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EHA-Highlights 2016

Chronische lymphatische Leukämie

<p class="article-intro">Am diesjährigen EHA-Kongress standen vor allem die neuen Substanzen wie etwa BCL2(B-Zell-Lymphom-2)- Inhibitoren, BTK(Bruton-Tyrosinkinase)-Inhibitoren, PIK3(Phosphoinositid-3-Kinase)-Deltainhibitoren und neue CD20-Antikörper im Fokus der Präsentationen zur chronischen lymphatischen Leukämie (CLL). Gezeigt wurden beeindruckende Ansprechraten bei erfreulicherweise gleichzeitig guter Verträglichkeit dieser innovativen Therapieoptionen.</p> <hr /> <p class="article-content"><h2>CD20-Antik&ouml;rper</h2> <p>Rituximab hat als erster verf&uuml;gbarer monoklonaler CD20-Antik&ouml;rper die Therapie von Patienten mit NHL (Non-Hodgkin-Lymphom) und CLL entscheidend ver&auml;ndert. Ofatumumab ist ein neuer CD20-Antik&ouml;rper, der spezifisch an die &bdquo;small loop&ldquo; des CD20-Oberfl&auml;chenantigens andockt. Die Zytotoxizit&auml;t wird durch Aktivierung des k&ouml;rpereigenen Komplementsystems vermittelt. Lenalidomid ist aufgrund seiner immunmodulatorischen Wirkung bei CLL-Patienten effektiv. Eine Studie mit insgesamt 139 Patienten verglich nun die Kombinationen Ofatumumab + Lenalidomid (n=36), Rituximab + Lenalidomid (n=59) und eine Lenalidomid-Monotherapie (n=44) miteinander. Sowohl die Gesamtansprechrate (ORR) als auch die Rate des Gesamt&uuml;berlebens (OS) wurden durch die Kombination mit einem CD20-Antik&ouml;rper signifikant verbessert.<sup>1</sup><br /> Obinutuzumab ist ein neuer CD20-Antik&ouml;rper, der aufgrund einer Modifizierung in Form einer Glykosilierung noch mehr Zytotoxizit&auml;t vermittelt.<sup>2, 3</sup> In der Studie CLL-11 wurde die Kombination von Obinutuzumab + Chlorambucil mit Rituximab + Chlorambucil bei 781 Patienten mit nicht vorbehandelter CLL verglichen. Dabei zeigte sich ein signifikanter Vorteil f&uuml;r Obinutuzumab + Chlorambucil hinsichtlich der Rate an kompletten Remissionen (CR; 21 % vs. 7 % ), der MRD(&bdquo;Minimal residual disease&ldquo;)-Negativit&auml;t (8 % vs. 1 % ), des progressionsfreien &Uuml;berlebens (PFS; 29,2 vs. 15,4 Monate) und der Zeitspanne bis zur n&auml;chsten Therapie (TTNT; 51,1 vs. 38,2 Monate). Nebenwirkungen wie z.B. Blutbildver&auml;nderungen und Infusions-assoziierte Reaktionen wurden unter der Kombination mit Obinutuzumab etwas h&auml;ufiger dokumentiert.<sup>4</sup> Was die Vertr&auml;glichkeit von Obinutuzumab anbelangt, wurden vorl&auml;ufige Ergebnisse der laufenden Phase-IIIb-Studie GREEN pr&auml;sentiert. In dieser Studie werden Patienten mit Obinutuzumab allein oder in Kombination mit Chemotherapie (Fludarabin/Cyclophosphamid, Chlorambucil, Bendamustin) behandelt: Die bislang beobachteten Toxizit&auml;ten entsprechen dem bereits bekannten Nebenwirkungsprofil.<sup>5</sup></p> <h2>Ibrutinib</h2> <p>Beeindruckende ORR-Raten von 84 % konnten in einer &bdquo;Cross&ldquo;-Studienanalyse demonstriert werden, die die Wirksamkeit des oralen BTK-Inhibitors Ibrutinib bei 243 Patienten mit CLL und Deletion 17p13 evaluierte. Das mediane PFS wurde in dieser Analyse noch nicht erreicht.<sup>6</sup><br /> In der doppelblinden Phase-III-Studie HELIOS wurde der Zusatz von Ibrutinib zu Bendamustin + Rituximab mit Bendamustin + Rituximab bei Patienten mit relapsierter/refrakt&auml;rer CLL/SLL (&bdquo;small lymphocyte lymphoma&ldquo;) verglichen. Dabei wurde ein signifikanter Vorteil zugunsten von Ibrutinib bez&uuml;glich des PFS verzeichnet: Das PFS war nach einem medianen Follow-up von 25,4 Monaten im Ibrutinib-haltigen Arm noch nicht erreicht und betrug im Kontrollarm 14,2 Monate (Abb. 1). Zudem wurde unter Ibrutinib ein Benefit bez&uuml;glich der MRD-Negativit&auml;t nachgewiesen (18 % vs. 5 % ).