Psoriasis und HIV – Einsatz moderner Biologika als Therapieoption
Unser Gesprächspartnerin:
Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Katharina Grabmeier-Pfistershammer
Vorstandsmitglied der Österreichischen AIDS Gesellschaft
E-Mail: info@aidsgesellschaft.at
Das Interview führte
Mag. Birgit Leichsenring
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Psoriasis wird in Westeuropa mit einer Prävalenz von bis zu 3,5% eingeschätzt.1 Bei Menschen mit HIV zeigte eine Studie, dass sie bei 5,4% der Patient:innen auftritt.2 Therapien mit Biologika stellen auch in dieser Kohorte eine Option dar und können das Leben von Patient:innen deutlich positiv verändern.
Dank moderner Therapien stellt HIV mittlerweile eine gut behandelbare Infektion mit annähernd normaler Lebenserwartung dar. Damit haben andere Aspekte in der medizinischen Betreuung von HIV-Patient:innen an Bedeutung gewonnen. Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr.Katharina Grabmeier-Pfistershammer betreut in Wien als Dermatologin seit vielen Jahren Menschen mit HIV und reflektiert im Interview zum Thema Psoriasis.
Frau Prof. Grabmeier-Pfistershammer, sehen Sie zwischen Psoriasis und HIV einen Zusammenhang?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Trotz oder gerade aufgrund des durch HIV indizierten Immundefekts weisen Menschen mit HIV häufig chronisch-entzündliche Erkrankungen auf. Sie können bereits vor dem Infektionsereignis vorliegen, durch HIV induziert bzw. verändert werden oder sich erst im Verlauf entwickeln. Das ist auch bei Psoriasis der Fall. Eine HIV-Infektion kann eine Exazerbation der Psoriasis hervorrufen. Die Therapie der HIV-Infektion und die damit verbundene Immunrekonstitution können den Schweregrad einer vorliegenden Psoriasis deutlich verbessern. Und wir wissen, dass Schuppenflechte z.B. durch Alkoholabusus oder Stress provoziert werden kann. Solche Faktoren sehen wir bei unseren Patient:innen mit HIV nicht selten.
Wie erfolgt eine Therapie der Psoriasis bei HIV?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Der erste Schritt ist der Start einer effektiven HIV-Therapie, sofern dies noch nicht geschehen ist. Sie geht mit vielerlei Benefits einher und führt auch alleine oft schon zu einer deutlichen Besserung der Psoriasis. In weiterer Folge muss je nach Schweregrad der Psoriasis und dem individuellen Immunstatus des Betroffenen eine lokale oder systemische Therapie eingeleitet werden.
Gilt dies auch für den Einsatz moderner Biologika?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Die Datenlage zu Sicherheit und Wirksamkeit von Biologika bei einer HIV-Infektion ist limitiert, obwohl es zunehmend klinische Erfahrungen und Publikationen zum Einsatz von Biologika in dieser Indikation gibt. Anzumerken ist auch, dass Biologika aufgrund ihrer chemischen Natur anders abgebaut werden als klassische Medikamente. Damit sind Wechselwirkungen mit der HIV-Therapie nicht zu erwarten.
Spielen die immunmodulatorischen Eigenschaften der Biologika eine Rolle?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Biologika inhibieren sehr spezifisch Funktionen des Immunsystems. Damit besteht die Sorge, dass die Kontrolle von Infektionen, aber auch von Tumoren herabgesetzt ist. Dies ist natürlich in Zusammenhang mit einer Infektion, die selbst schon zu einer Immunschwäche führt, von Relevanz. Die aktuellen Leitlinien zur Behandlung der Psoriasis spiegeln dies wider. Sie empfehlen, vor Einsatz von Biologika nicht nur eine Tuberkulose-, sondern auch eine Hepatitis-B- und -C-Erkrankung auszuschließen. Weiters sollte eine HIV-Serologie durchgeführt werden.3 Die Sorge vor einer gesteigerten Infektanfälligkeit besteht vor allem bei Patient:innen mit einer nicht kontrollierten HIV-Infektion (HI-Viruslast nicht supprimiert) und einem fortgeschrittenen Immundefekt. Bei Patient:innen mit einer gut behandelten, kontrollierten HIV-Infektion und gutem Immunstatus besteht mittlerweile der Konsens, dass eine Systemtherapie der Psoriasis mit Biologika eine vergleichbare Wirksamkeit und Sicherheit aufweist wie bei Menschen ohne HIV-Infektion.4
Wie ordnen Sie die Biologikatherapie bei Menschen mit HIV ein?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Biologikatherapien bei Menschen mit HIV müssen nach wie vor individuell abgewogen und mit Bedacht eingesetzt werden. Sie stellen aber mittlerweile durchaus auch eine Therapieoption für schwere Verläufe einer Psoriasis bei einer kontrollierten HIV-Infektion dar. Generell wäre es wünschenswert, wenn auch für Patient:innen mit HIV Studien zu neuen therapeutischen Optionen von in diesem Kollektiv weitverbreiteten Erkrankungen und Tumoren durchgeführt würden. Menschen mit kontrollierter HIV-Infektion haben heutzutage eine annähernd normale Lebenserwartung, und wir benötigen in vielen Bereichen moderne Therapieoptionen, damit wir ihnen eine Langzeitbetreuung anbieten können, die unseren Standards entspricht.
Literatur:
1 Parisi R et al.: National, regional, and worldwide epidemiology of psoriasis: systematic analysis and modelling study. BMJ 2020; 369: m1590 2 Rockstroh J et al.: HIV-Buch 2023/2024 3 Nast A et al.: S3-Leitlinie zur Therapie der Psoriasis vulgaris, adaptiert von EuroGuiDerm – Teil 1: Therapieempfehlungen und Monitoring. JDDG 2026; 24(1): 122-39 4 Papp KA et al.: Use of systemic therapies for treatment of psoriasis in people living with controlled HIV: inference-based guidance from a multidisciplinary expert panel. Dermatol Ther (Heidelb) 2022; 12(5): 1073-89
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