20. Münchner AIDS- und Infektiologie-Tage
Bericht:
Mag. Birgit Leichsenring
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Seit vielen Jahren sind die Münchner AIDS-Tage ein Ankerpunkt im HIV-Kongresskalender. 2026 lud die Konferenz dabei bereits zum dritten Mal zu einem Gastspiel nach Berlin. Traditionell liegt der Fokus auf Daten der CROI (Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections), welche meist kurz vorher stattfindet und als wegweisend für aktuelle Themen rund um die HIV-Therapie gilt.
BIC/LEN: Option bei komplexen ART-Regimen
Aktuell wird ein neues 2DR („two-drug regimen“) als eine Tablette pro Tag in Studien untersucht: eine Kombination aus Bictegravir (BIC) und Lenacapavir (LEN). BIC ist ein Integrase-Inhibitor, der in der antiretroviralen Therapie (ART) etabliert ist und in Kombination mit Emtricitabin und Tenofoviralafenamid (F/TAF) zu den empfohlenen Erstlinien-Therapien gehört. LEN ist der erste verfügbare Kapsid-Inhibitor, auch in Tablettenform erhältlich und als subkutane Injektion (2-mal jährlich) ergänzend zu einer vollständigen, aber nicht supprimierenden ART bei Patient:innen mit multiresistenten HI-Viren zugelassen.
Die Phase III der internationalen ARTISTRY-1-Studie inkludierte 557 Erwachsene mit komplexer Mehrfachmedikation. Sie behielten entweder ihre bisherige ART bei oder wurden auf BIC/LEN umgestellt. Zu Woche 48 wiesen 96,0% der Teilnehmenden unter BIC/LEN eine nicht nachweisbare Viruslast auf, verglichen mit 93,5% der Patient:innen, die ihre bestehende ART fortsetzten. Die CD4-Zellzahl blieb in beiden Gruppen stabil, es wurde keine Resistenz gegen BIC/LEN nachgewiesen und die Kombination war gut verträglich. Damit erwies sich das neue 2DR als nicht unterlegen und für diese spezielle Population als wirksame und sichere Therapieoption.1
Steigendes Alter und komplexe ART: ein besonderer Bedarf
Ein Großteil der Menschen mit HIV nimmt aktuell Ein-Tabletten-Regime ein. Doch ein nicht unerheblicher Anteil benötigt komplexere HIV-Therapien. Hier handelt es sich oft um Menschen in höherem Lebensalter, bei denen durch auftretende Komorbiditäten die Tablettenlast und damit einhergehende Wechselwirkungen stärker in den Vordergrund treten.
Die Teilnehmenden der ARTISTRY-1-Studie veranschaulichen diese besondere Kohorte: Das Durchschnittsalter lag bei 60 Jahren und drei Viertel der Teilnehmer waren älter als 55 Jahre. Bei Studienbeginn nahmen sie im Median seit 28 Jahren eine ART ein, zwei Drittel hatten eine Aids-Diagnose in ihrer Vorgeschichte. Komorbiditäten waren häufig, vor allem erhöhte Blutfettwerte (68%), Bluthochdruck (50%), hoher Blutzucker oder Diabetes (24%). 61% nahmen zwei oder mehr Medikamente neben der ART ein, 22% nahmen fünf oder mehr Tabletten pro Tag.1
Diese Charakteristika zeigen den Bedarf an neuen ART-Kombinationen und -Formaten auf, um den Menschen mit HIV bis ins hohe Alter und auch bei komplexen Vorgeschichten die bestmögliche Behandlung anbieten zu können.
Wöchentliche orale ART: ISL/LEN bietet neues Format
Aus diversen Gründen kann die Tabletteneinnahme einmal am Tag schwierig sein und bei unzureichender Adhärenz den anhaltenden Therapieerfolg gefährden. Vereinfachungen der ART-Anwendungsformate sind dementsprechend ein wichtiger Bestandteil der HIV-Forschung. Die Kombination derbeiden Wirkstoffen Islatravir (ISL) und LEN eröffnet erstmals die Option einer oralen ART zur Einnahme 1-mal wöchentlich.
