„Prävention sollte fester Bestandteil des medizinischen Betreuungswesens sein“
Unser Gesprächspartner:
Dr. Andreas Krauter, MBA
Chefarzt, Leiter Medizinischer Dienst und Versorgungsinnovation
Österreichische Gesundheitskasse
Das Interview führte Ingeborg Morawetz, MA
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Dr. Andreas Krauter, Chefarzt und Leiter des Fachbereichs Medizinischer Dienst und Versorgungsinnovation der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), spricht im Interview über Krebsvorsorge in Österreich: Was läuft gut, was könnte besser sein und wo hat Österreich im EU-Vergleich die Nase vorn?
Sie haben auch dieses Jahr wieder am Krebsvorsorgetag des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Wien teilgenommen. Was bedeutet der Tag für Sie?
A. Krauter: Wir sind sehr stolz darauf, dass wir am Krebsvorsorgetag der Medizinischen Universität Wien am AKH teilnehmen können.
Die Österreichische Gesundheitskasse versorgt 7,6 Millionen Versicherte in Österreich. Über die Teilnahme am Krebsvorsorgetag können wir ihnen anbieten, dass sie die aktuellsten Informationen zu Prävention, Diagnostik und Therapie bei Krebserkrankungen erhalten. Der Vorsorgetag hilft auch dabei, das bestehende Vorsorgeprogramm besser verständlich zu machen und die Inanspruchnahme zu fördern. Denn in der Kommunikation unserer Präventionsprogramme sind wir in Österreich im europäischen Vergleich noch ausbaufähig.
Der Tag ist außerdem eine Möglichkeit für uns, die Partnerschaft mit der MedUni zu festigen und den Austausch zwischen der Klinik, der Forschung und uns als Organisation zu verbessern.
War der Krebsvorsorgetag gut besucht?
A. Krauter: Er war sehr gut besucht – so sehr, dass wir uns in Zukunft zusätzliche Stehplätze wünschen würden. In der Bevölkerung ist Interesse an Vorsorge vorhanden. Dennoch stellt sich die Frage, wie wir künftig noch mehr Menschen erreichen können. Da wir als Gesundheitskasse an der Veranstaltung teilnehmen, tragen wir auch zur Bewerbung bei und nutzen dafür unsere Magazine und die weiteren Kommunikationskanäle der ÖGK.
Wesentlich ist zudem, dass Informationen zu Vorsorgeangeboten auch für niedergelassene Ärzt:innen leicht zugänglich sind, zum Beispiel über Aushänge. Sokönnen Ärzt:innen einerseits für sich beurteilen, was sie lernen wollen, und andererseits aber auch ihre Patient:innen gezielter auf Vorsorge ansprechen und sie so einfacher zur Teilnahme an Veranstaltungen und Programmen motivieren.
Wie werden Vorsorgeprogramme in Österreich generell angenommen?
A. Krauter: Beim Wahrnehmen der Vorsorgeangebote haben wir in Österreich ein West-Ost-Gefälle. Die Menschen aus dem Westen gehen öfter zur Vorsorgeuntersuchung als die Menschen aus dem Osten von Österreich.
Die Ursachen sind vielfältig. Ein Faktor ist, dass Frauen häufiger zur Vorsorge gehen als Männer. 2023 war das Verhältnis 56 Prozent zu 44 Prozent. Vorsorgeuntersuchungen werden auch mehr von Menschen genutzt, die in höherem Alter sind. Aber wir würden uns natürlich wünschen, dass Österreicher:innen vor ihrem 40. Lebensjahr im dreijährigen und ab ihrem 40. Lebensjahr im zweijährigen Abstand zur Kontrolle kommen – insbesondere bei familiärem Risiko. Ob Krebsfälle in der Familie es nötig machen, bereits früh und in kürzeren Abständen Kontrolluntersuchungen wahrzunehmen, kann auch mit den Hausärzt:innen besprochen werden.
Es gibt außerdem Kulturgruppen, die neu nach Österreich gekommen sind und es nicht gewohnt sind, in unserem Gesundheitssystem betreut zu werden.
