
Mythos versus Realität
Autor:innen:
Dr. Maria Noelle Hüpper
Prim. Assoc. Prof. PD Dr. Thomas Eiwegger
Klinische Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde
Universitätsklinikum St. Pölten
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IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien können sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter lebensbedrohliche Reaktionen auslösen und sind häufig mit langfristigen Einschränkungen der Lebensqualität der Patienten und des sozialen Umfelds verbunden. Eine präzise Diagnostik, evidenzgetriebene personalisierte Beratung und angemessene therapeutische Maßnahmen sind daher essenziell.
Keypoints
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Eine Sensibilisierung allein stellt keine Allergie dar – entscheidend sind Anamnese und klinische Symptomatik. Auch bei Säuglingen ist eine zuverlässige Diagnostik mittels standardisierter Allergietests möglich.
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Frühzeitiger Kontakt mit potenziellen Nahrungsmittelallergenen kann das Risiko für eine Allergieentwicklung senken und präventiv wirken.
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Die orale Immuntherapie ist eine effektive Behandlungsoption bei Nahrungsmittelallergien und sollte Patienten frühzeitig angeboten werden.
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Patienten mit Hühnereiallergie können sicher alle im Impfplan gelisteten Impfungen, d.h. auch Influenza und MMR, erhalten.
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Gerüche von Erdnüssen allein führen im Regelfall nicht zu allergischen Reaktionen, da keine allergenhaltigen Aerosole freigesetzt werden.
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Ziegen- oder andere Säugetiermilch ist kein geeigneter Ersatz für Kuhmilch bei Säuglingen mit Kuhmilchallergie.
Trotz erheblicher wissenschaftlicher Fortschritte, neuer Therapieoptionen und zunehmender Awareness persistieren auch im fachärztlichen Umfeld zahlreiche Mythen, die nicht selten zu Überdiagnostik und ungerechtfertigten Eliminationsdiäten oder falscher Anwendung von Notfallmedikation führen. In diesem Artikel werden einige dieser Mythen adressiert.
Mythos: allergische Sensibilisierung=Allergie
Der Nachweis einer Sensibilisierung auf ein Nahrungsmittel erfolgt üblicherweise mittels Haut-Prick-Test oder durch die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper. Ein positives Testergebnis allein stellt jedoch noch keine hinreichende Grundlage für die Diagnose einer klinisch relevanten Nahrungsmittelallergie dar. Studien haben berichtet, dass klinische Diagnostik, die nur auf Extrakten beruht, bis zu 93% negative Provokationen aufweisen.1,2
Die Diagnose erfordert zwingend die Erhebung einer detaillierten Anamnese, insbesondere im Hinblick auf bisherige reproduzierbare Reaktionen nach dem Verzehr des betreffenden Nahrungsmittels. Die Anamnese sollte dabei vor der Testung durchgeführt werden, um Suggestivfragen zu vermeiden. Patienten sollten darüber aufgeklärt werden, dass Sensibilisierungen gegenüber relevanten Nahrungsmitteln, welche noch nicht eingeführt wurden, eine Provokationstestung für eine genaue Aussage notwendig machen. Molekulare Diagnostik oder der Basophilenaktivierungstest können die Vortestwahrscheinlichkeit erhöhen. Von einer allergologischen Abklärung ohne vorherige klinisch relevante Symptomatik nach der Nahrungsmittelaufnahme ist abzuraten.
Wichtig ist zu erwähnen, dass eine unnötige Vermeidungsdiät – insbesondere bei bestehender asymptomatischer Sensibilisierung – das Risiko für die Entwicklung einer klinisch manifesten Nahrungsmittelallergie erhöht.3
Mythos: Vermeidung ist die beste Prävention
Nach den Ergebnissen der LEAP-Studie, die zeigte, dass die frühzeitige Einführung von Erdnüssen das Risiko für die Entwicklung einer Erdnussallergie bei Hochrisikokindern signifikant reduziert, empfahlen Fachgesellschaften in den USA, Großbritannien und Australien ab 2016 eine gezielte frühe Einführung von Erdnussprodukten. In Europa wurden diese Empfehlungen zunächst zurückhaltend aufgenommen, unter anderem aus Sorge, dass ein vermehrter Konsum zu einer höheren Allergenbelastung mit Erdnuss im Hausstaub und somit zu mehr Sensibilisierungen über die Haut führen könnte. 2021 integrierte die European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) die modifizierten Empfehlungen in ihre Leitlinie. 2022 wurden diese auch in die deutschsprachige AWMF-S3-Leitlinie übernommen. Diese empfiehlt den Beginn der Beikosteinführung zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat und spricht sich gegen diätetische Restriktionen im ersten Lebensjahr aus. Weiters empfiehlt sie zur Prävention von Allergien die regelmäßige Gabe von durcherhitztem Hühnereiweiß sowie – bei entsprechender familiärer Exposition – altersgerechte Erdnussprodukte bei Säuglingen mit atopischer Dermatitis. Generell ist eine diversere Beikosteinführung ab dem 5. Lebensmonat mit einem geringeren Risiko, eine Nahrungsmittelallergie zu entwickeln, assoziiert.4,5 Bereits in die Beikost eingeführte Nahrungsmittel sollten zur Aufrechterhaltung der oralen Toleranz regelmäßig – mindestens zwei- bis dreimal wöchentlich – weiterverabreicht werden.6
Mythos: Allergietestung bei Kleinkindern ist nicht sinnvoll
Auch bei Säuglingen im ersten Lebensjahr kann die Diagnostik mittels spezifischer IgE-Bestimmung sowie Haut-Prick-Test durchgeführt werden. Allerdings sind die prädiktiven Testwerte in dieser Altersgruppe anders, da die absoluten allergen-spezifischen IgE-Werte tendenziell niedriger sind.7, 8
Mythos: Es gibt keine Therapie für Nahrungsmittelallergien
Die konsequente Allergenvermeidung und Versorgung mit einem Notfallset sowie Notfallplan sind bei Nahrungsmittelallergien nicht die einzige verfügbare Behandlungsstrategie. Insbesondere bei Kindern hat sich die orale Immuntherapie (OIT) als evidenzbasierte Option etabliert. Ziel der OIT ist eine Desensibilisierung durch die schrittweise standardisierte Gabe steigender Mengen des allergieauslösenden Nahrungsmittelproteins.