<sup>7</sup><br /> In der Phase-III-Studie RESONATE&trade; wurde Ibrutinib mit Ofatumumab bei Patienten mit relapsierter/refrakt&auml;rer CLL verglichen. 391 Patienten wurden im 1:1-Design randomisiert. Dabei fand sich eine signifikante Verl&auml;ngerung des medianen PFS (nicht erreicht vs. 8,1 Monate), des OS (in beiden Armen noch nicht erreicht) und der ORR (42,6 % vs. 4,1 % ) zugunsten von Ibrutinib, unabh&auml;ngig vom Vorliegen von Risikofaktoren wie 17p13-Deletionen oder TP53-Mutationen.<sup>8</sup><br /> Die Wirksamkeit von Ibrutinib ist auch im &bdquo;Real world&ldquo;-Setting in einer Analyse von nahezu 3.000 Patienten in &uuml;ber 30 L&auml;ndern im klinischen Alltag reproduzierbar.<sup>9</sup> Dar&uuml;ber hinaus konnte in einer Analyse von mehreren Phase-III-Studien beobachtet werden, dass Patienten, die Ibrutinib in der First oder Second Line erhalten, weniger rasch progredient werden und auch nach dem Erhalt von Ibrutinib hinsichtlich des OS profitieren.<sup>10</sup><br /> Unter Therapie mit Ibrutinib ist das Auftreten von BTK-Mutationen m&ouml;glich; diese k&ouml;nnen zur Entwicklung einer Resistenz gegen die Substanz f&uuml;hren. Es handelt sich dabei um die Mutationen C481S, C481F und PLCy2, die geh&auml;uft bei 17p-Deletion beobachtet werden und zur Selektion sehr seltener CLL-Klone f&uuml;hren. Ihre genaue Bedeutung ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Bei Ibrutinib-naiven Patienten wurden diese Mutationen bislang nicht detektiert. Auch bei Patienten mit dem Nachweis einer Richter-Transformation nach Ibrutinib-Therapie wurden sie kaum festgestellt.<sup>11&ndash;16</sup></p> <p><img src="/custom/img/files/files_data_Zeitungen_2016_Jatros_Onko_1604_Weblinks_Seite40.jpg" alt="" width="735" height="480" /></p> <h2>Acalabrutinib</h2> <p>Acalabrutinib ist ein neuer irreversibler BTK-Inhibitor, der sich bereits bei Patienten im relapsierten CLL-Setting als wirksam erwiesen hat.<sup>17</sup> In einer noch laufenden Phase-I/II-Studie mit 72 therapienaiven CLL-Patienten konnte nun die Effektivit&auml;t dieser Substanz mit einer beeindruckenden ORR von 96 % best&auml;tigt werden. Alle Patienten zeigten ein Therapieansprechen im Sinne einer Gr&ouml;&szlig;enreduktion der Lymphadenopathie im Median nach 2 Monaten. Bislang wurden weder eine Krankheitsprogression noch eine Richter-Transformation beschrieben. Eine Phase-III-Studie, in der Acalabrutinib in Kombination mit Ibrutinib bei Patienten mit relapsierter CLL untersucht wird, ist in Planung.<sup>18</sup></p> <h2>ONO-4059</h2> <p>Bei ONO-4059 handelt es sich ebenfalls um einen oralen BTK-Inhibitor, der sowohl bei CLL- als auch bei NHL-Patienten Wirksamkeit gezeigt hat.<sup>19, 20</sup> Gem&auml;&szlig; den vorl&auml;ufigen Ergebnissen einer Phase-I-Studie an 25 Patienten mit relapsierter/refrakt&auml;rer CLL wurde unter einer ONO-4059-Monotherapie eine ORR von 90 % nachgewiesen. Dabei konnten bei Vorliegen von Risikofaktoren wie TP53-Mutationen oder 17p13-Deletionen keine ung&uuml;nstigen Effekte auf die ORR nachgewiesen werden. Derzeit werden 22 der 25 Patienten noch mit ONO-4059 weitertherapiert. Bei einer medianen Behandlungsdauer von 270 Tagen erweist sich die Substanz zudem als sehr gut vertr&auml;glich. Zu den h&auml;ufig beobachteten Nebenwirkungen z&auml;hlten Blutbildver&auml;nderungen, Fieber und Hauttoxizit&auml;ten.