Long-Covid-Rehabilitation 2025 – von der klinischen Erfahrung zur Evidenz
Autorin:
Dr. Tessa Schneeberger
Forschungsinstitut für pneumologische Rehabilitation
Philipps-Universität Marburg
Schön Klinik Berchtesgadener Land
Schönau am Königssee
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Seit 2020 hat sich die Rehabilitation bei Covid-19 und Long Covid von ersten Erfahrungsberichten hin zu einer evidenzbasierten Maßnahme entwickelt. Aktuelle Studien belegen, dass rehabilitative Interventionen wirksam sind – doch Herausforderungen wie Post-Exertional Malaise oder Post-Covid-ILD bestehen weiterhin.
Keypoints
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Symptombasierte Rehabilitation ist machbar und effektiv.
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Digitale Formate erweitern den Zugang und ermöglichen Nachsorge.
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PEM-gerechtes Training erfordert sorgfältige Evaluation und flexible Dosierung.
Entwicklung rehabilitativer Interventionen und Wandel der Patient:innenkohorte
Seit Beginn der Pandemie hat die pneumologische Rehabilitation bei Covid-19- und Long-Covid-Patient:innen eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Während die ersten Rehabilitationsprogramme 2020 noch auf Expertenkonsens und Fallberichten basierten,1 liegen 2025 qualitativ hochwertige randomisierte kontrollierte Studien2,3 (RCT) und systematische Übersichtsarbeiten4–6 vor.
Gleichzeitig hat sich das Patient:innenkollektiv verändert: Zu Beginn dominierten schwer erkrankte, häufig beatmete Patient:innen nach stationärer Akutbehandlung. Inzwischen stehen in der Rehabilitation vor allem Menschen mit Long Covid im Fokus, die während der akuten Infektion nicht hospitalisiert waren. Hinzu kommt eine große klinische Heterogenität mit einer Vielzahl an Symptomen7 – von Fatigue über Dyspnoe bis hin zu kognitiven Einschränkungen –, was sowohl die praktische Umsetzung in der Klinik als auch die wissenschaftliche Bewertung von Rehabilitationsprogrammen erschwert.
Aktuelle Evidenzlage
Mehrere aktuelle Reviews belegen den Nutzen rehabilitativer Maßnahmen bei Long Covid. Eine Metaanalyse zeigte, dass trainingsbasierte und atemtherapeutische Interventionen im Vergleich zu „usual care“ die funktionelle Belastbarkeit, Dyspnoe und Lebensqualität verbessern, wobei die Evidenzqualität von moderat (körperliche Leistungsfähigkeit, Lebensqualität) bis niedrig (weitere Endpunkte) reichte.4 Ein weiteres systematisches Review, das sowohl pharmakologische als auch nichtpharmakologische Ansätze einschloss, fand die stärksten Effekte für ein kombiniertes Rehabilitationsprogramm mit physischen und psychologischen Behandlungskomponenten sowie für kognitive Verhaltenstherapie.5
Aktuelle Studien
Eine kürzlich publizierte RCT untersuchte hospitalisierte Long-Covid-Patient:innen, die randomisiert einer Präsenzrehabilitationsgruppe, einer digitalen Rehabilitationsgruppe oder einer Kontrollgruppe zugeordnet wurden.2 Nach acht Wochen zeigten beide Interventionsgruppen (Präsenz und digital) eine signifikante Verbesserung der körperlichen Belastbarkeit („incremental shuttle walk test“), ohne Hinweise auf eine Verschlechterung von Post-Exertional Malaise (PEM). Die Lebensqualität blieb hingegen unverändert, was möglicherweise auf den primären Fokus eines körperlichen Trainings des Rehabilitationsprogramms zurückzuführen ist.2
In einer eigenen RCT (RELOAD-Studie) unserer Arbeitsgruppe wurde ein symptomorientiertes, multidisziplinäres Rehabilitationskonzept untersucht, bei dem die Interventionen gezielt an das führende Symptomcluster (Fatigue, Kognition, Soma) angepasst wurde.8 In einer überwiegend jüngeren, nicht hospitalisierten Kohorte konnten signifikante Verbesserungen der körperlichen Lebensqualität im Vergleich zur Kontrollgruppe erreicht werden – mit anhaltenden Effekten nach drei Monaten.8
Digitale Rehabilitationsansätze
Digitale und hybride Rehabilitationsprogramme haben sich in den letzten Jahren zu einer wertvollen Ergänzung entwickelt – insbesondere für jüngere Patien-t:innen mit Long Covid und eingeschränkten Ressourcen können digitale Optionen neue Möglichkeiten bieten.
Studien wie z.B. PHOSP-R,2 REGAIN3 oder ENO Breathe zeigen, dass sowohl telemedizinisch betreute als auch selbstgesteuerte Formate zu messbaren Verbesserungen führen können: PHOSP-R verbesserte die Belastbarkeit durch fernüberwachtes Training,2 REGAIN steigerte die Lebensqualität durch ein online-basiertes Gruppentraining mit psychologischer Unterstützung,3 und ENO Breathe – ein Online-Atem- und Gesangsprogramm – reduzierte Angst und Atemnot.