Im Gegensatz zur klassischen allergenspezifischen Immuntherapie für inhalative Allergene erfolgt die OIT mit handelsüblichen Lebensmitteln wie Erdnussmehl, pasteurisiertem Ei oder Milchprodukten. Studien mit kontrolliertem Studiendesign belegen ihre Wirksamkeit. Laut den aktuellen Leitlinien der EAACI kann OIT bei entsprechender Expertise in Zentren als routinemäßige Therapie angeboten werden. Für Erdnussallergie ist mit Palforzia® ein Produkt ab 12 Lebensmonaten zugelassen. Jüngere Kinder (1–3 Jahre) scheinen höhere Erfolgsraten mit bis zu 80% vollständiger Desensibilisierung aufzuweisen. Bei älteren Kindern (4–17 Jahre) tolerieren zwei Drittel nach einem Jahr Therapie klinisch relevante Mengen (z.B. 600mg Erdnussprotein=2 Erdnüsse), welche deutlich mehr Kontrolle und Sicherheitsgefühl für die Patienten und das Betreuungsumfeld erzeugen. Aktuell ist es notwendig, diese Therapie bzw. den Konsum der Lebensmittel nach Desensibilisierung aufrechtzuerhalten, um den Schutz nicht wieder zu verlieren.5,9–11
Die Indikationsstellung zur OIT erfordert eine umfassende ärztliche Aufklärung über potenzielle Risiken – insbesondere das Auftreten systemischer allergischer Reaktionen während der Aufdosierungs- oder Erhaltungsphase. Darüber hinaus sind klare Verhaltensregeln zu vermitteln, wie unter anderem eine temporäre Therapiepause bei Infekten oder die Vermeidung körperlicher Anstrengung nach Einnahme der Dosis. Angesichts der potenziellen Risiken, des komplexen Therapieregimes und der Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung auf allergische Reaktionen hin sollte die OIT ausschließlich in spezialisierten pädiatrisch-allergologischen Zentren durchgeführt werden. Die praktische Umsetzung der OIT wird derzeit in der DACH-Region durch fehlende Infrastruktur, mangelnde Vergütung und unzureichende Schulung von Fachpersonal erschwert.
