<p class="article-intro">Am diesjährigen EHA-Kongress standen vor allem die neuen Substanzen wie etwa BCL2(B-Zell-Lymphom-2)- Inhibitoren, BTK(Bruton-Tyrosinkinase)-Inhibitoren, PIK3(Phosphoinositid-3-Kinase)-Deltainhibitoren und neue CD20-Antikörper im Fokus der Präsentationen zur chronischen lymphatischen Leukämie (CLL). Gezeigt wurden beeindruckende Ansprechraten bei erfreulicherweise gleichzeitig guter Verträglichkeit dieser innovativen Therapieoptionen.</p>
<hr />
<p class="article-content"><h2>CD20-Antikörper</h2> <p>Rituximab hat als erster verfügbarer monoklonaler CD20-Antikörper die Therapie von Patienten mit NHL (Non-Hodgkin-Lymphom) und CLL entscheidend verändert. Ofatumumab ist ein neuer CD20-Antikörper, der spezifisch an die „small loop“ des CD20-Oberflächenantigens andockt. Die Zytotoxizität wird durch Aktivierung des körpereigenen Komplementsystems vermittelt. Lenalidomid ist aufgrund seiner immunmodulatorischen Wirkung bei CLL-Patienten effektiv. Eine Studie mit insgesamt 139 Patienten verglich nun die Kombinationen Ofatumumab + Lenalidomid (n=36), Rituximab + Lenalidomid (n=59) und eine Lenalidomid-Monotherapie (n=44) miteinander. Sowohl die Gesamtansprechrate (ORR) als auch die Rate des Gesamtüberlebens (OS) wurden durch die Kombination mit einem CD20-Antikörper signifikant verbessert.<sup>1</sup><br /> Obinutuzumab ist ein neuer CD20-Antikörper, der aufgrund einer Modifizierung in Form einer Glykosilierung noch mehr Zytotoxizität vermittelt.<sup>2, 3</sup> In der Studie CLL-11 wurde die Kombination von Obinutuzumab + Chlorambucil mit Rituximab + Chlorambucil bei 781 Patienten mit nicht vorbehandelter CLL verglichen. Dabei zeigte sich ein signifikanter Vorteil für Obinutuzumab + Chlorambucil hinsichtlich der Rate an kompletten Remissionen (CR; 21 % vs. 7 % ), der MRD(„Minimal residual disease“)-Negativität (8 % vs. 1 % ), des progressionsfreien Überlebens (PFS; 29,2 vs. 15,4 Monate) und der Zeitspanne bis zur nächsten Therapie (TTNT; 51,1 vs. 38,2 Monate). Nebenwirkungen wie z.B. Blutbildveränderungen und Infusions-assoziierte Reaktionen wurden unter der Kombination mit Obinutuzumab etwas häufiger dokumentiert.<sup>4</sup> Was die Verträglichkeit von Obinutuzumab anbelangt, wurden vorläufige Ergebnisse der laufenden Phase-IIIb-Studie GREEN präsentiert. In dieser Studie werden Patienten mit Obinutuzumab allein oder in Kombination mit Chemotherapie (Fludarabin/Cyclophosphamid, Chlorambucil, Bendamustin) behandelt: Die bislang beobachteten Toxizitäten entsprechen dem bereits bekannten Nebenwirkungsprofil.<sup>5</sup></p> <h2>Ibrutinib</h2> <p>Beeindruckende ORR-Raten von 84 % konnten in einer „Cross“-Studienanalyse demonstriert werden, die die Wirksamkeit des oralen BTK-Inhibitors Ibrutinib bei 243 Patienten mit CLL und Deletion 17p13 evaluierte. Das mediane PFS wurde in dieser Analyse noch nicht erreicht.<sup>6</sup><br /> In der doppelblinden Phase-III-Studie HELIOS wurde der Zusatz von Ibrutinib zu Bendamustin + Rituximab mit Bendamustin + Rituximab bei Patienten mit relapsierter/refraktärer CLL/SLL („small lymphocyte lymphoma“) verglichen. Dabei wurde ein signifikanter Vorteil zugunsten von Ibrutinib bezüglich des PFS verzeichnet: Das PFS war nach einem medianen Follow-up von 25,4 Monaten im Ibrutinib-haltigen Arm noch nicht erreicht und betrug im Kontrollarm 14,2 Monate (Abb. 1). Zudem wurde unter Ibrutinib ein Benefit bezüglich der MRD-Negativität nachgewiesen (18 % vs. 5 % ).