Hochauflösende MRT (HR-MRT) beim Rektumkarzinom
Autorin:
Priv.-Doz. Dr. Christiane Kulinna-Cosentini
Abteilung für diagnostische und interventionelle Radiologie
Barmherzige Schwestern Krankenhaus, Wien
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Beim lokal fortgeschrittenen Rektumkarzinom hat sich ein zunehmend individualisiertes Therapiekonzept etabliert. Insbesondere bei Patienten mit komplettem klinischem Ansprechen nach neoadjuvanter Therapie gewinnt die organerhaltende „Wait and watch“-Strategie an Bedeutung. Voraussetzung hierfür sind ein präzises Staging und Restaging, wobei der HR-MRT eine zentrale Rolle zukommt.
Keypoints
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Die HR-MRT ist die Methode der Wahl für das lokale Staging beim neu diagnostizierten Rektumkarzinom, sie ermöglicht das individuelle therapeutische Prozedere.
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Durch die HR-MRT können auch relevante prognostische Informationen für den Patienten gewonnen werden.
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Nach neoadjuvanter Therapie können dem Patienten bei komplettem Therapieansprechen (HR-MRT und klinische Untersuchung) alternative Therapieoptionen zur herkömmlichen chirurgischen Intervention, wie beispielsweise die „Wait and watch“-Strategie, angeboten werden.
Weltweit werden jährlich ca. 2,3 Millionen Neuerkrankungen am kolorektalen Karzinom (CRC) diagnostiziert.1 Damit ist das CRC nach Lungen- und Brustkrebs die dritthäufigste Tumorerkrankung und stellt die zweithäufigste tumorbedingte Todesursache dar.1,2
Die Therapie des Kolonkarzinoms unterscheidet sich grundlegend von der des Rektumkarzinoms und umfasst eine primär chirurgische Sanierung mit einer möglichen anschließenden adjuvanten Therapie. Hingegen haben sich beim Rektumkarzinom je nachTumorstadium eine totale neoadjuvante Therapie (TNT) oder eine neoadjuvante Chemo-Radiatio vor einer möglichen Operation oder einer „Wait and watch“-Strategie etabliert.3 Sowohl das prätherapeutische Staging als auch das Restaging nach erfolgter neoadjuvanter Behandlung ist daher gerade beim Rektumkarzinom für das Management einer multimodalen Therapie von essenzieller Bedeutung.
Lokalstaging mittels HR-MRT
Die hochauflösende Magnetresonanztomografie (HR-MRT) ist entsprechend den internationalen Richtlinien4 die Methode der Wahl für das lokale Staging. Für den Patienten wird durch die MRT nicht nur das individuelle therapeutische Prozedere im Tumorboard festgelegt, sondern es können auch relevante prognostische Informationen gewonnen werden.4 Ein optimales MRT-Untersuchungsprotokoll an einem 1.5T- oder 3T-MRT-Gerät mit dünnen Schichten (max. 3mm) ist daher unabdingbar. Obwohl in den rezenten Guidelines4 die intravenöse Gabe eines Kontrastmittels und die endorektale Gelapplikation nicht explizit befürwortet werden, verbessern sie doch in vielen Fällen die Tumorabgrenzung.
