Best of ESCMID Global 2026
Bericht:
Dr. Katrin Spiesberger
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Unter der Leitung von Dr. Lisa Kriegl, Graz, und Dr. Luzia Veletzky, Wien, fand im Juni das erste Webinar der youngOEGIT statt – ein neues Forum für infektiologischen Wissenstransfer. Bei dieser Premiere standen die Highlights des ESCMID Global 2026 im Mittelpunkt.
Der ESCMID Global fand heuer vom 17. bis 21. April in München statt. Mit mehr als 15000 Teilnehmer:innen ist dies einer der größten und wichtigsten Kongresse für Infektiologie und klinische Mikrobiologie. Bei dieser Größe fällt es oft schwer, einen Überblick über die wichtigsten Kongresserkenntnisse zu erlangen. Hier setzte die Präsentation von Dr. Lisa Kriegl, Klinische Abteilung für Infektiologie, Medizinische Universität Graz, und Dr. Luzia Veletzky, Klinische Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin, Medizinische Universität Wien, an – sie übersetzten die Informationsdichte aus Clinical Grand Rounds, „Top Papers“-Formaten, Keynotes und Expertensitzungen in alltagsrelevante Entscheidungen.
Staphylococcus-aureus-Bakteriämien
Besonders viel Raum gaben die beiden Organisatorinnen des Webinars den Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Beim ESCMID Global wurden dazu neue Daten aus dem SNAP-Trial präsentiert.
Der Trial „Staphylococcus aureus Network Adaptive Platform“ (SNAP) ist eine seit 2022 laufende adaptive Plattform zur Bewertung verschiedener Behandlungsmaßnahmen. Zwar stehen wirksame Antibiotika zur Behandlung von S.-aureus-Bakteriämien zur Verfügung, allerdings sind die Daten dazu begrenzt, welche am besten geeignet sind und welche Dosierungen oder Kombinationen davon. SNAP ist eine groß angelegte Plattformstudie und umfasst sowohl pädiatrische als auch erwachsene Teilnehmer:innen – insgesamt über 6000 Patient:innen in mehr als 100 Zentren weltweit. Die Studie besteht derzeit aus vier Domänen: Antibiotika-Grundtherapie, adjuvante Therapie (Studie im Oktober 2025 abgeschlossen), frühe Umstellung auf orale Therapie und Stellenwert von PET/CT.1
Kriegl hob einen Aspekt des SNAP-Projekts hervor, der letztes Jahr bereits ein großes Thema war; viele warten schon gespannt auf die Ergebnisse des Vergleichs von Cefazolin und Flucloxacillin. Bereits 2025 wurde auf deutlich höhere Raten von Nierenversagen/interstitiellen Nephritiden unter Flucloxacillin hingewiesen. 2026 wurde dies am ESCMID Global kommentiert, die Ergebnisse wurden in der Zwischenzeit überprüft und nun rezent publiziert: Es zeigte sich, dass Cefazolin hinsichtlich der 90-Tages-Mortalität bei Patien-t:innen mit durch Methicillin-empfindlichem S. aureus verursachten Bakteriämie Flucloxacillin oder Cloxacillin nicht unterlegen ist und mit einer geringeren Inzidenz akuter Nierenschädigung einhergeht.2
Neu präsentiert wurden die Ergebnisse der Clindamycin-Domäne des SNAP-Trials. Bei 4108 Patient:innen zeigte eine fünftägige Add-on-Therapie mit Clindamycin keinen Vorteil hinsichtlich der 90-Tages-Mortalität (16,9% mit vs. 15,2% ohne), bei Intensivpatient:innen führte dies jedoch zu mehr Nebenwirkungen.
