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DÖAK 2021

PrEP-Beratung bei der Aids Hilfe Wien: direkte Klient*innen- und Szenearbeit

Infektiologie
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Die PrEP ist ein wahrer Hoffnungsträger im Kampf gegen HIV, aber nur umfassend erklärt, bietet sie den besten Schutz. Bei der Aids Hilfe Wien finden Beratungen zur PrEP in der direkten Klient*innenarbeit sowie in der Szenearbeit statt. Wie sich diese gestalten und welche Fragen von den Klient*innen kommen, erklärten Mag. Thomas Baumgartner, MA, und Mag. Dominique Schibler, hauptamtliche Mitarbeiter der Aids Hilfe Wien.

Keypoints

  • Ausführliche Beratung zur PrEP ist wichtig, damit sie den besten Schutz bieten kann.

  • In der direkten Klient*innenarbeit ist die Informationsvermittlung besser als in der Szenearbeit.

  • Für die Szenearbeit eignen sich Broschüren, damit die Informationen zu einem späteren Zeitpunkt verfügbar sind, in Kombination mit einem Goodie.

PrEP-Beratung in der direkten Klient*innenarbeit

Mag. Thomas Baumgartner, MA, ist seit 2012 als Berater bei der Aids Hilfe Wien in der Abteilung Test und Beratung tätig und hat in dieser Funktion viele Beratungsgespräche geführt.

Die ersten Anfragen zur PrEP kamen bereits, als sie in den USA immer mehr an Bedeutung gewann und die Informationen auch in Europa abrufbar waren. Anfangs ging es vor allem um die Frage, was die PrEPüberhaupt ist. Im Laufe der Zeit ging es eherdarum, wann sie in Europa/Österreich erhältlich sei und wie man sie bekommen könne. Vor der offiziellen Zulassung durch die EMA bestellten sich bereits viele PrEP-User*innen Generika über das Internet aus dem Ausland. Sieinformierten sich aber häufig bei den Berater*innen der Aids Hilfe Wien umfassend über die PrEP und haben Tests auf HIV und andere STI durchführen lassen.

Am 1. Jänner 2018 wurde in Wien ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das es PrEP-User*innen seitdem möglich macht, die PrEP kostengünstig um 59 Euro pro Packung zu erwerben. Dieses Angebot gibt es in zwei Apotheken in Wien. Um in Österreich die PrEP zu erhalten, ist ein Privatrezept einer*eines HIV-Spezialist*in nötig, die*der vorab nochmals dazu berät und die dafür notwendigen Voruntersuchungen (HIV-Antikörper/Antigen-Test, Hepatitis-B-Überprüfung, Nierenfunktionskontrolle) durchführt. Die Kosten der Voruntersuchungen werden nicht komplett von der österreichischen Gesundheitskasse übernommen. Die regelmäßigen Follow-up-Kontrollen finden nach den deutsch-österreichischen Leitlinien statt, ebenfalls bei den HIV-Spezialist*innen. Dieses Pilotprojekt bezieht sich nur auf Wien und nicht auf ganz Österreich. Die anderen AIDS-Hilfen Österreichs (Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Oberösterreich und Kärnten) haben begonnen, eigene Projekte zu initiieren, damit die Versorgung von Interessierten mit einer kostengünstigen PrEP auch in diesen Bundesländern realisiert werden kann.

Beratungskanäle bei der Aids Hilfe Wien

Die Beratung kann bei der Aids Hilfe Wien in mehreren Formen erfolgen:

Telefonberatung

Während der Telefonberatungszeiten ist es Klient*innen möglich, sich zu allen Themen der sexuellen Gesundheit beraten zu lassen. Mit Bedeutungsgewinn der PrEP in den USA kamen die ersten Anfragen zur PrEP, zu ihrer Wirkung, Nebenwirkungen und ab wann sie in Österreich zugelassen wird. Ab dem Zeitpunkt, zu dem die PrEP in Österreich kostengünstig verfügbar war und Bekanntheit erlangt hatte, nahmen die Anfragen telefonisch ab und beschränkten sich hauptsächlich auf ihren Bezug.