Mythos: Eiallergie=Kontraindi-kation für MMR- und Influenza-Impfung
Da einige Impfstoffe Spuren von Eiallergenen enthalten, galt eine Eiallergie über längere Zeit als relative Kontraindikation für bestimmte Impfungen. Inzwischen belegen jedoch zahlreiche Studien, dass sowohl die Influenza-Impfung als auch die Masern-Mumps-Röteln(MMR)-Impfung auch bei Individuen mit schwerer Eiallergie ohne erhöhtes Risiko für systemische allergische Reaktionen verabreicht werden können. Die enthaltene Eiproteinmenge liegt unterhalb der Schwelle, um eine allergische Reaktion auszulösen. Dies gilt für beide Applikationsformen der Influenza-Impfung – intramuskulär und intranasal. Insbesondere bei pädiatrischen Patienten sollte die Sorge vor allergischen Reaktionen zu keiner Impfvermeidung führen, um den essenziellen Impfschutz sicherzustellen.12
Eine Ausnahme stellt der Gelbfieberimpfstoff dar, der je nach Präparat höhere Konzentrationen von Eialbumin enthält. In solchen Fällen wird empfohlen, Patienten mit bekannter Eiallergie für die Impfung an spezialisierte allergologische Zentren zu überweisen.12
Mythos: Der Geruch von Nahrungsmitteln kann eine allergische Reaktion auslösen
Kreuzkontamination über Oberflächen und bei unverpackten Lebensmitteln können systemische Reaktionen bei Patienten mit sehr niedrigem Schwellenwert auslösen. Dies trifft v.a. bei Erdnüssen oder Baumnüssen nicht für Gerüche zu. Der Verdacht, dass eine nichtorale Exposition gegenüber Erdnüssen oder Baumnüssen allergische Reaktionen auslösen kann, hat insbesondere im Bereich der Luftfahrt sowie in schulischen Einrichtungen dazu geführt, dass Erdnüsse nicht mehr bereitgestellt werden. Aktuelle Studien belegen jedoch, dass Erdnussstaub keine Aerosole bildet und Erdnussdämpfe keine relevanten Allergenmengen enthalten, wodurch das Risiko für eine systemische allergische Reaktion bei nichtoraler Exposition als gering eingeschätzt wird.13 Während Kochprozessen können Allergene im Fisch als Dämpfe in die Umgebungsluft gelangen und potenziell allergische Reaktionen auslösen. Insgesamt ist das Risiko für eine allergische Reaktion infolge nichtoraler Exposition bei Nahrungsmittelallergenen, insbesondere bei Erdnussallergie, als gering zu bewerten. Lebensmittel, die als Aerosole in Inhalationspräparaten enthalten sind, stellen ein höheres Risiko dar. Beispielsweise wird Laktose häufig als Trägerstoff in inhalativen Medikamenten verwendet und kann mit Milchproteinen kontaminiert sein. Dies erhöht das Risiko für systemische Reaktionen durch Inhalation bei Patienten mit Kuhmilchallergie.14,15
Mythos: Ziegenmilch ist eine gute Alternative bei Kuhmilchallergikern
Für Säuglinge mit einer Kuhmilchallergie sind hydrolysierte Formulanahrung (sollte im geeigneten Setting evaluiert werden), aminosäurebasierte Säuglingsnahrung oder auch Formula auf Soja- (erst ab dem 12. Lebensmonat empfohlen) oder Reisbasis eine Milchalternative. Ziegenmilch oder Milch anderer Säugetiere sollten aufgrund der hohen Kreuzreaktivität mit Kuhmilchproteinen und des damit verbundenen Risikos für allergische Reaktionen nicht verabreicht werden.
Literatur:
1 Fleischer DM et al.: Oral food challenges in children with a diagnosis of food allergy. J Pediatr 2011; 158(4): 578-83.e1 2 Nicolaou N et al.: Quantification of specific IgE to whole peanut extract and peanut components in prediction of peanut allergy. J Allergy Clin Immunol 2011; 127(3): 684-5 3 Eigenmann PA et al.: Are avoidance diets still warranted in children with atopic dermatitis? Pediatr Allergy Immunol 2020; 31(1): 19-26 4 Halken S et al.: EAACI guideline: Preventing the development of food allergy in infants and young children (2020 update). Pediatr Allergy Immunol 2021; 32(5): 843-58 5 Du Toit G et al.: Randomized trial of peanut consumption in infants at risk for peanut allergy. N Engl J Med 2015; 372(9): 803-13 6 Abrams EM et al.: Updates in food allergy prevention in children. Pediatrics 2023; 152(5): e2023062836 7 Mustonen N et al.: Allergy-related symptoms are poorly predicted by IgE and skin prick testing in early life. Int Arch Allergy Immunol 2021; 182(7): 574-84 8 Depner M et al.: Atopic sensitization in the first year of life. J Allergy Clin Immunol 2013; 131(3): 781-8 9 Du Toit G et al.: Oral immunotherapy for peanut allergy in children 1 to less than 4 years of age. NEJM Evid 2023; 2(11): EVIDoa2300145 10 Hourihane JOB et al.: Efficacy and safety of oral immunotherapy with AR101 in European children with a peanut allergy (ARTEMIS): a multicentre, double-blind, randomised, placebo-controlled phase 3 trial. Lancet Child Adolesc Health 2020; 4(10): 728-39 11 Jones SM et al.: Efficacy and safety of oral immunotherapy in children aged 1-3 years with peanut allergy (the Immune Tolerance Network IMPACT trial): a randomised placebo-controlled study. Lancet 2022; 399(10322): 359-71 12 Nilsson L et al.: Vaccination and allergy: EAACI position paper, practical aspects. Pediatr Allergy Immunol 2017; 28(7): 628-40 13 Greenhawt M, Shaker M: Determining levers of cost-effectiveness for screening infants at high risk for peanut sensitization before early peanut introduction. JAMA Netw Open 2019; 2(12): e1918041 14 Ridolo E et al.: Airborne anaphylaxis: highlighting an invisible enemy. Curr Opin Allergy Clin Immunol 2022; 22(5): 283-90 15 Melethil S, Yousef E: Rare causes of pediatric anaphylaxis due to obscure allergens. Front Allergy 2024; 5: 1456100
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