„Infektiologie ist das Fach der Zukunft!“
Unsere Gesprächspartnerinnen:
Dr. Lisa Kriegl
Klinische Abteilung für Infektiologie
Universitätsklinik für Innere Medizin
Medizinische Universität Graz
E-Mail: lisa.kriegl@medunigraz.at
Dr. Luzia Veletzky
Klinische Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin
Universitätsklinik für Innere Medizin I
Medizinische Universität Wien
E-Mail: luzia.veletzky@meduniwien.ac.at
Das Interview führte
Dr. Katrin Spiesberger
Auf dem heurigen Infektionskongress in Saalfelden werden sich zum ersten Mal junge, engagierte infektiologisch Interessierte treffen, um das Projekt „Junge OEGIT“ voranzubringen. Was dessen Ziele sind und wie man sich in Zukunft einbringen kann, haben die beiden Initiatorinnen des Projekts, Dr. Luzia Veletzky, Wien, und Dr. Lisa Kriegl, Graz, im Gespräch mit JATROS berichtet.
Wann geht es los mit der Jungen OEGIT?
L. Kriegl: Der diesjährige Österreichische Infektionskongress (ÖIK) ist als Kick-off gedacht. Wir haben von den Kongressorganisatori:nnen 2026 die Möglichkeit bekommen, eine Workshopsession zu gestalten und darin das Konzept vorzustellen.
Für wen ist die Junge OEGIT?
L. Veletzky: Derzeit ist vorgesehen, dass alle klinisch tätigen Kolleginnen und Kollegen, die in die Bereiche Infektiologie und Tropenmedizin involviert und daran interessiert sind, beitreten können – zum Beispiel auch klinische Mikrobiolog:innen oder Kolleg:innen aus der spezifischen Prophylaxe und Tropenmedizin.
L. Kriegl: Wir wollen uns aber nicht nur auf ganz junge Einsteiger:innen beschränken, auch Jungfachärzt:innen bis 45 Jahre sind herzlich willkommen.
Warum eine Junge OEGIT? Was sind deren Ziele?
L. Kriegl: Die Grundidee ist die Vernetzung – sowohl inhaltlich als auch im Hinblick auf Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, national wie international. Im ersten Schritt stehen der Austausch und das gegenseitige Kennenlernen im Mittelpunkt. In anderen europäischen Ländern gibt es bereits etablierte Strukturen für junge Kolleg:innen. Bei der ESCMID – der Europäischen Gesellschaft für Klinische Mikrobiologie und Infektiologie – besteht mit der Trainee Association ein Netzwerk mit Repräsentant:innen aus zahlreichen Ländern; für Österreich darf ich diese Rolle in der Infektiologie übernehmen. Der Austausch zeigt deutlich, welchen Mehrwert solche Netzwerke bieten. Eine ähnliche Brücke möchten wir auch hier schlagen.
L. Veletzky: Österreich ist nun einmal ein kleines Land und die Infektiologie ein eher kleinerer Fachbereich, sodass es ja eigentlich schade ist, wenn man sich untereinander nicht kennt.
Gibt es Nachwuchsprobleme in der Infektiologie?
L. Kriegl: Meinem Eindruck nach besteht ein großes, teils sogar zunehmendes Interesse an der Infektiologie. Gleichzeitig merkt man, dass die Zahl der Ausbildungsstellen regional begrenzt sein kann. Hintergrund sind strukturelle Vorgaben, insbesondere das festgelegte Verhältnis zwischen ausbildungsbefugten Fachärzt:innen und Ärzt:innen in Ausbildung. Dies kann dazu führen, dass Kolleg:innen zwar bereits in infektiologischen Abteilungen tätig sind, jedoch vorübergehend keine offiziell anerkannte Ausbildungsstelle innehaben, wodurch sich der Weg zum Facharztdiplom entsprechend verlängern kann.
L. Veletzky: Auch ich bekomme mit, dass wirklich viele Studierende großes Interesse haben, es aber schwierig ist, eine Facharztausbildungsstelle zu bekommen, weil natürlich die Anzahl an Facharztausbildungsstellen per se begrenzt ist. Genau das wäre ein Thema, zu dem wir im Rahmen einer Jungen OEGIT Aufklärungsarbeit betreiben könnten bzw. hilfreiche Informationen bereitstellen können. Also Aufklärung und Austausch zur aktuellen Ausbildungsmodalität, weil sich da in den letzten Jahren viel geändert hat: Die Facharztausbildung vor 10 Jahren war ja ganz anders aufgebaut, als sie es heute ist.
Wo gibt es Ausbildungsstellen in Österreich?
L. Veletzky: In den kleineren Spitälern gibt es keine Stellen, die Sonderfach-Schwerpunkt-Ausbildung kann man nur in den großen Zentren absolvieren.
L. Kriegl: Unser Fachgebiet ist durchaus eng mit der klinischen Mikrobiologie, aber auch mit vielen anderen Fachgebieten verwoben, und insbesondere in kleineren Zentren kann es so sein, dass Kolleg:innen aus der Mikrobiologie – oder auch Kolleg:innen aus anderen Fachgebieten mit entsprechend gewähltem Schwerpunkt – klinisch infektiologisch tätig sind, weil keine „klassischen“ Infektiolog:innen im Haus verfügbar sind.
