Bessere glykämische Kontrolle durch Online-Peer-Unterstützung?

DiabPeerS – Menschen mit Typ-2-Diabetes unterstützen sich gegenseitig über einen Messenger

Diabetologie & Endokrinologie
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Im Rahmen des Disease-Managements von Typ-2-Diabetes spielen Patientinnen und Patienten und deren Fähigkeiten für ein erfolgreiches Erkrankungsmanagement eine zentrale Rolle. Soziale Unterstützung ist ein wesentlicher Faktor für das Diabetes-Selbstmanagement. Das Projekt DiabPeerS (Improving glycaemic control in patients with type 2 diabetes mellitus through peer support instant messaging: a randomized controlled trial) entwickelt einen neuen Ansatz zur sozialen Unterstützung durch Peers und untersucht dessen Effekt auf die glykämische Kontrolle.

Keypoints

  • DiabPeerS implementiert erstmalig eine Peer-Support-Intervention mittels IMS für Menschen mit Typ-2-Diabetes.

  • Die gegenseitige zeit- und ortsunabhängige Online-Unterstützung soll die Diabetes-Selbstmanagementfähigkeiten der Teilnehmenden fördern und somit zu einer Verbesserung von krankheitsspezifischen Parametern und der Lebensqualität führen.

  • Für eine möglichst vergleichbare Peer-Support-Intervention werden die IMS-Strategie und Schulungen für die Teilnehmenden entwickelt und umgesetzt.

  • Alle Projektergebnisse werden nach Projektende mit Open Access verfügbar sein.

Diabetes Self-Management Education and Support (DSMES)

Aufgrund des chronischen Charakters des Typ-2-Diabetes sind die Diabetes-Selbstmanagementfähigkeiten von Patientinnen und Patienten von zentraler Bedeutung für ihren Erkrankungsverlauf. 95% der angestrebten Therapieziele hängen maßgeblich vom Verhalten der Betroffenen ab, z.B. bezüglich Ernährung, körperlicher Aktivität, Einnahme von Medikamenten, Stresskontrolle und Krankheitsmonitoring.1 Daher fokussieren moderne „Diabetes Self-Management Education (DSME)“- und „Support (DSMES)“-Programme vorrangig auf die Förderung jener Faktoren, welche die Selbstmanagementkompetenzen der Betroffenen steigern, um letztlich die Effektivität der Diabetestherapie zu verbessern.2–4 Obwohl gezeigt wurde, dass durch DSMES diabetesbezogene klinische Krankheitsparameter5,6 und sogar die Mortalität7 verbessert werden können, deutet die Forschung darauf hin, dass bereits drei Monate nach Schulungsende8 die positiven Effekte des DSMES nachlassen.9,10 Folglich sind wirksame Strategien zur Aufrechterhaltung dieser Auswirkungen erforderlich.

Soziale Unterstützung, also „der Austausch von Ressourcen zwischen mindestens zwei Personen, um das Wohlergehen“ von mindestens einer dieser Personen zu verbessern,11 ist ein bekannter Prädiktor für das Diabetes-Selbstmanagement. Soziale Unterstützung kann auf unterschiedliche Weise stattfinden, etwa durch Gesundheitspersonal, Familie und Freunde oder durch andere von Diabetes Betroffene – die Peers.12

Peer-Support

Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass der Peer-Support, also die Unterstützung durch andere Menschen mit Typ-2-Diabetes, in Ergänzung zur Standardtherapie mit nur geringen Zusatzkosten,13 aber besseren Ergebnissen in Bezug auf HbA1c, Risikofaktoren von kardiovaskulären Erkrankungen oder Selbstwirksamkeit verbunden ist.13–15 Peer-Support kann auf unterschiedliche Arten bereitgestellt werden, z.B. „face-to-face“, telefonisch16 oder durch neuere Technologien wie etwa Smartphone-Apps.17

