Bei „Muskelmännern“ genauer hinschauen
Viele junge Männer trainieren täglich im Fitnessstudio, ein Teil davon schreckt für einen schnelleren Muskelaufbau auch nicht vor Anabolika zurück – mit gesundheitlichen Folgen, die oft erst spät entdeckt werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) warnt im Rahmen eines Expertenstatements vor den gesundheitlichen Risiken solcher leistungssteigernden Substanzen. Diese reichen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über psychische Störungen bis hin zur Unfruchtbarkeit.
ICD-11-Diagnose Muskeldysmorphiesyndrom
Schätzungen zufolge nehmen 5–15% der männlichen Besucher von Fitnessstudios muskelaufbauende Substanzen ein. Bei jenen mit Bodybuilder-Ambitionen liegt der Anteil deutlich höher. Dabei werden insbesondere androgene Steroide genutzt, die in den Hormonhaushalt und in das Muskelgewebe eingreifen und so den Muskelaufbau und die Belastbarkeit beim Training steigern. In ausgeprägter Form haben diese meist jungen Männer die ICD-11-Diagnose Muskeldysmorphiesyndrom (HA 60). Charakteristisch für diese Männer ist, dass sie sich übermäßig mit dem Gedanken beschäftigen, zu wenig muskulös zu sein, dabei aber eine überdurchschnittliche Muskulatur aufweisen. In „Discounter-Fitness-Studios“ finden sich vermehrt Jugendliche – oft Schüler, Studenten oder in Ausbildung Stehende – und verbringen fast jeden Tag mehrere Stunden dort, charakteristisch für sie sind häufiges Spiegel-Checken, rigide Diäten, sehr häufig Anabolikaerfahrung; wenn Partnerinnen vorhanden sind, wirken diese „befeuernd“, aber auch unterstützend: „Meine Freundin gibt mir die Spritzen.“
„Die Substanzen imitieren oder verstärken die Signalwege von Testosteron, dadurch passt der Körper seine eigene Testosteronproduktion nach unten an“, erklärt Prof. Dr. Sven Diederich, Kongresspräsident der DGE 2026 und Ärztlicher Leiter bei Medicover Deutschland, Berlin.
Risiken kennen und nachfragen
Durch diese spezielle psychosoziale Situation entstehen häufig Komorbiditäten wie Depression, Angststörungen und soziale Isolation, die eine erhöhte Rate an Suizidalität bedingen können. Die Effektivität von anabolen Substanzen ist gut belegt: Der Muskelzuwachs unter Anabolika ohne Training ist ähnlich wie unter 12 Wochen hochintensivem Muskeltraining, beides zusammen wirkt additiv. „Anabolika wirken nicht gezielt auf einzelne Muskeln, sondern auf den gesamten Organismus“, erklärt Diederich. „Daher sind auch andere Organsysteme wie Leber, Nieren oder das Reproduktionssystem betroffen. Das ganze Hormonsystem gerät aus dem Gleichgewicht, das auch nach dem Absetzen der Substanzen teilweise nur schwer wiederhergestellt werden kann.“
Gesundheitliche Schäden und Risiken
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Herz und Gefäße: Artherosklerose, Kardiomyopathie, Dyslipidämie, plötzlicher Herztod, Hypertonie
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Hämatologisch: Polyglobulie, verstärkte Gerinnungsneigung inklusive Thrombosen
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Neuropsychiatrisch: affektive Störungen (Manie, Depression), Aggressivität, Anabolikaabhängigkeit, auch mit vermehrter Koabhängigkeit (Amphetamine etc.), kognitive Defekte
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Hormonell: Gynäkomastie, Infertilität
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Bewegungsapparat: vorzeitiger Schluss der Epiphysenfugen (werden während der Pubertät schon Anabolika eingenommen, reduziert sich die Endgröße), Sehnenrupturen
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Haut: Akne, Striae
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Niere: selten Niereninsuffizienz durch Muskeldestruktion (Rhabdomyolyse): Patienten haben durch das abnorme Muskeltraining dauerhaft stark erhöhte Kreatinkinase (Muskelenzym), was aber meist keine Schäden bewirkt.
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Leber: Lebertoxizität bei alkylierten Anabolika, insbesondere wenn oral verabreicht
Risiken werden oft sehr lange ignoriert
Die Nutzer kennen oftmals die Gefahren, verdrängen diese aber. Oft fällt es schwer, den Konsum zu hinterfragen, die Selbsterkenntnis ist aufgrund des Suchtcharakters gering. Patienten werden sehr häufig erst bei Kinderwunsch, bei vermehrten Sportverletzungen wie Sehnenrupturen, bei Meldungen über Gefahren der Schwarzmarktsubstanzen, bei vermehrter Akne oder Gynäkomastie darauf aufmerksam. Laborwerte wie erhöhter Hämatokrit oder erhöhte Muskel- und Leberwerte sollten bei solchen Männern auf jeden Fall ärztlicherseits hinterfragt werden. „Viele Männer kommen jedoch erst, wenn bereits gesundheitliche Probleme aufgetreten sind“, so Diederich. „Mit der Dauer des Konsums steigen auch die Risiken für bleibende Schäden.“
Vorsicht beim Absetzen der Anabolika
Da das runterregulierte eigene männliche Hormonsystem eine Zeit braucht, um nach Absetzen wieder anzuspringen, führt abruptes Absetzen oft zu starken psychischen und physischen Beschwerden, sodass die Sucht wieder bekräftigt wird. Im Internet existieren entsprechende „Ausschleich-Schemata“, die durchaus brauchbar sind. Der endokrinologische Facharzt ist hier gegebenenfalls der richtige medizinische Ansprechpartner, der den Patienten diesbezüglich mit entsprechender Medikation (Antiöstrogene, niedrig dosiertes Testosteron) und Aufklärung begleitet. Eine psychosoziale Begleitung ist ebenfalls wichtig, muss gegebenenfalls auch professionell organisiert werden. Je länger der Anabolikaabusus durchgeführt wird, desto eher kommt es zu dauerhaften Schäden, sodass eine diesbezügliche Aufklärung, z.B. durch Videos in Fitnessstudios, wünschenswert wäre. (red)
Quelle:
Expertenstatement anlässlich des 69. Kongresses für Endokrinologie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), 3. März 2026
Weiterführende Literatur:
● Anawalt BD: Diagnosis & Management of Anabolic Androgenic Steroid Use. JCEM 2019; 104(7): 2490-500 ● Muskeldysmorphiesyndrom des Mannes: eine Körperbildstörung. In: Harrisons Innere Medizin, 20. Auflage, S. 3509-11 ● Pahlavani HA, Veisi A: Possible consequences of the abuse of anabolic steroids on different organs of athletes. Arch Physiology and Biochemistry 2025; 131(3): 393-409 ● Robert-Koch-Institut: Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Doping beim Freizeit- und Breitensport. Heft 34: 2006
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