Wie schätzen Sie den Stellenwert der Infektiologie in der heutigen Zeit ein?
L. Veletzky: Infektiologie ist ein Fach der Zukunft! Einerseits, weil Antibiotikaresistenzen wohl zunehmen werden, andererseits breiten sich durch den Klimawandel Erkrankungen in neue Regionen aus. Auch sehen wir durch die vermehrte Mobilität der Weltbevölkerung, sei es durch Migration oder Reisen, in Österreich Erkrankungen, die hier nicht (mehr) endemisch sind. Dazu passt ja auch das diesjährige Thema des ÖIK. Die Infektiologie wird daher vermutlich nicht weniger relevant werden in den kommenden Jahren, sondern eher wichtiger. Das ist auch der Tenor von anderen Fachgesellschaften.
Was halten Sie in diesem Zusammenhang für die größte infektiologische Bedrohung?
L. Kriegl: Ich glaube, wir stehen vor sehr unterschiedlichen und komplexen Herausforderungen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Europa sowie weltweit gewinnt insbesondere der One-Health-Ansatz zunehmend an Bedeutung.
L. Veletzky: Ich denke, dass man das gar nicht so auf spezifische Krankheiten herunterbrechen sollte, sondern dass wir uns bewusst sein müssen, dass sich durch die oben genannten Faktoren die Krankheitsepidemiologie verändert. Auch Faktoren wie zum Beispiel Impfskepsis können dazu führen, dass uns Erkrankungen, die eigentlich kein Thema mehr sein müssten, mehr beschäftigen werden.
Stichwort Impfskepsis – haben wir die Patient:innen durch Covid etc. verloren?
L. Kriegl: Ich denke, man kann das auch positiv sehen und die Chancen erkennen. Die Durchimpfungsraten in Österreich sind – auch im europäischen Vergleich – weiterhin ausbaufähig. Das gibt uns die Möglichkeit, gezielt aufzuklären und Impfungen aktiv zu thematisieren. Schutzimpfungen sollten grundsätzlich das ganze Jahr über Thema sein. Gleichzeitig sind bestimmte Zeitpunkte besonders geeignet: So sollte man etwa im August und September gezielt über Impfungen gegen respiratorische Infektionen informieren, die im Winter dominieren. Jeder ärztliche Kontakt kann dafür genutzt werden – es braucht kein langes Aufklärungsgespräch, entscheidend ist, dass wir das Thema konsequent ansprechen.
L. Veletzky: Gerade vor dem Hintergrund zunehmender impfkritischer Stimmen ist es wichtig, dass wir als Ärztinnen und Ärzte – insbesondere in Fachrichtungen, die sich mit impfpräventablen Erkrankungen befassen, wie etwa der Infektiologie – präsent sind. Wir sollten eine wissenschaftlich fundierte, evidenzbasierte Medizin nach außen vertreten und so ein klares Gegengewicht bilden. Auch im Sinne einer Jungen OEGIT: Gemeinsam kann man besser präsent und eine starke gemeinsame Stimme sein, die die moderne Infektiologie vertritt.
Wie würden Sie für das Fach Infektiologie und Tropenmedizin werben? Warum haben Sie sich dafür entschieden?
L. Veletzky: Ich finde, es ist ein irrsinnig spannendes Fach, da bei Infektiologie immer die Umwelt mit hineinspielt, das Klima, die Geografie, das menschliche Verhalten. Natürlich ist auch sehr viel Biologie dabei, da man die Erreger verstehen muss, damit man sie adäquat diagnostizieren und die Patient:innen adäquat therapieren kann. Das macht das Ganze einfach zu einem faszinierenden Fachgebiet, das immer wieder Überraschungen bietet – ich würde kein anderes Fach machen wollen.
L. Kriegl: Ich finde es unglaublich faszinierend, was kleine Mikroorganismen in uns und um uns ausmachen können: von harmloser Kolonisation zu schwersten Infektionen. Die Erreger sind dabei äußerst vielfältig – von Pathogenen, die sogar neurologische und verhaltensbezogene Veränderungen auslösen können (wie etwa bei der Tollwut) bis hin zu vermeintlich „banalen“ Hautmykosen. Man kann in so vielen Bereichen fantastisch in die Tiefe gehen. Es ist das beste Fach, ganz objektiv betrachtet!
Vielen Dank für das Gespräch!
Das könnte Sie auch interessieren:
20 Jahre JATROS Infektiologie … und Gastroenterologie-Hepatologie
Das Journal, das Sie gerade in den Händen halten, feiert in diesem Jahr sein 20. Erscheinungsjahr. Anlass, um die Entstehungsgeschichte Revue passieren zu lassen, Wegbegleiter:innen zu ...
HIV-Kongressjahr 2025
Trotz enormer Forschungserfolge bleiben die Ansprüche an die HIV-Therapie und die betroffenen Patient:innen weiterhin hoch. Es gilt, den Therapieerfolg lebenslang aufrechtzuerhalten und ...
HIV und Aids: eine Nebenbaustelle?
Die antiviralen Behandlungsmöglichkeiten der HIV-Infektion verbessern sich kontinuierlich. Auf der anderen Seite rücken Probleme der Komorbiditäten zunehmend in den Vordergrund, da diese ...