Nikotinabusus als Herausforderung für die Kinder- und Jugendmedizin
Autor:
Priv.-Doz. DDr. Tamás Fazekas
Sigmund Freud PrivatUniversität
Wien
E-Mail: tamas.fazekas@aon.at
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Vom fetalen Tabaksyndrom bis zu den neuen nikotinhaltigen Suchtmitteln bei Jugendlichen: Tabakkonsum hat bei Kindern und Jugendlichen negative medizinische Auswirkungen, die bis ins Erwachsenenalter gesundheitlich relevant sein können. Die Aufklärung über mögliche Folgen kann bereits im Kindergartenalter beginnen.
Keypoints
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Die Auswirkungen des fetalen Tabaksyndroms werden oft unterschätzt.
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Passivrauchen ist für Kinder im Säuglingsalter besonders gefährlich.
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Vapen und der Konsum von Nikotinbeuteln haben bei Jugendlichen zahlreiche Nebenwirkungen.
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Tabakentwöhnung bei Kindern, Jugendlichen und Schwangeren erfolgt über Verhaltensmodifikation.
Einleitung
Die Komplexität der Frage nach der Schädlichkeit von passiver und aktiver Tabakexposition bei Kindern und Jugendlichen ergibt sich durch die Vielzahl der unterschiedlichen Expositionswege. In der Fetalperiode, im Säuglingsalter, bei Passivrauchexposition und bei aktivem Konsum einer stark variierenden Nikotindosis durch Kinder und Jugendliche gibt es jeweils andere Pathomechanismen zu beachten. Eine Gemeinsamkeit haben allerdings alle diese Mechanismen: Tabakkonsum hat bei Kindern und Jugendlichen negative medizinische Auswirkungen, die bis ins Erwachsenenalter relevant sein können.
Deshalb erscheint es von großer Bedeutung, dass im Gespräch mit den Eltern oder Jugendlichen das grundlegende medizinische Verständnis der Auswirkungen von Passivrauch und aktivem Nikotinkonsum invertrauensvollen Gesprächen erarbeitet wird.
Rauchen in der Schwangerschaft mit schwerwiegenden Folgen
Wenn schwangere Frauen Passivrauch ausgesetzt sind, dann steigt das Risiko für Frühgeburtlichkeit signifikant.1 Während der Schwangerschaft selbst kommt es im Rahmen des fetalen Tabaksyndroms zu einer intrauterinen Wachstumsverzögerung.2 Die Ursache dürfte in Veränderungen von Struktur und Durchblutung der Plazenta liegen. In einer rezenten Publikation konnte gezeigt werden, dass Passivrauch bei Schwangeren zu einer reduzierten Genexpression für Kollagen und zu einer Downregulation des Immunsystems führt.2
Durch Aktivrauchen in der Schwangerschaft können ebenfalls zahlreiche Pathologien entstehen. In Österreich rauchen etwa 12% der Frauen während der Schwangerschaft zumindest gelegentlich.3 Durch die erwähnten genetischen Veränderungen dürfte es zu einer Verdickung der villösen Membran und zu verengten fetalen Kapillaren kommen,4 was das Risiko einer vorzeitigen Plazentaablösung signifikant erhöht.5 Entscheidend ist in dieser Situation die Einbeziehung des Umfelds der Schwangeren. Einerseits soll dies die Schwangere beim Rauchstopp unterstützen und andererseits soll dadurch die Schwangere vor jeglicher Passivrauchexposition insbesondere in geschlossenen Räumen geschützt werden.
Passivrauchen im Kindesalter: Schäden durch oxidativen Stress
Wenn Säuglinge Passivrauch ausgesetzt sind, dann steigt die Gefahr für den plötzlichen Kindstod („sudden infant death syndrome“; SIDS). In den weiteren Jahren kann die Exposition zu einer reduzierten Lungenfunktion führen sowie zu einem erhöhten Risiko für Asthma bronchiale. Auch eine gesteigerte Prädisposition für COPD wird durch das Remodeling als Folge von Passivrauch in frühester Kindheit berichtet. Oxidativer Stress durch Passivrauch dürfte auf molekularbiologischer Ebene zu Veränderungen der Atemwege führen und so das Risiko für bronchiale Obstruktion erhöhen. Die Herausforderung besteht aus Langzeitschäden, die erst im Erwachsenenalter nachweisbar sind, aber bereits im Kindesalter verhindert werden können. Bei der Information von Eltern über die Schäden von Passivrauchen im Kindesalter können bereits Kindergartenkinder involviert werden, zum Beispiel durch Bilderbücher, die das Passivrauchen thematisieren (Abb.1).6
Aktivrauchen bei Jugendlichen: Vapen als neues Gesundheitsrisiko
Auch Jugendlichen müssen die Pathomechanismen der Schäden durch Aktiv- und Passivrauchen mit einfachen Modellen erklärt werden. Während bei Schwangeren das Umfeld und bei Kindern die Eltern miteinbezogen werden müssen, sollte bei Jugendlichen die Peergroup in der Schule und in der Freizeit involviert werden.
