Schönheit & Schrecken – Einblicke eines Gesichtschirurgen
Der Autor und unser Gesprächspartner:
Dr. Harald Kubiena
FA für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie Gesichtsordination Dr. Harald Kubiena
Wien
Web: www.drkubiena.at
E-Mail: office@drkubiena.at
Die Fragen stellte Dr. Christine Dominkus
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Bei der Jahrestagung der OEADF referierte Dr. Harald Kubiena, Wien, über ein Thema an der Schnittstelle von rekonstruktiver und ästhetischer Gesichtschirurgie. Er verband philosophische und neurokognitive Grundlagen mit klinischen Fallbeispielen und patientenberichteten Outcomes. Im Gespräch mit JATROS stellt er diese dar.
Der Beitrag „Schönheit & Schrecken – Einblicke eines Gesichtschirurgen zwischen Face-Loss und Face-Lift“ widmete sich einem Organ, das selten im Zentrum medizinischer Theorie steht, aber täglich behandelt wird: dem Gesicht. Der Vortrag von Dr. Harald Kubiena, der auf die Behandlung von Gesichtern spezialisiert ist und seine Expertise nicht nur hierzulande, sondern auch bei den Kindern mit Noma in Westafrika einsetzt, führte rekonstruktive Chirurgie, ästhetische Medizin und neuere Erkenntnisse aus Philosophie und Neurowissenschaften in einer gemeinsamen Perspektive zusammen.
Das Gesicht als Beziehungsorgan
Ausgangspunkt ist die These, dass das Gesicht nicht hinreichend als Oberfläche oder bloßes Objekt beschrieben werden kann. Es ist verkörperte Zugehörigkeit („Das ist mein Gesicht“), erlebte Identität („Das bin ich“) und soziale Schnittstelle („So werde ich gesehen“). Jede Veränderung im Gesicht greift damit in Selbstwahrnehmung und Beziehungsmöglichkeiten ein. Theoretisch knüpfte Kubienas Vortrag an Arbeiten zu „embodied selfhood“ und „minimal phenomenal selfhood“ an: Wie entsteht das elementare Gefühl, ein Selbst zu sein, das an einen Körper gebunden ist? Ergänzend zeigt der Blick in die Neurokognition, dass Gesichter im Gehirn nicht wie beliebige Objekte verarbeitet werden. Die „fusiform face area“ steht exemplarisch für diese Sonderstellung in der visuellen Wahrnehmung.
Aus diesen Linien entwickelte Kubiena ein klinisches Arbeitsmodell aus drei Dimensionen: Integrität (Form, Funktion, leibliche Zugehörigkeit), Identität (Wiedererkennbarkeit, biografische Kontinuität) und Interaktivität (Ausdruck, Resonanz, soziale Sicherheit). Dieses Raster dient als gemeinsamer Referenzrahmen für rekonstruktive und ästhetische Entscheidungen.
Patientenzentrierte Zukunftslogik in der Gesichtschirurgie
An konkreten Beispielen wird deutlich, was Rekonstruktion und Ästhetik jeweils leisten – und wo ihre blinden Flecken liegen. Rekonstruktive Eingriffe nach schweren Erkrankungen oder Traumata zeigen, was ein Gesicht nicht verlieren darf. Ästhetische Prozeduren, etwa Facelifts oder minimalinvasive Behandlungen, machen sichtbar, wie fein abgestimmte Veränderungen das Erle-ben von Natürlichkeit, Präsenz und sozialer Sicherheit beeinflussen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die patientenberichtete Perspektive. Mit Instrumenten wie FACE-Q lassen sich Zufriedenheit mit der Erscheinung, Lebensqualität und psychosoziale Auswirkungen aus Sicht der Patientinnen und Patienten strukturierter erfassen. Der Vortrag zeigte, wie solche patientenberichteten Outcomes (PROM) helfen können, Wirkungen jenseits von Vorher-nachher-Fotografie sichtbar zu machen – einschließlich unerwünschter Effekte.
Im letzten Teil des Vortrags wurde diese doppelte Perspektive von Kubiena in eine neue Planungslogik überführt: „backcasting“. Statt vom Defekt oder von der verfügbaren Technik auszugehen, wird vom gewünschten zukünftigen Zustand des Lebens mit diesem Gesicht her rückwärts geplant. Die Leitfrage lautet: Welches Leben soll dieses Gesicht ermöglichen – im eigenen Erleben, in der Selbstwiedererkennung, in der Begegnung mit anderen?
So entsteht ein Bild von Gesichtschirurgie, das Rekonstruktion und Ästhetik nicht gegeneinander ausspielt, sondern in einer patientenzentrierten Zukunfts-logik verschaltet. Kubienas Vortrag richtete sich damit an Ärztinnen und Ärzte ebenso wie an eine interessierte Öffentlichkeit, die verstehen möchte, warum das Gesicht mehr ist als ein Operationsfeld – nämlich ein Organ der Beziehung.