Eine rektale Gabe von Ultraschallgel wird immer noch kontrovers diskutiert.5, 6 Zum einen ermöglicht es, durch die Distension des Darmlumens auch kleine Tumoren im Rektum zu detektieren, wenn dieses nicht kollabiert ist, andererseits kann die Distension des Darmlumens das angrenzende mesorektale Fettgewebe komprimieren, sodass möglicherweise der Tumorabstand zur mesorektalen Faszie (MRF) unterschätzt wird.6
Das Protokoll des primären lokalen Staging in der MRT beinhaltet:
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hochaufgelöste 2D-T2-gewichtete (T2w) Sequenzen in sagittaler, koronarer und axialer Schnittführung
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eine diffusionsgewichtete Sequenz (DWI)
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optional eine T1-gewichtete Sequenz vor und nach i.v. Gadoliniumgabe (axial, sagittal)
Tumorlokalisation
Während frühere Guidelines das Rektum lediglich in unteres, mittleres und oberes Rektumdrittel einteilten, ohne einen exakten Umschlagspunkt des Rektums zum Sigma zu definieren, wird seit 2019 ein genauer Orientierungspunkt bestimmt.4Der „sigmoid take-off point“ (STO) beschreibt den Punkt, an dem der Darm in der sagittalen Ebene nach horizontal vom Os sacrum oder nach ventral auf der axialen Schicht abbiegt.7,8 Eine unnötige präoperative neoadjuvante Therapie kann somit beim Sigmakarzinom vermieden werden.7 Im Vergleich zu herkömmlich verwendeten Landmarks zeigen Studien aus China und den Niederlanden eine exaktere Therapieplanung bei 20–30% der Patienten.7,8
T-Staging
Die Differenzierung zwischen einem T2-Stadium (Infiltration der Muscularis propria) und einem T3-Stadium (Überschreiten der Muscularis propria in das angrenzende Fettgewebe) stellt eine der wichtigsten Aufgaben des MRT dar. Zum Diagnosezeitpunkt befinden sich bereits ca. 80% aller Rektumkarzinome im T3-Stadium, was im Regelfall eine der Indikationen für eine neoadjuvante Therapie darstellt. Die hochauflösende MRT sollte weiters festlegen, ob es sich um ein frühes T3-Stadium (<5mm Überschreiten der Muscularis propria=T3a/b) oder um ein fortgeschrittenes T3-Stadium (>5mm=T3c/d) handelt, was für die weitere Therapiewahl und die Prognose hinsichtlich Lokalrezidiv und Fernmetastasen entscheidend ist.
Der endorektale Ultraschall ist bei der Differenzierung des T1- versus T2-Stadium der MRT weiterhin überlegen. Durch Visualisierung der einzelnen Rektumwandschichten9 wird es somit einigen Patienten ermöglicht, sich einer weniger invasiven transanalen Abtragung unterziehen zu können.
Bei T4-Tumoren muss zwischen tief sitzenden Tumoren und Tumoren des mittleren und höheren Rektums unterschieden werden. Insbesondere die Infiltration in die peritoneale Umschlagfalte bei hochgelegenen Tumoren (T4a) bzw. die Infiltration in die Sphinktermuskulatur (T4b) bei tief sitzenden Tumoren spielt für die Therapieplanung eine entscheidende Rolle.
Eine neue Kategorie, das sogenannte „T3isp“-Stadium, bezeichnet die Infiltration des M. sphincter ani internus und des Intersphinktärspaltes. Dieses Tumorstadium schließt eine primäre intersphinktäre Resektion aus, und demnach ist eine neoadjuvante Therapie anzudenken.10
Risikostratifizierung
Erstmals wurden nun in den aktuellen ESMO-Guidelines 2025 die sogenannten „high-risk criteria“ definiert, welche mit einem erhöhten Rezidivrisiko, einem schlechteren Ansprechen auf eine adjuvante Therapie und letztlich mit einem engeren Nachsorgeintervall verbunden sind.11
Eine extramurale vaskuläre Infiltration (EMVI) liegt vor, wenn mesorektale Tumorausläufer entlang oder innerhalb von Gefäßen in der Bildgebung sichtbar sind (Abb.1). Sie kann in ca. 30% aller Präparate nachgewiesen werden und ist ein relevanter Prognosefaktor für eine synchrone oder metachrone Metastasierung12 sowie für ein Lokalrezidiv.
