
Zentrum für sexuelle Gesundheit in Wien: integrierte Versorgung bei HIV und STI
Die Aids Hilfe Wien ist insbesondere in der HIV- und STI-Prävention und -Testung eine der etabliertesten Einrichtungen in Österreich. Trotz der Erfolge in Beratung, Testangeboten und psychosozialer Unterstützung fehlt die unmittelbare medizinische Versorgung nach der Diagnose. Ein neuer Versorgungsansatz soll diese Lücke schließen und die Betreuung von Menschen mit STI verbessern.
Keypoints
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Das Zentrum für sexuelle Gesundheit zielt darauf ab, medizinische, diagnostische, sozialarbeiterische, psychologische und präventive Leistungen unter einem Dach zu vereinen.
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Die enge Kooperation verschiedener Fachbereiche soll eine zeitnaheund umfassende Betreuung von der Testung über Diagnose und Therapie bis hin zu psychosozialer Begleitungermöglichen und damit die Trennung von Testung und medizinischer Versorgung aufheben.
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Gesundheitspolitisch ist das Ziel, die Aidsepidemie bis 2030 zu beenden und andere übertragbare Erkrankungen wirkungsvoll zu bekämpfen.
Ausgangslage und medizinische Notwendigkeit
Bei den Aidshilfen in Österreich zeigt sich, dass in diesen Einrichtungen zwischen der Diagnose von HIV oder sexuell übertragbaren Infektionen (STI) und Therapiebeginn oft längere Zeit vergeht. Aktuell müssen sich Patient:innen nach einem positiven Testergebnis selbstständig um eine medizinische Weiterbehandlung bemühen, ein Prozess, der für vulnerable Gruppen besonders herausfordernd ist.
Zudem ist die Nachfrage nach STI-Testungen in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Aids Hilfe Wien testet bereits auf die fünf häufigsten STI (HIV, Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien, Hepatitis), bietet psychosoziale und sozialarbeiterische Unterstützung sowie sexualpädagogische Präventionsangebote für diverse Zielgruppen, wie etwa Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), Jugendliche, Mi-grant:innen oder Menschen ohne Krankenversicherung. Dennoch kann das bestehende Modell ohne medizinische Versorgung diese Herausforderungen langfristig nicht adäquat abbilden.
Das Zentrum für sexuelle Gesundheit: ein interprofessionelles Ambulatorium
Um diese Versorgungslücke zu schließen, plant die Aids Hilfe Wien mit dem 2. Quartal 2026 die Errichtung eines Zentrums für sexuelle Gesundheit (Abb. 1). Dieses soll als eigenständiges Ambulatorium organisiert und mit den bestehenden Strukturen der Aids Hilfe Wien eng verknüpft werden. Das Zentrum und die Aids Hilfe Wien vereinen medizinische, diagnostische, sozialarbeiterische, psychologische und präventive Leistungen unter einem Dach. Ein niederschwelliger „Walk-in“-Ansatz soll allen Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialem Status oder Versicherungsschutz offenstehen. Das Zentrum folgt einem interprofessionellen, ganzheitlichen Konzept. Die enge Kooperation verschiedener Fachbereiche soll eine zeitnahe, effiziente und umfassende Betreuung ermöglichen, von der Testung über Diagnose und Therapie bis hin zu psychosozialer Begleitung. Damit wird in dieser Einheit die Trennung von Testung und medizinischer Versorgung aufgehoben.
Struktur und Leistungen des geplanten Zentrums
Die geplanten Leistungen umfassen:
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Schaffung einer niederschwelligen Anlaufstelle für sexuelle Gesundheit: Durch die Etablierung eines Zentrums soll eine leicht zugängliche Anlaufstelle für Menschen mit Anliegen im Bereich der sexuellen Gesundheit geschaffen werden. Dies beinhaltet die Bereitstellung von medizinischen und therapeutischen Dienstleistungen im Zusammenhang mit HIV und anderen STI.
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Entlastung des Gesundheitsbereichs: Durch die niederschwellige Expertise an einem Ort soll der Gesundheitsbereich in Hinblick auf sexuelle Gesundheit entlastet werden.
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Etablierung eines PrEP- und PEP-Referenzzentrums: Durch die Einrichtung eines Referenzzentrums für PrEP (Prä-expositions-Prophylaxe) und PEP (Post-expositions-Prophylaxe) soll der Zugang zu wichtigen präventiven Maßnahmen verbessert und gleichzeitig die Qualität der Versorgung erhöht werden.
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Zugang für vulnerable Gruppen: Wie in der Aids Hilfe Wien täglich gelebt, soll auch im neuen Zentrum die Unterstützung vulnerabler Gruppen ermöglicht werden. Dies beinhaltet die Bereitstellung von Dienstleistungen in den gängigsten Sprachen und die gezielte Unterstützung besonders betroffener und für HIV und STI vulnerabler Zielgruppen.
