Aktuelle Erkenntnisse über das Alongshan-Virus
Unsere Gesprächspartnerin:
Univ.-Prof. Dr. Judith Aberle
Zentrum für Virologie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: judith.aberle@meduniwien.ac.at
Das Interview führte Dr. Katrin Spiesberger
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Forscher:innen des Zentrums für Virologie der MedUni Wien unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Judith Aberle haben erstmals das Vorkommen des Alongshan-Virus in Österreich nachgewiesen. In ihrer aktuell publizierten Studie zeigen sie anhand genetischer Analysen von Zeckenproben, dass sich das Virus bereits vor mindestens 20 Jahren in Mitteleuropa etabliert hat.
Vor Kurzem hat Ihre Arbeitsgruppe in The Lancet Microbe einen Beitrag über das Alongshan-Virus publiziert. Was ist dieses Virus und wie wird es übertragen?
J. Aberle: Das Alongshan-Virus wurde vor wenigen Jahren erstmals in China entdeckt. Inzwischen ist bekannt, dass sein Vorkommen nicht auf Asien beschränkt ist, sondern dass es sich auch in Europa ausgebreitet hat. Es wird durch Zecken übertragen und gehört zur Familie der Flaviviren, zu der auch bekannte Krankheitserreger wie das FSME-Virus, West-Nil-, Dengue- und Gelbfieberviren zählen. Während diese Viren seit Jahrzehnten intensiv erforscht werden, steht die Erforschung des Alongshan-Virus noch am Anfang. Viele zentrale Fragen sind noch ungeklärt: Wie verbreitet ist das Virus? Wie hoch ist das Übertragungsrisiko, welche Erkrankungen kann es beim Menschen verursachen und wie lassen sich Infektionen zuverlässig nachweisen?
Wie wirkt sich eine Infektion mit dem Virus auf den Menschen aus?
J. Aberle: Nach bisherigen Berichten aus China können Infektionen mit dem Alongshan-Virus mit Fieber, Kopfschmerzen, Lymphknotenschwellung sowie Muskel- und Gelenkschmerzen einhergehen. Vereinzelt wurden auch Hautausschläge und neurologische Symptome bis hin zum Koma beobachtet. In unseren Untersuchungen von fast 2000 Blutproben von Patienten nach Zeckenstichen fanden wir bisher lediglich bei zwei Personen Hinweise auf eine zurückliegende Infektion, jedoch keine Anzeichen für eine akute Erkrankung. Ob die in Europa zirkulierenden Alongshan-Viren tatsächlich Erkrankungen beim Menschen verursachen und welche klinische Bedeutung ihnen zukommt, ist daher noch unklar.
Hat das Virus eine Relevanz für andere (nichtmenschliche) Säugetiere?
J. Aberle: Infektionen wurden bisher bei Schafen, Rindern, Rentieren sowie bei Rehen, Ziegen und Pferden durch den Nachweis von Virus-RNA oder spezifischen Antikörpern unter anderem in Deutschland belegt. Es wäre möglich, dass diese Tiere als Reservoirwirte zur Aufrechterhaltung der Viruszirkulation beitragen. Damit könnten sie gleichzeitig wertvolle Hinweise auf die Zirkulation des Virus in einer Region liefern. Bisher wurden bei Tieren trotz nachgewiesener akuter Infektion keine Erkrankungssymptome beobachtet.
Abb. 1: Forscherinnen und Forscher im Team von Judith Aberle: Simon Raffl, Paul Jetzinger, David Florian, Michael Bauer, Amelie Popovitsch (v.l.n.r.)
2017 wurde das Alongshan-Virus erstmals in China entdeckt – wie sieht die derzeitige Situation in Europa, insbesondere in Österreich, aus?
J. Aberle: Das Virus wurde mittlerweile in verschiedenen Regionen Europas nachgewiesen, darunter auch in Finnland, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und vor Kurzem auch in Polen und Großbritannien. Auch in Österreich konnten wir das Virus in mehreren Regionen – von Wien über Niederösterreich, Oberösterreich, die Steiermark bis nach Vorarlberg – nachweisen.
Besonders interessant ist, dass sich die Viren innerhalb einer Region über lange Zeit genetisch kaum verändert haben, während sich Virusstämme aus verschiedenen Regionen Österreichs deutlich voneinander unterscheiden. Ein ähnliches Muster kennen wir bereits vom FSME-Virus, das von derselben Zeckenart übertragen wird. Es wäre also durchaus möglich, dass sich das Alongshan-Virus über lange Zeit lokal in etablierten Zeckenpopulationen hält, aber auch immer wieder über größere Entfernungen eingeschleppt wird. Wie das Virus ursprünglich nach Europa gelangt ist, lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Eine mögliche Erklärung ist, dass infizierte Zecken durch Zugvögel über weite Distanzen transportiert werden und so zur Einschleppung des Virus nach Europa beitragen.
Sie konnten das Virus aus Zeckenproben nachweisen. Wie kam es dazu bzw. woher kamen diese Zeckenproben?
J. Aberle: Im Rahmen einer Kooperation mit Forscherinnen und Forschern der AGES haben wir rund 3000 aktuelle Zeckenproben untersucht, welche unter anderem aus dem österreichweiten Überwachungsprogramm SURVector stammen. Im Rahmen dieses Programms werden Zecken und Stechmücken österreichweit gesammelt und auf Krankheitserreger untersucht, um deren Auftreten frühzeitig zu erkennen. Für unsere Studie konnten wir außerdem eine Sammlung von rund 1800 archivierten Zeckenproben aus den Jahren 2005 bis 2018 analysieren. Dabei zeigte sich, dass das Alongshan-Virus in Österreich keineswegs erst vor Kurzem aufgetreten ist, sondern bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in heimischen Zeckenpopulationen zirkuliert. Besonders bemerkenswert ist, dass sich die Virusgenome aus historischen und aktuellen Zecken nur geringfügig voneinander unterscheiden. Das zeigt, dass das Virus schon lange unbemerkt in Mitteleuropa zirkuliert und sich hier dauerhaft etabliert hat.
Wie lautet das Fazit Ihrer Studie?
J. Aberle: Unsere Untersuchungen zeigen, dass Arboviren in Europa zirkulieren, die bisher weitgehend unbemerkt geblieben sind. Klimawandel, veränderte Ökosysteme und globale Mobilität schaffen zudem günstige Bedingungen für die Ausbreitung von Vektoren und vektor-übertragenen Viren in neue Regionen. Dies zeigt sich unter anderem an der zunehmenden Verbreitung des West-Nil-Virus in Europa sowie an dem vermehrten Auftreten autochthoner Dengue- und Chikungunya-Fälle in südeuropäischen Ländern. Angesichts dieser Entwicklung ist eine präzise und umfassende Diagnostik mithilfe moderner Sequenzierungstechniken und hochspezifischer serologischer Testsysteme von zentraler Bedeutung. Sie ermöglicht es uns, neue und bisher wenig bekannte Erreger frühzeitig zu erkennen, und trägt damit wesentlich zum Verständnis ihrer Verbreitung und zur Bewertung potenzieller Gesundheitsrisiken bei.
Vielen Dank für das Gespräch!
Literatur:
Florian DM et al.: Widespread circulation of Alongshan virus in Austria and serological evidence for infection in humans: a nationwide molecular and serological observational study. Lancet Microbe 2026; 18: 101404
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