Abb. 1: 78-jährige Patientin mit einem zirkulär wachsenden Rektumkarzinom und einer extramuralen Gefäßinfiltration, kleiner nicht suspekter Lymphknoten bei 7 Uhr. a: In den T2w-TSE-Sequenzen erkennt man ein Gefäß in direkter Nachbarschaft zum Tumor, das im weiteren Verlauf verdickt erscheint und tumoräquivalente hypointense Gewebeverdichtungen (Pfeil) enthält. b: In den diffusionsgewichteten Sequenzen bestätigt sich die extramurale vaskuläre Infiltration (Pfeil)
Die Diagnostik von Lymphknotenmetastasen bleibt trotz vieler technischer Neuerungen ein diagnostisches Problem, da viele größere Lymphknoten in der Nachbarschaft zum Tumor auch reaktiv verändert sein können und viele einzelne kleine Lymphknoten auch maligne Zellen enthalten können. Daher ist die Empfehlung, neben der Größe auch auf Berandung und Inhomogenität zu achten.4 Neben lymphogenen Metastasen muss bei mesorektalen Knoten auch an Tumordeposits (TD) gedacht werden, die mit einer deutlich schlechteren Prognose vergesellschaftet sind. Ohne Fernmetastasierung zeigte sich ein tumorfreies Intervall von 3 Jahren bei 46,7% der Patienten mit nachgewiesenem Tumordeposit, bei Patienten ohne Tumordeposit in 76,5% der Fälle.13
Abb. 2: 63-jähriger Patient mit Rektumkarzinom (T3d-Stadium); axial geschichtete T2w-Sequenzen: Der Primärtumor zeigt Tumorausläufer, welche die mesorektale Faszie (Pfeil) infiltrieren (MRF+)
Die Infiltration in die mesorektale Faszie (MRF) wurde mit den neuen Kriterien nun auch strenger gestellt. Ein MRF-Befall liegt vor, wenn der Tumor selbst (Abb.2), aber auch irreguläre Lymphknoten und/oder eine EMVI einen Abstand <1mm zur MRF aufweisen,4 was klinisch relevant für die weitere Therapieplanung und das Risiko des zu geringen Abstandes zum zirkumferenziellen Resektionsrand (CRM) ist. Bei <1mm könnten Tumorzellen postoperativ zurückgeblieben sein, was wiederum ein 2- bis 3-fach erhöhtes Lokalrezidivrisiko bedeuten kann.14–16
Restaging
Ein weiteres wichtiges Einsatzgebiet der MRT liegt im Restaging nach erfolgter neoadjuvanter Therapie, um das Therapieansprechen zu überprüfen. Die MRT darf allerdings immer nur in Zusammenschau mit dem klinischen Palpationsbefund und dem Endoskopiebefund beurteilt werden.
Ziel des Restagings ist es, eine mögliche chirurgische Vorgehensweise zu adaptieren oder im Fall von komplettem Ansprechen („complete response“) eine optionale „Wait and watch“-Strategie mit engmaschigen Kontrollen zu erwägen.3 Aktuelle Daten zeigen, dass dieses Vorgehen mit einem Gesamtüberleben von 85–95% und einem lokalrezidivfreien Überleben von 75–80% nach 5 Jahren onkologisch sicher ist18,19 und gerade beim älteren bzw. multimorbiden Patienten eine echte Alternative bietet.
Das Restaging des Rektumkarzinoms sollte nach neuesten Erkenntnissen 8–12 Wochen nach Abschluss der Radiochemotherapie erfolgen und nicht mehr nach 6–8 Wochen, um ein mögliches komplettes Ansprechen besser zu detektieren.19 Inzwischen ist bekannt, dass zum einen die Zellapoptose und damit zum anderen die Tumorregression zeitlich verzögert auftritt. Dieser Prozess läuft oft über Wochen nach Ende der NT weiter, wodurch ein komplettes Ansprechen auch oft erst verspätet sichtbar ist.20 Andererseits ist durch das Abklingen der therapiebedingten Veränderungen wie Ödem oder Entzündungen die Beurteilbarkeit im MRT besser gegeben, sodass hier verbliebene Residualtumoren zuverlässiger erkannt werden können.