Das Rauchverhalten von Jugendlichen hat sich in Österreich in den letzten Jahren geändert. Im Jahr 2022 haben 9,6% der 13-jährigen Burschen täglich geraucht, im Vergleich zu 18,1% der Mädchen.7 Im Jahr 2024 haben in Europa in der Altersgruppe von 10- bis 14-jährigen Adoleszenten nur mehr 0,5% täglich geraucht. Im Gegensatz dazu hat das Vapen in der Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren in Europa deutlich zugenommen. Waren es im Jahr 2014 etwa 16%, so waren es 2024 bereits etwa 32% der Jugendlichen.8
Es muss betont werden, dass sich das Vapen als Motivation zum Rauchstopp nicht eignet. Das Problem verschiebt sich lediglich. Zahlreiche Nebenwirkungen wie akutes Lungenversagen, Exazerbation von Lungenkrankheiten bis hin zur Progression der COPD, die bereits im Jugendlichenalter beginnt, sind im Zusammenhang mit dem Vapen publiziert.9
Nikotinbeutel – keine bessere Alternative
Eine rezente Entwicklung lässt sich seit der Zulassung von Nikotinbeuteln 2019 in Österreich beobachten. Nikotinbeutel sind zwar erst ab dem 18. Geburtstag zugelassen, seit 2022 hat aber in der Altersgruppe von 16–24 Jahren der Konsum von synthetischem Nikotin zugenommen. Anfang 2022 waren in dieser Altersgruppe ab 16 Jahren noch etwa 0,5% Konsumenten, Anfang 2025 waren es bereits etwa 4%, Tendenz steigend.10 Es gibt zwar noch wenige publizierte Daten zu Nebenwirkungen von Nikotinbeuteln bei Jugendlichen, einzelne Fälle von Tachyarrhythmien und akuter Toxizität wurden aber beschrieben. Auch bei diesem Nikotinprodukt scheint sich das Problem lediglich zu verschieben, sodass die vertrauenswürdige und kompetente Beratung über die direkten Auswirkungen von Nikotin auf den menschlichen Organismus entscheidend ist.
Präventive und therapeutische Optionen
Angesichts der vielfältigen Altersgruppen, der unterschiedlichen sozialen Konstellationen und des wachsenden Angebots an Produkten sind therapeutisch spezifische Zugänge empfehlenswert.
Bei Schwangeren
Zur Prävention des fetalen Tabaksyndroms ist eine umfassende Verhaltensmodifikation bei Schwangeren, aber auch in ihrem Umfeld entscheidend. Schwangere Frauen sollten in einer rauchfreien Umgebung leben, sowohl in der Familie als auch am Arbeitsplatz. Auch der Konsum von Nikotinbeuteln soll in der Schwangerschaft beendet werden. Während der Gravidität gibt es zur Rauchentwöhnung medikamentös allerdings nur wenige Optionen, Nikotinpflaster sind in dieser Population wenig effizient. Durch spezifische Verhaltensintervention allein können die Spiegel von Cotinin, dem Hauptabbauprodukt von Nikotin, im Speichel von Schwangeren signifikant reduziert werden.11
Im Kindesalter
Das Vorbeugen einer Passivrauchbelastung im Kindesalter gestaltet sich ähnlich herausfordernd. Auch Kinder und Jugendliche sollten in einer vollständig rauchfreien Umgebung leben. An öffentlichen Orten hat sich diesbezüglich in Österreich in den letzten Jahren viel gebessert, besonders wichtig erscheint auch die Rauchkarenz in privaten Kraftfahrzeugen und in Wohnungen. Bereits Kleinkinder können mit Bilderbüchern informiert werden, Kinder und Jugendliche werden zunehmend in Schulen über die Schäden von Passivrauchen und Nikotinkonsum aufgeklärt.