Über die ÖGK registrieren wir im Jahr ungefähr 300000 Vorsorgeuntersuchungen. Bei 9,2 Millionen Einwohner:innen und einem Vorsorgerhythmus von Zwei- Jahres-Intervallen ist das mit nur 20 Prozent noch lange nicht der Erfolg, den wir haben wollen.
Wie viel Raum ist nach oben und wie kann man ihn nutzen?
A. Krauter: Wir haben die Möglichkeit, die Krebsinzidenz um bis zu 50 Prozent zu senken. Die Menschen sollten das auch wissen und nutzen. Bei Gebärmutterhalskrebs ist durch HPV-Impfungen langfristig sogar eine Eliminierung möglich. Die OECD attestiert uns, dass wir eigentlich ein sehr gutes Gesundheitssystem haben. Im niedergelassenen Bereich wird es primär durch die ÖGK vertreten. Leider wird dieses hohe Niveau an Versorgung nicht ausreichend wertgeschätzt. Wir müssen es mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken, gerade bei jenen mit einer negativen Stimmung diesem Land gegenüber.
Um die Nachfrage nach Vorsorgeangeboten zu erhöhen, gibt es unterschiedlichste Ansätze. Eine ist die verstärkte Bewerbung. Positive Assoziation ist eine bessere Motivation als Angst. Positiv ist zum Beispiel, dass der Zugang zu den Programmen kostenlos ist.
Wir haben auch Ansätze für konkrete Situationen: Alle, die in den letzten acht Jahren keine Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen haben, wollen wir mit zwei Einladungswellen dazu motivieren, es doch zu versuchen.
Die Teilnahme an den Untersuchungen wird auch durch unsere ÖGK-App erleichtert, in der man Termine vereinbaren kann. Gerade für die jüngeren Generationen ist die App ein wertvolles Kommunikationsinstrument.
Welchen Hürden begegnen Sie?
A. Krauter: Ein Grundproblem ist und bleibt das Fehlen der „health literacy“, das in Österreich oft beklagt wird. Das allgemeine Wissen zu Gesundheitsthemen ist entwicklungsbedürftig. Auch Bildungseinrichtungen können hier einen wichtigen Beitrag leisten, um Wissen zu Gesundheit, Krankheit und Vorsorge frühzeitig zu vermitteln.
Ein weiteres wichtiges Thema in Österreich ist, wie wir Menschen unabhängig von Bildungs- und Sozialstatus besser erreichen können. Menschen mit umfangreicher Bildung fällt es leichter, die Angebote zu verstehen und wahrzunehmen.
Die Hürden dabei sind die verschiedenen Lebensrealitäten der Menschen, ihr Risikobewusstsein und das Gefühl des „Gesundseins“, das ja relativ ist.
Denn oft stimmt es nicht, wenn Menschen sagen, dass sie sich gesund fühlen. Hinter dem Gefühl steht nicht selten die Angst vor der Diagnose oder vor der Untersuchung. Eine Dickdarmspiegelung ist zum Beispiel ein Schreckgespenst, dabei wird sie inzwischen in Vollnarkose durchgeführt und man bekommt gar nichts davon mit. Darüber müssen wir aufklären, damit die Menschen sich nicht hinter ihrer vermeintlichen Gesundheit, der Entfernung zur nächsten Praxis oder Terminproblemen verstecken.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Wir müssen vermitteln, dass Vorsorge nicht terminkritisch ist. Es ist kein Problem, wenn man einen Termin in ein paar Wochen oder Monaten bekommt. Hauptsache ist, dass man hingeht.
Und das zugrunde liegende Thema muss immer sein: Welche Priorität gebe ich mir selbst, wie lieb habe ich mich selbst im Leben? Dass Menschen ihre persönlichen Gesundheitsbedürfnisse priorisieren, daran müssen wir auch noch arbeiten.
Gibt es finanzielle Limitationen?