Ergänzend wurden Dalbavancin-Spiegel als potenzielle Erfolgsmarker diskutiert: Im Rahmen einer Studie erhielten Patient:innen 1500mg Dalbavancin an Tag 1 und Tag 8. Es zeigte sich, dass höhere Dalbavancin-Blutspiegel (über 32µg/ml) am Tag 22 mit besserem Therapieerfolg assoziiert waren; niedrige Spiegel wurden bei Patient:innen mit erhöhter renaler Clearance, höherem Körpergewicht und niedrigem Albumin in Verbindung gebracht.3
Für Fosfomycin wurde die FEN-AUREUS-Studie hervorgehoben. Der Einsatz von Fosfomycin bewährte sich vor allem in High-Risk-Settings bzw. bei komplizierten S.-aureus-Bakteriämien, insbesondere bei Patient:innen, bei denen unklar war, woher die S.-aureus-Bakteriämie stammte. Bei Low-Risk- oder unkomplizierten Verläufen wurde kein Benefit beschrieben.4, 5
Im Rahmen der Diskussion übersetzte Veletzky diese Evidenz in klinische Strukturqualität: Die S.-aureus-Bakteriämie sei „eines der wichtigsten Krankheitsbilder im täglichen infektiologischen Alltag“. Am AKH Wien, wie in mehreren anderen Krankenhäusern österreichweit, würden Fälle vom Konsiliardienst proaktiv kontaktiert, Follow-up-Blutkulturen angelegt und die Fokusdiagnostik wurde systematisch adressiert. „Wir machen das, weil es Studiendaten gibt, die zeigen, dass man damit wirklich das Outcome für die Patient:innen verbessern kann.“ Veletzkys Fazit war klar: „Wirklich unkomplizierte S.-aureus-Bakteriämien sind selten, die Infektion wird oft unterschätzt, da können wir viel Aufklärungsarbeit leisten.“
Updates zum Management weiterer bakterieller Infektionen
Am Beispiel der akuten Cholangitis wurde der COBRA-Trial diskutiert, in dem nach erfolgreicher Drainage eine eintägige antibiotische Therapie gegenüber einer für vier bis sieben Tage nicht unterlegen war.6
Eine Keynote Lecture beschäftigte sich mit Rickettsien, fuhr Kriegl fort. Der „global burden“ steige an, ebenso wie die Verbreitung. Die Vortragende betonte die Verwendung von Doxycyclin als Therapiestandard, Nicht-Doxycyclin-Regime seien mit erhöhter Mortalität assoziiert.
Auch Atemwegsinfektionen wurden beim ESCMID Global thematisiert: „Eine Studie aus dem JAMA 2026 hat gezeigt, dass bei einer unkomplizierten Sinusitis das Amoxicillin gegenüber Amoxicillin/Clavulansäure aufgrund vergleichbarer Wirksamkeit und geringerer Nebenwirkungen potenziell, sofern eine antiinfektive Therapie indiziert ist, zu bevorzugen ist“, so Kriegl.7
Im Zusammenhang mit einer Mycoplasma-pneumoniae-Pneumonie war eine Steroidtherapie mit Betamethason mit kürzerer Hypoxämiedauer (2,3 vs. 3,6 Tage) und Hospitalisierung assoziiert.8 Und bei über 65-Jährigen war eine Low-Dose-CT in der Pneumoniediagnostik genauer als ein Thoraxröntgen oder ein Lungenultraschall.9 Kriegl ergänzte: „Der Lungenultraschall ist natürlich sehr untersucherabhängig und auch abhängig davon, wo die etwaige Konsolidierung anatomisch vorliegt.“
Eine Session widmete sich den Harnwegsinfektionen. Wichtig für die Praxis waren die Daten der SCOUT-Studie: Die Einmalgabe von Fosfomycin schnitt bei unkomplizierter Zystitis am schlechtesten ab, Nitrofurantoin am besten.10