Das Verhältnis von Fibrose zu vitalem Tumor sollte durch einen standardisierten 5-stufigen MRT-basierten Score, den mrTRG(„MRI-based tumor regression grade“), exakt definiert werden. Er quantifiziert damit das radiologische Therapieansprechen. Obwohl sich insbesondere bei muzinösen Tumoren oder ausgeprägten posttherapeutischen Veränderungen nur eine moderate Übereinstimmung mit dem pathologischen TRG-Score findet, zeigt der Score doch ein gutes prognostisches Potenzial.21,22
Literatur:
1 GBD Cancer Collaborators: The global, regional and national burden of cancer, 1990-2023, with forecasts to 2025: A systematic analysis fort he global burden of disease study 2023. Lancet 2025; 11:1 565-86 2 Bray F et al.: Global cancer statistics 2022: GLOBOCAN estimates of incidence and mortality worldwide for 36 cancers in 185 countries. CA Cancer J Clin 2024; 3: 229-63 3 Hofheinz RD et al.: Localised rectal cancer: ESMO clinical practice guidelines for diagnosis, treatment nd follow-up. Ann Oncol 2025; 9: 1007-24 4 ESGAR Rectal Imaging Guideline Group: MRI to guide clinical management of rectal cancer: Updated consensus recommendations from the European Society of Gastrointestinal and Abdominal Radiology (ESGAR): PART 1 primary staging. Eur Radiol 2026; doi: 10.1007/s00330-025-12274-w 5 Beets-Tan RGH et al.: Magnetic resonance imaging for clinical management of rectal cancer: updated recommendations from the 2016 European society of gastrointestinal and abdominal radiology (ESGAR) consensus meeting. Eur Radiol 2018; 28: 1465-75 6 Horvath N et al.: MRI of rectal cancer: tumor staging, imaging techniques and management. Radiographics 2019; 39: 367-87 7 Hazen SJA et al.: Impact of the new rectal cancer definition on multimodality treatment and interhospital variability: results from a nationwide cross-sectional study. Colorectal Dis 2024; 26: 1131-44 8 Li F et al.: Comparison of the sigmoid take-off with other definitions of the rectosigmoid junction: a retrospective comparative cohort analysis. Int J Surg 2020; 80: 168-74 9 Detering R et al.: MRI cT1-2 rectal cancer staging accuracy: a population-based study. Br J Surg 2020; 107: 1372-82 10 Piozzi GN et al.: International standardization and optimization group for intersphincteric resection (ISOG-ISR): modified Delphi consensus on anatomy, definition, indication, surgical technique, specimen description and functional outcome. Colorectal Dis 2023; 25: 1896-1909 11 National Comprehensive Cancer Network: NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: Rectal Cancer.Version 2.2026. https://www.nccn.org/guidelines/recently-published-guidelines ; zuletzt aufgerufen am 17.4.2026 12 Siddiqui MRS et al.: A meta analysis comparing the risk of metastases in patients with rectal cancer and MRI-detected extramural vascular invasion (mrEMVI) vs mrEMVI-negative cases. Br J Cancer 2017; 116: 1513-9 13 Benoit O et al.: Prognostic value of tumor deposits in rectal cancer: a monocentric series of 505 patients. J Surg Oncol 2020; 122: 481-9 14 Agger EA et al.: Negative prognostic impact of tumor deposits in rectal cancer: a national cohort study. Ann surg 2023; 278: e526-33 15 Sadien ID et al.: Circumferential resection margin positivity due to direct or indirect tumour involvement in rectal cancer – a call for better stratification. ANZ J Surg 2024; 94: 931-7 16 Cherbanyk F et al.: Risk factors for local recurrence of rectal cancer after curative surgery: a single center retrospective study. J Visc Surg 2024: 162: 4-12 17 Gong X et al.: Enhancing the role of MRI in rectal cancer: advances from staging to prognosis prediction. Eur Rad 2025; 35: 5714-32 18 Lai SH et al.: Rectal cancer watch-and-wait management: experience of 545 patients from the US Rectal Cancer Research Group. Dis Colon Rectum 2025; 68: 180-9 19 Smith JJ et al.: Assessment of a wait.and-watch stategy for rectal cancer in patients witha complete response after neoadjuvant therapy. JAMA Oncol 2019; 5: e185896 20 Noiret B et al.: A randomized phase III trial of strucutred tumor response surveillance and shared decision -making for organ preservation in rectal cancer – PRODIGE 101-GRECCAR 20-EVAREC trial protocol. Colorectal Dis 2026; 28: e70371 21 Sheedy SP et al.: SAR disease-focused panel: Restaging rectal cancer MRI synoptic report-user guide with imaging review. Radiographics 2025; 45: 1-20 22 Niu S et al.: The role of MRI after neochemoradiotherapy in predicting pathological tumor regression grade and clinical outcome in patients with locally advanced rectal adenocarcinoma. Front Oncol 2023; 12: 1118518
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