<sup>7</sup><br /> In der Phase-III-Studie RESONATE™ wurde Ibrutinib mit Ofatumumab bei Patienten mit relapsierter/refraktärer CLL verglichen. 391 Patienten wurden im 1:1-Design randomisiert. Dabei fand sich eine signifikante Verlängerung des medianen PFS (nicht erreicht vs. 8,1 Monate), des OS (in beiden Armen noch nicht erreicht) und der ORR (42,6 % vs. 4,1 % ) zugunsten von Ibrutinib, unabhängig vom Vorliegen von Risikofaktoren wie 17p13-Deletionen oder TP53-Mutationen.<sup>8</sup><br /> Die Wirksamkeit von Ibrutinib ist auch im „Real world“-Setting in einer Analyse von nahezu 3.000 Patienten in über 30 Ländern im klinischen Alltag reproduzierbar.<sup>9</sup> Darüber hinaus konnte in einer Analyse von mehreren Phase-III-Studien beobachtet werden, dass Patienten, die Ibrutinib in der First oder Second Line erhalten, weniger rasch progredient werden und auch nach dem Erhalt von Ibrutinib hinsichtlich des OS profitieren.<sup>10</sup><br /> Unter Therapie mit Ibrutinib ist das Auftreten von BTK-Mutationen möglich; diese können zur Entwicklung einer Resistenz gegen die Substanz führen. Es handelt sich dabei um die Mutationen C481S, C481F und PLCy2, die gehäuft bei 17p-Deletion beobachtet werden und zur Selektion sehr seltener CLL-Klone führen. Ihre genaue Bedeutung ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Bei Ibrutinib-naiven Patienten wurden diese Mutationen bislang nicht detektiert. Auch bei Patienten mit dem Nachweis einer Richter-Transformation nach Ibrutinib-Therapie wurden sie kaum festgestellt.<sup>11–16</sup></p> <p><img src="/custom/img/files/files_data_Zeitungen_2016_Jatros_Onko_1604_Weblinks_Seite40.jpg" alt="" width="735" height="480" /></p> <h2>Acalabrutinib</h2> <p>Acalabrutinib ist ein neuer irreversibler BTK-Inhibitor, der sich bereits bei Patienten im relapsierten CLL-Setting als wirksam erwiesen hat.<sup>17</sup> In einer noch laufenden Phase-I/II-Studie mit 72 therapienaiven CLL-Patienten konnte nun die Effektivität dieser Substanz mit einer beeindruckenden ORR von 96 % bestätigt werden. Alle Patienten zeigten ein Therapieansprechen im Sinne einer Größenreduktion der Lymphadenopathie im Median nach 2 Monaten. Bislang wurden weder eine Krankheitsprogression noch eine Richter-Transformation beschrieben. Eine Phase-III-Studie, in der Acalabrutinib in Kombination mit Ibrutinib bei Patienten mit relapsierter CLL untersucht wird, ist in Planung.<sup>18</sup></p> <h2>ONO-4059</h2> <p>Bei ONO-4059 handelt es sich ebenfalls um einen oralen BTK-Inhibitor, der sowohl bei CLL- als auch bei NHL-Patienten Wirksamkeit gezeigt hat.<sup>19, 20</sup> Gemäß den vorläufigen Ergebnissen einer Phase-I-Studie an 25 Patienten mit relapsierter/refraktärer CLL wurde unter einer ONO-4059-Monotherapie eine ORR von 90 % nachgewiesen. Dabei konnten bei Vorliegen von Risikofaktoren wie TP53-Mutationen oder 17p13-Deletionen keine ungünstigen Effekte auf die ORR nachgewiesen werden. Derzeit werden 22 der 25 Patienten noch mit ONO-4059 weitertherapiert. Bei einer medianen Behandlungsdauer von 270 Tagen erweist sich die Substanz zudem als sehr gut verträglich. Zu den häufig beobachteten Nebenwirkungen zählten Blutbildveränderungen, Fieber und Hauttoxizitäten.