Etablierung einer interdisziplinären Dysphagiediagnostik
Autorinnen:
Angelika Mair1
Petra Roitner2
1 Logopädin am Neuromed Campus
2 Logopädin am Med Campus III
Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde
Kepler Universitätsklinikum Linz
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Die Betreuung von Menschen mit Schluckstörungen erfordert eine rasche, fundierte Diagnostik und ein Behandlungsteam aus Expert:innen unterschiedlicher Fachrichtungen. Das Kepler Universitätsklinikum in Linz hat erfolgreich eine interdisziplinäre Struktur zur Dysphagiediagnostik etabliert.
Keypoints
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Schluckstörungen können zu lebensbedrohlichen Konsequenzen oder Einschränkungen der Lebensqualität führen.
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Die Betreuung von Betroffenen erfordert ein gut funktionierendes interdisziplinäres Team.
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Eine rasche, zielgerichtete Diagnostik (z.B. mittels FEES) kann schwere Folgen verhindern.
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Nach kontinuierlicher Qualifizierung steht am Kepler Universitätsklinikum ein großes interdisziplinäres Team zur Verfügung.
Das Schlucken ist eine essenzielle, aber zugleich auch hochkomplexe Funktion, deren Störung nicht nur die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme erschwert, sondern auch lebensbedrohliche Komplikationen nachsich ziehen kann. Schluckstörungen führen neben Mangelernährung und Aspirationspneumonie auch zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität mit weitreichenden psychosozialen Folgen. Eine präzise Diagnostik unter Einbeziehung interdisziplinärer Expertise ist entscheidend, um eine optimale Versorgung der Betroffenen sicherzustellen. Dazu zählt unter anderem die fiberoptische endoskopische Evaluation des Schluckens (FEES), als etablierte Methode zur Diagnostik von Dysphagien.1
Entwicklung der FEES
Die fiberoptische endoskopische Evaluation des Schluckens wurde erstmals 1988 von Susan Langmore und Kollegen beschrieben und hat sich in den letzten Jahrzehnten als eine der zuverlässigsten Techniken zur Beurteilung der Schluckfunktion etabliert.
Die FEES ermöglicht eine detaillierte Visualisierung des Schluckvorgangs und bietet die Möglichkeit, die Aspiration von Speichel und Nahrungsbestandteilen frühzeitig zu erkennen, zu quantifizieren und einen abgestimmten Behandlungsplan zu erstellen. Sie kann zur Evaluation eingesetzter Kompensationsverfahren und des Therapieverlaufs genützt werden.2 Die Erfassung individueller Störungsmuster ermöglicht zudem Rückschlüsse auf die Grunderkrankung und den Läsionsort neurogener Störungen. Damit leistet die FEES auch einen wichtigen Beitrag zur Diagnosefindung.3
Durchführungsstandard der FEES
Tab. 1: Bewertung des Speichelmanagements (modifiziert nach Pluschinski P et al. 2014 und Murray J et al. 1996)5, 6
Tab. 2: Bewertung der Schlucksicherheit und -effizienz (modifziert nach Rosenbek JC et al. 1996 und Hey C et al. 2014)7, 6
Der Ablauf der endoskopischen Schluckuntersuchung folgt einem standardisierten Protokoll. Langmore hat dazu einen mehrteiligen Ablauf entwickelt.4 Neben einer Beurteilung der am Schlucken beteiligten Strukturen wird die Funktion schluckrelevanter Muskeln überprüft. Das Speichelmanagement und auch das Abschlucken unterschiedlicher Nahrungskonsistenzen werden beurteilt. Hierbei wird versucht, Abweichungen der Biomechanik, welche Schluckprobleme verursachen, zu identifizieren, um gezielte therapeutische Interventionen zu planen. Eine Evaluation kompensatorischer Manöver kann ebenso in der Untersuchung erfolgen wie die Beurteilung des gesamten Therapieverlaufs. Im abschließenden Bericht werden die Leistungen auch mittels validierter Scores dokumentiert.4
Zur Bewertung des Speichelmanagements findet etwa die Sekretskala von Murray et al. (Tab.1)5,6 Anwendung. Schlucksicherheit und -effizienz werden mit der Penetrations-Aspirations-Skala von Rosenbek et al. (Tab.2)7,8 oder der Yale Pharyngeal Residue Severity Rating Scale von Suiter et al. (Tab.3)9,10 bewertet, was in weiterer Folge zu einer Ernährungsempfehlung führt. Für spezielle neurologische Fragestellungen wurden in den letzten Jahren zusätzliche Untersuchungsprotokolle entwickelt, wie beispielsweise der FEES-Tensilon-Test, welcher in der Diagnostik einer Myasthenia gravis genützt wird.11
Tab. 3:Bewertung der Schlucksicherheit und -effizienz (modifiziert nach Suiter DM et al. 2014 und Gerschke M et al. 2019)9, 10
Dysphagiediagnostik am Kepler Universitätsklinikum Linz
Um eine hohe Versorgungsqualität unserer Patient:innen zu gewährleisten, wird am Kepler Universitätsklinikum Linz die interdisziplinäre Herangehensweise an die Diagnostik und Therapie der Dysphagie großgeschrieben. Ein Team aus Medizine-r:innen unterschiedlicher Fachrichtungen sowie Logopädi:nnen führt diese wertvolle Untersuchung gemeinsam bzw. in engem Austausch durch. Dadurch kann ein Behandlungsplan unter Bündelung aller fachlichen Kompetenzen und individuell abgestimmt umgesetzt werden, um die bestmögliche Sicherheit und Lebensqualität der Betroffenen zu gewährleisten.
