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„Was unseren Beruf so erfüllend macht, gerät immer mehr ins Hintertreffen“

Gynäkologie & Geburtshilfe | Gesundheitspolitik
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Peter Husslein über die schwierige Balance zwischen vertrauensvoller Grundlagenversorgung und notwendigem Spezialwissen.

In der Frauenheilkunde gibt es für fast alles eine erfolgreiche Behandlung. Das ist einer der Hauptgründe, warum Prof. Peter Husslein Frauenarzt geworden ist. Anfang Oktober 2020 wurde der ehemalige Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde emeritiert. Er blickt mit uns auf 43 Jahre als Frauenarzt zurück und erzählt, wie er sich die Zukunft des Fachs vorstellt.

Herr Prof. Husslein, Sie meinten, ein Interview mit Ihnen anlässlich Ihrer Emeritierung wäre interessant für die JATROS-Leser. Finden Sie das nicht etwas überheblich?

P. Husslein: Eher realistisch. Ich bin seit 43 Jahren Frauenarzt und war 28 Jahre lang Klinikchef. Es gibt hierzulande wenige Gynäkologen, die so viel Erfahrung haben und die mitbekommen haben, wie sich das Fach in dieser Zeit entwickelt hat. In der letzten Zeit beobachte ich die Entwicklung unseres Fachs etwas mit Sorge.

Wie meinen Sie das?

P. Husslein: Das, was unseren Beruf so erfüllend und reizvoll macht, gerät immer mehr ins Hintertreffen. Das Schöne am Beruf des Frauenarztes ist, dass man sich ganzheitlich um die Gesundheit von jungen Mädchen und Frauen bis ins hohe Alter kümmert – so ein breites Altersspektrum hat man in wenigen anderen Fächern. Dabei geht es nicht nur um körperliche Beschwerden, sondern auch um intime Themen und psychisch belastende Situationen: von der ersten Verliebtheit mit Fragen zur Verhütung über Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt bis zu Hitzewallungen und trockener Scheide im Wechsel. Für so eine ganzheitliche Betreuung braucht es Vertrauen – denken Sie nur an Probleme beim Sex, Beschwerden im Genitalbereich oder Inkontinenz. Als Gynäkologe ist man Vertrauter der Frau, der sie ein ganzes Leben begleitet und so manche Hochs und Tiefs mit ihr durchsteht. Von meinen Patientinnen höre ich immer wieder: „Sie sind der Einzige, der immer für mich da ist.“ Das finde ich enorm erfüllend.

Und wo ist das Problem?

P. Husslein:Die Frauenheilkunde wird bis zu einem gewissen Grad auseinandergerissen und man kann nicht mehr so leicht ein Generalist sein, der sich um alle Probleme selbst kümmert. Das Fach ist so komplex geworden, dass es Spezialisten braucht, etwa in gynäkologischer Onkologie, Infertilitätsbehandlung, Pränatalmedizin, Endokrinologie oder Inkontinenzbehandlung. Es ist mir als Klinikchef bis zu meiner Emeritierung gerade noch gelungen, das Fach einigermaßen zusammenzuhalten. Ich habe aber Sorge, dass das Berufsbild des „allumfassenden Frauenarztes“, an den sich die Frauen jederzeit mit all ihren Problemen vertrauensvoll wenden können, aussterben könnte.

Wir wissen heute aber viel mehr als vor 40 Jahren und kein Gynäkologe kann sich in allem gut auskennen. In der Inneren Medizin gibt es doch zum Beispiel auch Kardiologen, Rheumatologen oder Nephrologen.

P. Husslein: Ja, das ist richtig. Ich finde es aber schade, dass es kaum mehr „Allgemein-Internisten“ gibt. Ich gebe Ihnen jedoch Recht: Wir brauchen spezialisierte Frauenärzte, um den Patientinnen die nach neuestem Wissen beste Behandlung anbieten zu können.

Einerseits möchten Sie, dass Frauen einen „Allgemein-Gynäkologen ihres Vertrauens“ haben. Andererseits möchten Sie, dass Frauen eine hochqualitative Behandlung von Spezialisten bekommen. Wie soll die Gratwanderung gelingen?

