
Infektionen in Krankenhäusern in Deutschland
Bericht:
Reno Barth
Review:
Univ.-Prof. Dr. Robert Krause
Klinische Abteilung für Infektiologie
Universitätsklinik für Innere Medizin
LKH-Universitätsklinikum Graz
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Welche Infektionen führen häufig zu Hospitalisierungen und wie viel kostet die stationäre Behandlung von Infektionskrankheiten? Eine deutsche Expert:innengruppe versuchte, diese Fragen im Rahmen einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie zu beantworten. Erhoben wurden Fallzahlen, das Spektrum der Diagnosen sowie die ökonomischen Folgen durch schwere Infektionskrankheiten in Deutschland.
Dank der Fortschritte in Hygiene, Prävention und antimikrobieller Therapie ist es im Laufe der letzten hundert Jahre in den industrialisierten Ländern weitgehend gelungen, gewisse Infektionskrankheiten zu eliminieren oder besser behandeln zu können.1 Während die klinischen Zustandsbilder wie beispielsweise bei Pneumonie und Harnwegsinfektionen heute noch die gleichen sind wie im vergangenen Jahrhundert, haben sich das dahinterstehende Erregerspektrum und die Resistenzlage deutlich verändert, was die kontinuierliche Weiterentwicklung diagnostischer und therapeutischer Strategien erforderlich macht. Für Patient:innen mit hospitalisierungspflichtigen Infektionskrankheiten sind als Grundlage für solche Weiterentwicklungen systematisierte Daten zur Häufigkeit und Verteilung von Infektionskrankheiten bei Patient:innen im Krankenhaus notwendig.
Bei einer kürzlich in Deutschland durchgeführten Studie wurde die Bedeutung der Infektionskrankheiten bei hospitalisierten Patient:innen untersucht und es wurden (i) die Fallzahlen von stationären Patient:innen mit Infektionskrankheitsdiagnosen im Vergleich zu allen hospitalisierten Patient:innen, (ii) die Demografie dieser Patient:innen, (iii) das klinische Spektrum der Infektionskrankheitsfälle und (iv) die wirtschaftliche Auswirkung bei diesen Patient:innen erhoben.1
Daten zu allen Krankenhaus-entlassungen in Deutschland
Um diese Fragen anhand robuster Zahlen beantworten zu können, wurden im Rahmen einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie alle Krankenhausentlassungen des Jahres 2022 mit Ausnahme der Psychiatrie ausgewertet. Die Studie sollte den Anteil erwachsener Patient:innen mit primärer Diagnose „Infektion“ an der Gesamtzahl der deutschen Krankenhauspatient:innen („case load“) quantifizieren, das klinische Spektrum dieser Diagnosen, Fallcharakteristika und Art der Hospitalisierung evaluieren sowie die Gesamtkosten bestimmen, die dem deutschen Gesundheitssystem durch Hospitalisierungen infolge von Infektionen entstehen.
Die Auswertung ergab, dass im Jahr 2022 12% aller aus deutschen Krankenhäusern entlassenen Patient:innen mit der primären Diagnose einer Infektionskrankheit hospitalisiert worden waren. Das entspricht 1 728 824 Personen. Diese Hospitalisierungen gehen auf 912 unterschiedliche ICD-10-Codes zurück. Dabei wurden 40 % der Fälle den 15 häufigsten Infektionsdiagnosen zugeordnet. Bei 28% der aus den Krankenhäusern entlassenen Personen vor wurden Infektionskrankheiten als sekundäre Diagnose identifiziert, was einer Gesamtzahl von 40,7 Millionen Patien-t:innen entspricht.
Atemwegsinfektionen stehen an erster Stelle
Zusätzlich wurde eine Subklassifikation nach klinischer Manifestation bzw. Diagnose getroffen, also z.B. Atemwegsinfektionen, Infektionen des Gastrointestinaltrakts und des Peritoneums, Infektionen von Knochen und/oder Gelenken oder Infektionen des zentralen Nervensystems (Abb. 1). Die Zuordnungen zu diesen Gruppen waren exklusiv, schlossen einander also wechselseitig aus. Teilweise waren in den Definitionen dieser Subgruppen auch bereits die Erreger inkludiert, so beispielsweise Mykobakterien im Falle von Tuberkulose bzw. Infektion mit anderen Mykobakterien sowie Tropenkrankheiten. Innerhalb der Top 40% der Infektionsdiagnosen betrafen die meisten Fälle das Gebiet der inneren Medizin (89%) und umfassten Atemwegsinfektionen (37%), Harnwegsinfektionen (21%), gastrointestinale Infektionen (18%), Haut-Weichgewebs-Infektionen (9%) sowie „andere Infektionen“ der Inneren Medizin (5%). Rund 25% der Patient:innen mit einer Infektion als Primärdiagnose wurden einem hohen Komplexitätsgrad zugeordnet, im Vergleich zu 12% der Referenzpopulation. In der Studie wurde weiters festgestellt, dass viele Patient:innen mit Infektionskrankheiten in Krankenhäusern mit <400 Betten behandelt wurden.
