30 Jahre Reproduktionsmedizin
Univ.-Prof Dr. Heinz Strohmer
Kinderwunschzentrum an der Wien
Wien
E-Mail: heinz.strohmer@kinderwunschzentrum.at
Dr. Adrian Singer
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Inselspital
Universitätsspital Bern
E-Mail: adrian@singer.ch
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Drei Jahrzehnte Reproduktionsmedizin erzählen von großen Fortschritten, erfüllten Kinderwünschen und von Erwartungen, die sich nicht immer erfüllt haben. Während Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer auf Erfolge, Irrtümer und ethische Standards der vergangenen 30 Jahre blickt, richtet Dr. Adrian Singer den Fokus auf die Zukunft: auf künstliche Intelligenz, bessere Aufklärung, neue Therapien und die Frage, wie viel Technik die Medizin braucht.
Rückblick auf die letzten drei Jahrzehnte
Was hätten wir vor 30 Jahren nicht für möglich gehalten?
H. Strohmer: Wir hätten nicht für möglich gehalten, wie sehr reproduktionsmedizinische Einrichtungen Gegenstand von internationalen Finanztransaktionen werden und wie sehr wir uns heute fragen müssen, was wir Reproduktionsmediziner:innen und Embryolog:innen können, was nicht vielleicht schon morgen durch künstliche Intelligenz getan werden kann?
Was war der größte Erfolg in den letzten 30 Jahren?
H. Strohmer: Insgesamt kann man festhalten, dass die Reproduktionsmedizin durch Fortschritte in der Wissenschaft und durch liberale Gesetzgebung immer mehr Menschen zur gewünschten Elternschaft verhelfen kann.
Was war der größte Irrtum der letzten 30 Jahre?
H. Strohmer: Die Annahme, dass es schon sehr bald gelingen wird, allen Menschen den Wunsch nach dem eigenen Kind zu erfüllen.
Was aus den letzten 30 Jahren sollte unbedingt bewahrt werden?
H. Strohmer: Ich wünsche mir vor allem, dass auch in Zukunft einzig die Bedürfnisse der Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch das medizinische Handeln bestimmen und hohe ethische Standards ihre Gültigkeit behalten.
Ausblick auf die kommenden drei Jahrzehnte
Was werden wir in 30 Jahren rückblickend erstaunt betrachten?
A. Singer: Vermutlich, wie schlecht wir mit Zahlen umgegangen sind. Wir haben Erfolgsraten pro Zyklus genannt statt kumulativ, relative Effekte als große Versprechen verkauft und absolute Unterschiede verschwiegen. Social Egg Freezing galt als Versicherung, ohne dass die tatsächliche Chance auf ein Kind ehrlich benannt wurde. Erstaunen wird auch ein Paradox: Gesellschaft und Medizin haben die Elternschaft immer weiter nach hinten verschoben, während die Biologie unverändert blieb. Die IVF wurde als Reparatur eines Problems dargestellt, das sie nur begrenzt lösen kann, denn die altersbedingte Fehlverteilung der Chromosomen lässt sich nicht wegbehandeln. Am meisten wird die Lücke, zwischen dem, was wir versprochen, und dem, was wir gewusst haben, erstaunen.
Was wird der grösste Erfolg der kommenden 30 Jahre sein?
A. Singer: Ich hoffe auf einen Erfolg, der weniger technisch als sozial ist: sanftere und günstigere Behandlungen. Mild stimulierende Protokolle könnten die kumulative Chance auf ein Kind bei deutlich geringerer Belastung und breiterem Zugang verbessern. Der Erfolg wäre dann nicht die spektakulärste Methode, sondern die zugänglichste. Im selben Fachgebiet, aber außerhalb der Sterilitätsbehandlung, halte ich die männliche Kontrazeption für seit Jahrzehnten überfällig. Sie würde die Verantwortung für Verhütung fairer verteilen und wäre gesellschaftlich womöglich folgenreicher als mancher Fortschritt im Labor.
Was könnte der nächste große Irrtum sein?
A. Singer: Der immer gleiche Reflex, Neues vor dem Beweis der Wirksamkeit in die Routine zu übernehmen. Was auch immer als Nächstes glänzt, ob endometriales Mikrobiom, Exosomen oder mitochondriale Zusätze, wird eingeführt, bevor kontrollierte Studien vorliegen. Der Fehler ist nicht die einzelne Methode, sondern das strukturelle Muster. Aktuell trägt die künstliche Intelligenz dieses Risiko: Embryonenauswahl per Blackbox-Algorithmus, trainiert auf kleinen, verzerrten Datensätzen und ohne prospektive Validierung. Die davon ausgehende Gefahr ist eine doppelte: ein Verlust an Können bei den Embryolog:innen und die Automatisierung eines Urteils, das eigentlich Kontext braucht. Dazu kommt ein subtilerer Irrtum, der Glaube, Technik löse das Altersproblem. Diese Annahme lädt zum weiteren Aufschub des Kinderwunsches ein und lenkt davon ab, die eigentlichen Rahmenbedingungen früher Elternschaft zu schaffen, also verlässliche Betreuung und tragfähige Karrierestrukturen. Die Reparatur am Ende der Kette, verdrängt die Lösung am Anfang.
Was sollte unbedingt gewahrt bleiben?
A.Singer: Die Evidenz-Disziplin. Die kontrollierte Studie vor dem Routineeinsatz ist der beste Schutz gegen genau den zuvor genannten, wiederkehrenden Fehler. Dazu gehört die ehrliche, statistikkompetente Aufklärung: realistische kumulative Geburtenraten, absolute statt relativer Zahlen, keine falsche Hoffnung. Bewahren müssen wir ebenso das ärztliche Gespräch, denn Kinderwunschmedizin ist ein emotional dichtes Feld aus Hoffnung, Verlust und Trauer, und gemeinsame Entscheidungsfindung ist durch keinen Algorithmus ersetzbar. Und wir sollten aufpassen, dass die Reproduktionsmedizin nicht den Blick auf das übrige Fach verstellt. Die meisten Frauen verbringen den größeren Teil ihres Lebens außerhalb reproduktiver Phasen, und die gynäkologische Endokrinologie ist mehr als Kinderwunsch. Schließlich braucht es Unabhängigkeit von kommerziellen Anreizen und den nüchternen Grundsatz, Können nicht mit Sollen zu verwechseln.
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