„Sehr interessant sind, wie ich finde, neue Entwicklungen zur Sepsis, und das Thema hat auch immer wieder Platz am ESCMID Global. Es sind ja vor gut einem Jahr die neuen Surviving-Sepsis-Campaign-Guidelines erschienen“, fuhr Kriegl fort. Zunehmend wird die Sepsis als heterogenes immunologisches Syndrom verstanden und anhand unterschiedlicher Immunphänotypen charakterisiert. Rezent zeigte der ImmunoSep-Trial, dass man die Sepsis eher einer Hyperinflammation („macrophage activation-like syndrome“) oder eher einer Immunparalyse zuordnen kann. Die gezielte Gabe von Anakinra (bei Hyperinflammation) oder IFN-gamma (bei Immunparalyse) war mit einer signifikant besseren Organfunktion an Tag 9 assoziiert. Ein Mortalitätsvorteil ergab sich durch dieses Vorgehen allerdings nicht.11
Bei ESBL-bildenden Enterobacterales blieb die Frage nach Carbapenem-sparenden Strategien kontrovers. Der MERINO-Trial ist in diesem Zusammenhang prägend, da darin unter Piperacillin/Tazobactam eine um 8,6% höhere Mortalität gegenüber Meropenem berichtet wurde.12 Ergänzend wurden nun die Ergebnisse der PeterPEN-Studie präsentiert. In dieser multizentrischen randomisierten Nichtunterlegenheitsstudie bei Patient:innen ohne septischen Schock mit ESBL-bildenden E.-coli- oder Klebsiella-Infektionen war Piperacillin/Tazobactam Meropenem hinsichtlich des klinischen Versagens an Tag 7 nicht unterlegen. Die Mortalitätsanalyse blieb ausständig; praxisrelevant bleiben Schweregrad, AST-Verfügbarkeit, lokale Befundausgabe und Source Control (Tab.1).13
Tab 1: Piperacillin/Tazobactam (PTZ) vs. Meropenem: Vergleich der Studien MERINO und PeterPEN (modifiziert nach Harris PNA et al. 2018, Paul M & Rodríguez-Baño J 2026)12, 13
Neues aus der Virologie
Kriegl präsentierte auch Neues aus der Virologie: Eine Real-World-Kohorte ergab, dass Patient:innen, die Maribavir bei einer CMV-Infektion nach Stammzelltransplantation erhielten, mit 81% ein sehr gutes Ansprechen bei guter Verträglichkeit erzielten.14 Kurz diskutiert wurden Daten zu Long Covid, die zeigten, dass Colchicin und Famotidin/Loratadin kurzfristig die Fatigue reduzierten, nach Therapieende allerdings kein anhaltender Effekt bestand.15
Hinsichtlich neuer Medikamente wurde die Phase-III-Studie PRIOH-1 präsentiert, in der Pritelivir, ein neuartiger oraler Helikase-Primase-Hemmer, der gegen HSV-1 und HSV-2 wirksam ist (einschließlich Stämme, die gegen Nukleosidanaloga und Foscarnet resistent sind), untersucht wurde. Pritelivir erreichte den primären Endpunkt und zeigte im Vergleich zur Standardtherapie eine statistisch signifikant höhere Wirksamkeit bei gleichzeitig günstigem Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil. Diese Ergebnisse untermauern die Eignung von Pritelivir als besser verträgliche Foscarnet-Alternative.16
Tropenmedizinisches
Im tropenmedizinischen Teil wurde u.a. Malaria thematisiert: Bei Patient:innen mit einer schweren Erkrankung bleiben neurokognitive Defizite noch Jahre nachweisbar.17
In einer „Meet the Expert“-Session zu Reiserückkehrer:innen mit Immunsuppression stand die Schistosomiasis im Mittelpunkt. Das Fazit der Session: Die Stuhlmikroskopie hat eine geringe Sensitivität und zur Abklärung benötigt es immer die Berücksichtigung von Anamnese, Klinik und allen diagnostischen Bausteinen.
