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Neues zum „alten“ Cholesterin

Bessere Risikovorhersage bei Cholesterinmessung in jungen Lebensjahren

Diabetologie & Endokrinologie | Kardiologie & Gefäßmedizin
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Forscher des VIVIT (Vorarlberger Institut für vaskuläre Forschung) und des aks (Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin) in Vorarlberg haben sich in einer Studie mit der Risikovorhersage bei älteren Herzpatienten beschäftigt. Sie konnten zeigen, dass Cholesterin, gemessen zu einem früheren Zeitpunkt im Leben, das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall im späteren Leben deutlich besser vorhersagt als ein aktueller Wert. Die Forscher empfehlen daher, eine Cholesterinmessung bereits früh im Leben vornehmen zu lassen.

Keypoints

  • Frage: Welche Messdaten des Gesamtcholesterins sind für die Vorhersage des kardiovaskulären Risikos älterer Patienten wertvoller: aktuelle oder frühere Messwerte?

  • Ergebnisse: Das Gesamtcholesterin, gemessen zu einem früheren Zeitpunkt im Leben, war ein besserer Prädiktor für koronare Atherosklerose, kardiovaskuläre Ereignisse und kardiovaskuläre Mortalität und verbesserte die Vorhersage des kardiovaskulären Risikos jenseits von LDL-C und HDL-C signifikant.

  • Bedeutung: Das Gesamtcholesterin, in einem früheren Lebensabschnitt gemessen, wenn die betroffenen Personen gesund und unbehandelt sind, ist von hohem Wert und verbessert die Risikoprognose in späteren Lebensabschnitten.

In der Arbeit mit dem Titel „Value of total cholesterol readings earlier versus later in life to predict cardiovascular risk“, die in „EBioMedicine“ veröffentlicht wurde,1 haben sich die Autoren, Ärzte aus Vorarlberg und Naturwissenschaftler aus Österreich und Deutschland, mit der Vorhersage des kardiovaskulären Risikos bei älteren Patientinnen und Patienten beschäftigt. Sie konnten zeigen, dass das Gesamtcholesterin einen deutlich höheren prognostischen Wert hat, wenn es zu einem früheren Zeitpunkt im Leben gemessen wird – also zu einer Zeit, in der die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gesund waren und noch keine cholesterinsenkenden Statine eingenommen hatten. Die Vorhersage des kardiovaskulären Risikos ist damit besser möglich, als das mit Messungen in fortgeschrittenem Alter der Fall ist. Die Empfehlung, die sich daraus ergibt, ist sehr klar: Eine Cholesterinmessung sollte nach Möglichkeit bereits in frühen Lebensabschnitten erfolgen und die Daten sollten langfristig gespeichert werden.

Gesundenuntersuchung in Vorarlberg

Eine wichtige Basis für diese Studie waren die Daten aus den Vorarlberger Gesundenuntersuchungen. Diese kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen werden jeder Person ab dem 18. Lebensjahr einmal pro Jahr angeboten und von der Bevölkerung sehr gut angenommen: Deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat in Vorarlberg bereits in den 1980ern daran teilgenommen. Insgesamt 1090 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger, die das Angebot dieser Vorsorgeuntersuchung in der Vergangenheit genutzt hatten, haben auch an der aktuellen Studie teilgenommen. Die Forscher hatten daher die besondere Gelegenheit, ältere Daten (insbesondere Werte für das Gesamtcholesterin) aus einer sehr frühen Vorarlberger Gesundenuntersuchung der 1980er-Jahre, an der klinisch gesunde und Statin-naive Personen mit einem Altersdurchschnitt von 51 Jahren teilgenommen hatten, mit denen einer aktuellen Studie bei Herzpatienten (im Schnitt 66 Jahre alt) zu kombinieren. Beide Untersuchungen fanden in Vorarlberg statt, die Cholesterinwerte wurden in den gleichen Laboren gemessen, mit einem zeitlichen Versatz von im Schnitt 15 Jahren. Die Daten stammen somit von denselben Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern: einmal als „junge“ und gesunde Probanden der Gesundenuntersuchung und 15 Jahre später als Patienten der Kardiologie (Abb. 1). Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen Gesamtcholesterin und den Ergebnissen einer Koronarangiografie zur Bestimmung der KHK (koronare Herzkrankheit) sowie dem Auftreten von kardiovaskulären Ereignissen oder Tod aufgrund einer kardiovaskulären Ursache in den darauffolgenden 19 Jahren.

Abb. 1: Die Cholesterinmessung sollte früh im Leben beginnen, und diese frühen Daten sollten langfristig für die Risikovorhersage im fortgeschrittenen Alter gespeichert werden, um das kardiovaskuläre Risiko besser vorhersagen zu können

Gesamtcholesterin – immer noch ein wichtiger Parameter für Risikoprognosen

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Cholesterinmessungen sollten möglichst früh durchgeführt werden. Die Daten sollten langfristig gespeichert werden und bei der Risikovorhersage in späteren Lebensabschnitten berücksichtigt werden.