P. Husslein: Die Facharztausbildung müsste geändert werden. Jeder Frauenarzt sollte zunächst ein „Allgemein-Gynäkologe“ werden. Danach könnte er sich spezialisieren, wenn er das will. Viele Länder – zum Beispiel die USA, Großbritannien und manche Unis in Deutschland – bieten solche Spezialisierungen an. Auch die Europäische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe unterstützt solche Spezialausbildungen, Fellowships genannt. Leider sperrt sich die Österreichische Ärztekammer dagegen und sieht bisher im Curriculum keine solchen Spezialisierungen vor. Im AKH Wien bieten wir seit vielen Jahren Spezialisierungen an: gynäkologische Onkologie, Gynäkourologie, Endokrinologie und Infertilitätsbehandlung, fetomaternale Medizin und minimal invasive Chirurgie. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und ist jeweils international akkreditiert. Die Ärztekammer wehrt sich aber mit Händen und Füßen und akkreditiert unsere Spezialausbildungen nicht.

Warum nicht?

P. Husslein: Die Kammer möchte das Gros ihrer Mitglieder schützen, nämlich die vielen niedergelassenen Kollegen, die keine Spezialisierung haben. Die haben vermutlich Angst, dass ihnen die Patientinnen zum Spezialisten weglaufen und sie dann weniger verdienen. Das Interesse der Kammer ist oft leider nicht, die Qualität der Medizin zu verbessern, sondern sie schützt immer wieder in allen möglichen Belangen die Annehmlichkeiten ihrer Mitglieder. Die Kammer müsste aber viel stärker die Interessen der Patienten vertreten. Diese haben ein Recht auf eine hochqualifizierte Behandlung vom Spezialisten.

Wenn sich alle jungen Gynäkologen zu Spezialisten ausbilden lassen: Wo bleibt dann Ihr „vertrauensvoller Allgemein-Gynäkologe“?

P. Husslein: Ich sage ja gar nicht, dass es nur Spezialisten geben soll. Es sollte Allgemein-Gynäkologen geben und Spezial-Gynäkologen. Der Allgemein-Gynäkologe betreut die Frau ihr Leben lang, und wenn sie ein Problem hat, in dem er sich nicht auskennt, schickt er sie zum Spezialisten. Hat dieser das Problem dann begutachtet oder gelöst, kommt sie wieder zum Allgemein-Gynäkologen zurück. Idealerweise würden die Allgemein-Gynäkologen und die Spezialisten in einem Haus zusammenarbeiten. Ich beispielsweise bin in der großartigen Lage, dass ich die Ordination gemeinsam mit meinem Sohn betreibe. Mein Sohn ist Spezialist für minimal invasive Chirurgie. Ich bespreche mit der Patientin die Operation, mein Sohn operiert und ich assistiere. So kann ich der Patientin später genau erklären, was wir wie operiert haben, und während der Operation kann ich meinem Sohn sagen, was auf der Basis der Vorgeschichte und der besonderen Perspektive der Patientin im konkreten Fall sinnvoll ist und was nicht.

So eine Möglichkeit der Zusammenarbeit hat ja nicht jeder Gynäkologe.

P. Husslein: Ich gebe zu, dass das ideale Voraussetzungen sind. Aber ich arbeite auch mit anderen Spezialisten eng zusammen, die nicht zur Familie gehören: Die Schwangeren schicke ich zum Beispiel zur Pränataldiagnostik zu Kollegen in das dafür spezialisierte Ultraschallinstitut. Frauen mit Kinderwunsch überweise ich – wenn der Fall etwas komplizierter wird – zu anderen Kollegen, die sich ausschließlich damit beschäftigen. Die Frauen kommen dann später wieder zu mir und wir besprechen, was die Kollegen empfohlen haben.

Wie sähe die ideale gynäkologische Versorgung aus?

P. Husslein: Mit etwas Kreativität, Kommunikation und gegenseitigem Respekt lässt sich das unter Niedergelassenen wunderbar organisieren. Man könnte zum Beispiel eine große Gemeinschaftspraxis aufbauen, wo ein Allgemein-Gynäkologe und mehrere Spezialisten zusammenarbeiten. Oder man baut sich ein eigenes Netzwerk aus Kollegen auf, trifft sich regelmäßig, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat. Man darf aber das Interesse der Frauen für ihre eigene Gesundheit und für neueste wissenschaftliche Erkenntnisse nicht unterschätzen. Die Frauen informieren sich mittlerweile selbstständig im Internet oder bei Freundinnen und wollen zum Spezialisten, wenn sie ein bestimmtes Problem haben. Es bräuchte dazu einen Paradigmenwechsel, ein Umdenken unter den Gynäkologen. Leider findet so ein Sinneswandel meist nicht statt, indem man die Traditionalisten überzeugt, sondern indem diese aussterben.

