Herausgeworfen aus der Normalität
Autor:
Prof. Dr. Giovanni Maio
Universität Freiburg
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Freiburg
E-Mail: maio@ethik.uni-freiburg.de
Die Onkologie ist ein ganz besonderes Fach, denn sie hat mehrere Zielsetzungen in einem. So muss es der Onkologie letzten Endes darum gehen, nicht nur gegen den Krebs zu kämpfen, sondern sie muss vor allen Dingen dabei helfen, mit der Krankheit zu leben. Das Leben im Kranksein – das wäre ein zentrales Ziel der Onkologie, und doch können wir die konkrete Bedeutung dieses Ziels nur dann in der Tiefe verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, was die Krebskrankheit mit dem Menschen macht. Vor diesem Hintergrund soll eine Phänomenologie der Krebserkrankung entwickelt werden, um daraus abzuleiten, was für eine Ethik der Onkologie von Bedeutung ist. Was also macht der Krebs mit dem Menschen?
Der Krebs als Disruptor
Die Krankheit Krebs bricht ein in eine Biografie, sie durchbricht die Kontinuität des Lebens, sie unterbricht die Selbstverständlichkeit der Vollzüge. Die Krebskrankheit ist ein radikaler Unterbrecher; sie lässt schlichtweg nicht zu, dass es so weitergeht wie bisher. Das ist das Virulente an der Krebserkrankung, dass sie jede Kontinuitätserwartung durchkreuzt und dem Krankgewordenen keine Wahl lässt, denn die Krankheit diktiert ihm eine neue Herrschaft. Plötzlich wird die Art und Weise, wie man bisher gelebt hat, vollkommen brüchig, die Sicherheit des Lebens geht radikal verloren, die Krankheit kündigt eine neue Zukunft an, eine Zukunft, von der wir am Anfang nur wissen, dass sie absolut unsicher ist. Im Bewusstsein des Krankgewordenseins erscheint jede Zukunft nunmehr als unberechenbar. Die Zukunft des krank gewordenen Menschen ist eine Zukunft, die er nicht mehr einfach festzurren und planmäßig in die Hand nehmen kann, sondern sie wird zu einer Zukunft, die nach eigenen und scheinbar undurchdringlichen Gesetzen verlaufen wird.
Die Krebskrankheit als Aussetzen von Normalität
Auf diese Weise wird das Kranksein als etwas erlebt, das jede Normalität aufkündigt, sowohl im Blick auf die Bewältigung von Alltagssituationen als auch im Blick auf die alltäglichen Interaktionen. Nichts kann mehr wie gewohnt ablaufen, auch die Gespräche mit den anderen nicht. Man wird als krebskranker Mensch unweigerlich von der Umgebung auf das Krankgewordensein reduziert; alles kreist nur noch darum. Eine Normalität aufrechtzuerhalten, ist hier zunächst einmal schier unmöglich. Daraus kann die Gefahr erwachsen, dass der kranke Mensch nicht nur Widrigkeiten ausgesetzt ist, sondern sich selbst der Konfrontation mit diesem Normalitätsbruch zunehmend entzieht und damit einen sozialen Rückzug antritt. Der kranke Mensch ist daher von sozialer Isolation bedroht, und zwar nicht nur dadurch, dass er in seinem Bewegungsspielraum und seiner Alltagsbewältigung eingeschränkt wird, sondern weil es ihm unmöglich gemacht wird, in und trotz seinem Kranksein Normalität zu erfahren.