Onlineberatung
  • E-Mail-Beratung: Via E-Mail kamen ebenfalls zur Einführung der PrEP viele Anfragen. Da die Informationen zur PrEP sehr umfassend sind/waren, wurde versucht, anfragende Klient*innen in den persönlichen Kontakt zu leiten, da Fragen und Informationen auf diesem Wege einfacher vermittelbar sind. Auch hier nahmen die Anfragen stetig ab, nachdem die PrEP in Österreich kostengünstig verfügbar war.

  • Beratung via Gay Health Chat: Beim Gay Health Chat handelt es sich um ein Peer-Beratungsprojekt der Deutschen Aidshilfe e.V. für schwule Männer. In dieses Projekt sind auch haupt- und ehrenamtliche Berater*innen aus Österreich involviert. Dieser Kanal ist ein niederschwelliges Angebot und aufgrund der Anonymität des Chats eine einfache Möglichkeit für Interessierte, Informationen zu generieren. Hauptsächlich handelt es sich um Anfragen, in denen es um den Bezug und die Wirksamkeit der PrEP geht.

Beratung während der Test- und Beratungszeit

Die meisten Beratungen zur PrEP finden seit Beginn im Beratungsgespräch vor dem HIV-Test statt. Anfangs handelte es sich – wie auch in der Telefonberatung oderE-Mail-Beratung – um allgemeine Fragen zur PrEP, zu deren Wirkung etc. Mit steigendem Bekanntheitsgrad bezogen sich die Fragen auf Einnahmeschemen und den Bezug der PrEP. Speziell bei schwulen und bisexuellen Männern ist ein hoher Informationsgrad zur PrEP vorhanden.

Die PrEP wurde bei der Aids Hilfe Wien bereits sehr früh in die Standards des Prä-Test-Counsellings von schwulen und bisexuellen Männern aufgenommen.

PrEP-Beratung mittels Terminvergabe

Hierbei handelt es sich um ein sehr früh geschaffenes Angebot für Interessierte. Mittels Terminvereinbarung kann man sich außerhalb der Test- und Beratungszeiten zur PrEP beraten lassen. Dieses Angebot bietet den Vorteil, mehr Zeit für eine ausführliche Beratung und alle anfallenden Fragen zu haben. Allerdings wurde es kaum genutzt.

Zusammenfassung

PrEP-Beratung in der direktenKlient*innenarbeit findet hauptsächlich beim Prä-Test-Counselling statt. Anfragen per E-Mail oder Telefon kommen mittlerweile selten vor. Auch die Art der gewünschten Information hat sich verändert: von allgemeinen Fragen zur PrEP hin zur Nachfrage über den Bezug der PrEP und die Situation in Österreich.

PrEP-Beratung in der Szenearbeit

Mag. Dominique Schibler ist seit 2007 alsMitarbeiterin bei der Aids Hilfe Wien für diePrävention bei queeren Menschen verantwortlich. Zu ihren Aufgaben gehören u.a. die Ausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen und Peers sowie die Koordination von Einsätzen in der queeren Szene.

Die Szenearbeit ist seit Jahrzehnten eine der Kernaktivitäten der Prävention bei queeren Menschen der Aids Hilfe Wien. Bis zum März 2020, also vor Beginn der Covid-19-Pandemie und den damit einhergehenden regelmäßigen Schließungen der Wiener Lokale, Bars und Saunen und den abgesagten Clubbings, fanden wöchentlich im Durchschnitt zwischen zwei und fünf Vor-Ort-Einsätze statt. Diese Vielzahl an Einsätzen ist nur durch die tatkräftige Unterstützung ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen und Peers möglich. Zurzeit sind zwischen 10 und 15 Personen ehrenamtlich für die Prävention bei queeren Menschen der Aids Hilfe Wien tätig. Bevor man diese Tätigkeit aufnehmen kann, ist eine fundierte Ausbildung durch Kurse, die speziell für die ehrenamtliche Mitarbeit entwickelt wurden, notwendig. In diesen Kursen erwerben die Teilnehmer*innen umfangreiches Wissen zu HIV, sexuell übertragbaren Infektionen, Chemsex, PEP und über die Test- und Beratungsangebote der Aids Hilfe Wien.