Sie haben bis zum ersten Diplom ein Welthandelstudium in Wien absolviert, parallel zum Medizinstudium. Waren Sie sich unsicher, ob der Arztberuf der richtige sei?

P. Husslein:Ich habe das eher aus Spaß gemacht: Alles, was wir dort im Grundstudium gelernt haben, gehört eigentlich ins Gymnasium, zum Beispiel ein Gefühl für Recht und Kenntnisse in Soziologie, Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Dieses Wissen hat meinen Horizont enorm erweitert. Es könnte nicht schaden, solche Themen auch kurz im Medizinstudium zu vermitteln und dafür vielleicht weniger hochspezialisiertes Physik- oder Biochemiewissen. Als Arzt sollte man auch über die Finanzierung des Gesundheitswesens und über rechtliche Aspekte Bescheid wissen. Später wurde mir das Welthandelstudium zu speziell.

Warum haben Sie Medizin studiert?

P. Husslein: Ich finde es einfacher, zu erklären, warum ich Gynäkologe geworden bin. In unserem Fach gibt es für fast alles eine erfolgreiche Therapie oder zumindest eine praktikable Lösung – vielleicht mit Ausnahme vom metastasierten Ovarialkarzinom oder von anderen fortgeschrittenen Tumorerkrankungen. Eine Zeit lang wollte ich Psychiater werden, aber das war mir mit zu wenigen Daten untermauert. Ich arbeitete in der Chirurgie, aber das Fach war mir zu „mechanistisch“: Aufschneiden, rausholen, zunähen ... Gynäkologie ist eine wunderbare Mischung von all dem.

Und warum überhaupt Medizin?

P. Husslein: Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Meine Eltern waren beide Gynäkologen und waren mit ihrem Beruf sehr zufrieden. Vielleicht hat das abgefärbt.

Wie erleben Sie die jüngere Generation heute?

P. Husslein: Ich sehe engagierte Mitarbeiter, aber auch einige, die mehr Wert auf ihr Privatleben legen. Früher gab es nicht so viele, denen das Privatleben wichtig war. Oder zumindest sprach man weniger darüber. Ich finde, in der öffentlichen Diskussion wird zu oft primär darauf Wert gelegt, ob in einem Beruf die Work-Life-Balance passt, statt zu fragen, ob der Beruf einen erfüllt und ob er das ist, was man gerne machen möchte. Ich finde schon den Begriff Work-Life-Balance total falsch: Es kann doch keine Balance geben zwischen Arbeit und Leben. Arbeit ist Teil des Lebens! Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Nur arbeiten sollte man auch nicht. Es braucht ein Gleichgewicht zwischen engagierter Arbeit, entspannender, inspirierender Freizeit und idealerweise einer bereichernden zwischenmenschlichen Beziehung.

Was haben Sie damals gedacht, als das Europäische Arbeitszeitgesetz eingeführt wurde?

P. Husslein: Ich finde das Gesetz grundsätzlich wichtig und gut. Generationen von Medizinern sind ausgebeutet worden und haben zu viel gearbeitet. Aber das Kind ist leider mit dem Bade ausgeschüttet worden. Die Gesetzgeber haben nicht darauf geachtet, dass kürzere Arbeitszeiten nicht mit dem Zuwachs an Wissen zusammenpassen. Wie will man ein immer komplexeres Fach mit immer aufwendigeren Eingriffen in weniger Arbeitszeit vermitteln? Das geht sich einfach nicht aus. Die Folge ist klar: Die Qualität der Ausbildung leidet oder die jungen Kollegen brauchen viel länger für die Ausbildung zum Facharzt.

Ihre Lösung?

P. Husslein: Man macht eine Ausbildung zum Allgemein-Gynäkologen, und wer Lust hat, danach eine Spezialisierung. Es sollte auch der Ausbildungskatalog überarbeitet werden. Das ist auch wieder so ein Thema, bei dem Österreich hinterherhinkt. Bis vor wenigen Jahren gab es noch gar keinen Ausbildungskatalog! Es reichte, nur sechs Jahre in einer Weiterbildungsstätte zugebracht zu haben. Nun hat man mit großer Mühe einen Katalog zustande gebracht. Der beinhaltet zum Beispiel auch die Mindestzahl von Operationen. Überrascht haben die Organisatoren dann festgestellt: Es ist gar nicht so einfach, den Katalog zu erfüllen. Es hat zum Beispiel keinen Sinn, dass jeder Gynäkologe 40 Hysterektomien gemacht haben soll, wenn er Allgemein-Gynäkologe in einer niedergelassenen Praxis werden will oder wenn er Endokrinologe und IVF-Spezialist werden möchte. Die Operationen werden in einem solchen System letztlich auch denen weggenommen, die sie für ihre Spezialisierung wirklich brauchen. Meine Botschaft ist hier klar: Wir brauchen einen neuen Ausbildungskatalog und wir brauchen Spezialisierungen – aber der Allgemein-Gynäkologe muss bleiben und genauso attraktiv sein.