Die Krebskrankheit als Durchkreuzung der Kontrollerwartung
Die Krebserkrankung stellt eine Konfrontation mit dem Eigendynamischen dar. Das Leben mit der Krankheit ist ein komplett anderes, weil die Krankheit die Konrollerwartung durchkreuzt. Man hat das Leben bis dahin komplett kontrolliert, es auf eine planmäßige Abfolge festgezurrt, und jetzt kommt die Krankheit und zeigt auf, dass das Leben nun nicht mehr so planmäßig ablaufen wird wie gewohnt, weil die Krebskrankheit eben nicht gleichförmig verläuft, sondern Hochs und Tiefs aufkommen lässt. Das, was die Krebskrankheit ausmacht, ist ihre Wechselhaftigkeit, das nicht kalkulierbare und auch nicht kontrollierbare Auf und Ab. Sie diktiert dem Menschen einen neuen Rhythmus, einen Rhythmus, der dadurch charakterisiert ist, dass dessen Taktstock im Verborgenen einen undurchschaubaren Takt angibt.
Die Krebskrankheit als schonungsloser Infragesteller
Die Krebskrankheit stellt infrage, sie stellt die bisherigen Rollen radikal infrage, sie stellt die bisher formulierten Lebensziele grundlegend infrage, sie stellt nichts weniger infrage als die eigene Identität. Die Krankheit zwingt dem Menschen Fragen auf, die er sich vorher nie gestellt hat, sie hält ihn an, alles Bisherige neu zu überdenken, neu zu konzeptualisieren, oft überhaupt sein Leben neu zu reflektieren, mit der Folge, dass das gesamte Leben durch die Krankheit eine Neubewertung erfährt.
Der Krebs als Katalysator einer inneren Entwicklung
Die Krebskrankheit geht mit Verlust einher, mit dem Verlust an Sicherheit, auch mit dem Verlust an Autonomie – aber sie braucht den Menschen nicht bei diesem Verlust stehenzulassen, denn bei rechter Unterstützung birgt die Krankheit zugleich auch ein Transitionspotenzial in sich (Maio 2025, Wirtz 2018). Die Krebskrankheit ist nichts anderes als ein Katalysator von Veränderung, auch von äußeren Veränderungen, aber vor allem von innerer Veränderung. Sie kann gerade deswegen eine Triebkraft zur Veränderung werden, weil man ihr nicht ausweichen kann. So lässt sich sagen, dass die Krankheit unweigerlich eine Aufgabe stellt, sie stellt nichts anderes als eine Entwicklungsaufgabe. Die Krebskrankheit initiiert eine Phase des Übergangs, sie fordert zur Veränderung, zur Entwicklung auf. Und es sind die Kontextbedingungen, die darüber entscheiden, ob diese Entwicklung stattfindet und wie erfolgreich sie sein wird. Doch es ist wichtig, die Krankheit eben zu konzeptualisieren als einen Beginn und nicht nur als einen Abschied. Sie ist eben Abschied wie Beginn. Abschied von den gewohnten Rollen, aber zugleich Beginn, und zwar Beginn einer Metamorphose. Die Krankheit ist nichts weniger als ein Metamorphosekatalysator. Sie verändert unweigerlich die Selbstdeutung des Menschen.
Krebs als existenzieller Anstoß zu einem Neuanfang
Was im Verlauf der Erkrankung geschieht, ist nichts weniger als eine Metamorphose der Zukunftsziele bis hin zur Metamorphose der eigenen Persönlichkeit. Zu Beginn der Erkrankung fällt man zunächst ins Bodenlose; es ist nicht möglich, in dieser Phase neue Ziele zu formulieren, denn alle Sicherheit ist weggebrochen und man gerät in einen Zustand der völligen Unerfahrenheit. Man hat keine Erfahrung im Umgang mit einer solchen Situation, man weiß nicht, was einem bevorsteht, man weiß nicht, wie es weitergeht, da die Krankheit und deren Verlauf als etwas völlig Fremdes in Erscheinung treten. Man muss sich zunächst mit ihr vertraut machen, Erfahrungen sammeln, um überhaupt handlungsfähig zu werden. Dies stellt eine einschneidende Erfahrung dar, die der Krebs einem auferlegt, die Erfahrung nämlich, dass man selbst nicht alles aktiv gestalten kann, dass aber das, was man gestalten kann, nunmehr einen ganz neuen Wert erhält. Der Verlust von Gestaltungsräumen bezogen auf die Zukunft geht einher mit einer Aufwertung der Gestaltungsräume im Hier und Jetzt.
