Die Konsequenzen des Erfolgs ziehen
Autor:
Univ.-Prof. DDr. (h.c. mult.) Shahrokh F. Shariat
Leiter der Universitätsklinik für Urologie
Comprehensive Cancer Center (CCC) Vienna
Medizinische Universität Wien, AKH Wien
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Die aktuellen Krebsprognosen für Österreich zeichnen ein Bild, das auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: Die Zahlen der Krebsneuerkrankungen, der krebsbedingten Todesfälle und der Menschen, die mit einer Krebsdiagnose leben, werden in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Gleichzeitig sinken die altersstandardisierten Inzidenz- und Mortalitätsraten. Dieser Befund ist kein Paradox, sondern Ausdruck zweier paralleler Entwicklungen: medizinischen Fortschritts und demografischen Wandels.
Menschen werden älter. Krebs ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Und immer mehr Patient:innen überleben ihre Erkrankung über viele Jahre – oft mit guter Lebensqualität. Die Onkologie steht daher nicht vor einem medizinischen Versagen, sondern vor den Konsequenzen ihres Erfolgs.
Die aktuelle Krebsprojektion von Statistik Austria prognostiziert einen Anstieg der jährlichen Neuerkrankungen von rund 46500 im Jahr 2023 auf über 56500 im Jahr 2045 – ein Plus von mehr als 20%. Gleichzeitig wird die Zahl der Menschen, die mit einer Krebsdiagnose leben, um über 50% zunehmen. Parallel dazu sinken die altersstandardisierten Inzidenz- und Mortalitätsraten kontinuierlich.
Der Anstieg der absoluten Fallzahlen ist damit primär demografisch bedingt. Mit der wachsenden Bevölkerungsgruppe über 65 Jahre nehmen jene Altersgruppen zu, in denen Krebs naturgemäß häufiger auftritt. Medizinischer Fortschritt verhindert diesen Anstieg nicht – er verschiebt ihn, mildert seine Folgen und macht ihn beherrschbar.
Der internationale Vergleich bestätigt dieses Muster. Die aktuellen Cancer Statistics 2026 der American Cancer Society berichten für die USA über mehr als zwei Millionen Neuerkrankungen pro Jahr. Gleichzeitig wird erstmals eine 5-Jahres-Überlebensrate von rund 70% über alle Tumorentitäten hinweg erreicht. Auch in den USA sinkt die altersadjustierte Mortalität, während die absoluten Fallzahlen hoch bleiben.
Primärprävention wirkt langsam
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der Lungenkrebs. In den USA sind die Erkrankungs- und Sterberaten bei Männern seit Jahren rückläufig – parallel zum Rückgang des Rauchens seit den 1970er-Jahren. Bei Frauen hingegen begann die breite Tabakexposition später. Die Konsequenzen zeigen sich nun zeitverzögert in stabilen oder steigenden Erkrankungsraten. Die prognostizierte Trendwende, wonach Frauen künftig häufiger betroffen sein werden als Männer, ist daher keine biologische Überraschung, sondern die verspätete Rechnung für Rauchgewohnheiten in den vergangenen Jahrzehnten.
Die Lehre daraus ist klar: Primärprävention wirkt – aber sie wirkt langsam. Mit einer Verzögerung von 20 bis 40 Jahren. Wer heute bei der Tabakprävention nachlässt, produziert die onkologischen Herausforderungen von morgen. Gleichzeitig gewinnt die Sekundärprävention, etwa durch strukturierte Low-Dose-CT-Programme für Hochrisikopersonen, zunehmend an Bedeutung. Die USA zeigen, was möglich ist, wenn Prävention, Früherkennung, Innovation und integrierte Versorgung systematisch zusammenspielen.
Prostatakarzinom: Die Beudeutung steigt
Für alle Länder rückt jedoch eine andere Tumorentität zunehmend in den gesundheitspolitischen Fokus: das Prostatakarzinom. Die Zahl der Diagnosen wird bis 2045 um nahezu 60% steigen. Bereits heute ist es die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Gleichzeitig wissen wir: Früh erkannt, risikoadaptiert eingeordnet und differenziert behandelt, ist Prostatakrebs in vielen Fällen keine lebensverkürzende Erkrankung.
Das eigentliche Problem ist daher nicht der PSA-Wert, sondern das Fehlen eines strukturierten Systems. Die derzeitige unkoordinierte Früherkennung führt zu Überdiagnose und Übertherapie. Gleichzeitig führt fehlende Früherkennung zu fortgeschrittenen, metastasierten Erkrankungen mit hoher individueller und gesellschaftlicher Belastung. Internationale Erfahrungen zeigen eindeutig: Entscheidend ist nicht, ob gescreent wird, sondern wie.
Österreich braucht ein organisiertes, qualitätsgesichertes und risikoadaptiertes Prostatakrebs-Screening – eingebettet in klare Versorgungswege, mit definierter Zielpopulation, moderner Bildgebung wie der biparametrischen MRT, strukturierter Risikostratifizierung und aktiver Überwachung bei Niedrigrisiko-Erkrankungen. Nicht als individuelle medizinische Entscheidung, sondern als gesundheitspolitische Strukturmaßnahme.
Klare Zahlen
Die vorliegenden Daten lassen keinen Zweifel: Die zentrale Frage der kommenden Jahre ist nicht, ob Krebs häufiger wird – das wird er. Die entscheidende Frage ist, ob wir unsere Versorgungssysteme so weiterentwickeln, dass steigende Fallzahlen nicht automatisch steigendes Leid und explodierende Kosten bedeuten.
Onkologie ist heute mehr als eine medizinische Disziplin. Sie ist ein Gradmesser für Weitsicht, Organisation und Verantwortung eines Gesundheitssystems. Der Lungenkrebs mahnt uns, Prävention langfristig zu denken. Der Prostatakrebs zeigt uns, dass moderne Medizin ohne Struktur ihre Wirkung verfehlt.
Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Jetzt liegt es an uns, die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.
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