Die präsentierte Studie schloss etwa 100 Erwachsene mit HIV ein, die seit mindestens 6 Monaten unter BIC/F/TAF eine HIV-1-RNA <50Kopien/ml hatten. Eine Gruppe wechselte sofort auf das wöchentlich einzunehmende 2DR ISL/LEN, die andere Gruppe führte ihre tägliche ART weiter und erhielt zu Woche 48 die Möglichkeit, auf ISL/LEN zu wechseln. Bewertet wurden 96-Wochen-Daten zu Endpunkten der virologischen Suppression, Therapieanwendung, Verträglichkeit oder auch CD4-Zellzahl und Lymphozyten-Werte.2
Die virologische Suppression lag in der Gruppe mit sofortigem Start bei 88,5% und in der Gruppe mit späterem Wechsel auf ISL/LEN bei 97,8% (Abb. 1). Bei keinem/keiner der Teilnehmer:innen, von denen Daten zum Auswertungszeitpunkt vorlagen, wurde eine Viruslast >50 HIV-1-RNA-Kopien/ml gemessen.2
Abb. 1: Virologische Suppression bei Woche 96 bei sofortigem und spätem Wechsel auf ISL/LEN (modifiziert nach Colson A et al. 2026)2
Es wurden keine neu auftretenden Resistenzen gegen ISL oder LEN nachgewiesen und es gab keine signifikanten Unterschiede in der CD4-Zell-Zahl oder Lymphozytenzahl. Im Allgemeinen war ISL/LEN gut verträglich. Die durchschnittliche Therapietreue war mit 99,3% bzw. mit 98,6% in beiden Gruppen hoch. Dies untermauert die Berichte von Studienteilnehmer:innen zu Woche 48, dass die wöchentliche Dosierung besser zum Lebensstil passt und die Erinnerung an den HI-Status reduzieren würde. Die Studienautor:innen zogen den Schluss, dass die Ergebnisse für ISL/LEN als potenzielle erste 1-mal wöchentlich einzunehmende orale ART sprechen.2 Phase-III-Studien (ISLEND-1 und -2) laufen bereits.
Wechsel auf TDF-freie ART: Hepatitis B als seltener, aber relevanter Faktor
Durch die Erweiterung der verfügbaren ART-Optionen kommt es bei immer mehr Patient:innen zu einer Umstellung auf ein ART-Regime, welches kein Tenofovir (TFV) beinhaltet. Sowohl Tenofovir Disoproxilfumarat (TDF) als auch TAF werden als Therapie einer chronischen Hepatitis B eingesetzt und zeigen Schutzwirkung in Bezug auf eine HBV-Infektion.
Eine präsentierte Studie widmete sich der Frage, ob der Wechsel einer HIV-Therapie auf TFV-freie Regime HBV-bezogene Auswirkungen hat: In einer US-amerikanischen Kohorte wurden Daten von knapp 6300 Patient:innen ausgewertet, die auf eine TFV-freie ART wechselten. Der mediane Nachbeobachtungszeitraum lag bei 3,4 Jahren und fokussierte auf das Risiko einer HBV-Reaktivierung oder HBV-Neuinfektion. Insgesamt wurden nur wenige Ereignisse beobachtet (24 Fälle; 0,38%). Dunkle Hautfarbe war mit einer signifikant höheren Inzidenz von HBV-Reaktivierung bzw. HBV-Neuinfektion assoziiert. Zu beachten war hierbei, dass es in allen Fällen zu einer deutlichen ALT-Erhöhung von >100 U/L kam. Die Ereignisse wurden somit als selten, aber relevant eingestuft.3
Die Autor:innen gaben die klare Empfehlung, vor Umstellung der ART auf ein TFV-freies Regime die vollständige HBV-Serologie zu überprüfen und bei Bedarf die HBV-Impfung nachzuholen. Nach erfolgter Umstellung sollte darauf geachtet werden, regelmäßige ALT/AST-Kontrollen – z.B. in 3- bis 6-monatigen Intervallen – durchzuführen.3
Lang wirksame ART in der Schwangerschaft: Daten zu CAB/RPV
Als erste lang wirksame injizierbare ART wurde die Kombination aus Cabotegravir und Rilpivirin (LA CAB/RPV) zugelassen und hat sich inzwischen als ART-Option etabliert. Noch existieren allerdings keine validen Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit beim Einsatz von LA CAB/RPV während der Schwangerschaft.