A. Krauter: Wir werden öfter gefragt, warum wir nicht stärker auf „Nudging“, also auf verhaltenslenkende Maßnahmen, setzen wollen. Das liegt vor allem an den steigenden Kosten. Wir sind in einer Situation, in der wir allein bei Medikamenten jährliche Mehrkosten von knapp 280 Millionen Euro verzeichnen – bei Gesamtausgaben von rund 4,3 Milliarden Euro. Und die Entwicklung geht weiter nach oben. Zudem gibt es immer mehr ältere Menschen, die versorgt werden müssen, und eine sinkende Anzahl von Berufstätigen, die ins System einzahlen. Das ist alles nicht mehr so gut unter einen Hut zu bringen.
Eine der Ansatzmöglichkeiten ist neben dem gesunden Lebensstil also auch die Tatsache, dass die Vorsorge genutzt wird, um möglichst frühzeitig auf therapienotwendige Erkrankungen aufmerksam zu werden. Auf persönlicher Ebene ersparen sich die Menschen so, das volle Leid einer Erkrankung zu erfahren. Und auf politischer Ebene hat das Gesundheitssystem dann mehr Geld für seine Maßnahmen zur Verfügung.
Welche Vorsorgeuntersuchungen existieren bereits – oder sollten existieren?
A. Krauter: Bei Darmkrebs gibt es die Möglichkeit, über Darmspiegelungen oder Stuhltests die Erkrankung früh zu erkennen, wobei Stuhltests nicht die gleiche Exzellenz haben wie eine gut durchgeführte Darmspiegelung.
Bei Lungenkrebs denken wir zusammen mit den Fachgesellschaften über den Einsatz von regelmäßigen CT-Screenings nach, vor allem bei Raucher:innen.
Beim Thema Fettleber, die ebenfalls zu Krebs führen kann, gibt es die Elastografie, die es uns erlaubt, den Fibrosierungsgrad der Leber relativ einfach zu ermitteln. Eine Integration in Vorsorgeprogramme ist grundsätzlich denkbar, hängt jedoch auch von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab.
Die Brustgesundheitsvorsorge hingegen klappt im Vergleich zu ganz Europa hervorragend. Aber beim Dickdarm-, Prostata-, Lungen- und Leberscreening sollten wir in Österreich in die Gänge kommen.
Arbeiten Sie gerade an einem neuen Programm?
A. Krauter: Derzeit sind wir in Abstimmungsgesprächen mit der Medizinischen Universität und der Urologie, um das prostataspezifische Antigen, PSA, neu in den Vorsorgeablauf einzuordnen. Wir arbeiten mit Univ. Prof. Dr. Shahrokh Shariat zusammen, einem international anerkannten Experten im Bereich der Krebsprävention. Zusammen versuchen wir, PSA frühzeitig in die Vorsorgeuntersuchung zu integrieren und gleichzeitig eine gezielte, indikationsgerechte Anwendung sicherzustellen. Unnötige Untersuchungen sollen dabei vermieden werden. Gleichzeitig wollen wir nach internationalen Standards vorgehen. In Österreich wird zum Beispiel teilweise noch die gefürchtete rektale Untersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs durchgeführt, dabei ist sie eigentlich schon lange obsolet. Labor und Bildgebung reichen nach neuesten Erkenntnissen für die Vorsorge völlig aus.
Prof. Shariat hat außerdem eine hohe Sensibilität dafür, verschiedene Kulturgruppen mit den Angeboten des Gesundheitssystems zu erreichen. Auch deswegen freuen wir uns über die Zusammenarbeit, die eine große Chance ist, mit unterschiedlichen Sprachen und Zugängen an die österreichische Bevölkerung heranzutreten. Genau dafür braucht man Menschen wie Prof. Shariat, um Entwicklungen hin zu Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt voranzutreiben.
Österreich hat hier die Möglichkeit und Verantwortung, die bestehenden Angebote weiterzuentwickeln.
Was fällt für Sie neben den regelmäßigen Untersuchungen noch in den Bereich Vorsorge?