Chancen von Instant Messaging Service im Rahmen der Diabetestherapie

Instant Messaging Services (IMS) oder „Messenger“ sind Apps, die auf Smartphones installiert werden und mit welchen Fotos, Videos oder Nachrichten innerhalb von Gruppen geteilt werden können. WhatsApp, Signal oder Telegram zählen zu den prominenten Beispielen dieser Programme. Obwohl IMS innerhalb der Social Media bei der Altersgruppe der 40- bis 69-Jährigen, also jener Altersgruppe, die auch am häufigsten von Typ-2-Diabetes betroffen ist, die größte Rolle spielt (72,9%),18 konnten wir zum Zeitpunkt der Projektkonzeptionierung im Jahr 2018 keine Studie zur Unterstützung von Menschen mit Typ-2-Diabetes mittels IMS finden. Dabei hat IMS, abgesehen von der bereits genannten hohen Nutzungsrate, noch weitere Vorteile. So kann soziale Unterstützung leicht13 und schnell19 ermöglicht werden. Sie ist vergleichsweise günstig13 und bedarf eines geringeren Aufwandes seitens der Anwender.20 Im Rahmen des Diabetes-Disease-Managements müssen datenschutzrechtliche Aspekte berücksichtigt werden und nur IMS-Technologien zum Einsatz kommen, die den Schutz personenbezogener Daten, der Privatsphäre und der damit verbundenen ethischen Grundsätze gewährleisten.

Projekt DiabPeerS

Das Projekt DiabPeerS (Improving glycaemic control in patients with type 2 diabetes mellitus through peer support instant messaging: a randomized controlled trial, https://diabpeers.fhstp.ac.at/) wird von 2020–2024 von der Fachhochschule St. Pölten (Institut für Gesundheitswissenschaften und Institut für Creative\Media/Technologies), der Österreichischen Gesundheitskasse, der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften (Fachbereich Psychologische Methodenlehre am Department Psychologie und Psychodynamik) und dem Universitätsklinikum St. Pölten (Klinische Abteilung für Innere Medizin 1) durchgeführt und von der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich m.b.H. im Rahmen des Life Science Call 2018 gefördert. Das Projekt wird von der NÖ Landesgesundheitsagentur unterstützt. Ein positives Votum der Ethikkommission Niederösterreich liegt vor.

Abb. 1: DiaPeerS informiert die Studienteilnehmer über einen Messenger-Dienst

Die grundlegende Projektannahme ist, dass eine Unterstützung von Typ-2-Diabetikern durch andere Betroffene mittels IMS das Diabetes-Selbstmanagement bei Menschen mit Typ-2-Diabetes fördert und somit zu dauerhaft verbesserten krankheitsspezifischen Parametern und einer höheren Lebensqualität führt (Abb.1). Basis der Intervention ist die IMS-Strategie. Diese besteht zum einen aus kommunikationswissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich der unterstützenden, wertschätzenden und motivierenden Kommunikation via IMS und zum anderen aus Erkenntnissen aus Forschungen zu DSMES sowie der Förderung von Selbstmanagementkompetenzen. In Form eines Handbuches inklusive konkreter Anleitungen und Kommunikationsbeispiele steht die IMS-Strategie den IMS-Gruppenleitern – im Weiteren als Moderatoren bezeichnet – zur Verfügung.

Die Intervention (Umsetzung der entwickelten IMS-Strategie samt Schulungen) wird mittels eines Randomized Controlled Trial auf ihre Wirksamkeit überprüft. Dabei werden Menschen in Niederösterreich mit Typ-2-Diabetes in eine Interventions- und in eine Kontrollgruppe randomisiert. Die Kontrollgruppe erhält weiterhin die gewohnte Diabetesbehandlung, während die Interventionsgruppe zusätzlich am gegenseitigen Erfahrungsaustausch mittels der Peer-unterstützten IMS-Intervention zum Diabetes-Selbstmanagement teilnimmt. Im Rahmen des Projektes spielen die genannten Moderatoren eine besondere Rolle. Diese krankheitserfahrenen und geschulten Diabetikerinnen und Diabetiker leiten die IMS-Gruppen und regen durch ein aktives Themensetzen zu Diskussionen rund um Typ-2-Diabetes an. Um sie dabei bestmöglich zu unterstützen, werden sie während der Intervention von einer Diätologin bei regelmäßigen Treffen begleitet.

Praxistipp
Im Spätsommer 2021 startet die Rekrutierung der Probandinnen und Probanden von DiabPeerS. Wir freuen uns, wenn Sie unser Projekt unterstützen und Ihre Patientinnen und Patienten auf die Möglichkeit der Teilnahme hinweisen. Die Anmeldung ist bei der Fachhochschule St.Pölten über die Projekt-E-Mail-Adresse diabpeers@fhstp.ac.at, per Telefon (+432742 31 32 28-572) sowie über die FH-Homepage (www.diabpeers.fhstp.ac.at/anmeldung) möglich.

