Weniger Belastung bei guter Tumorkontrolle: vier Highlights der Radioonkologie
Autor:
Univ.-Prof. Dr. Joachim Widder
Leiter der Universitätsklinik für RadioonkologieComprehensive Cancer Center ViennaMedizinischeUniversität Wien, AKH Wien
E-Mail: joachim.widder@meduniwien.ac.at
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Ein gemeinsames Thema zog sich durch mehrere radioonkologische Kongressbeiträge von ASCO und ESTRO 2026: Die Behandlung wird kürzer, präziser und stärker an das individuelle Rückfallrisiko angepasst. Ziel ist nicht einfach „weniger Therapie“, sondern eine Behandlung, die genauso sicher wirkt, aber Patient:innen weniger belastet.
Keypoints
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Radioonkologische Konzepte ermöglichen bei ausgewählten Patient:innen eine kürzere und weniger belastende Strahlentherapie bei vergleichbarer Tumorkontrolle.
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Präzisere Patientenselektion, gezielte lokale Therapien und biomarkerbasierte Deeskalationsstrategien rücken zunehmend in den Fokus der personalisierten Radioonkologie.
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Ziel ist es, die Wirksamkeit der Behandlung zu erhalten und gleichzeitig Nebenwirkungen, Behandlungsaufwand und Einschränkungen der Lebensqualität zu reduzieren.
Für die klinische Praxis ist die Thematik relevant, weil viele Betroffene Fragen zu Dauer, Nebenwirkungen und Nutzen einer Strahlentherapie haben. Die hier zusammengefassten Studien betreffen Hirnmetastasen nach Operation, frühes Mammakarzinom, Mammakarzinom mit wenigen Metastasen sowie HPV-assoziierte Tumoren im Mund-Rachen-Raum.
Hirnmetastasen: Bestrahlung direkt im Operationsgebiet
Wenn einzelne Hirnmetastasen operativ entfernt werden, muss immer eine gezielte Bestrahlung des Operationsbereichs folgen. Damit soll verhindert werden, dass an derselben Stelle erneut Tumorgewebe nachwächst. Ein Problem im Alltag ist jedoch, dass diese Bestrahlung erst nach ausreichender Erholung von der Operation beginnen kann. Verzögerungen oder ein Ausfall der Nachbehandlung können das Rückfallrisiko erhöhen.
ROADS-Studie
Die ROADS-Studie prüfte daher einen anderen Ansatz: Während der Operation werden kleine, mit Cäsium-131 beladene Träger direkt in die Operationshöhle eingelegt. Diese geben lokal Strahlung ab – genau dort, wo das Rückfallrisiko am höchsten ist. Der Vorteil: Die Bestrahlung beginnt sofort und ist nicht von späteren Terminen abhängig.
In die Studie wurden 230 Patient:innen eingeschlossen; 204 konnten in der Hauptauswertung berücksichtigt werden. Nach einer mittleren Nachbeobachtung von 12,9 Monaten zeigte sich ein klarer Vorteil für die direkte lokale Bestrahlung:
Nach 12 Monaten traten bei 1,3% gegenüber 15,4% nach der üblichen nachfolgenden stereotaktischen Bestrahlung Rückfälle im Operationsgebiet auf. Die mediane Zeit ohne Rückfall im Operationsbett war in der neuen Behandlungsgruppe noch nicht erreicht gegenüber 10,9 Monaten in der Vergleichsgruppe.
Das mediane Gesamtüberleben betrug 42,5 Monate gegenüber 17,6 Monaten; nach 24 Monaten lebten 61,7% gegenüber 35,7% der Patient:innen.
Zur Interpretation der Ergebnisse:Der Nutzen ging nicht mit mehr schweren behandlungsbedingten Nebenwirkungen einher. Funktioneller Status, Lebensqualität, weitere Hirnmetastasen, Befall der Hirnhäute und Strahlennekrosen waren vergleichbar.
Für die klinische Praxis: Die Methode ist vielversprechend, aber derzeit in Europa noch nicht verfügbar. Außerdem braucht es unabhängige Bestätigungsstudien und klare Kriterien, für welche Patient:innen sie geeignet ist. Der deutliche Überlebensvorteil ist aus onkologischer Sicht sehr erklärungsbedürftig und sollte daher mit großer Vorsicht interpretiert werden.
Frühes Mammakarzinom: kürzere Bestrahlung mit simultanem Boost
Nach brusterhaltender Operation wird häufig die ganze Brust bestrahlt. Zusätzlich kann das frühere Tumorbett eine höhere Dosis erhalten, den sogenannten Boost. Er senkt das Risiko eines lokalen Rückfalls, verlängert aber klassisch die Behandlungsdauer.
IMPORT-HIGH-Studie
Die IMPORT-HIGH-Studie untersuchte, ob dieser Boost gleichzeitig mit der normalen Bestrahlung gegeben werden kann.
2617 Patientinnen nach brusterhaltender Operation wurden in drei Gruppen behandelt: Standardtherapie über 4,5 Wochen, ein gleichwertig dosierter simultan integrierter Boost (SIB) über drei Wochen oder ein höher dosierter simultaner Boost.
Nach rund zehn Jahren Nachbeobachtung waren lokale Rückfälle selten: 3,5% in der Standardgruppe, 3,7% mit dem gleichwertig dosierten simultanen Boost und 5,5% mit der höheren Dosis. Die höhere Dosis brachte somit keinen erkennbaren Zusatznutzen.
Bedeutung für die klinische Praxis: Der gleichwertig dosierte simultane Boost verkürzt die Behandlung von viereinhalb auf drei Wochen. Das bedeutet weniger Termine und weniger Wege — ohne erkennbare Nachteile bei lokaler Kontrolle oder kosmetischem Ergebnis.