<sup>21</sup></p> <h2>Idelalisib</h2> <p>Idelalisib, der erste orale PI3K-Deltainhibitor, ist in der Behandlung von CLL-Patienten sowohl als Monosubstanz als auch in Kombination mit Rituximab sehr effektiv. Dies konnte auch in einer randomisierten doppelblinden Phase-III-Studie bei 220 Patienten mit relapsierter/refraktärer CLL bestätigt werden, in der Idelalisib + Rituximab mit Rituximab + Placebo verglichen worden ist: Demonstriert wurde ein signifikanter Vorteil im PFS (90 % vs. 50 % ) und in der ORR (75 % vs. 15 % ) zugunsten der Kombination von Idelalisib und Rituximab.<sup>22</sup> <br /> Bestätigt wurde diese Effektivität von Idelalisib plus Rituximab durch eine weitere randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Phase-III-Studie, in der bei Patienten mit einer TP53-Mutation und einer 17p13-Deletion eine ORR von 76,5 % sowie eine ORR von bis zu 80,4 % bei Patienten ohne Risikofaktoren nachgewiesen wurden.<sup>23</sup></p> <h2>TGR-1202</h2> <p>TGR-1202 ist ein neuer PI3K-Deltainhibitor, der im Vergleich zu Idelalisib eine bessere Verträglichkeit aufweist, indem er mit deutlich geringeren Raten an Transaminasenerhöhung, Kolitis und Pneumonitis einhergeht. Vorläufige Daten einer laufenden Phase-I/Ib-Studie mit insgesamt 20 Patienten zeigen bei 6 von 9 CLL-Patienten und bei 4 von 7 MCL-Patienten ein Therapieansprechen unter der Kombination aus Ibrutinib mit TGR-1202.<sup>24</sup> Derzeit läuft auch eine klinische Studie zur Evaluierung der Kombinationstherapie aus TGR-1202 mit einem neuen glykosilierten CD20-Antikörper (Ublituximab).<sup>25</sup></p> <div id="rot"> <p>„Am EHA-Kongress 2016 wurden zahlreiche neue Substanzen mit beeindruckenden Ansprechraten präsentiert. Da sich diese Substanzen auch durch eine gute Verträglichkeit auszeichnen, sind zunehmend Chemotherapie-freie Behandlungskonzepte verfügbar, die insbesondere für fragile Patienten geeignet sind. Für fitte Patienten werden zunehmend das Erreichen einer MRD-Negativität und die Eradikation des malignen Zellklons zum vordergründigen Therapieziel.“ - S. Burger, Wien</p> </div> <h2>Cerdulatinib</h2> <p>Cerdulatinib ist ein oraler Inhibitor von SYK, JAK1, JAK3 und TYK3. Erste Ergebnisse einer Phase-I-Studie demonstrierten hohe Wirksamkeit bei vorbehandelten Patienten mit relapsierter/refraktärer CLL, SLL oder NHL bei insgesamt guter Verträglichkeit. Die Fallzahlen mit bislang 43 Patienten sind allerdings klein. Weitere klinische Studien sind in Planung.<sup>26</sup></p> <h2>Venetoclax (ABT-199)</h2> <p>Venetoclax hat als oraler BCL2-Inhibitor bereits in mehreren Studien in der Monotherapie bei Patienten mit relapsierter/refraktärer CLL eine gute Wirksamkeit mit hohen CR-Raten bewiesen. Eine Phase-I-Dosiseskalationsstudie mit 93 Patienten zeigte nun eine ORR (CR + PR [partielle Remission]) von 76 % und eine mittlere Ansprechdauer von 20,5 Monaten bei insgesamt guter Therapieverträglichkeit.<sup>27</sup> In der Phase-Ib-Studie M13-365 zur Dosiseskalation wurde die Kombination von Venetoclax mit Rituximab versus eine Venetoclax-Monotherapie mittels Post-hoc-Analyse evaluiert, wobei sowohl die Ansprechdauer als auch die CR-Raten durch die Kombinationstherapie signifikant verbessert worden sind.<sup>28</sup> Eine weitere Phase-Ib-Studie bestätigte für die Kombinationstherapie Venetoclax mit Rituximab gute Ansprechraten. Einige Patienten erreichten sogar eine MRD-Negativität. Bei insgesamt guter Verträglicheit der Kombinationstherapie wurde in der „Lead-in“-Phase mit Venetoclax vermehrt das Tumorlysesyndrom beobachtet, das jedoch durch langsame Dosiseskalation vermieden werden kann.