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Struktur schafft Versorgung

Chronische Wunden: interprofessionelle Netzwerke und regionale Modelle

Chronische Wunden stellen eine der größten versorgungsrelevanten Herausforderungen in allen Fachgebieten dar, welche sich mit Wundversorgung auseinandersetzen. Fragmentierte Strukturen, fehlende Daten und sektorale Grenzen erschweren eine wirksame Versorgung. Strukturierte, interprofessionelle Netzwerke bieten hier einen entscheidenden Lösungsansatz.

Keypoints

  • Chronische Wunden sind in Österreich häufig, aber strukturell unzureichend versorgt.

  • Interprofessionelle Netzwerke verbessern Qualität, Effizienz und Patientenzentrierung.

  • Wundmanagement ist eine tragende Säule moderner Versorgungs-modelle.

  • Regionale Netzwerke wie „wundlos glücklich“ in Salzburg zeigen zukunfts-fähige Lösungswege.

Wundversorgung in Österreich – ein Blick auf den Istzustand

Die Versorgung chronischer Wunden stellt das österreichische Gesundheitssystem vor erhebliche Herausforderungen. Laut dem Bericht der Ludwig Boltzmann Forschungsgruppe für Alterung und Wundheilung aus dem Jahr 2022 fehlt es an einer bundesweit einheitlichen Versorgungsstrategie, an standardisierten Behandlungspfaden sowie an einer systematischen Datenerfassung.1 Chronische Wunden werden häufig nicht als eigenständiges Krankheitsbild erfasst, was eine valide epidemiologische Einschätzung und bedarfsgerechte Planung erschwert.

Bereits der Report „Wund?Gesund!“ aus dem Jahr 2015 zeigte auf, dass rund 250000 Menschen in Österreich von chronischen Wunden betroffen sind, bei jährlich etwa 68000 Neuerkrankungen.2,3 Gleichzeitig erhielten nur etwa 15% der Betroffenen eine leitliniengerechte, moderne Wundversorgung. Diese Diskrepanz verdeutlicht die strukturellen Defizite im Ist-Zustand der Versorgung.

Ein zentrales Problem ist die mangelnde bereichsübergreifende Koordination. Ambulante, stationäre und extramurale Leistungen sind häufig nicht ausreichend vernetzt, Behandlungspfade verlaufen unkoordiniert und abhängig von individuellen Initiativen. Auch der Datenoutput bleibt fragmentiert: Unterschiedliche Dokumentationssysteme und fehlende Schnittstellen verhindern eine konsistente Verlaufs- und Ergebniserfassung.

Die Rolle des Wundmanagements – Pionierarbeit zwischen den Systemen

Der Fachbereich des Wundmanagements nimmt in dieser Versorgungslücke eine Schlüsselrolle ein. Die Aufgaben speziell qualifizierter Wundmanager:innen reichen von der lokalen Wundbeurteilung über die Koordination von Maßnahmen bis hin zur Patient:innenedukation und Prävention. Wundmanagement wird zu einem Bindeglied zwischen der Versorgung in Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern, Arztpraxen und den Hauskrankenpflegediensten. So kann beispielsweise bei der Behandlung des diabetischen Fußsyndroms durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit die Amputationsrate nachweislich verringert werden.

In Österreich ist die Entwicklung dieses Fachbereichs eng mit Pionierarbeit und unter anderem freiberuflichen Strukturen verbunden. Trotz nachweislicher Effekte auf Heilungsverläufe, Patientenzufriedenheit und Ressourceneinsatz ist das Wundmanagement bislang nicht flächendeckend strukturell verankert. Der Bericht der Ludwig Boltzmann Forschungsgruppe unterstreicht, dass genau hier ein wesentliches Potenzial für Qualitätssteigerung liegt.1

Gesellschaftlicher und struktureller Wandel als Treiber neuer Modelle

Die nächsten Jahre sind durch einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel geprägt. Der Übergang der Kriegs- und Nachkriegsgeneration in die Babyboomer-Generation und die damit verbundene Umkehrung der Alterspyramide sowie die Zunahme der Multimorbidität aufgrund der zunehmenden Lebensdauer führen zu einem steigenden Versorgungsbedarf. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Kommunikationsformen die Erwartungen an Gesundheitsleistungen.

Strukturell reagiert das System mit neuen Modellen wie Primärversorgungseinheiten, dem Ausbau extramuraler Dienste und Maßnahmen zur Entlastung von Ambulanzen. Diese Entwicklungen schaffen günstige Rahmenbedingungen für regionale, interprofessionelle Netzwerke.

Auch die Gesundheitsberufe selbst befinden sich im Wandel. Eine neue Generation bringt digitale Kompetenzen mit, fordert Wertschätzung und Work-Life-Balance. Gleichzeitig gehen langjährig prägende Rollenbilder – der „Halbgott in Weiß“ ebenso wie die altruistische Pflegekraft – in Pension.

Was wir vom Biofilm lernen können

Der mikrobielle Biofilm zeigt, dass komplexe Systeme durch Kooperation, Kommunikation und Anpassungsfähigkeit überleben. Übertragen auf die Wundversorgung bedeutet dies: Nur durch vernetzte Strukturen, klare Kommunikation und gemeinsame Ziele lassen sich komplexe Versorgungssituationen nachhaltig bewältigen.