Herr Dr. Kubiena, Schönheit ist relativ und veränderlich. Warum streben dennoch Menschen über die Jahrhunderte nach Schönheit?
H. Kubiena: Weil Schönheit nie nur Oberfläche war. Sie ist immer auch Ausdruck von Gesundheit, Vitalität, Zugehörigkeit und Resonanzfähigkeit gewesen. Die konkreten Ideale verändern sich historisch, aber das menschliche Bedürfnis dahinter bleibt erstaunlich konstant: Wir möchten gesehen werden, wieder-erkannt werden und in Beziehung treten können. Das Gesicht ist dafür unser wichtigstes Organ.
Ist es ein Suchen nach Liebe, Anerkennung und gesellschaftlichen Vorteilen?
H. Kubiena: Natürlich spielt das eine Rolle. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Unser Gesicht entscheidet innerhalb von Millisekunden darüber, wie wir wahrgenommen werden: vertrauenswürdig, gesund, offen, erschöpft, dominant oder verletzlich. Schönheit ist deshalb nie rein privat. Sie beeinflusst soziale Sicherheit, Selbstwert und Interaktion.
Warum sieht man lieber ein schönes Gesicht als ein „hässliches“?
H. Kubiena: Das Gehirn verarbeitet Gesichter nicht wie beliebige Objekte. Symmetrie, Harmonie und lebendige Mimik werden häufig mit Gesundheit und Sicherheit assoziiert.
Gleichzeitig ist Schönheit viel komplexer als perfekte Proportionen. Ein charaktervolles, gelebtes Gesicht kann eine enorme Attraktivität besitzen. Menschen reagieren letztlich nicht nur auf Geo-metrie, sondern auf Ausdruck, Präsenz und Echtheit.
Inwiefern ist Schönheit mit Wohlstand und Macht verknüpft?
H. Kubiena: Schönheitsideale spiegeln fast immer gesellschaftliche Machtverhältnisse wider. Früher war Blässe ein Zeichen dafür, nicht körperlich arbeiten zu müssen. Heute stehen Fitness, Zeit für Selbstfürsorge oder jugendliche Frische oft für sozialen Status. Schönheit ist daher nie völlig unabhängig von Kultur, Ökonomie und gesellschaftlicher Hierarchie.
Sehen Sie Ihre Aufgabe darin, Symmetrie zu „reparieren“?
H. Kubiena: Nein. Symmetrie allein ist kein ausreichendes Ziel. In der rekonstruktiven Chirurgie – etwa bei Kindern mit Noma in Westafrika – wird sehr deutlich, was ein Gesicht wirklich leisten muss: essen, sprechen, lächeln, am sozialen Leben teilnehmen können. Auch in der ästhetischen Chirurgie geht es letztlich um Integrität, Identität und soziale Interaktion. Ich versuche nicht, Gesichter zu normieren, sondern Menschen zu helfen, sich in ihrem Gesicht wieder zu Hause zu fühlen.
Abb. 1: Ästhetische Gesischtschirurgie (a) und Rekonstruktion von komplexen kindlichen Gesichtsdefekt durch die Krankheit Noma (b) als „Erkenntnispole“
Welche Schönheitsideale sind derzeit „in“?
H. Kubiena: Wir erleben aktuell zwei gegenläufige Bewegungen: einerseits extreme Trends durch Social Media – übergroße Lippen, überbetonte Konturen, standardisierte Gesichter. Andererseits wächst das Bedürfnis nach Natürlichkeit, Lebendigkeit und subtiler Verjüngung. Viele Patientinnen und Patienten sagen heute ausdrücklich: „Man soll nicht sehen, dass etwas gemacht wurde.“
Gibt es regionale Unterschiede zwischen den Kontinenten?
H. Kubiena: Ja, absolut. Schönheit ist kulturell geprägt. Dennoch gibt es gewisse universelle Elemente – etwa die Bedeutung von Vitalität, Hautqualität, Ausdruck oder Symmetrie. Die Gewichtung ist jedoch regional sehr unterschiedlich. In manchen Kulturen steht Jugendlichkeit stärker im Vordergrund, in anderen Würde, Natürlichkeit oder individuelle Charakteristik.
Mit welchen Methoden arbeiten Sie?
H. Kubiena: Das Spektrum reicht von regenerativen und minimalinvasiven Verfahren bis zur rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgie. Entscheidend ist für mich weniger die Methode als die Frage: Welche Veränderung verbessert tatsächlich die Lebensrealität dieses Menschen? Moderne Gesichtschirurgie bedeutet oft, mit möglichst kleinen, präzisen Eingriffen möglichst große Natürlichkeit zu erreichen.