„Ein weiterer Hinweis betrifft die Eosinophilie: Hier an Gewebeparasiten denken!“, fuhr Kriegl fort. Umgekehrt schließt die fehlende Eosinophilie eine Strongyloides-Infektion nicht aus, insbesondere bei immunsupprimierten Patient:innen oder z.B. auch bei HTLV-1-Infektionen. Eine im Alltag hilfreiche Übersicht über das Management der Eosinophilie bei Reiserückkehrer:innen bieten die unlängst publizierten UK-Guidelines – darin werden auch Migration und globale Mobilität berücksichtigt.18 In diesem Zusammenhang wird es immer wichtiger, herkunftsadaptierte Screening-Strategien zu etablieren. Veletzky berichtete von ihren Erfahrungen am AKH Wien: „Wir haben uns die Prävalenz von Strongyloides-Infektionen bei Dialysepatient:innen angesehen. In vielen Ländern wird im Rahmen der Prätransplantations-Abklärung ganz selbstverständlich auf Strongyloides gescreent, so wie bei uns auf Hepatitis. Bei uns ist das nicht so. Tatsächlich zeigten die Wiener Dialysepatient:innen eine Seropositivität von 8% und es gab auch Fälle mit direktem Parasitennachweis! Was wir auch gesehen haben, ist, dass die Patient:innen, die aus dem Nahen Osten oder aus Nordafrika stammen, die höchste Seropositivitätsrate hatten. Ob das Strongyloides-Screening in die Prätransplantations-Evaluierung inkludiert wird, muss geklärt werden.“19
Die Folgen des Klimawandels
Abschließend kam auch die Klimaveränderung zur Sprache – erwähnt wurden beim ESCMID Global 2026 in diesem Zusammenhang die Flut in Pakistan von 2022, die zu Malariaausbrüchen geführt hat, Entwaldung, die das Risiko zoonotischer Infektionen erhöht, oder der Biodiversitätsverlust, der den Spillover zwischen Wildtieren, Nutztieren und Menschen fördert. „Insgesamt sind wir dadurch mit einem höheren Pandemierisiko konfrontiert, das vermehrte Surveillance und natürlich mehr Prävention erfordert“, gab Kriegl abschließend einen Ausblick, womit die Infektiologie in Zukunft zu rechnen hat.
Safe the date
2. youngOEGIT Webinar
„How to handle – häufige infektiologische Konsilsituationen“
Webinar am Mittwoch, 23. September 2026, 18:30–19:30 Uhr
Anmeldung unter: office@oegit.eu
Quelle:
1. youngOEGIT Webinar am 16.6.2026, online
Literatur:
1 SNAP Trial: https://www.snaptrial.com.au/; zuletzt aufgerufen am 29.6.2026 2 SNAP Trial: N Engl J Med 2026; 394: 2329-39 3 Lodise TP et al.: JAMA Network Open 2026; 9(4): e2611652 4 Escrihuela-Vidal F et al.: Clin Infect Dis 2026; 82(2): 238-45 5 Gutiérrez-Gutiérrez B et al.: EClinicalMedicine 2025; 83: 103240 6 Overdevest et al.: Trials 2026; 27(1): 222 7 Savage TJ et al.: JAMA 2026; 335(19): 1694-705 8 Teja B, Marshall JC: Lancet Reg Health Eur 2026; 64: 101677 9 Orso D et al.: EClinicalMedicine 2025; 89: 103553 10 Llor C et al.: Lancet 2026; 407(10539): 1603-13 11 Giamarellos-Bourboulis EJ et al.: JAMA 2026; 335(9): 775-86 12 Harris PNA et al.: JAMA 2018; 320(10): 984-94 13 Paul M, Rodríguez-Baño J: ESCMID Global 2026, München 14 Paviglianiti A et al.: Lancet Infect Dis 2026; doi: 10.1016/S1473-3099(26)00144-1 15 Bassi A et al.: JAMA Intern Med 2025; 185(12): 1462-1470 16 Papanicolaou GA et al.: Transplant Cell Ther 2026; 32(3): Suppl. 18-9 17 Bangirana P et al.: JAMA 2026; 335(18): 1596-605 18 Thakker C et al.: J Infect 2025; 90(2): 106328 19 Omic H et al.: Nephrol Dial Transplant 2026; 41(4): 669-80
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