Aktuelles zu Hidradenitis suppurativa, Akne und Rosazea
Autorin:
Dr. med. Karolina Reiprich
Klinik für Dermatologie
Universitätsklinikum Basel
E-Mail: karolina.reiprich@usb.ch
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Chronisch-entzündliche Hauterkrankungen wie Hidradenitis suppurativa (HS), Akne und Rosazea gehen häufig mit einer erheb-lichen Einschränkung der Lebensqualität einher. Fortschritte in der Klassifikation sowie die Entwicklung neuer Therapieansätze eröffnen zunehmend Möglichkeiten für eine individualisierte Versorgung.
Keypoints
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Chronisch-entzündliche Dermatosen erfordern individualisierte, phänotyporientierte Therapieansätze.
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In der Behandlung der HS steht die frühzeitigeTherapie entzündlicher Läsionen im Fokus, um irreversible Gewebedestruktion mit Fistel- und Narbenbildung zu verhindern oder zu verlangsamen.
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Azithromycin ist bei Rosacea fulminans eine vielversprechende therapeutische Option; es gilt als gut verträglich und ist mit einer raschen klinischen Besserung innerhalb von zwei Monaten assoziiert.
Hidradenitis suppurativa
Diagnostische Herausforderung
Trotz einer Prävalenz von etwa 1% stellt die Hidradenitis suppurativa (HS) aufgrund ihrer variablen klinischen Manifestationen selbst für Dermatolog:innen eine diagnostische Herausforderung dar. Die Erkrankung zeigt sich typischerweise postpubertär, kann jedoch auch früher oder später auftreten.
Die Diagnose der HS wird klinisch gestellt und basiert auf drei essenziellen Kriterien:1
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Vorliegen von tiefsitzenden entzündlichen Knoten, Abszessen, Fisteln (Tunneln) oder hypertrophen, indurierten Narben
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Typische Lokalisation in intertriginösen Arealen wie Axillae, Leisten, perianal, gluteal oder inframammär
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Chronisch-rezidivierender Verlauf mit mindestens zwei Läsionen innerhalb von sechs Monaten oder Persistenz einer aktiven Läsion über mindestens drei Monate
Phänotypisierung als Grundlage einer differenzierten Therapie
Für eine differenzierte Beurteilung und Therapieplanung stehen mehrere Klassifikationssysteme zur Verfügung.2 Einige basieren vorrangig auf der Lokalisation der Läsionen, andere – wie die von van der Zee und Jemec entwickelte Klassifikation – auf klinischen Phänotypen.3
Nach van der Zee und Jemec lassen sich folgende klinische Phänotypen unterscheiden:
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Klassische (reguläre) Form (75,9%): entspricht dem typischen HS-Bild ohne zusätzliche morphologische Besonderheiten.
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«Frictional furuncoloid type» (10,3%): tritt häufig bei adipösen Patient:innen auf; meist milde Verlaufsform ohne Fistelbildung, mit Läsionen an mechanisch beanspruchten Arealen wie Abdomen oder Gesäss.
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«Scarring folliculitis type» (7,2%): charakterisiert durch Pusteln, komedonenartige Läsionen und kribriforme Narben; häufig bei Patient:innen mit Nikotinabusus.
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«Conglobata type» (6,6%): schwere Verlaufsform mit familiärer Häufung, vorwiegend bei Männern; häufig assoziiert mit Akne conglobata und geringem Ansprechen auf Isotretinoin.
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Syndromale Formen: seltene immunvermittelte Varianten (HS im Rahmen von z.B. PASH, PAPASH, PASS, PsAPSASH oder SAPHO) mit meist ungünstiger Prognose, gekennzeichnet durch eine Dysregulation des IL-1-Signalwegs.
Überlappungen zwischen den einzelnen Phänotypen sind dabei häufig.
«Window of opportunity»
Zunehmend an Bedeutung gewinnt das von A. Martorell geprägte Konzept des «window of opportunity», welches eine frühzeitige, evidenzbasierte Therapie entzündlicher Läsionen in den Fokus stellt, um irreversible Gewebedestruktion mit Fistel- und Narbenbildung zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.4 Besonders entscheidend ist dabei die frühzeitige Identifikation jener Patient:innen, die von einer intensiveren Therapie profitieren.
Upgrade-Kriterien – aktueller Bedarf
Gemäss aktuellen Empfehlungen soll der Einsatz von Biologika erst nach dem Versagen einer mehrmonatigen systemischen Antibiotikatherapie erfolgen. Eine aktuelle Studie von Nikolakis et al. zeigt jedoch, dass 81% der befragten HS-Expert:innen – überwiegend Mitglieder der European Hidradenitis Suppurativa Foundation (EHSF) – Antibiotika verordnen, obwohl keine Wirksamkeit mehr erwartet wird.
Daraus ergibt sich ein klarer Bedarf an überarbeiteten Upgrade-Kriterien, um gezielt jene Patient:innen zu identifizieren, die von einer frühen Biologikatherapie profitieren könnten.