Abb. 1: Anteil der Subkategorien von Infektionskrankheiten (modifiziert nach Stocker H et al. 2025)1. Die Gruppe „Sonstige“ enthält Fälle von Tuberkulose/Mykobakteriosen (0,39%), Tropenkrankheiten (0,07%), HIV/IRIS (0,06%) und Zoonosen (0,05%)
Verglichen mit älteren Daten2 aus 2009 und 2014 mit einer Prävalenz von 8,9% primärer Infektionsdiagnosen unter hospitalisierten Patient:innen, zeigt die aktuelle Studie eine höhere Prävalenz von Infektionskrankeiten als Hauptdiagnose. Neben technischen Gründen der ICD-10-Codierung könnten auch noch die Ausläufer der Covid-19-Pandemie die aktuellen Daten beeinflusst haben, so die Autor:innen. Die Daten legen den Schluss nahe, dass in den Krankenhäusern entsprechende Bettenkapazitäten für die Patient:innen mit Infektionskrankheiten erhalten oder ausgebaut werden müssen.
Ausblick
Die Einführung des Faches Infektiologie hat sich sowohl für die Qualität der Versorgung von Patient:innen mit Infektionskrankheiten als auch für die Resilienz der Gesundheitssysteme als vorteilhaft erwiesen, so die Studienautor:innen. Sie fügen hinzu, dass das aktuell in Deutschland gültige Erstattungssystem weder die infektiologische Expertise noch die ökonomische Belastung durch Infektionskrankheiten abbildet.
Die nun publizierte Arbeit soll durch die Erhebung des Istzustands die Einrichtung infektiologischer Abteilungen innerhalb des existierenden Gesundheitssystems und zukünftige Planungen in der Versorgung von Patient:innen mit Infektionskrankheiten unterstützen. Die Allokation von Krankenhausressourcen sollte idealerweise nach dem Spektrum und der Schwere der Erkrankungen in den diversen Abteilungen erfolgen, so die Autor:innen.
Literatur:
1 Stocker H et al.: Caseload, clinical spectrum and economic burden of infectious diseases in patients discharged from hospitals in Germany. Infection 2025. doi: 10.1007/s15010-025-02507-x 2 Katchanov J et al.: Burden and spectrum of infectious disease in Germany 2009–2014: a multicentre study from Berlin’s municipal hospitals. Infection 2016; 44(2): 187-95
Kommentar zu den Studienergebnissen
Die in Deutschland durchgeführte Studie zeigt die Bedeutung der Infektionskrankheiten in Krankenhäusern anhand der als Haupt- oder Nebendiagnosen codierten hospitalisierten Fälle mit Infektionskrankheiten. Auch wenn ICD-10-Codierungen Unschärfen enthalten können und bestimmte Diagnosen gar nicht oder nicht in der richtigen Reihenfolge (Haupt- oder Nebendiagnose) codiert worden sein könnten, so zeigt diese Studie die große Bedeutung der Infektionskrankheiten in Krankenhäusern sehr deutlich. Rund 12% der Patient:innen hatten eine Infektionskrankheit als Hauptdiagnose, und rund 28% hatten eine Infektionskrankheit als Nebendiagnose. Da in anderen Studien bei rund 30–50% aller hospitalisierten Patient:innen eine antibiotische Therapie gefunden werden konnte (Punkt-Prävalenzuntersuchungen), so ist die Summe der codierten Infektionskrankheiten mit rund 40% in der deutschen Studie gut nachvollziehbar. Die meisten Infektionskrankheiten betrafen internistische Fachgebiete.
Bestimmte infektiologische Herausforderungen wie beispielsweise Infektionen bei Patient:innen mit Transplantationen, komplexen chirurgischen Eingriffen oder extrakorporalen Verfahren, sind in großen Zentren zu bewältigen. Die Verteilung der häufigsten Infektionskrankheiten wie beispielsweise solche der Atemwege und des Gastrointestinaltrakts bis zu Sepsis/septischem Schock waren in der Studie jedoch in allen Krankenhäusern zu finden und hatten im Vergleich zu anderen (nichtinfektiologischen) Fällen einen höheren Komplexitätsgrad. Dies unterstreicht die Notwendigkeit infektiologischer Expertise in Krankenhäusern aller Größenordnungen.
Die Zunahme der Zahl infektiologischer Fälle, die in dieser Studie ebenso festzustellen war, muss bei zukünftigen Planungen der Gesundheitsversorgung ebenso berücksichtigt werden, um die Patient:innen mit Infektionskrankheiten im Krankenhaus und poststationär adäquat behandeln zu können. Und selbstverständlich muss diese Entwicklung auch bei der Planung protektiver Maßnahmen berücksichtigt werden, wie beispielsweise bezüglich Impfungen und verbesserter Therapien der für Infektionskrankheiten prädisponierenden Erkrankungen.
Univ.-Prof. Dr. Robert Krause, Präsident der OEGIT
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