Wenn Sie an Ihre Anfangszeit als Gynäkologe zurückdenken: Wo sehen Sie die größten Unterschiede im Vergleich zu heute?

P. Husslein: Früher, also in den 1970er- und 1980er-Jahren, haben wir alles gemacht: große Krebsoperationen, Chemotherapien, Geburtshilfe mit Ultraschall, Kinderwunschbehandlungen. Seitdem haben wir natürlich unglaublich mehr Wissen und niemand kann mehr heute mit gutem Gewissen alles machen wollen.

Was halten Sie für die größten Errungenschaften der letzten 43 Jahre im Bereich der Frauenheilkunde?

P. Husslein: Es ist heute so vieles möglich, was damals undenkbar war: zum Beispiel, dass Frühgeburten schon mit 500g sehr gute Überlebenschancen haben oder dass Kinder nach künstlicher Befruchtung auf die Welt kommen. Ich erinnere mich gut, als ich in Venedig im Jahr 1978 dabei war, als über das erste IVF-Kind Louise Brown berichtet wurde. Ich musste ganz hinten im Saal stehen und konnte kaum etwas sehen – der Saal war gesteckt voll. Die Kollegen haben gesagt: „Ein Kind aus der Petrischale – das geht nicht, das ist glatter Betrug!“ Heute ist IVF Standard. Für einen großen Erfolg halte ich auch die HPV-Impfung. Herr von zur Hausen hat zu Recht den Nobelpreis erhalten.

Von welchen Persönlichkeiten wurden Sie im Lauf Ihrer Karriere am meisten beeinflusst und geprägt?

P. Husslein: Ich habe mich bemüht, aus verschiedenen Situationen zu lernen. Ich habe aufmerksam beobachtet, wenn jemand etwas gut gemacht hat und erfolgreich war. Und ich habe manchmal gesehen, wie man es nicht machen sollte. Viel mitgenommen und gelernt habe ich bei meinen Auslandsaufenthalten. An unserer Klinik habe ich es sehr forciert, dass die jüngeren Mitarbeiter ins Ausland gehen. Es hat aber keinen Sinn, nur für wenige Monate das Land zu wechseln. Es sollten ein, besser zwei Jahre sein.

Was halten Sie von Mentor-programmen?

P. Husslein: Viel, wenn der Mentor engagiert ist. Ich habe großes Glück gehabt mit meiner Mentorin in New York. Ich habe zwar unter ihr sehr gelitten, weil sie so anspruchsvoll war, aber ich habe auch viel gelernt – sowohl fachlich als auch menschlich. Andererseits verleitet ein Mentorprogramm dazu, sich zurückzulehnen und den Mentor alles machen zu lassen. Manche junge Kollegen kommen in die Klinik und glauben, ihnen würde alles auf einem silbernen Tablett serviert. Eigeninitiative ist durch nichts zu ersetzen. Ich rate den jungen Mitarbeitern, sich an ältere Kollegen anzuhängen, nur sollte man sich diese sorgfältig aussuchen.

Würden Sie wieder Gynäkologe werden wollen, wenn Sie noch einmal die Wahl hätten?

P. Husslein: Definitiv ja. Ich finde es aber schade, dass man nur ein Leben hat. Ich könnte mir auch eine Karriere als Jurist oder als Unternehmer vorstellen. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich wohl nicht wiedergeboren und kann diese sicher ebenso faszinierenden Berufe nicht auch noch machen. Ich bin aber mit meiner Berufswahl sehr glücklich: Ich war nicht nur Arzt, sondern auch Lehrer, Forscher und Organisator. All diese Vielfalt hat mein Leben enorm bereichert und dafür bin ich unendlich dankbar.

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Unser Gesprächspartner:

Prof. Dr. Peter Husslein
em. Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien


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