Gerade im fortgeschrittenen Alter wird die Vorhersage des kardiovaskulären Risikos für die meisten Menschen zu einem größeren Thema. Das Gesamtcholesterin ist seit Langem einer der am häufigsten verwendeten Parameter für die Risikoprognose und findet beispielsweise auch in den aktuellen Leitlinien der europäischen Atherosklerosegesellschaft (EAS) bzw. der europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) Verwendung.2

Bei einer Einteilung der Gesamtcholesterin-Werte in vier Kategorien zeigte sich in der aktuellen Arbeit, dass Patienten in der höchsten verglichen mit der niedrigsten Kategorie des in jüngeren Jahren gemessenen Gesamtcholesterins nach multivariater Adjustierung eine Odds-Ratio (OR) von 4,30 (2,41–7,65) für eine signifikante KHK hatten und eine Hazard-Ratio (HR) von 1,74 (1,10–2,76) für kardiovaskuläre Ereignisse bzw. 7,55 (1,05– 54,49) für Tod aus kardiovaskulärer Ursache. Im Gegensatz dazu war das 15 Jahre später gemessene Gesamtcholesterin weder mit signifikanter KHK (OR: 0,75; CI: 95%: 0,49–1,13) noch mit kardiovaskulären Ereignissen (HR: 0,86; CI: 95%: 0,62–1,18) oder Tod aus kardiovaskulärer Ursache (HR: 0,79; CI: 95%: 0,41–1,53) assoziiert.

Darüber hinaus wurde festgestellt, dass bei Verwendung der SCORE-Tabelle (SCORE = Systematic COronary Risk Estimation) zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für die Mortalität aus kardiovaskulärer Ursache gemäß den ESC- bzw. EAS-Leitlinien die Verwendung früherer statt späterer Gesamtcholesterin-Daten signifikant bessere Ergebnisse liefert („continuous net reclassification improvement“ = 0,301; p<0,001).

Diese Daten legen daher nahe, dass die Vorhersage des kardiovaskulären Risikos genauer ist, wenn frühere Messwerte verwendet werden. Darüber hinaus ermöglicht natürlich eine frühe Messung auch eine frühe Intervention und Therapie und ist daher auch völlig im Einklang mit dem Konzept der lebenslangen Exposition atherogener Lipoproteine zu sehen.3

Die Studiendaten haben klar gezeigt, dass für die aktuelle Risikovorhersage bei älteren Patientinnen und Patienten die Gesamtcholesterin-Werte, die man im Rahmen der Gesundenuntersuchung 15 Jahre vorher gemessen hat, ein viel besserer Prädiktor für das Vorliegen einer Atherosklerose und zukünftiger kardiovaskulärer Ereignisse waren als die aktuellen Gesamtcholesterin-Messungen – selbst wenn man in der statistischen Analyse berücksichtigt, dass in der Zwischenzeit die Hälfte der Patienten mit der Einnahme cholesterinsenkender Statine begonnen hatte. Offensichtlich tragen bei älteren Patienten neben der Statineinnahme noch weitere Faktoren dazu bei, dass der Gesamtcholesterin-Wert keine gute Stratifizierung des kardiovaskulären Risikos erlaubt.4–6

Fazit

Die Schlussfolgerung, die sich daraus ergibt, erscheint einfach: Die Cholesterinmessung sollte früh im Leben beginnen, und diese frühen Daten sollten langfristig für die Risikovorhersage im fortgeschrittenen Alter gespeichert werden. Dabei sollte aber betont werden, dass das Gesamtcholesterin immer noch ein sehr wichtiger Parameter für die Risikoprognose ist, auch und gerade bei älteren Patientinnen und Patienten – aber mit der wichtigen Besonderheit, dass Daten aus früheren Lebensabschnitten für die Risikoprognose verwendet werden sollten. Diese Erkenntnisse spielen in Anbetracht einer alternden Gesellschaft eine große Rolle im Gesundheitssystem – insbesondere für behandelnde Internisten oder Kardiologen.

1 Leiherer A et al.: Value of total cholesterol readings earlier versus later in life to predict cardiovascular risk. EBioMedicine 2021; 67: 103371 2 Mach F et al.: 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J 2019; 41(1): 111-88 3 Lloyd-Jones DM et al.: Lifetime risk of coronary heart disease by cholesterol levels at selected ages. Arch Intern Med 2003; 163(16): 1966-72 4 Weverling-Rijnsburger AWE et al.: Total cholesterol and risk of mortality in the oldest old. Lancet 1997; 350(9085): 1119-23 5 Weverling-Rijnsburger AWE et al.: High-density vs low-density lipoprotein cholesterol as the risk factor for coronary artery disease and stroke in old age. Arch Intern Med 2003; 163(13): 1549-54 6 Petersen LK et al.: Lipid-lowering treatment to the end? A review of observational studies and RCTs on cholesterol and mortality in 80+-year olds. Age Ageing 2010; 39(6): 674-80

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