Eine kleine Studie wertete retrospektiv die Schwangerschaften von 23 Frauen mit HIV aus, die LA CAB/RPV erhielten. Bei 21 Frauen lag die Viruslast bei Geburt vor: 17 Frauen wiesen eine Viruslast <20 HIV-1-RNA-Kopien/ml auf. Von 21 Lebendgeburten war es bei 20 Kindern nachweislich nicht zu einer vertikalen Transmission gekommen, bei einem Kind war der HIV-Status unbekannt.4
Diese vorläufigen Ergebnisse deuten auf die hohe virale Suppression unter LA CAB/RPV in der Schwangerschaft hin. Korrekterweise wurde darauf hingewiesen, dass aufgrund der geringen Fallzahl keine aussagekräftigen Analysen möglich sind und erst weitere Daten aus größeren Kohorten validieren können, ob LA CAB/RPV eine sichere ART-Option in der Schwangerschaft darstellt.
Daten-Gap zu ART in der Schwangerschaft: 6 Jahre Verzögerung
Trotz der kleinen Fallzahl sind die verfügbaren Daten zu LA CAB/RPV in der Schwangerschaft spannend. In einem vorgestellten Fallbericht blieb die CAB-Konzentration während der Schwangerschaft konstant, die RPV-Konzentration hingegen war im dritten Trimester um 74% niedriger als 17 Wochen post partum. Hier musste als Fazit gezogen werden, dass LA CAB/RPV während der Schwangerschaft nicht geeignet sein könnte bzw. nur unter engmaschigen Kontrollen von Viruslast und Wirkstoffkonzentrationen.5
Dieses Beispiel verdeutlicht die Unsicherheit bei neu zugelassenen HIV-Medikamenten in Bezug auf deren Einsatz in Schwangerschaft und Stillzeit. Denn Schwangere und Stillende mit HIV sind im Regelfall von klinischen Studien ausgeschlossen. Daten zu neuen Therapien in dieser Population werden erst mit Verzögerung aus Kohorten und retrospektiven Studien zusammengetragen. Bei allen antiretroviralen Medikamenten beträgt der Zeitraum zwischen der Zulassung neuer Medikamente und dem Vorliegen erster Daten zur Pharmakokinetik und Sicherheit in der Schwangerschaft im Median sechs Jahre.6
Quelle:
Münchner AIDS- und Infektiologie-Tage, 27. bis 29. März 2026 in Berlin
Literatur:
1 Orkin C et al.: Switch to single-tablet bictegravir-lenacapavir from a complex HIV regimen (ARTISTRY-1): a randomised, open-label, phase 3 clinical trial. Lancet 2026; 407(10535): 1249-58 2 Colson A et al.: Once-weekly islatravir plus lenacapavir maintains HIV-1 suppression through 96 weeks: phase 2 study. CROI 2026; abstract #516 3 Haser G et al.: Hepatitis B reactivation/infection in people with HIV on tenofovir-sparing antiretroviral therapy. CROI 2026; abstract #142 4 Ahort W et al.: Long-acting antiretrovirals for pregnant and breastfeeding women. CROI 2026; abstract #1015 5 Nijboer L et al.: Current opinion: antiretrovirals during pregnancy and breastfeeding. Curr Opin HIV AIDS 2024; 19(6): 305-15 6 Colbers A et al.: Importance of prospective studies in pregnant and breastfeeding women living with human immunodeficiency virus. Clin Infect Dis 2019; 69(7): 1254-8
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