Bereits vor einigen Jahren wurde der Grundkurs für Ehrenamtliche um den Themenbereich PrEP erweitert. Zusätzlich gibt es im Rahmen der drei- bis viermal jährlich stattfindenden Peertreffen Wissensauffrischungen, zumeist durch Ärzt*innen aus HIV-Schwerpunktpraxen.

Bei der Szenearbeit gibt es eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten, die die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen und Peers für die Verteilaktionen auswählen können. Bei folgenden Settings sind diese vor Ort:

  • klassische Lokaltouren

  • Cruising-Area-Touren

  • Infotische bei Events, Bällen, Straßenfesten u.Ä.

  • Verteilaktionen bei Clubbings, Fetisch- und Sexveranstaltungen

Somit sind unterschiedliche Einsatzgebiete gegeben, in denen sich unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen und Peers einbringen können und wo sie auf unterschiedliche An- und Herausforderungen stoßen.

Informationsgespräch in der Szenearbeit

Im Rahmen von klassischen Lokaltouren, Cruising-Area-Touren und auch bei Veranstaltungen mit Infotischen kommt es oft zu Informationsgesprächen über die PrEP. Die häufigsten Fragen dabei zeigt Abb. 1.

Abb. 1: Die häufigsten Fragen zur PrEP in der Szenearbeit

Die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen ist von einer gewissen Komplexität, die einerseits den Rahmen eines Informationsgesprächs sprengt und der andererseits bei den Gegebenheiten oft nicht Rechnung getragen werden kann.

Grenzen in der Szenearbeit

Vor allem bei Einsätzen bei Clubbings, Fetisch- und Sexveranstaltungen – also gerade dort, wo die Präsenz der Aids Hilfe Wien besonders wichtig ist – hat man aufgrund der Lautstärke, der hohen Besucherzahl, des Platzmangels, aber auch wegen alkohol- und substanzkonsumierender Menschen selten eine optimale Gesprächssituation. Im Rahmen von Fokusgruppen wurde gemeinsam mit der LGBTIQA+-Community überlegt, wie Präventionsinformationen mittels Szenearbeit zur Zielgruppe kommen.

Im Falle der PrEP war klar, dass eine kleinformatige, neutral gehaltene Broschüre am besten angenommen werden würde. Diese bietet eine gute Erstübersicht mit den wichtigsten Informationen und die Auskunft, wie Interessierte Beratungsgespräche in Anspruch nehmen können, um mehr Informationen zu bekommen.

Die Erfahrung zeigte, dass Besucher*innen von Clubbings und Fetischveranstaltungen Broschüren alleine nicht gerne entgegennehmen. Daher verteilen die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Peers der Aids Hilfe Wien bei solchen Veranstaltungen Cruisingpackages. Ein Package enthält ein Kondom, Gleitmittel, eine Broschüre und Süßigkeiten. Acht von zehn Personen nehmen dieses gerne entgegen.

Zusammenfassung

Abschließend kann festgehalten werden, dass die LGBTIQA+-Community ein großes Interesse an PrEP-Infos hat und die Teams der Aids Hilfe Wien bei den queeren Events und Veranstaltungen gerne gesehen sind. Überall dort, wo jedoch aufgrund der Lautstärke und des Konsums von Alkohol und anderer Substanzen keine vernünftige mündliche Informationsweitergabe möglich ist, braucht man für die Community ansprechende Informationsmaterialien. Diese Erstinformationen, die ein Beratungsgespräch nicht ersetzen, werden dann angenommen, wenn sie mit einem Goodie (z.B. einem Kondom und einem Gleitmittel) verteilt werden.

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