Reversible Kardiomyopathie unter Upadacitinib bei Morbus Crohn
Autor:
Dr. Florian Hofer
Interne IV – Gastroenterologie & Hepatologie, Endokrinologie und Stoffwechsel, Ernährungsmedizin
Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern
E-Mail: florian.hofer@ordensklinikum.at
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Eine Kardiomyopathie gehört bislang nicht zu den etablierten Nebenwirkungen des JAK-Inhibitors Upadacitinib. Der vorliegende Fall zeigt jedoch, dass bei neu auftretenden kardialen Beschwerden auch seltene medikamentös bedingte Ursachen in Betracht gezogen werden sollten.
Keypoints
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Upadacitinib stellt bei komplexem Morbus Crohn eine wirksame Therapieoption dar, erfordert jedoch eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung.
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Neu auftretende kardiale Symptome unter JAK-Inhibitoren sollten konsequent abgeklärt werden.
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Dechallenge und Rechallenge sprechen in diesem Fall für einen wahrscheinlichen Zusammenhang mit der Kardiomyopathie.
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Interdisziplinäre Entscheidungen sind essenziell, wenn die Therapieoptionen ausgeschöpft sind.
Januskinase(JAK)-Inhibitoren haben die Therapie des Morbus Crohn wesentlich erweitert und stellen insbesondere für Patient:innen mit multiplen Vortherapien und begrenzten Behandlungsalternativen eine wertvolle Option dar.
Upadacitinib zeigte in den Zulassungsstudien eine hohe Wirksamkeit hinsichtlich klinischer und endoskopischer Remission. Während venöse Thromboembolien und „major adverse cardiovascular events“ (schwerwiegende unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse) mittlerweile gut beschrieben sind, existieren bislang nur sehr wenige Berichte über eine mögliche Assoziation mit einer Kardiomyopathie oder Herzinsuffizienz. Der nachfolgende Fall beschreibt eine Patientin mit komplexem, mehrfach vorbehandeltem Morbus Crohn, bei der sich unter Upadacitinib eine schwere systolische Herzinsuffizienz entwickelte, die sich nach Absetzen deutlich besserte und sich nach erneuter Exposition erneut klinisch manifestierte.
Fallbericht
Anamnese
Bei der 1970 geborenen Patientin besteht seit 1997 ein ileokolonischer Morbus Crohn mit penetrierendem Verlauf (Montreal A2 L3 B3p). Im Krankheitsverlauf waren mehrere operative Eingriffe erforderlich, darunter eine Ileozökalresektion, zwei Dünndarmresektionen, eine rechtsseitige Hemikolektomie mit erneuter Ileumresektion sowie zuletzt eine ausgedehnte Operation aufgrund komplexer enteroenteraler und enterovesikaler Fisteln. Nach den wiederholten Resektionen verblieb eine Restdünndarmlänge von etwa 100cm mit konsekutivem Kurzdarmsyndrom. Dadurch war die klinische Beurteilung der entzündlichen Aktivität erschwert, da Stuhlfrequenz und gastrointestinale Beschwerden nur eingeschränkt als Aktivitätsparameter herangezogen werden konnten.
Der Verlauf war über nahezu drei Jahrzehnte durch multiple Wirkverluste und Medikamentenunverträglichkeiten gekennzeichnet. Azathioprin musste aufgrund einer Unverträglichkeit beendet werden, Infliximab nach Wundheilungsstörung und später anaphylaktischer Reaktion, Adalimumab wegen ausgeprägter Arthralgien, Myalgien und Dysästhesien. Auch Vedolizumab und Ustekinumab konnten aufgrund fehlender Verträglichkeit sowie unzureichender Wirksamkeit nicht dauerhaft fortgeführt werden. Zusätzlich entwickelte die Patientin Ende 2023 eine enteropathische Arthritis mit deutlicher Einschränkung der Lebensqualität.
Therapie mit Upadacitinib
Vor diesem Hintergrund wurde Upadacitinib trotz bekannter Klasseneffekte als therapeutische Option gewählt (Abb.1). Vor Therapiebeginn bestanden keine Hinweise auf eine relevante strukturelle Herzerkrankung. Eine Echokardiografie einschließlich Stressechokardiografie aus dem Jahr 2018 war unauffällig. Neben einer arteriellen Hypertonie bestanden keine wesentlichen kardiovaskulären Risikofaktoren. Am 9. Jänner 2024 wurde eine Therapie mit Upadacitinib in der Induktionsdosierung von 45mg täglich begonnen. Bereits innerhalb weniger Wochen zeigte sich eine deutliche Besserung der enteropathischen Arthritis. Auch das fäkale Calprotectin normalisierte sich bis Mai 2024 vollständig. Die intestinale Symptomatik blieb aufgrund des Kurzdarmsyndroms jedoch weiterhin schwierig zu interpretieren.
Vier Monate nach Therapiebeginn traten zunächst diskrete Beinödeme ohne Dyspnoe auf. Nach verlängerter Induktionsphase erfolgte eine Dosisreduktion auf 30mg täglich. Wenige Wochen später stellte sich die Patientin mit progredienter Belastungs- und Ruhedyspnoe entsprechend NYHA IV sowie ausgeprägten peripheren Ödemen vor. Echokardiografisch zeigte sich erstmals eine schwere diffuse linksventrikuläre Funktionseinschränkung mit einer Ejektionsfraktion von 20%. Das NT-proBNP betrug 6839pg/ml, während Troponin I lediglich geringgradig erhöht war. Entzündungsparameter, Hämoglobin und Nierenfunktion ergaben keinen Hinweis auf eine alternative Ursache.
