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„Abklärungsschemata sind oft nutzlos“

Gynäkologie & Geburtshilfe

„Lancet“ widmete unlängst drei Artikel dem Thema Fehlgeburt. Im Editorial heißt es, das Thema sei zu lange nicht ernst genommen worden. Prof. Peter Husslein erklärt, warum er Fehlgeburten weniger als medizinisches denn als gesellschaftliches Problem sieht, und schlägt interessante Lösungsansätze vor.

Ihre Kollegen schreiben in „Lancet“, zum Thema Fehlgeburt gebe es immer noch viele Missverständnisse und Unsicherheiten bezüglich Diagnose, Therapie und Prävention.1–3 Was sagen Sie dazu?

P. Husslein: Man muss zwischen frühen und späten Fehlgeburten unterscheiden. Späte Fehlgeburten sind einfach. Meistens stecken eine Infektion, eine Fehlbildung, eine Zervixinsuffizienz oder sonst eine fassbare Ursache dahinter. Daher ist meist recht klar, wie man manche solcher späten Fehlgeburten verhindern könnte, z.B. durch einen Muttermundverschluss, wenn man eine Infektion oder eine Zervixinsuffizienz vermutet. Schwieriger sind frühe Fehlgeburten.

Was macht das Vorgehen bei frühen Fehlgeburten so schwierig?

P. Husslein: Je früher die Fehlgeburt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein genetisches Problem dahintersteckt. Aus irgendeinem Grund hat es die Natur so eingerichtet, dass die Konzeption oft „schlampig“ ist, dass zwar Embryonen entstehen, diese aber in vielfältiger Weise gestört sind. Aber die Natur ist in der Qualitätssicherung sehr gut und lässt nahezu alle fehlerhaften Embryonen als Fehlgeburt abgehen. Ich gebe den „Lancet“-Kollegen recht, dass Fehlgeburten in der Gesellschaft oftmals tabuisiert und von den Betroffenen verschwiegen werden. Das Leid der Eltern ist groß, Erklärungsbedarf ist naturgemäß vorhanden und der Druck auf das Medizinsystem enorm. Wenn man – wie in den allermeisten Fällen – keine sofortige Erklärung findet, wird möglichst alles, was denkbar wäre, untersucht. Das führt zu Abklärungsschemata, Beratungen, Besprechungen und Untersuchungen, die aus meiner Sicht alle weitgehend nutzlos sind. Entwickelt sich dann eine nächste Schwangerschaft gut, vermittelt das den Eindruck, dass das die Folge von irgendwelchen Abklärungsaktionen war. Das ist aber in meinen Augen in hohem Maße zu hinterfragen. Ich halte das Thema Fehlgeburt weniger für ein medizinisches als ein gesellschaftspolitisches Problem.

Was hat die Gesellschaft damit zu tun?

P. Husslein:Frauen werden in immer höherem Lebensalter schwanger. Hat das Durchschnittsalter österreichischer Frauen bei der Geburt im Jahr 1988 noch 26,6 Jahre betragen, liegt es heute bei 31 Jahren.4,5 Ähnliche Zahlen beobachtet man auch in anderen Industriestaaten. So berichten beispielsweise die US-amerikanischen „Centers for Disease Control and Prevention“, dass der Anteil von Frauen, die mit 35 bis 39 Jahren schwanger werden, in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich zugenommen hat: Im Jahr 2010 waren es 45,9/1000, 2019 waren es schon 52,73/1000.6,7 Je älter eine Frau ist, desto höher ist das Risiko für chromosomale Anomalien und Fehlgeburten. Bei Frauen über 35 Jahre endet rund jede vierte Schwangerschaft in einer Fehlgeburt, bei Frauen über 40 jede zweite und bei Frauen über 45 sind es schon 90%.8,9 Die Zahl der „kaputten“ Eizellen steigt mit den Alter steil an – das wissen wir ja auch von künstlichen Befruchtungen. Und jetzt beginnt es gesellschaftspolitisch interessant zu werden. Die Natur hat vorgesehen, dass Frauen in den späten Teens und frühen Twens schwanger werden. Die gesellschaftliche Entwicklung sieht dagegen vor, dass eine Frau sich in diesem Alter ausbildet, fortbildet und Karriere macht. Daraus entsteht eine kaum zu überbrückende, unsere Gesellschaft massiv gefährdende Aporie – natürlich vornehmlich in den reichen Ländern dieser Erde. Die meisten Frauen werden spät schwanger und manche nur mithilfe von Reproduktionsmedizin, in einem Alter, in dem die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten aufgrund der schlechten Qualität der Eizellen massiv erhöht ist.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

P. Husslein: Zunächst einmal wäre es wichtig, diesen altersbedingten Fertilitätsverlust zu thematisieren. Wären sich Frauen nämlich dessen mehr bewusst, würden sich vielleicht einige anders – nämlich früher – für eine Schwangerschaft entscheiden. Ein anderer gesellschaftspolitisch zurzeit noch nicht akzeptierter Ansatz wäre Social Freezing. Das junge Mädchen lässt sich die Eizellen zu einem Zeitpunkt einfrieren, wo diese optimal sind, und verwendet sie dann, wenn es gesellschaftlich opportun ist. Ich bin sicher, Social Freezing wird kommen. Bis dahin versuchen leider viele Kollegen immer noch, Fehlgeburten als behandelbar einzustufen, auch um so das Leid der Frauen zu minimieren, das ihnen durch dieses gesellschaftliche Problem aufgebürdet wird.

Weiterführende Informationen finden Sie im Interview mit Prof. Dr. Clemens Tempfer
„Menschlich, unterstützend, empathisch“

1 Quenby S et al.: Lancet 2021; 397: 1658-67 2 Coomarasamy A et al.: Lancet 2021; 397: 1668-74 3 Coomarasamy A et al.: Lancet 2021; 397: 1675-82 4 www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/geborene/121081.html 5 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/576450 6 Martin JA et al.: Natl Cent Heal Stat Natl Vital Stat Syst 2012; 61(1): 1-72 7 Hamilton BE et al.: NVSS Vital Stat Rapid Release 2020; 8: 1-10 8 Correa-de-Araujo R, Yoon SSS: J Womens Health (Larchmt) 2021; 30(2): 160-7 9 Heffner LJ: N Engl J Med 2004; 351: 1927-9

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