Atemübungen für mutigere Entscheidungen
Gezielte Modulation des Atemrhythmus kann menschliche Entscheidungen beeinflussen. Insbesondere scheint eine verlängerte Ausatmung die Belohnungssensitivität des Gehirns zu erhöhen und die Bereitschaft zu riskanteren Entscheidungen zu steigern.
In die Untersuchung wurden 41 gesunde Teilnehmer:innen eingeschlossen, darunter 24 Frauen. Analysiert wurde, wie sich eine visuell angeleitete Atemtechnik mit verlängerter Ausatmung auf die parasympathische Aktivität während riskanter Entscheidungsprozesse auswirkt.1
Die Proband:innen absolvierten unterschiedliche Atemprotokolle, während sie Entscheidungen unter Risiko treffen mussten. Dabei atmeten sie entweder in ihrem natürlichen Rhythmus oder folgten einem Protokoll mit verlängerter Ausatmung.
Während der Aufgaben wurden neuronale und physiologische Parameter mittels funktioneller MRT sowie Mehrkanal-Monitoring erfasst. Neben der Atemaktivität wurden unter anderem Herzaktivität, Hautleitfähigkeit und Pupillenreaktionen gemessen. Ziel war es zu untersuchen, ob eine verlängerte Ausatmung nicht nur mit einer Senkung der Herzfrequenz einhergeht, sondern auch kausal die Belohnungsverarbeitung im Gehirn moduliert.
Gewinn schlägt Verlust
Die Entscheidungsaufgaben umfassten jeweils Optionen mit potenziellem Gewinn und potenziellem Verlust. Unter dem Atemprotokoll mit verlängerter Ausatmung trafen die Teilnehmer:innen häufiger riskante Entscheidungen. Die Analysen zeigten, dass sie sich stärker von möglichen Gewinnen leiten ließen, während potenzielle Verluste weniger Einfluss auf die Entscheidungsfindung hatten.
Parallel dazu wurde eine erhöhte parasympathische Herzaktivität beobachtet, die mit einer Verlangsamung der Herzfrequenz einherging. Personen mit ausgeprägterer parasympathischer Hochregulation zeigten zudem stärkere belohnungsbezogene Aktivierungen im ventromedialen präfrontalen Kortex sowie im Praecuneus. Diese Hirnareale sind unter anderem an Bewertung, Selbstreferenz und Entscheidungsprozessen beteiligt.
Mögliche Anwendungen sind noch zu untersuchen
Die Studienautor:innen sehen in den Resultaten der Studie erste Hinweise auf mögliche neurophysiologische Mechanismen atemgestützter Interventionen. Kontrollierte Protokolle zur langsamen Atmung werden bereits in bestimmten Hochleistungs- und Einsatzkontexten eingesetzt, etwa zur Regulation von Wachheit und Stress in militärischen oder polizeilichen Ausbildungssettings. Frühere Befunde deuten darauf hin, dass insbesondere eine verlängerte Ausatmung die kognitive Leistungsfähigkeit und emotionale Belastbarkeit verbessern kann.
Gleichzeitig betonen die Autor:innen, dass weitere Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit solcher Interventionen in unterschiedlichen Populationen und realitätsnahen Entscheidungssituationen zu überprüfen. Von besonderem Interesse wären dabei Einsatzbereiche, in denen Entscheidungen unter Zeitdruck, Unsicherheit und emotionaler Belastung getroffen werden — etwa im Rettungsdienst, im Spitzensport oder in der Luftfahrt. (red)
Literatur:
1 Huang W et al.: Slow breathing impacts inter-organ dynamics modulating brain function and risk behavior. Neuron 2026; 114: 1-10
Das könnte Sie auch interessieren:
«Eine Reaktion ist noch keine Allergie»
Prof. Dr. med. Arthur Helbling ist Facharzt für Allergologie und klinische Immunologie am Medbase Zentrum in Bern. Am FOMF Allergologie Update Refresher gab er einen Überblick über die ...
Schmerzlinderung mit Probiotika
Eine tägliche Probiotikaeinnahme könnte Frauen mit primärer Dysmenorrhö helfen – zumindest solange sie das Präparat kontinuierlich einnehmen. Das zeigt eine asiatische Studie mit ...
Kopfbälle mit neuronalen Folgen
Eine aktuelle Studie mit Amateur-Fußballspielern zeigt: Nach Kopfbällen steigen Biomarker für neuronale Schädigungen im Blut an. Je härter der Köpfler ausfällt, desto höher sind auch die ...