Oligometastasiertes Mammakarzinom: Alle Metastasen gezieltbehandeln?
Bei manchen Patientinnen liegen nur wenige Metastasen vor. Diese Situation wird als oligometastatisch bezeichnet. Klinisch stellt sich dann die Frage, ob zusätzlich zur medikamentösen Tumortherapie alle sichtbaren Metastasen gezielt lokal behandelt werden sollten, zum Beispiel durch stereotaktische Bestrahlung oder Operation.
OLIGOMA-Studie
Die OLIGOMA-Studie schloss Patientinnen mit bis zu fünf asymptomatischen Metastasen ein, sofern alle Herde lokal behandelbar waren. Verglichen wurden alleinige Systemtherapie und Systemtherapie plus gezielte Behandlung aller Metastasen.
Die Studie musste wegen langsamer Rekrutierung vorzeitig beendet werden und umfasste 87 Patientinnen. Dennoch zeigte sich ein deutlichesSignal: Nach zwei Jahren waren 70% der Patientinnen mit zusätzlicher lokaler Therapie ohne Fortschreiten der Erkrankung gegenüber 37% unter alleiniger Systemtherapie. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug 36 Monate gegenüber 20 Monaten.
Klinische Relevanz: Bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen kann die Behandlung aller Metastasen die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung verlängern, ohne die Lebensqualität zu verschlechtern. Wegen der kleinen Fallzahl und des frühen Studienabbruchs sollten die Ergebnisse jedoch zurückhaltend bewertet werden. Frühere Studien konnten diesen Nutzen vermutlich wegen weniger geeigneter Einschlusskriterien nicht zeigen.
Deeskalation HPV-positiver Tumoren im Mund-Rachen-Raum
HPV-assoziierte Tumoren des Oropharynx sprechen häufig sehr gut auf Strahlen- und Chemotherapie an. Die Standardbehandlung ist jedoch belastend: Sie dauert meist etwa sieben Wochen und kann langfristig Schluckbeschwerden, Mundtrockenheit und andere funktionelle Einschränkungen verursachen. Gerade bei oft jüngeren und zu fast 100% heilbaren Patient:innen ist daher eine sichere Therapiereduktion besonders wichtig.
30-ROC-Programm
Das 30-ROC(Reduction in Radiation for Oropharyngeal Cancer)-Programmreduziert die Behandlung nicht pauschal, sondern nach biologischen Merkmalen. Mit einer speziellen PET-Untersuchung (F-MISO) wird geprüft, ob im Tumor Sauerstoffmangel besteht. Sauerstoffarme Tumorbereiche gelten als weniger strahlenempfindlich. Wenn dieser Sauerstoffmangel unter Therapie nicht mehr nachweisbar ist, wird die Dosis deutlich reduziert; bleibt er bestehen, wird die Standarddosis fortgeführt.
In der berichteten Gruppe (430 Patient:innen) konnten etwa drei Viertel der Patient:innen auf eine kürzere Behandlung mit 30Gy umgestellt werden – also auf etwa drei statt sieben Wochen Therapie. Bis zu fünf Jahre Nachbeobachtung zeigten keine signifikanten Unterschiede bei Gesamtüberleben, progressionsfreiem Überleben oder lokoregionären Rückfällen. Gleichzeitig traten weniger Schluckbeschwerden, Schleimhautentzündungen und Hautreaktionen auf.
Der Ansatz könnte einen wichtigen Richtungswechsel markieren: Deeskalation bedeutet nicht, allen weniger Therapie zu geben, sondern jene Patient:innen zu erkennen, bei denen eine geringere Dosis wahrscheinlich sicher ist. Eine prospektive Phase-III-Studie prüft diesen Ansatz derzeit weiter.
Ausblick:Funktionelle Bildgebung könnte künftig helfen, Patient:innen für eine sichere Dosisreduktion auszuwählen. Für Betroffene wäre das ein großer Gewinn: weniger akute Beschwerden, weniger Spätfolgen und eine deutlich kürzere Behandlung. Bis zur breiten Anwendung müssen jedenfalls die Ergebnisse der laufenden Phase-III-Studie abgewartet werden.
Was bedeutet das für die klinische Praxis?
Strahlentherapie wird individueller: Die vorgestellten Daten zeigen keinen einfachen Trend zu „weniger Behandlung“, sondern zu besser ausgewählter, besser getakteter und stärker fokussierter Behandlung.
Wirksamkeit bleibt entscheidend: Kürzere oder reduzierte Behandlung ist nur dann sinnvoll, wenn Tumorkontrolle und Sicherheit erhalten bleiben. Genau das prüfen die genannten Studien.
Praxistipp
Kürzere Behandlungszeiten bedeuten nicht automatisch eine geringere Wirksamkeit. Bei Fragen von Patient:innen lohnt es sich, auf die individuelle Therapieplanung hinzuweisen, die sich heute zunehmend an Tumorbiologie, Rückfallrisiko und aktuellen Studiendaten orientiert.Lebensqualität ist ein zentrales Therapieziel: Weniger Behandlungstage, weniger Wege in die Klinik und weniger funktionelle Spätfolgen sind für Betroffene im Alltag unmittelbar spürbar.
Die zentrale Botschaft lautet daher: Moderne Strahlentherapie kann für viele Patient:innen kürzer und schonender werden, ohne dass der Anspruch an Tumorkontrolle und Sicherheit aufgegeben werden muss. Der Fortschritt liegt in neuer Technik, aber auch in besserer Auswahl, Dosierung und Organisation der Behandlung an großen Tumorzentren.
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