Kriterien für den frühzeitigen Einsatz von Biologika (vorläufige Ergebnisse nach Nikolakis et al.):5
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≥3 entzündliche Schübe innerhalb von 12 Wochen
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Rasche Progression (Aufstieg im Hurley-Stadium innerhalb von ≤3 Monaten)
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Vorliegen von Fistelgängen bzw. hohe Entzündungsaktivität (IHS4 ≥4)
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Schweres Hurley-Stadium I mit hohem Progressionsrisiko (z.B. IHS4 ≥11)
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Begleitende entzündliche Komorbiditäten (z.B. Morbus Crohn, Arthritis, Pyoderma gangraenosum)
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Hochrisikophänotypen: ausgedehnte Beteiligung (>3 Regionen), ektopische oder conglobate Formen
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Früher Krankheitsbeginn und positive Familienanamnese
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Kontraindikationen gegen Antibiotika
Neue Leitlinien
Ende 2024 wurden die neuen europäischen Leitlinien zur Behandlung der HS publiziert.6 Eine Übersicht über die empfohlenen Therapieoptionen ist in den entsprechenden Abbildungen zusammengefasst. Auch neue schweizerische Leitlinien wurden im Rahmen der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (SGDV) vorgestellt und sollen in Kürze offiziell veröffentlicht werden.
Abb. 1: HS-Behandlungsalgorithmus laut European S2k Guidelines. (a) Behandlung der aktiven (inflammatorischen) HS, (b) Behandlung der inaktiven (nichtinflammatorischen) HS (modifiziert nach Zouboulis CC et al. 2025)6
Acne vulgaris
Neue topische Therapieoption
Das lange erwartete neue topische Therapeutikum Clascoteron kommt nun auf den europäischen Markt. In zwei randomisierten Phase-III-Studien zeigte sich bei moderater bis schwerer Akne im Vergleich zum Vehikel eine signifikante klinische Wirksamkeit bei gleichzeitig sehr günstigem Sicherheitsprofil.7
Die 1%-Creme ist in den USA bereits seit 2020 für Patientinnen und Patienten ab dem 12. Lebensjahr zur zweimal täglichen Anwendung zugelassen. Im Oktober 2025 erteilte die Europäische Kommission die Zulassung für den europäischen Markt. Ob und wann das Präparat in der Schweiz verfügbar sein wird, ist derzeit noch offen.
Rosazea
Azithromycin bei fulminanten Verläufen
Eine fulminante Rosazea manifestiert sich besonders häufig bei Frauen im gebärfähigen Alter und stellt – insbesondere bei nicht gesicherter Kontrazeption – eine therapeutische Herausforderung dar.
Azithromycin ist in diesem Kontext eine vielversprechende Alternative zu Isotretinoin. Es gilt als gut verträglich und führte laut der Arbeitsgruppe um Prof. Schaller aus Tübingen innerhalb von zwei Monaten zu einer deutlichen klinischen Besserung.8 Ein gestuftes Dosierungsschema – zunächst 3x pro Woche über vier Wochen, anschliessend 2x pro Woche für weitere vier Wochen, gefolgt von einer Gabe einmal wöchentlich als Erhaltungstherapie – erlaubt ein flexibles therapeutisches Vorgehen. Nach drei Monaten kann bei Bedarf auf Isotretinoin umgestellt werden.
Fazit
Chronisch-entzündliche Dermatosen wie HS, Akne und Rosazea erfordern individualisierte, phänotyporientierte Therapieansätze. Insbesondere die Versorgung von Patient:innen mit HS stellt weiterhin eine erhebliche diagnostische und klinische Komplexität dar. Die in den letzten Jahren erzielten Fortschritte in Klassifikation, Wirkstoffentwicklung und Therapiekonzepten haben das Versorgungspotenzial deutlich verbessert und leisten einen wichtigen Beitrag zur Prävention langfristiger Krankheitsfolgen.
Literatur:
1 Sabat R et al.: Hidradenitis suppurativa. Lancet 2025; 405(10476): 420-38 2 Petukhova L et al.: Leveraging genotypes and phenotypes to implement precision medicine in hidradenitis suppurativa management. Br J Dermatol 2025; 192(Suppl 1): i22-9 3 van der Zee HH, Jemec GBE: New insights into the diagnosis of hidradenitis suppurativa: clinical presentations and phenotypes. J Am Acad Dermatol 2015; 73(5 Suppl 1): S23-6 4 Martorell A et al.: Management of patients with hidradenitis suppurativa. Actas Dermosifiliogr 2016; 107 Suppl 2:32-42 5 Nikolakis G et al.: Towards the development of upgrade criteria for the treatment of hidradenitis suppurativa with biologics. J Eur Acad Dermatol Venereol 2025; online ahead of print. doi: 10.1111/jdv.70118 6 Zouboulis CC et al.: European S2k guidelines for hidradenitis suppurativa/acne inversa part 2: treatment. J Eur Acad Dermatol Venereol 2025; 39(5): 899-941 7 Hebert A et al.: Efficacy and safety of topical clascoterone cream, 1%, for treatment in patients with facial acne: two phase 3 randomized clinical trials. JAMA Dermatol 2020; 156(6): 621-30 8 Handgretinger G et al.: Rosacea fulminans: an anti-inflammatory-based therapeutic approach. JEADV Clinical Practice 2024; 3(5): 1596-601
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