Um eine hohe Qualität und Expertise sicherzustellen, erfolgten die Ausbildung zur Durchführung dieses Diagnostikverfahrens nach dem Curriculum der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) bzw. der European Society for Swallowing Disorders (ESSD) (Abb.1). Dieses Curriculum erfordert neben dem Grundkurs eine umfassende praktische Ausbildung. Mit Unterstützung vonseiten erfahrener Ausbilder:innen wird der Umgang mit dem Endoskop vertieft, eine routinierte Untersuchungsdurchführung eingeübt und eine systematische Befunderstellung trainiert. Nach mindestens 60 durchgeführten Untersuchungen – darunter auch komplexe Fälle – und der Erstellung jeweils fundierter Berichte kann die Ausbildung mit einer praktischen Prüfung durch ein externes Prüfungsorgan abgeschlossen werden. Danach ist die selbstständige Leitung eines Untersuchungsteams möglich.12,13
Im Rahmen ihrer Supervisionen sammelten einige Teammitglieder unserer Abteilung nicht nur erste Erfahrungen in der Durchführung der Untersuchung, sondern konnten bei Expert:innen aus dem deutschsprachigen Raum Wissen erwerben und diese neuen Kenntnisse in die klinischen Strukturen implementieren. Darüber hinaus wurde der Kontakt zu diesen Fachleuten genutzt, um kontinuierlichen Austausch und fachliche Weiterentwicklung zu pflegen. So stellen wir sicher, dass unsere Patient:innen von modernsten diagnostischen und therapeutischen Ansätzen profitieren.
Durch kontinuierliche Qualifizierung steht am Kepler Universitätsklinikum inzwischen ein großes interdisziplinäres FEES-Team zur Verfügung. Einige Kolle-g:innen haben bereits das Ausbilderniveau erreicht und treiben die klinikinterne Weiterbildung aktiv voran. Es ist somit möglich, ohne große Verzögerung die FEES in einer an die jeweilige Fragestellung des Betroffenen angepassten Teamkonstellation durchzuführen. Treten während einer Untersuchung Fragen oder Unklarheiten auf, werden diese zeitnah und interdisziplinär geklärt, um individuelle Lösungen für die Betroffenen zu ermöglichen.
Diese Herangehensweise an die Dysphagiediagnostik bietet zahlreiche Vorteile. Durch die schnelle und effiziente Diagnosestellung können Therapiepläne rasch angepasst werden, dies wiederum verbessert die Versorgung der Betroffenen und reduziert die Folgen der Schluckstörung. Die Kooperation zwischen den verschiedenen Disziplinen ermöglicht zudem eine ganzheitliche Behandlung. Die enge Zusammenarbeit führt zu einer besseren Nutzung der vorhandenen Ressourcen, da sowohl die logopädische als auch die ärztliche Expertise gebündelt wird, ohne dass die Patienten unnötig zwischen den Abteilungen wechseln müssen.
Fazit
Die Etablierung einer interdisziplinären Dysphagiediagnostik am Kepler Universitätsklinikum stellt einen bedeutenden Schritt in der Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Schluckstörungen dar. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen medizinischen und therapeutischen Disziplinen wird eine präzise und effiziente Diagnose und Therapie ermöglicht. Die Integration der FEES und die hohe Qualität der Ausbildung sorgen dafür, dass Betroffene rasche eine fundierte Behandlung erhalten. Insgesamt stellt diese Vorgehensweise ein Modell für eine zukunftsfähige interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der Dysphagiediagnostik dar.
Literatur:
1 Dziewas R, Pflug C: Neurogene Dysphagie. S1-Leitlinie 2020. https://www.dgn.org/leitlinie/neurogene-dysphagie ; zuletzt aufgerufen am 7.1.2026 2 Langmore SE et al.: Fiberoptic endoscopic examination of swallowing safety: A new procedure. Dysphagia. 1988; 2(4): 216-9 3 Warnecke T et al: Neurogenic dysphagia: systematic review and proposal of a classification system. Neurology 2021; 96(6): E876-89 4 Langmore SE et al: Tutorial on clinical practice for use of the fiberoptic endoscopic evaluation of swallowing procedure with adult populations: Part 1. Am J Speech Lang Pathol 2022; 31(1): 163-87 5 Pluschinski P et al. Sekretbeurteilungsskala nach Murray et al. für FEES®. Nervenarzt 2014; 85(12): 1582-7 6 Murray J et al: The significance of accumulated oropharyngeal secretions and swallowing frequency in predicting aspiration. Dysphagia 1996; 11(2): 99-103 7 Rosenbek JC et al.: A penetration-aspiration scale. Dysphagia 1996; 11(2): 93-8 8 Hey C et al.: Penetrations-Aspirations-Skala nach Rosenbek. HNO 2014; 62(4): 276-81 9 Suiter DM et al.: Validation of the yale swallow protocol: a prospective double-blinded videofluoroscopic study. Dysphagia 2014; 29(2): 199-203 10 Gerschke M et al.: Validation of the German version of the Yale Pharyngeal Residue Severity Rating Scale. Dysphagia 2019; 34(3): 308-14 11 Lapa S: Flexible endoskopische Evaluation des Schluckaktes in der Neurologie. Nervenarzt 2023; 94(8): 664-75 12 Dziewas R et al.: FEES für neurogene Dysphagien. Nervenarzt 2014; 85(8): 1006-15 13 Dziewas R et al.: European Society for Swallowing Disorders FEES accreditation program for neurogenic and geriatric oropharyngeal dysphagia. Dysphagia 2017; 32(6): 725-33
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