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Reaktion auf erhöhte Prävalenz von STI: Durch valide Datenerfassungen und wissenschaftliche Begleitung sollen erhöhte Prävalenzen von STI erkannt und thematisiert werden, um schnell und effektiv darauf reagieren zu können.
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Einrichtung einer zentralen Meldestelle, European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), für STI: Die Einrichtung einer zentralen Meldestelle für STI in Kooperation mit der Stadt Wien soll eine effektive Überwachung und Reaktion auf STI ermöglichen.
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Versorgung von nichtversicherten Menschen: Um Infektionsketten zu durchbrechen soll die Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung in Bezug auf HIV und STI verbessert werden.
Rolle der Aids Hilfe Wien
Der Trägerverein Aids Hilfe Wien bleibt weiterhin für Aufklärung, Prävention, Antidiskriminierungsarbeit, Lobbying und psychosoziale Unterstützung verantwortlich. Die medizinische Versorgung wird im Rahmen einer GmbH im Zentrum für sexuelle Gesundheit organisiert, wobei eine enge strategische und operative Steuerung durch den Verein erfolgt. Die Aids Hilfe Wien bringt dafür umfassende Erfahrung mit. Neben niederschwelliger Beratung und Testung zählen sexualpädagogische Workshops, öffentlichkeitswirksame Kampagnen, Antidiskriminierungsarbeit sowie gezielte Unterstützung für besonders betroffene Gruppen (etwa MSM, queere Menschen, Jugendliche, Migrant:innen) zu den Kernaufgaben des Vereins.
Die Aufgaben des Vereins im Detail:
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Prävention: Das Ziel der Präventionsarbeit der Aids Hilfe Wien ist es, der weiteren Verbreitung des HI-Virus sowie von STI vorzubeugen. Zielgruppen sind Jugendliche und Multiplikator:innen für Jugendliche, Migrant:innen und vulnerable Gruppen, queere Menschen sowie die Allgemeinbevölkerung.
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Kampagnentätigkeit: Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit zu sexueller Gesundheit.
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Sozialarbeit: Die Sozialarbeiter:innen beraten zu den Themen Finanzen, Beihilfen, Versicherung, Wohnen und Aufenthalt. Zudem wird Unterstützung beim Kontakt mit Ämtern, Behörden und Sozialversicherungsträgern angeboten.
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Psychologische Unterstützung: Die psychologische Unterstützung ist anonym und kostenlos und richtet sich an Personen mit HIV, deren Angehörige und alle, die zum Thema sexuelle Gesundheit Beratung wünschen. Bei Bedarf wird auch zu anderen Beratungsstellen und Therapiemöglichkeiten vermittelt.
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Antidiskriminierungsarbeit: Die Aids Hilfe Wien hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ungleichbehandlung von Menschen mit HIV systematisch zu erfassen, um so gezielt Diskriminierung entgegenzuwirken. Wer einen Vorfall melden will, (rechtliche) Beratung oder Begleitung in einer schwierigen Situation sucht, wird hier unterstützt.
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Ehrenamtsbetreuung: Ein guter Teil der Arbeit der Aids Hilfe Wien ist nur über die Unterstützung von ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen möglich. Von Peergruppen bis hin zur Betreuung von Infoständen oder der punktuellen Mitarbeit bei Veranstaltungen und der Öffentlichkeitsarbeit ist vieles möglich. Die qualitätsvolle Ausbildung, Betreuung und Einteilung sind eine zentrale Aufgabe.
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Lobbying und Vernetzung: Das Lobbying für Themen der sexuellen Gesundheit und für Menschen mit HIV ist eine der zentralen Aufgaben und wird über den Verein organisiert. Besonders mit Bund, Land, den anderen Aidshilfen, queeren Vereinen, aber auch internationalen Organisationen ist die Vernetzungstätigkeit zentral.
Gesundheitspolitische Bedeutung
Die Errichtung des Zentrums ist nicht nur ein Fortschritt auf lokaler Ebene, sondern auch ein Beitrag zu internationalen Gesundheitszielen: Sie unterstützt die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (Agenda 2030), insbesondere das Ziel, die Aidsepidemie bis 2030 zu beenden und andere übertragbare Erkrankungen wie Hepatitis und STI wirkungsvoll zu bekämpfen.
Darüber hinaus dient das Zentrum als Pilotprojekt für eine moderne, interprofessionelle Versorgung im Bereich sexueller Gesundheit, mit möglichem Vorbildcharakter für andere Städte und Regionen.
Fazit
Das geplante Zentrum für sexuelle Gesundheit der Aids Hilfe Wien reagiert auf bestehende Versorgungslücken bei HIV und STI und setzt auf einen integrierten, patient:innenzentrierten Versorgungsansatz. Es vereint medizinische, psychologische, sozialarbeiterische und präventive Leistungen in einem niederschwelligen Setting und bietet insbesondere für vulnerable Gruppen einen essenziellen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen. Damit leistet es einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit in Wien und darüber hinaus.
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