„wundlos glücklich“ – ein regionales Netzwerkmodell

Das Salzburger Wundpflege-Netzwerk „wundlos glücklich“ versteht sich als Antwort auf die beschriebenen Herausforderungen.4 Ziel ist eine multidisziplinäre, ambulante Betreuung von Menschen mit Wunden (Abb.1). Eingebunden sind Wundmanagement, Fußpflege mit diabetischem Schwerpunkt, Physiotherapie, Heilmassage, Diätologie, Ergotherapie, Allgemeinmedizin und andere medizinische Fachdisziplinen sowie weitere Berufsgruppen zur Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln. Die Versorgung erfolgt wohnortnah und ambulant. Der Ausbau mehrerer Standorte wird durch regionale Vernetzung in Stadt und Land Salzburg angestrebt, ergänzt durch ein grenzübergreifendes Angebot für Österreich und Deutschland.

Abb. 1: Multidisziplinäre Betreuung von Patient:innen mit Wunden (Quelle: wundlos glücklich)

Moderne, evidenzbasierte Wundversorgung wird durch adjuvante Therapieangebote erweitert. Schulungen für Patient:innen und Angehörige sowie eine digitale Plattform zur Vernetzung und Informationsweitergabe unterstützen die ganzheitliche Betreuung.

Digitale Kommunikation als Enabler

Das Projekt „medSpeak“ wurde 2023 von Dr. Christian Gonzalez, Niederalm, gegründet.5 Seit 2025 ist es als Verein organisiert, der sich der Förderung von Open Source in der Medizin verschrieben hat. Ein zentrales Element der Vernetzung ist sichere digitale Kommunikation. Der Einsatz eines Matrix-basierten Messengers namens „medSpeak“ ermöglicht eine Ende-zu-Ende-verschlüsselte, lizenzfreie Integration in bestehende Systeme. Derzeit nutzen mehrere Hundert aktive Anwender:innen aus verschiedenen Bundesländern diese Lösung, darunter Apotheken, Ärzt:innen und Pflegeeinrichtungen. Schnittstellen zu großen Trägern befinden sich im Aufbau.

Das Wundmobil – regionale Versorgung neu gedacht

Mit dem Projekt „Wundmobil“ ist für 2026 ein landesweites Modell in Kooperation mit dem SAGES Salzburg geplant. Ziel ist eine moderne, interdisziplinär ausgerichtete Wundversorgung im häuslichen Umfeld. Neben chronischen Wunden umfasst das Leistungsspektrum auch postoperative Wundheilungsstörungen, das diabetische Fußsyndrom mit Anbindung an hyperbare Sauerstofftherapie sowie Katheter- und Sondenwechsel (Abb.2).

Abb. 2: Versorgungscluster im Projekt „Wundmobil“

Die geplante Refundierung durch das Land Salzburg schließt auch adjuvante Therapien und ergänzende Berufsgruppen ein und stärkt damit den interprofessionellen Ansatz.

Fazit: Struktur schafft Versorgung

Chronische Wunden benötigen mehr als Einzelmaßnahmen. Sie erfordern verlässliche Strukturen, funktionierende Schnittstellen und eine gemeinsame Haltung aller Beteiligten zur Zusammenarbeit. Interprofessionelle Netzwerke wie „wundlos glücklich“ zeigen, dass durch Kommunikation, Digitalisierung und klare Rollenverteilung eine zukunftsfähige, lebbare Patient:innenversorgung möglich ist. Wundlos glücklich soll dazu inspirieren, eben diesen Zustand nicht nur zu erreichen, sondern auch so lange wie möglich zu halten. Das Netzwerk steht stellvertretend für Vernetzung, Austausch und gemeinsames Entwickeln der Patientenversorgung, mit der Überzeugung, dass wir nur gemeinsam ans Ziel kommen.

1 Schneider C et al.: Die Versorgung chronischer Wunden durch das österreichische Gesundheitssystem – eine Übersicht. 2022; doi: 10.5281/zenodo.6406108 2 Initiative Wund? Gesund! (Hrsg.): Wundreport 2015: „Hinter jeder Wunde steckt ein Mensch“. https://wund-gesund.at/daten-fakten/ ; zuletzt aufgerufen am 29.1.2026 3 https://www.universimed.com/de/article/dermatologie/wundreport-2090261 ; zuletzt aufgerufen am 29.1.2026 4 Netzwerk wundlos glücklich: https://wundlosgluecklich.at/ ; zuletzt aufgerufen am 29.1.2026 5 medSpeak – sichere Kommunikation im Gesundheitswesen: https://medspeak.io/ ; zuletzt aufgerufen am 29.1.2026

Lobmann R et al.: Interdisziplinär versorgen. Der Diabetische Fuß als Beispiel für sektorenübergreifende Versorgung. PRO CARE 2018; 23(3): 20-5 Storck M et al.: Kompetenzlevel in der Wundbehandlung. Empfehlungen zur Verbesserung der Versorgungsstruktur für Menschen mit chronischen Wunden in Deutschland. Gefässchirurgie 2019; 24: 388-98

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