HIV-Kongressjahr 2025
Unser Gesprächspartner:
Univ.-Prof. Dr. Alexander Zoufaly
Präsident der Österreichischen AIDS Gesellschaft (ÖAG)
Das Interview führte Mag. Birgit Leichsenring
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Trotz enormer Forschungserfolge bleiben die Ansprüche an die HIV-Therapie und die betroffenen Patient:innen weiterhin hoch. Es gilt, den Therapieerfolg lebenslang aufrechtzuerhalten und diverse Herausforderungen zu bewältigen. Die HIV-Forschung bleibt somit unerlässlich – der Wiener Infektiologe und HIV-Experte Univ.-Prof. Dr. Alexander Zoufaly fasst im Interview mit JATROS einige der Forschungshighlights aus dem Kongressjahr 2025 zusammen.
Heutige HIV-Therapien (ART) können eine annähernd normalisierte Lebenserwartung mit guter Gesundheit ermöglichen. Zeitgleich sind die modernen Wirkstoffe signifikant nebenwirkungsärmer und haben ein günstiges Wechselwirkungsprofil. Dennoch stehen Menschen mit HIV und behandelnde Ärzt:innen vor deutlichen Herausforderungen. Die Forschung trägt dem Rechnung, bietet neue Daten zu etablierten Regimen und zeigt z.B. mit neuen Formaten Optionen für die Zukunft auf. Die Kongresse des Jahres 2025 boten demenentsprechende Neuigkeiten aus unterschiedlichen Bereichen.
Prof. Zoufaly, welche Konferenzen im HIV-Bereich haben das Jahr 2025 geprägt?
A. Zoufaly: Auf internationaler Ebene stand eindeutig die CROI an erster Stelle, gefolgt von der Conference on HIV Science der IAS (International AIDS Society). In Europa zählte die Konferenz der EACS (European Clinical AIDS Society) zu den Vorreitern. Und im deutschsprachigen Raum war der Deutsch-Österreichische AIDS-Kongress, kurz DÖAK, das Highlight des Jahres. Er fand im März 2025 statt – die Deutsche und Österreichische AIDS Gesellschaft luden gemeinsam in die Hofburg ein. In Summe boten all diese Kongresse auch im vergangenen Jahr wieder eine große Bandbreite hinsichtlich der Themen.
Wenn Sie an mögliche zukünftige Therapien denken, was war besonders spannend?
A. Zoufaly: Ein sehr interessantes neues ART-Regime besteht aus der Zweifachkombination Islatravir und Lenacapavir (ISL/LEN). Das Besondere dabei ist die orale Verabreichung einmal pro Woche. Sowohl bei der CROI als auch bei der EACS-Konferenz wurden hierzu Auswertungen vorgestellt. In der Studie wurden virologisch supprimierte Patient:innen entweder gleich oder verzögert auf die Dualtherapie ISL/LEN umgestellt. Es zeigte sich eine exzellente Wirksamkeit von ISL/LEN. Nach 96 Wochen gab es keine einzige Person, deren Viruslast nicht unter der Nachweisgrenze lag. Das galt auch für sechs Teilnehmende, von denen zum Auswertungszeitpunkt keine Daten innerhalb der Studie vorlagen. Sie hatten aus Gründen, die nicht mit der ART in Zusammenhang standen, die Studie verlassen. Insgesamt wurden keine Nebenwirkungen Grad 3 und/oder höher registriert, die auf die Studienmedikation zurückgeführt wurden. Also eine sehr gute Verträglichkeit neben einer exzellenten Wirksamkeit. Erwähnenswert war auch die Adhärenz: 99% nehmen einmal pro Woche die Tablette ein.
Mit diesen Daten ist die erste orale Long-acting-Therapie bereits in Sichtweite. So ein Format kann den Therapiealltag erleichtern, sich positiv auf die Lebensqualität auswirken und dabei unterstützen, den Therapieerfolg aufrechtzuerhalten.
Ein ganz anderes Thema, welches die Lebensqualität von Menschen mit HIV beeinflussen kann, ist eine potenzielle Gewichtszunahme unter ART. Gab es dazu Neuigkeiten?
A. Zoufaly: Ja, das Gewicht kann durchaus eine Rolle spielen. Dementsprechend wird das Thema auch bei Studien mehr berücksichtigt, wie z.B. die PASO-DOBLE-Studie zeigte. Dabei handelt es sich um eine Switch-Studie mit ca. 550 virologisch supprimierten Patient:innen, die entweder auf die Dualtherapie Dolutegravir und Lamivudin (DTG/3TC) oder eine Dreifachkombination aus Bictegravir, Emtricitabin und Tenofoviralafenamid (BIC/F/TAF) umgestellt wurden. Im Vorjahr wurden bereits 48-Wochen-Daten mit vergleichbarer virologischer Wirksamkeit und Verträglichkeit präsentiert. 2025 kam nun mit den 96-Wochen-Daten eine detaillierte Auswertung zum Gewicht dazu. In diesem Switch-Setting war bei den Teilnehmenden, die auf BIC/F/TAF umgestellt wurden, eine etwas größere Gewichtszunahme zu beobachten als in der DTG/3TC-Gruppe.
Stellt man sich hier nicht die Frage, ob ein ART-Wechsel zu einer Gewichtsreduktion führt?
A. Zoufaly: Absolut. Es ist eine relevante Frage, ob die Gewichtszunahme reversibel ist und beispielsweise eine Umstellung auf ein Integrase-Inhibitor-freies Regime hier Sinn ergibt. Dem ging eine Studie nach, die auf der IAS-Konferenz präsentiert wurde. In der DO-IT-Studie wurden 145 Patient:innen mit einem BMI über 30 inkludiert, deren Therapie einen Integrase-Inhibitor sowie TAF enthielt. Bei 65%, also einem sehr hohen Anteil der Teilnehmenden, war es in den ersten drei Jahren nach ART-Start zu einer deutlichen Gewichtszunahme von über 10% gekommen. Die Zunahme erfolgte damit vor Studienstart.