A. Krauter: Auch hier gibt es verschiedene Ebenen. Eine davon ist der individuelle Lebensstil: Ernährung, Bewegung, Arbeitsbedingungen und der Umgang mit Suchtmitteln. Ganz wichtige Themen in der Krebsprävention sind inzwischen auch der Tag-Nacht-Rhythmus und der Schlafrhythmus und ob Menschen glücklich sind und ein sozial erfülltes Leben haben. Unter diesen Kriterien kann eine Salutogenese, also ein gesundes Leben, in Angriff genommen werden. Aber das können wir als Gesundheitskasse den Menschen nicht abnehmen. Diese Verantwortung liegt letztlich bei jedem und jeder Einzelnen.
Und dann gibt es natürlich die „Reparaturmedizin“, über die wir zum Beispiel gefährliche Krebserkrankungen in chronische Erkrankungen umwandeln können. Oft ist hier zu Beginn ein Therapieschub nötig und danach sind im besten Fall nur noch Kontrollen nötig.
Zwischen Salutogenese und Reparaturmedizin steht das Segment der Früherkennung. Da können wir alle unsere Möglichkeiten der frühen Diagnose einer Krankheit und des Verhinderns einer katastrophalen Entwicklung ausspielen.
Nutzt Österreich bereits die existierenden EU-Programme zur Krebsvorsorge?
A. Krauter: Österreich nutzt EU-Programme derzeit noch vergleichsweise wenig. Künftig sollten diese Fördermöglichkeiten jedoch stärker genutzt werden.
„Europeʼs Beating Cancer Plan“ zum Beispiel arbeitet mit den vier wichtigen Feldern Prävention, Früherkennung, Diagnose und Behandlung sowie Lebensqualität. Was die inkludierten Entitäten betrifft, würde ich für Österreich noch die Fettleber hinzufügen, weil es hier wegen der suboptimalen Ernährungsgewohnheiten eine Tendenz dazu gibt.
Davon, wie der „Europeʼs Beating Cancer Plan“ aufgestellt ist, kann Österreich auf jeden Fall profitieren. Die urologische Klinik am AKH Wien unter Prof. Shariat hat es zum Beispiel schon geschafft, die EU-Projekte zu nutzen. Für betroffene Menschen und die Möglichkeiten der Finanzierung sind sie eine gute Grundlage.
Was sehen Sie als Ihre Aufgabe für die nächsten Jahre?
A. Krauter: Ein zentraler Schwerpunkt wird es sein, gemeinsam mit unseren Stakeholdern, also den Vertragspartner:innen, möglichst viele Menschen in Österreich zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen zu motivieren. Entscheidend ist die klare Kommunikation, dass Früherkennung die Heilungschancen verbessert und gleichzeitig individuelles und familiäres Leid reduzieren kann. Diese Kommunikation muss niederschwellig sowie sprachlich und kulturell angepasst erfolgen.
Prävention sollte ein fester Bestandteil unseres medizinischen Betreuungswesens sein. Um das zu erreichen, ist auch eine enge Zusammenarbeit mit den Medien nötig. Wir müssen alle zusammenhelfen.
Wie sieht die Zukunft der Krebsvorsorge aus?
A. Krauter: Ziel ist es, in absehbarer Zeit ein umfassendes Sicherheitsnetz für unsere Versicherten zu etablieren. Dieses umfasst: strukturierte Vorsorge- und Früherkennungsprogramme, unterstützt durch datenbasierte Systeme, klar abgestimmte Versorgungsstrukturen sowie eine zielgerichtete Kommunikation bei Risiko- und Verdachtsfällen. Langfristig soll dadurch die Krebsinzidenz deutlich gesenkt werden.
Die Förderung der Vorsorge ist eine gemeinsame Aufgabe aller im Gesundheitswesen Tätigen. Es gilt, alle verfügbaren Kommunikationskanäle konsequent zu nutzen, um das Thema sichtbar zu machen und möglichst viele Menschen zu erreichen.
Dafür braucht es auch Unterstützung auf allen politischen Ebenen, damit Vorsorge nicht als Einzelfallmaßnahme wahrgenommen wird, sondern als gesamtgesellschaftliches Anliegen.
Auf lange Sicht sollte Vorsorge einen ähnlich hohen Stellenwert im gesellschaftlichen Bewusstsein einnehmen wie frühere breite Gesundheitsinitiativen.
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