Auch in einem weiteren Projekt unserer Arbeitsgruppe (Reload 2.0, NCT06124625 – digitale Rehanachsorge vs. „usual care“), das im August 2025 abgeschlossen wurde, berichteten Patient:innen, dass das digitale Nachsorgeprogramm es ihnen ermöglichte, Rehabilitation fortzusetzen und dabei Überforderung zu vermeiden (z.B. durch Anfahrtswege).
Post-Exertional Malaise (PEM)
PEM stellt eine der größten Herausforderungen in der Rehabilitation von LongCovid-Patient:innen dar. Eine aktuelle Metaanalyse schätzte die Prävalenz auf rund 25%. Studien, die PEM als Sicherheits- oder Outcome-Parameter bei rehabilitativen Interventionen erhoben, zeigten: Individuell abgestimmte, Pacing-basierte Ansätze sowie symptomtitriertes Training führten nicht zu einer Verschlechterung der PEM-Symptomatik.9 Die Autor:innen schlussfolgerten, dass individuell betreutes, symptombasiertes Training vermutlich sicher ist, betonen jedoch die begrenzte Evidenz aufgrund uneinheitlicher PEM-Diagnostik und fehlender validierter Messinstrumente.9
Aktuelle praktische Empfehlungen zur Trainingstherapie bei Long Covid zielen darauf ab, PEM systematisch zu erfassen, Belastungsgrenzen individuell zu titrieren und das Training bzw. die körperliche Aktivität flexibel und individuell anzupassen.10
Post-Covid-ILD – eine besondere Subgruppe
Eine weitere Gruppe, die besondere Aufmerksamkeit erfordert, sind Patien-t:innen mit Post-Covid-ILD (interstitielle Lungenerkrankungen). Evidenz aus Studien zu chronischen ILD-Formen zeigt, dass Rehabilitation die körperliche Leistungsfähigkeit, Dyspnoe und Lebensqualität verbessern kann.11
Auch bei Covid-19-Überlebenden mit fibrotischen Veränderungen sind ähnliche Effekte zu erwarten. Frühere Empfehlungen raten dazu, ILD-spezifische Rehabilitationsprotokolle anzuwenden und insbesondere auf belastungsinduzierte Desaturationen zu achten.12 Subgruppenanalysen zu Post-Covid-ILD sind jedoch bislang selten und sollten in künftigen Studien gezielt berücksichtigt werden.
Fazit
Rehabilitation kann bei Long Covid die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität verbessern – sowohl in Präsenz- als auch in digitalen Formaten. Entscheidend ist die individualisierte und multidisziplinäre Ausrichtung der Therapie, die sich an den führenden Symptomen und Belastungslimits orientiert. Zukünftige Forschung sollte sich auf Langzeiteffekte, optimale Zeitpunkte und Patient:innenselektion konzentrieren – mit dem Ziel, sichere, wirksame und individualisierte Rehabilitationspfade für Menschen mit Long Covid zu etablieren.
Literatur:
1 Spruit MA et al.: Covid-19: Interim guidance on rehabilitation in the hospital and post-hospital phase from a European Respiratory Society and American Thoracic Society-coordinated international task force. Eur Resp J 2020; 56(6): 2002197 2 Daynes E et al.: Post-hospitalisation covid-19 rehabilitation (PHOSP-R): a randomised controlled trial of exercise-based rehabilitation. Eur Resp J 2025; 65(5): 2402152 3 McGregor G et al.: Clinical effectiveness of an online supervised group physical and mental health rehabilitation programme for adults with post-covid-19 condition (REGAIN study): multicentre randomised controlled trial. BMJ 2024; 384: e076506 4 Pouliopoulou DV et al.: Rehabilitation interventions for physical capacity and quality of life in adults with post-covid-19 condition: A systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open 2023; 6(9): e2333838 5 Zeraatkar D et al.: Interventions for the management of long covid (post-covid condition): living systematic review. BMJ 2024; 387: e081318 6 Li S et al.: Effect of pulmonary rehabilitation for patients with long Covid-19: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Ther Adv Respir Dis 2025; 19: 17534666251323482 7 Davis HE et al.: Author correction: long covid: major findings, mechanisms and recommendations. Nat Rev Microbiol 2023; 21(6): 40 8 Schneeberger T et al.: Late breaking abstract - symptom-based rehabilitation (REHAB) vs. usual care in people with post COVID-19 condition – the Reload trial: a randomized controlled trial (RCT). Eur Resp J 2024; 64(68): RCT3722 9 Pouliopoulou DV et al.: Prevalence and impact of postexertional malaise on recovery in adults with post-covid-19 condition: a systematic review with meta-analysis. Arch Phys Med Rehabil 2025; 106(8): 1267-78 10 Gloeckl R et al.: Practical recommendations for exercise training in patients with long covid with or without post-exertional malaise: a best practice proposal. Sports Med Open 2024; 10(1): 47 11 Dowman L et al.: Pulmonary rehabilitation for interstitial lung disease. Cochrane Database Syst Rev 2021; 2(2): CD006322 12 Carda S et al.: The role of physical and rehabilitation medicine in the Covid-19 pandemic: The clinician’s view. Ann Phys Rehabil Med 2020; 63(6): 554-6
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