<sup>21</sup></p> <h2>Idelalisib</h2> <p>Idelalisib, der erste orale PI3K-Deltainhibitor, ist in der Behandlung von CLL-Patienten sowohl als Monosubstanz als auch in Kombination mit Rituximab sehr effektiv. Dies konnte auch in einer randomisierten doppelblinden Phase-III-Studie bei 220 Patienten mit relapsierter/refrakt&auml;rer CLL best&auml;tigt werden, in der Idelalisib + Rituximab mit Rituximab + Placebo verglichen worden ist: Demonstriert wurde ein signifikanter Vorteil im PFS (90 % vs. 50 % ) und in der ORR (75 % vs. 15 % ) zugunsten der Kombination von Idelalisib und Rituximab.<sup>22</sup> <br /> Best&auml;tigt wurde diese Effektivit&auml;t von Idelalisib plus Rituximab durch eine weitere randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Phase-III-Studie, in der bei Patienten mit einer TP53-Mutation und einer 17p13-Deletion eine ORR von 76,5 % sowie eine ORR von bis zu 80,4 % bei Patienten ohne Risikofaktoren nachgewiesen wurden.<sup>23</sup></p> <h2>TGR-1202</h2> <p>TGR-1202 ist ein neuer PI3K-Deltainhibitor, der im Vergleich zu Idelalisib eine bessere Vertr&auml;glichkeit aufweist, indem er mit deutlich geringeren Raten an Transaminasenerh&ouml;hung, Kolitis und Pneumonitis einhergeht. Vorl&auml;ufige Daten einer laufenden Phase-I/Ib-Studie mit insgesamt 20 Patienten zeigen bei 6 von 9 CLL-Patienten und bei 4 von 7 MCL-Patienten ein Therapieansprechen unter der Kombination aus Ibrutinib mit TGR-1202.<sup>24</sup> Derzeit l&auml;uft auch eine klinische Studie zur Evaluierung der Kombinationstherapie aus TGR-1202 mit einem neuen glykosilierten CD20-Antik&ouml;rper (Ublituximab).<sup>25</sup></p> <div id="rot"> <p>&bdquo;Am EHA-Kongress 2016 wurden zahlreiche neue Substanzen mit beeindruckenden Ansprechraten pr&auml;sentiert. Da sich diese Substanzen auch durch eine gute Vertr&auml;glichkeit auszeichnen, sind zunehmend Chemotherapie-freie Behandlungskonzepte verf&uuml;gbar, die insbesondere f&uuml;r fragile Patienten geeignet sind. F&uuml;r fitte Patienten werden zunehmend das Erreichen einer MRD-Negativit&auml;t und die Eradikation des malignen Zellklons zum vordergr&uuml;ndigen Therapieziel.&ldquo; - S. Burger, Wien</p> </div> <h2>Cerdulatinib</h2> <p>Cerdulatinib ist ein oraler Inhibitor von SYK, JAK1, JAK3 und TYK3. Erste Ergebnisse einer Phase-I-Studie demonstrierten hohe Wirksamkeit bei vorbehandelten Patienten mit relapsierter/refrakt&auml;rer CLL, SLL oder NHL bei insgesamt guter Vertr&auml;glichkeit. Die Fallzahlen mit bislang 43 Patienten sind allerdings klein. Weitere klinische Studien sind in Planung.<sup>26</sup></p> <h2>Venetoclax (ABT-199)</h2> <p>Venetoclax hat als oraler BCL2-Inhibitor bereits in mehreren Studien in der Monotherapie bei Patienten mit relapsierter/refrakt&auml;rer CLL eine gute Wirksamkeit mit hohen CR-Raten bewiesen. Eine Phase-I-Dosiseskalationsstudie mit 93 Patienten zeigte nun eine ORR (CR + PR [partielle Remission]) von 76 % und eine mittlere Ansprechdauer von 20,5 Monaten bei insgesamt guter Therapievertr&auml;glichkeit.<sup>27</sup> In der Phase-Ib-Studie M13-365 zur Dosiseskalation wurde die Kombination von Venetoclax mit Rituximab versus eine Venetoclax-Monotherapie mittels Post-hoc-Analyse evaluiert, wobei sowohl die Ansprechdauer als auch die CR-Raten durch die Kombinationstherapie signifikant verbessert worden sind.<sup>28</sup> Eine weitere Phase-Ib-Studie best&auml;tigte f&uuml;r die Kombinationstherapie Venetoclax mit Rituximab gute Ansprechraten. Einige Patienten erreichten sogar eine MRD-Negativit&auml;t. Bei insgesamt guter Vertr&auml;glicheit der Kombinationstherapie wurde in der &bdquo;Lead-in&ldquo;-Phase mit Venetoclax vermehrt das Tumorlysesyndrom beobachtet, das jedoch durch langsame Dosiseskalation vermieden werden kann.