Die weitere Diagnostik umfasste ein Langzeit-EKG ohne relevante Rhythmusstörungen, ein Kardio-MRT ohne Nachweis einer Myokarditis oder eines „late gadolinium enhancement“ sowie eine Koronarangiografie ohne relevante koronare Herzerkrankung. Damit konnten die wesentlichen Differenzialdiagnosen einer akuten ischämischen oder entzündlichen Kardiomyopathie weitgehend ausgeschlossen werden.
Behandlung der Herzinsuffizienz
Bei Verdacht auf eine medikamentös induzierte Kardiomyopathie wurde Upadacitinib am 16. Mai 2024 beendet und eine leitliniengerechte Herzinsuffizienztherapie mit Sacubitril/Valsartan, Bisoprolol, Dapagliflozin und Furosemid eingeleitet. Bereits zwölf Tage später fiel das NT-proBNP auf 528pg/ml. In der Kontrolle vom Juni 2024 hatte sich die linksventrikuläre Funktion auf 40–45% verbessert, klinisch bestand nur mehr eine geringe Belastungseinschränkung (NYHA I–II).
Erneuter Therapieversuch mit Upadacitinib
Aufgrund der außergewöhnlich limitierten Therapieoptionen, des objektivierbaren Ansprechens hinsichtlich der Arthritis sowie der Normalisierung des fäkalen Calprotectins wurde der Fall interdisziplinär zwischen Gastroenterologie und Kardiologie diskutiert. Nach ausführlicher Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgte im November 2024 unter engmaschiger klinischer, laborchemischer und echokardiografischer Überwachung eine Reexposition mit Upadacitinib in reduzierter Dosierung von 15mg täglich. Im Jänner 2025 entwickelte die Patientin erneut Belastungsdyspnoe (NYHA III) mit gleichzeitigem Anstieg des NT-proBNP auf 951pg/ml. Obwohl die linksventrikuläre Funktion zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend wiederhergestellt war, wurde Upadacitinib aufgrund des erneuten zeitlichen Zusammenhangs dauerhaft beendet. Unter Fortführung der Herzinsuffizienztherapie kam es im weiteren Verlauf zu einer signifikanten Verbesserung der linksventrikulären systolischen Funktion. Die zuvor eingeschränkte linksventrikuläre Ejektionsfraktion stieg im Verlauf auf über 54% an und dokumentierte damit eine deutliche Erholung der kardialen Pumpfunktion.
Schlussfolgerungen
Der vorliegende Fall weist mehrere Merkmale auf, die einen wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen Upadacitinib und der beobachteten Kardiomyopathie unterstützen. Hierzu zählen der enge zeitliche Zusammenhang zwischen Therapiebeginn und Symptombeginn, die deutliche klinische und laborchemische Besserung nach Absetzen des Medikaments (Dechallenge), die erneute klinische Verschlechterung nach Reexposition (Rechallenge) sowie der Ausschluss alternativer Ursachen mittels umfassender kardiologischer Diagnostik (Abb.1).
Gerade die dokumentierte Rechallenge stellt in der Pharmakovigilanz ein besonders starkes Indiz für einen ursächlichen Zusammenhang dar, wenngleich sie eine Kausalität nicht endgültig beweisen kann. Der Fall verdeutlicht gleichzeitig das Spannungsfeld zwischen potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen und fehlenden therapeutischen Alternativen bei komplexen CED-Verläufen. Bei neu auftretender Dyspnoe, Leistungsminderung oder Ödemen unter einer Therapie mit JAK-Inhibitoren sollte daher frühzeitig an eine kardiale Genese gedacht und eine entsprechende Abklärung eingeleitet werden. Weitere Fallberichte und Registerdaten werden notwendig sein, um die klinische Relevanz dieses potenziellen Sicherheitsaspekts besser einordnen zu können.
Weiterführende Literatur:
● Benucci M et al.: Cardiovascular safety, cancer and Jak-Inhibitors: Differences to be highlighted. Pharmacol Res 2022; 183: 106359 ● Goldman A et al.: Adverse cardiovascular events in rheumatoid arthritis patients treated with JAK inhibitors: An analysis of postmarketing spontaneous safety reports. Semin Arthritis Rheum 2024; 67: 152461 ● Kougkas N et al.: Cardiac strain in patients on Janus Kinase inhibitors for rheumatic diseases: a 1-year echocardiographic study. Clin Exp Rheumatol 2025; 44: 527-33 ● Misra DP et al.: Cardiovascular risks associated with janus kinase inhibitors. Clin Rheumatol 2023; 42(2): 621-32● Shah JT et al.: Cardiovascular risk management in patients treated with janus kinase inhibitors. J Cardiovasc Pharmacol 2024; 83(5): 392-402 ● Yang V et al.: Managing cardiovascular and cancer risk associated with JAK inhibitors. Drug Saf 2023; 46(11) 1049-107 ● Yang H et al.: Cardiovascular safety of Janus kinase inhibitors in inflammatory bowel disease: a systematic review and network meta-analysis. Ann Med 2025; 57(1): 2455536 ● Zavoriti A, Miossec P: Understanding the effects of janus kinase inhibitors on the cardiovascular system. Autoimmun Rev 2025; 24(11): 103892 ● Zhong X et al.: Cardiovascular safety of Janus kinase inhibitors: A pharmacovigilance study from 2012–2023. PLoS One 2025. doi: 10.1371/journal.pone.0322849
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