Große Bedeutung hat dabei die objektive und konstruktive Weitergabe von fachlicher Information durch medizinisches Personal, eventuell mit der Zusatzqualifikation Raucherentwöhnung. Es soll dabei insbesondere das Verständnis dafür geschärft werden, welche Pathomechanismen rauchende Erwachsene bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei noch ungeborenen Kindern auslösen können.
Information für Jugendliche
Schließlich geht es um altersgerechte Information für Jugendliche, die Nikotin konsumieren. Der Zigarettenkonsum scheint zwar in Europa in den letzten Jahren in dieser Altersgruppe rückläufig zu sein. Aber es besteht beim Schutz der Jugendlichen vor teilweise offensiver Werbung für Nikotinprodukte wie Nikotinbeutel noch großer Aufholbedarf. Diesen Werbestrategien können digitale Informationswege gegenübergestellt werden. Denn Medikamente zur Nikotinentwöhnung sind bis zum 18. Geburtstag in Österreich nicht zugelassen. Zur Verhaltensmodifikation in dieser Lebensphase gibt es zahlreiche Online-Initiativen (siehe dazu zum Beispiel gesundheit.gv.at , rauchfrei.at und Sites der Sozialversicherungen). Diese zielen einerseits auf eine rauchfreie Schule ab und versuchen Inhalte der Nikotinentwöhnung in den Unterricht zu integrieren. Andererseits versuchen interaktive Themenprogramme die Jugendlichen mit der jeweiligen Peergroup in ihrem Alltag für Nikotinprävention zu sensibilieren.
All diese Maßnahmen können in einem wohlwollenden Umfeld, in einer Atmosphäre von Kooperation und Kompetenz aller beteiligten Personen Kinder und Jugendliche in Zukunft noch effizienter vor den Schäden durch Rauchen und Nikotinkonsum schützen.
Literatur:
1 Arge K, Hasen A: Association between preterm birth and cigarette smoking among pregnant women in Africa: Systematic review and meta-analysis. J Public Health Res 2025; 14(4): 1-10 2 Chou A et al.: Vaping in pregnancy: unraveling molecular drivers of preeclampsia and fetal growth restriction. Int J Mol Sci 2025; 26: 10009 3 Puhm A et al: Alkohol- und Zigarettenkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit. Gesundheit Österreich GmbH 2023. https://jasmin.goeg.at/id/eprint/2881/1/Alkohol-%20und%20Zigarettenkonsum%20in%20Schwangerschaft%20und%20Stillzeit_BF.pdf ; zuletzt aufgerufen am 23.3.2026 4 Demir R et al.: Structural changes in placental barrier of smoking mother. A quantitative and ultrastructural study. Pathol Res Pract 1994; 190(7): 656-7 5 Karumai-Mori H et al.: Impact of maternal smoking and secondhand smoke exposure during singleton pregnancy on placental abruption: analysis of a prospective cohort study (the Japan Environment and Children’s Study). BMJ Open 2025; 15: e089499 6 FazekasT et al.: Die Geschichte vom Wölkchen-Völkchen. Ein Märchenbuch, das über Tabakkonsum aufklärt. 2013. https://www.boep.or.at/download/556462d46461356598420000/W_lkchen-V_lkchen.pd; zuletzt aufgerufen am 23.3.2026 7 PicklE: Tabakprävention in der Schule. Zusammengefasste Fakten. 2022. https://www.gesundheitskasse.at/cdscontent/load?contentid=10008.795312&version=1745935088 ; zuletzt aufgerufen am 23.3.2026 8 Egger S et al.: Trends in smoking prevalence before and after the emergence of vaping in Aotearoa/New Zealand among 14–15-year-olds identifying as Ma ̄ori, Pacific, European, or Asian: an interrupted time series analysis of repeated cross-sectional data, 2003–2024. Lancet Reg Health West Pac 2025; 64: 101721 9 Omcikus M et al.: Impact of e-cigarettes and flavoured vapes on respiratory health: where are we now? Curr Opin Pulm Med 2026; 32(2): 83-92 10 Tattan-Birch H et al. Oral nicotine pouch use in Great Britain: a repeat cross-sectional study, 2020–25. Lancet Public Health 2026; 11: e26-34 11 Satyanarayana V et al.: Multicomponent behavioural intervention during pregnancy to reduce home exposure to second-hand smoke: a pilot randomised controlled trial in Bangladesh and India. Int J Environ Res Public Health 2024; 21: 490
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