Der Zeitrahmen ist enger, die Planbarkeit geringer, aber die verbliebene Zeit wird bewusster in Angriff genommen, sie wird in gewisser Weise veredelt durch das Bewusstsein der endlichen Zeit. Die Krebskrankheit kann als existenzieller Anstoß zu einem Neuanfang fungieren. Sie erscheint somit in ihrer Doppelgestalt als traumatisierendes Lebensereignis und zugleich als Entwicklungschance. Durch die Krankheit verliert man die Weite des Zeithorizonts und gewinnt doch an Tiefe. Die Tiefe entsteht durch das bewusstere Leben, durch die viel bewusstere Wahl der eigenen Präferenzen und Beziehungen. Man wird wählerischer, erkennt bisher hingenommene sinnentleerte Beziehungen oder Tätigkeiten und konzentriert sich auf das, was einem wirklich wichtig ist. Die Verlusterfahrung von Krebs ist somit gekoppelt an eine „Gewinnerfahrung“, indem der Krebs zu einer verstärkten Sensibilität für Vorgänge und Wirklichkeiten führt, die man bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte. Viele Krebspatienten berichten, dass sie durch die Krankheit Vorgänge beispielsweise in der Natur miterlebten, die ihnen früher vollständig entgangen waren. So kann das Aufbrechen einer Pflanze im eigenen Garten den kranken Menschen in einer bislang unvorstellbaren Weise erfreuen. Die Krankheit sensibilisiert und öffnet die Augen. Sie öffnet die Augen auch für den Augenblick und ermöglicht auf diese Weise eine Erfahrung, die tiefer gehen kann als vieles bisher Erlebte. Es verändert sich das Zeitbewusstsein, und der Umgang mit der kostbarer gewordenen Lebenszeit bekommt einen völlig neuen Charakter. Das Bewusstsein, schwer krank zu sein, hält einen dazu an, auf das zu fokussieren, was einem lieb und teuer ist. Und aus diesem geschärften Bewusstsein kann der Wille zur Gestaltung des eigenen Lebens erwachsen.
Aber diese Chance erwächst eben nicht allein; sie ergibt sich nicht automatisch, sondern wird dann handfest, wenn dieser Mensch auf andere Menschen stößt, die in ihm diese Katalysekraft wecken können. Das Wecken der im Inneren schlummernden motivationalen Energien zum Durchbruch in ein neues Leben nicht gegen die Krankheit, sondern mit der Krankheit, dieses Potenzial der Weckung von inneren Kräften auszuschöpfen, das ist eine der wichtigsten Aufgaben einer ganzheitlichen Onkologie.
Für eine Ethik der Zuwendung
Zusammengefasst lässt sich zunächst sagen, dass die Krebskrankheit eine Erschütterung des eigenen Selbst darstellt, eine Erschütterung bisheriger Selbstbilder. Durch sie wird die bisherige Konzeption der eigenen Lebensgeschichte brüchig, sie erhält einen Riss, und dieser Riss fordert dazu auf, diese Geschichte neu zu erzählen, dem eigenen Leben eine andere Wendung zu geben, es zu einer ganz anderen Einheit zusammenzuführen. Die eigentliche Hilfe für Menschen mit der Erkrankung kann daher nur darin bestehen, in der Erschütterung zugleich das Potenzial des Wachstums zu erblicken, des Wachstums zu einem neuen Bewusstsein von Leben, das verlangt, die eigene Lebensgeschichte neu so zu erzählen, dass der durch die Krankheit bewirkte Bruch der Normalität nicht zugleich den Abbruch des Lebens darstellt, sondern den Durchbruch zu einem neuen Lebensentwurf.
Literatur:
● Maio G: Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung. Freiburg: Herder, 2025 ● Wirtz U: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. Ostfildern: Patmos, 2018
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