Was sagen Sie zu starren Botox-Gesichtern oder überfüllten Gesichtern?
H. Kubiena: Das Gesicht lebt von Bewegung und Resonanz. Wenn Mimik verloren geht, verliert das Gesicht oft auch soziale Lesbarkeit. Menschen spüren intuitiv, wenn ein Gesicht nicht mehr natürlich reagiert. Deshalb sehe ich Überbehandlung kritisch. Gute ästhetische Medizin sollte Ausdruck nicht zerstören, sondern unterstützen.
Viele Menschen scheuen sich vor einem Facelift. Wie überzeugen Sie Patienten?
H. Kubiena: Ich versuche nicht, zu überzeugen. Ich versuche, zu verstehen. Viele Menschen haben Angst vor Kontrollverlust, Schmerzen oder davor, danach „nicht mehr sie selbst“ zu sein. Genau deshalb braucht Gesichtschirurgie sehr viel Gespräch, Planung und Zurückhaltung. Ein modernes Facelift hat wenig mit dem maskenhaften Bild früherer Jahrzehnte zu tun. Ziel ist nicht ein anderes Gesicht, sondern ein vertrauteres, erholteres Selbstbild.
Sehen Sie Ästhetik als Dienstleistung?
H. Kubiena: Teilweise ja – aber nicht ausschließlich. Ästhetische Medizin bewegt sich immer zwischen Medizin, Psychologie, Gesellschaft und Kultur. Deshalb trägt man als Arzt eine besondere Verantwortung. Nicht alles, was technisch machbar ist, verbessert auch das Leben eines Menschen.
Wie sieht Ihr chirurgisches Konzept aus?
H. Kubiena: Mein Ziel ist ein Gesicht, das lebendig, natürlich und sozial anschlussfähig bleibt. Ich denke weniger in isolierten Eingriffen als in Gesichtsdynamik: Licht, Volumen, Bewegung, Spannung, Ausdruck. Moderne ästhetische Chirurgie bedeutet oft Reduktion statt Überkorrektur.
Arbeiten Sie mit langfristigen Konzepten?
H. Kubiena: Ja. Gesichtschirurgie sollte nicht in kurzfristigen Trends gedacht werden. Ich bespreche mit Patienten häufig, wie ein Gesicht in fünf oder zehn Jahren wirken soll. Viele kommen deshalb über Jahre wieder. Nicht aus Abhängigkeit, sondern weil Vertrauen entsteht und ein gemeinsames Verständnis von Natürlichkeit.
Operieren Sie auch nach misslungenen Voroperationen?
H. Kubiena: Ja. Revisionseingriffe sind heute ein wichtiger Teil der Gesichtschirurgie. Oft geht es dabei nicht nur um Technik, sondern auch um verlorenes Vertrauen und Identität. Das ist mitunter eine enorme Belastung und eine schwierige Ausgangssituation.
Wie entsteht „aesthetic doctor shopping“?
H. Kubiena: Das hat häufig mit psychologischen und gesellschaftlichen Faktoren zu tun: permanente Vergleichbarkeit, Filterkultur, Social Media und die Vorstellung, das Gesicht könne beliebig optimiert werden. Irgendwann geht die Verbindung zum eigenen Erscheinungsbild verloren. In solchen Situationen ist ärztliche Zurückhaltung entscheidend. Es gibt Patienten, die man nicht behandeln sollte.
Würden Sie diesen Beruf nochmals wählen?
H. Kubiena: Ja. Absolut. Gerade die Verbindung zwischen rekonstruktiver und ästhetischer Gesichtschirurgie empfinde ich als außergewöhnlich sinnvoll. In Westafrika lernt man, was ein Gesicht verlieren kann, was Rekonstruktion leisten muss. In der ästhetischen Chirurgie lernt man, wie fein Menschen auf Ausdruck, Würde und Wiedererkennbarkeit reagieren, auch: was Ästhetik „kann“. Beide Welten wirken wechselseitig bereichernd und ergänzen einander.
Was möchten Sie Kollegen mit auf den Weg geben?
H. Kubiena: Das Gesicht ist kein bloßes Operationsfeld. Es ist ein Beziehungsorgan. Wir operieren nicht nur Gewebe, sondern immer auch Identität, Ausdruck und soziale Wirklichkeit. Die wichtigste Frage lautet deshalb vielleicht nicht: „Was können wir tun?“ Sondern: „Welches zukünftige Leben soll dieses Gesicht ermöglichen?“ oder vielmehr: „Wo operieren wir unsere Patienten hin?“
Vielen Dank für diesen interessanten Einblick!
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