In der Studie selber stellte man dann entweder auf Doravirin (DOR) und damit ein Integrase-Inhibitor-freies Regime mit TAF oder Tenofovirdisoproxilfumarat (TDF) um oder behielt die ursprüngliche ART bei. Nach 48 Wochen war eine Gewichtsreduktion bei allen Patient:innen zu sehen, unabhängig von der ART. Es gab keinen Unterschied im Ausmaß der Gewichtsreduktion dahingehend, ob DOR mit TAF oder TDF kombiniert oder die ART beibehalten wurde.
Auch Triglyzeride, LDL-Cholesterin und HDL-Cholesterin, Insulinresistenz oder Gesamtfettmasse am Bauch oder in der Peripherie unterschieden sich in den Behandlungsarmen nicht. Man kann also sagen, dass unabhängig von der ART ein Gewichtsverlust möglich ist. Die Therapie auf eine Kombination ohne Integrase-Inhibitor umzustellen, um mehr Gewichtsreduktion zu erreichen, ist nach dieser Studie keine geeignete Strategie.
Wie erklären Sie die gleichwertige Gewichtsreduktion in den Studienarmen?
A. Zoufaly: Das darf vermutlich als Nebenerscheinung solcher Studien interpretiert werden. Hier befassen sich die Teilnehmer:innen durch das Studiensetting viel mehr mit Gewichtskontrolle und werden über regelmäßige Bewegung und möglicherweise auch Diät informiert. Die Daten könnten dahingehend motivieren, dass wir in der Langzeitbetreuung ausreichend Raum für solche Themen und sinnvolle Lebensstilveränderungen schaffen.
Die Behandlung von Menschen mit HIV geht mit sehr diversen Herausforderungen einher. Ein Beispiel dafür ist die ART-Wahl bei später Diagnose. Was bot das Kongressjahr 2025 dazu?
A. Zoufaly: Eine wichtige Frage zu Menschen mit sehr späten Diagnosen wurde von der LAPTOP-Studie adressiert, deren Ergebnisse auf der CROI präsentiert wurden. Wie werden Patient:innen behandelt, die eine fortgeschrittene HIV-Infektion haben? Bislang gab es Uneinigkeit darüber, ob man ein Protease-Inhibitor-basiertes Regime verwenden sollte oder eine ART mit Integrase-Inhibitor.
In die Studie inkludiert wurden knapp 500 Personen mit einem Durchschnittsalter von 43 Jahren. Über 80% hatten eine CD4-Zellzahl von unter 100/µl und fast 45% wiesen eine Viruslast von über 500000 Kopien/pro ml Blut auf. Also eine Kohorte mit einer sehr fortgeschrittenen Infektion. Die Patient:innen erhielten in den zwei Studienarmen entweder eine ART mit dem geboosteten Protease-Inhibitor Darunavir (DRV/c/F/TAF) oder eine ART basierend auf dem Integrase-Inhibitor Bictegravir (BIC/F/TAF).
Gewählt wurde ein Komposit-Endpunkt aus virologischem Versagen und neu aufgetretenen klinischen Events. Eine Subanalyse zeigte eine geringere Rate im virologischen Versagen unter BIC/F/TAF. Die Subanalyse zu den klinischen Events wies hingegen keinen Unterschied zwischen den Regimen nach. Somit ergab der Komposit-Endpunkt in Summe die Nichtunterlegenheit von BIC/F/TAF im Vergleich zu DRV/c/F/TAF. Insgesamt wurde also erstmals gezeigt, dass die Integrase-Inhibitor-basierte ART bei sehr fortgeschrittenen HIV-Infektionen eine gute Therapieoption bietet.
Sind solche Daten für Österreich relevant? Wie sieht die Situation in Bezug auf späte HIV-Diagnosen aus?
A. Zoufaly: Solche Studien sind auch für unseren klinischen Alltag essenziell. Denn leider nimmt auch in Österreich der Anteil der späten Diagnosen nicht in einem wünschenswerten Ausmaß ab. Die betroffenen Patient:innen können erst zu einem späten Zeitpunkt mit einer ART starten und daher nicht im gleichen Ausmaß von der modernen ART profitieren wie Menschen, deren HIV-Diagnose früher gestellt wurde. Und es hat auch Implikationen auf Public-Health-Ebene. Wir wissen, dass unter effektiver ART HIV-Übertragungen verhindert werden. Es ist daher auch ein klares Anliegen der medizinischen Fachgesellschaft ÖAG, frühe Diagnosen zu fördern und damit letztlich Inzidenz und Prävalenz zu reduzieren.
Welches Fazit ziehen Sie aus dem Kongressjahr 2025?
A. Zoufaly: Die Daten zu neuen Substanzen oder zu etablierten Therapien in bestimmten Kohorten und Situationen zeigen auf, dass neben der Wirksamkeit der Therapie die Lebensqualität unserer Patient:innen im Fokus steht. Und man darf sagen: „Long-acting“ ist das Gebot der Stunde. Ich denke, hier wird sich die HIV-Landschaft in Zukunft noch deutlich ändern. Das ist hocherfreulich. Immerhin erfordert die effektive HIV-Therapie ein lebenslanges Mitarbeiten der Patient:innen. Long-acting-Konzepte können Menschen mit HIV sehr gut unterstützen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Quelle:
„HIV-Rückblick“; Webinar der Österreichischen AIDS Gesellschaft vom 27.1.2026
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