<sup>29</sup></p> <h2>Conclusio</h2> <p>Am EHA-Kongress 2016 wurden zahlreiche neue Substanzen mit beeindruckenden Ansprechraten pr&auml;sentiert. Da sich diese Substanzen auch durch eine gute Vertr&auml;glichkeit auszeichnen, sind zunehmend Chemotherapie-freie Behandlungskonzepte verf&uuml;gbar, die insbesondere f&uuml;r fragile Patienten geeignet sind. F&uuml;r fitte Patienten werden zunehmend das Erreichen einer MRD-Negativit&auml;t und die Eradikation des malignen Zellklons zum vordergr&uuml;ndigen Therapieziel. Ob der Nachweis einer MRD-Negativit&auml;t ein Kriterium f&uuml;r einen fr&uuml;hzeitigen Behandlungsabbruch darstellen kann, muss noch durch weitere Studien gesichert werden. Insgesamt scheinen jedoch Patienten mit MRD-Negativit&auml;t, unabh&auml;ngig von der Zahl an erhaltenen Chemotherapiezyklen, ein l&auml;ngeres PFS aufzuweisen.<sup>30, 31</sup> Auch die Bedeutung molekularer Resistenzen unter Ibrutinib ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: daniel.heintel@wienkav.at<br> 1. Medizinische Abteilung, Zentrum für Onkologie und Hämatoonkologie mit Ambulanz und Palliativstation, Wilhelminenspital der Stadt Wien<br> Quelle: 21. Kongress der EHA (European Hematology Association), 9.–12. Juni 2016, Kopenhagen </p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1 </strong>Thompson PA et al: EHA 2016; ABSSUB-5449<br /><strong>2</strong> Goede V et al: Leukemia 2015; doi: 10.1038/leu.2015.14<br /><strong>3</strong> Sehn LH et al: J Clin Oncol 2015; 33: 3467-3477<br /><strong>4</strong> Goede V et al: Blood 2015; 126: 1733 <br /><strong>5</strong> Leblond V et al: EHA 2016; Abstract #S427<br /><strong>6</strong> Jones J et al: EHA 2016; Abstract #S429<br /><strong>7</strong> Fraser F et al: EHA 2016; Abstract #S430<br /><strong>8</strong> Hillmen P et al: EHA 2016; ABSSUB-3901<br /><strong>9</strong> Hillmen P et al: EHA 2016; Abstract #P208<br /><strong>10</strong> Hillmen P et al: EHA 2016; Abstract #P596 <br /><strong>11</strong> Woyach JA et al: N Engl J Med 2014; 370: 2286-94<br /><strong>12</strong> Fuhrmann RR et al: N Engl J Med 2014; 370: 2352-4<br /><strong>13</strong> Fam&aacute; R et al: Blood 2014; 124: 3831-3<br /><strong>14</strong> Maddocks KJ et al: JAMA Oncol 2015; 1: 80-7<br /><strong>15</strong> Liu TM et al: Blood 2015; 126: 61-68<br /><strong>16</strong> Burger J et al: Nat Commun 2016; 7: 11589<br /><strong>17</strong> Byrd JC et al: N Engl J Med 2015; doi: 10.1056/NEJMoa1509981<br /><strong>18</strong> Wierda W et al: EHA 2016; Abstract #S431 <br /><strong>19</strong> Salles G et al: ASH 2013; Abstract #676<br /><strong>20</strong> Rule S et al: ASH 2013; Abstract #4397<br /><strong>21</strong> Fegan C et al: EHA 2016; ABSSUB-3686<br /><strong>22</strong> Coutre SE et al: EHA 2016; ABSSUB-4736<br /><strong>23</strong> Stilgenbauer ST et al: EHA 2016; ABSSUB-4694<br /><strong>24</strong> Davids MS et al: EHA 2016; Abstract #E1053<br /><strong>25</strong> O&acute;Connor OA et al: EHA 2016; Abstract P315<br /><strong>26</strong> Hamlin P et al: EHA 2016; Abstract #LB2252<br /><strong>27</strong> Seymour JF et al: EHA 2016; ABSSUB-5375<br /><strong>28</strong> Roberts AW et al: EHA 2016; Abstract #P209<br /><strong>29</strong> Roberts AW et al: EHA 2016; ABSSUB-4704<br /><strong>30</strong> B&ouml;ttcher S et al: J Clin Oncol 2012; 30: 980-8<br /><strong>31</strong> Strati P et al: Blood 2014; 123: 3727-32<br /><br /></p> </div> </p>
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