migrationsprofile und der morphologischen Besonderheiten bei Skin of Color rücken drei Infektionsdermatosen in den Fokus.
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Skabies (Abb.1a–b): Unter Crowding-Bedingungen, wie sie in Erstaufnahmeeinrichtungen oder prekären Wohnverhältnissen herrschen, ist für Ektoparasitosen wie die Skabies eine hohe Inzidenz zu verzeichnen.6 Bei Skin of Color ist die Diagnostik oft erschwert, da die pathognomonischen Milbengänge durch das dichte epidermale Melanin maskiert werden. Stattdessen dominieren Exkoriationen und hyperpigmentierte Knötchen. Ein niedrigschwelliger Einsatz der Dermatoskopie zur Diagnosesicherung ist daher unerlässlich.
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Dermatophytosen (Abb.1c): Pilzinfektionen der Haut und Haare (Tinea corporis bzw. capitis) sind hochprävalent bei Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung.7 Begünstigt werden sie durch erschwerte Lebensbedingungen und endemisches Vorkommen in Herkunftsländern, einschliesslich zunehmend resistenter Erreger. Diagnostisch trügerisch ist bei Skin of Color das Fehlen des ery-thematösen Randsaums; eher fällt eine Schuppung auf. Bei der Tinea capitis kann die Trichoskopie helfen: Korkenzieher- bzw. Kommahaare sprechen für eine endothriche Infektion durch Trichophyton oder Microsporum spp.
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Pyodermie (Abb.d): Das Spektrum bakterieller Infektionen reicht von oberflächlichen Follikulitiden und Ekthymata bis zu tiefen Weichteilinfektionen. Infizierte Ulzerationen an den Unterschenkeln kommen klassisch nach Bagatellverletzungen und bei unzureichendem Schuhwerk auf Fluchtrouten vor. Entscheidend ist besonders bei rezidivierenden oder abszedierenden Verläufen, resistente oder hochvirulente Panton-Valentine-Leukozidin(PVL)-bildende Staphylokokken zu bedenken.
Abb. 1: Migrationsassoziierte Infektionsdermatosen bei Skin of Color: (a) Skabies an der Hand mit durch Melanin maskierten Milbengängen; (b) gluteale Skabies mit lividen Papeln und postinflammatorischer Hyperpigmentierung; (c) Tinea pedum mit betonter Schuppung bei fehlendem Randsaumerythem; (d) Pyodermie mit livid-gräulichem statt eines leuchtend roten periläsionalen Erythems
Neben diesen Entitäten erfordert die globale Mobilität zunehmend klinische Wachsamkeit für seltenere importierte Tropendermatosen wie die kutane Leishmaniasis, Lepra, Onchozerkose oder Myzetome. Relevant sind auch impfpräventable Infektionen wie Masern, Varizellen oder sexuell übertragbare Infektionen, einschliesslich solche durch HIV.
Chronisch-entzündliche Dermatosen
Mit zunehmender Aufenthaltsdauer rücken nichtübertragbare chronisch-entzündliche Erkrankungen in den Fokus.
Beim atopischen Ekzem der Skin of Color dominiert eine ausgeprägt juckende Xerosis cutis, die schuppig und aschgrau erscheint. Klinisch zeigt sich häufiger eine Betonung der Streckseiten. Auch auf molekularer Ebene existieren Unterschiede: Bei Patienten und Patientinnen afrikanischer Herkunft zeigt sich eine stärkere Th17- und Th22-Immunsignatur, während Filaggrinmutationen seltener auftreten. Diese immunologische Varianz kann das Ansprechen auf moderne Systemtherapien wie Biologika oder JAK-Inhibitoren beeinflussen.8
Auch die Psoriasis vulgaris wird bei Skin of Color zum Teil fehl- oder verzögert diagnostiziert. Die Plaques präsentieren sich nicht erythematös, sondern livid, dunkelbraun oder schwärzlich. Die typische Schuppung wirkt eher grau als silbrig.