Vor der Intervention werden die Probanden der Interventionsgruppe im Rahmen der entwickelten Schulungen auf die Intervention vorbereitet. Alle Probandinnen und Probanden aus der Interventions- und der Kontrollgruppe sollen an insgesamt vier Messterminen teilnehmen. Diese Termine sind sowohl vor, während und nach der siebenmonatigen Intervention als auch nach dem gleich langen Follow-up. Bei diesen Messterminen werden biochemische, psychosoziale und verhaltensbezogene Parameter erhoben, z.B. Messung der Körperzusammensetzung oder HbA1c. Die Schulungen und die Messungen werden an der Fachhochschule St. Pölten sowie in den Landeskrankenhäusern in Wr. Neustadt, Hollabrunn und Mauer/Amstetten angeboten. Im Dezember 2021 werden die Schulungen starten (die Intervention startet im Februar 2022) und ca. 200 Probanden einschließen. Um die nötige Stichprobengröße zu erreichen, wird die Intervention zweimal durchgeführt. Die ersten Probandinnen und Probanden sollen ab September 2021 rekrutiert werden. Um die datenschutzrechtlichen Erfordernisse zu erfüllen, kommt der Messenger grape® (https://www.grape.io/de/) zum Einsatz. Er gewährleistet den Schutz personenbezogener Daten, der Privatsphäre und der damit verbundenen ethischen Grundsätze.

Die wichtigsten Ein- und Ausschlusskriterien für eine Interventionsteilnahme sind:

Einschlusskriterien
  • Diagnostizierter Typ-2-Diabetes mellitus und ein HbA1c von ≥6,5% (48mmol/mol)

  • Probandinnrn und Probanden älter als 40 Jahre, Moderatorinnen und Moderatoren älter als 60 Jahre

  • Probandinnen und Probanden: orale Antidiabetika seit maximal einem Jahr, Moderatorinnen und Moderatoren: orale Antidiabetika seit mindestens drei Jahren

  • Teilnahme der Moderatorinnen und Moderatoren am Disease-Management-Programm „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ (www.therapie-aktiv.at)

  • Bereitschaft, an den Schulungen und Messungen in niederösterreichischen Gesundheitseinrichtungen teilzunehmen

  • Besitz eines Smartphones

Ausschlusskriterien
  • Neurologische oder psychische Erkrankungen

  • Augenerkrankungen, die das Sehvermögen stark einschränken und daher die Lesbarkeit des IMS-Tools beeinträchtigen (z.B. proliferative Retinopathie oder Makulaödeme)

  • Schwere Erkrankungen wie Nieren-, Leber-, Herzkrankheiten oder maligne Karzinome

Die Probandinnen und Probanden erhalten für ihre Teilnahme eine Aufwandsentschädigung von 50 Euro, ihre persönlichen Messergebnisse inklusive deren Besprechung mit einer Diätologin sowie ein kleines Dankeschön der Österreichischen Gesundheitskasse.

Die Autorinnen bedanken sich für die finanzielle Unterstützung der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich m.b.H und der Landesregierung Niederösterreichs durch die (Life) Science Calls (Projekt-ID: LS18-021).

1 Funnell MM, Anderson RM: JAMA 2000; 284: 1704-9 2 American Diabetes Association: Diabetes Care 2020 3 International Diabetes Federation: Global Guideline for Type 2 Diabetes, https://www.idf.org/component/attachments/attachments.html?id=725&task=download 4 Powers MA et al.: Diabetes Care 2020; 43: 1636-49 5 Odgers-Jewell K et al.: Diabet Med 2017; 34: 1027-39 6 Chrvala E et al.: Patient Educ Couns 2016; 99: 926-43 7 He X et al.: Endocrine 2017; 55: 712-31 8 Norris SL et al.: Diabetes Care 2002; 25: 1159-71 9 Minet L et al.: Patient Educ Couns 2010; 80: 29-41 10 Steinsbekk A et al.: BMC Health Serv Res 2012; 12: 213 11 Shumaker SA, Brownell A: J Soc Issues 1984; 40: 11-36 12 Song Y et al.: Diabetes Educ 2017; 43: 396-412 13 Gatlin TK et al.: J Clin Nurs 2017; 26: 4212-22 14 Patil SJ et al.: BMC Public Health 2018; 18: 398 15 Patil SJ et al.: Ann Fam Med 2016; 14: 540-51 16 Dale JR et al.: Diabet Med 2012; 29: 1361-77 17 Chomutare T et al.: Proceedings of MIE 2011; 48-52 18 Statistik Austria, http://www.statistik.at/web_de/statistiken/energie_umwelt_innovation_mobilitaet/informationsgesellschaft/ikt-einsatz_in_haushalten/024571.html 19 Vorderstrasse A et al.: Curr Diab Rep 2016; 16: 56 20 Heisler M: Fam Pract 2010; 27: i23-32

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