<sup>29</sup></p> <h2>Conclusio</h2> <p>Am EHA-Kongress 2016 wurden zahlreiche neue Substanzen mit beeindruckenden Ansprechraten präsentiert. Da sich diese Substanzen auch durch eine gute Verträglichkeit auszeichnen, sind zunehmend Chemotherapie-freie Behandlungskonzepte verfügbar, die insbesondere für fragile Patienten geeignet sind. Für fitte Patienten werden zunehmend das Erreichen einer MRD-Negativität und die Eradikation des malignen Zellklons zum vordergründigen Therapieziel. Ob der Nachweis einer MRD-Negativität ein Kriterium für einen frühzeitigen Behandlungsabbruch darstellen kann, muss noch durch weitere Studien gesichert werden. Insgesamt scheinen jedoch Patienten mit MRD-Negativität, unabhängig von der Zahl an erhaltenen Chemotherapiezyklen, ein längeres PFS aufzuweisen.<sup>30, 31</sup> Auch die Bedeutung molekularer Resistenzen unter Ibrutinib ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle: daniel.heintel@wienkav.at<br>
1. Medizinische Abteilung,
Zentrum für Onkologie und Hämatoonkologie
mit Ambulanz und Palliativstation,
Wilhelminenspital der Stadt Wien<br>
Quelle: 21. Kongress der EHA
(European Hematology Association),
9.–12. Juni 2016, Kopenhagen
</p>
<p class="article-footer">
<a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a>
<div class="collapse" id="collapseLiteratur">
<p><strong>1 </strong>Thompson PA et al: EHA 2016; ABSSUB-5449<br /><strong>2</strong> Goede V et al: Leukemia 2015; doi: 10.1038/leu.2015.14<br /><strong>3</strong> Sehn LH et al: J Clin Oncol 2015; 33: 3467-3477<br /><strong>4</strong> Goede V et al: Blood 2015; 126: 1733 <br /><strong>5</strong> Leblond V et al: EHA 2016; Abstract #S427<br /><strong>6</strong> Jones J et al: EHA 2016; Abstract #S429<br /><strong>7</strong> Fraser F et al: EHA 2016; Abstract #S430<br /><strong>8</strong> Hillmen P et al: EHA 2016; ABSSUB-3901<br /><strong>9</strong> Hillmen P et al: EHA 2016; Abstract #P208<br /><strong>10</strong> Hillmen P et al: EHA 2016; Abstract #P596 <br /><strong>11</strong> Woyach JA et al: N Engl J Med 2014; 370: 2286-94<br /><strong>12</strong> Fuhrmann RR et al: N Engl J Med 2014; 370: 2352-4<br /><strong>13</strong> Famá R et al: Blood 2014; 124: 3831-3<br /><strong>14</strong> Maddocks KJ et al: JAMA Oncol 2015; 1: 80-7<br /><strong>15</strong> Liu TM et al: Blood 2015; 126: 61-68<br /><strong>16</strong> Burger J et al: Nat Commun 2016; 7: 11589<br /><strong>17</strong> Byrd JC et al: N Engl J Med 2015; doi: 10.1056/NEJMoa1509981<br /><strong>18</strong> Wierda W et al: EHA 2016; Abstract #S431 <br /><strong>19</strong> Salles G et al: ASH 2013; Abstract #676<br /><strong>20</strong> Rule S et al: ASH 2013; Abstract #4397<br /><strong>21</strong> Fegan C et al: EHA 2016; ABSSUB-3686<br /><strong>22</strong> Coutre SE et al: EHA 2016; ABSSUB-4736<br /><strong>23</strong> Stilgenbauer ST et al: EHA 2016; ABSSUB-4694<br /><strong>24</strong> Davids MS et al: EHA 2016; Abstract #E1053<br /><strong>25</strong> O´Connor OA et al: EHA 2016; Abstract P315<br /><strong>26</strong> Hamlin P et al: EHA 2016; Abstract #LB2252<br /><strong>27</strong> Seymour JF et al: EHA 2016; ABSSUB-5375<br /><strong>28</strong> Roberts AW et al: EHA 2016; Abstract #P209<br /><strong>29</strong> Roberts AW et al: EHA 2016; ABSSUB-4704<br /><strong>30</strong> Böttcher S et al: J Clin Oncol 2012; 30: 980-8<br /><strong>31</strong> Strati P et al: Blood 2014; 123: 3727-32<br /><br /></p>
</div>
</p>