Ebenso exazerbieren andere Autoimmun- und chronisch-entzündliche Dermatosen wie der kutane Lupus erythematodes, Vitiligo oder Lichen ruber bzw. simplex häufig migrationsbedingt (Abb.2a–d). Trigger können abrupte Therapieunterbrechungen, veränderte UV-Exposition oder Stress sein.
Abb. 2: Migrationsbedingte Exazerbationen von Autoimmun- und chronisch-entzündlichen Dermatosen: (a) Lupus erythematodes mit UV-getriggertem, gräulichem Erythem im V-Ausschnitt und (b) flächenhafter Ausdehnung am oberen Rücken; (c) disseminierter Lichen ruber pigmentosus mit hyperpigmentierten Papeln und Knötchen; (d) faziale Vitiligo mit starkem Depigmentierungskontrast (das dunklere Kolorit ist die konstitutive Hautfarbe)
Therapeutische Besonderheiten
Die Behandlung bei Skin of Color erfordert bewusste Anpassungen: Ablative bzw. physikalisch-destruktive Verfahren wie die Kryotherapie oder Laserungen ebenso wie irritative Topika (z.B. Keratolytika) sollten behutsam eingesetzt werden. Unerwünschte Reaktionen wie postinflammatorische Hyperpigmentierungen sind häufig. Bei der Basistherapie ist es hilfreich, kulturelle Gepflogenheiten und die Spezifika unterschiedlicher Hauttypen in das Therapiekonzept zu integrieren, um die Adhärenz zu fördern. So weist dunkle Haut afrikanischer Herkunft im Vergleich niedrigste Ceramid-Spiegel auf, was eine gezielte Substitution sinnvoll macht. Asiatische Hauttypen zeigen in Untersuchungen die höchste Hautreagibilität. Hier können Urea oder Propylenglykol hochkonzentriert irritativ wirken und sollten gemieden werden.9 Sprachbarrieren, abweichende Gesundheitskompetenz und variierende Krankheitskonzepte bilden strukturelle Versorgungsbarrieren. Für die medizinische Aufklärung und Rechtssicherheit ist die Inanspruchnahme professioneller, kultursensibler Dolmetscherdienste hilfreich.
Fazit
Die Migrationsdermatologie ist ein dynamisches Feld. Eine zeitgemässe und sichere Versorgung erfordert ein fundiertes Verständnis für die klinischen und biophysikalischen Besonderheiten von Skin of Color, die in diesem Kontext relevant ist. Letztlich gelingt ein nachhaltiger Therapieerfolg durch adaptierte Diagnostik, kultursensible Therapieplanung und den konsequenten Abbau struktureller Versorgungsbarrieren.
Literatur:
1 Castelli F, Sulis G: Migration and infectious diseases. Clin Microbiol Infect 2017; 23(5): 283-9 2 Padovese V, Knapp A: Challenges of managing skin diseases in refugees and migrants. Dermatol Clin 2021; 39(1): 101-15 3 Lester JC et al.: Under-representation of skin of colour in dermatology images: not just an educational issue. Br J Dermatol 2019; 180(6): 1521-2 4 Narla S et al.: Racial disparities in dermatology. Arch Dermatol Res 2023; 315(5): 1215-23 5 Gregersen DM, Elsner P: Ethnic diversity in German dermatology textbooks: Does it exist and is it important? A mini review. J Dtsch Dermatol Ges 2021; 19(11): 1582-9 6 Engelman D et al.: The public health control of scabies: priorities for research and action. Lancet 2019(10192); 394: 81-92 7 Burke OM et al.: Infectious dermatological conditions among refugee and immigrant populations: a systematic review. Int J Dermatol 2026; 65(3): 489-504 8 Chaudhary F, Agrawal DK: Ethnic and racial disparities in clinical manifestations of atopic dermatitis. Arch Intern Med Res 2024; 7(2): 114-33 9 Wan DC et al.: Moisturizing different racial skin types. J Clin Aesthet Dermatol 2014; 7(6): 25-32
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