Überaktive Blase: ein häufiges Problem
Autor:innen:
Dr. med. Sören Lange
Dr. med. Rebecca Zachariah
Prof. Dr. med. Cornelia Betschart
Klinik für Gynäkologie
Universitätsspital Zürich
E-Mail: soeren.lange@usz.ch
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Die überaktive Blase («overactive bladder»; OAB) zählt zu den häufigsten funktionellen Störungen in der frauenärztlichen Sprechstunde – und zugleich zu den am uneinheit-lichsten erfassten. Publizierte Prävalenzen bei Frauen reichen von 3 bis 41%, je nachdem, welche Definition, welche Art der Erhebung und welche Schwelle für den Leidensdruck zugrunde gelegt werden. Dieser Beitrag ordnet ein, was epidemiologisch belastbar ist: wie häufig OAB über Alter, Geschlecht und Lebensphasen hinweg auftritt, welche Krankheitslast sie verursacht und welche ökonomischen Folgen daraus erwachsen.
Was und wie gemessen wird, bestimmt das Ergebnis
Die International Continence Society (ICS) definiert OAB als Symptomdiagnose: Liegt ein imperativer Harndrang vor, üblicherweise begleitet von Pollakisurie und Nykturie bei gleichzeitigem Ausschluss eines Harnwegsinfekts oder einer anderen erklärenden Pathologie, so liegt eine OAB vor. Diese kann sowohl mit («OAB wet») als auch ohne («OAB dry») Harnverlust auftreten.
Davon zu trennen ist die Detrusorüberaktivität («detrusor overactivity»; DO) – ein urodynamischer Befund unwillkürlicher Detrusorkontraktionen von mehr als 5cmH2O während der Füllungsphase. Eine Detrusorüberaktivität wird bei etwas mehr als der Hälfte aller Frauen und bei circa drei Vierteln aller Männer mit OAB gefunden. Beide Begriffe werden im klinischen Alltag häufig synonym verwendet, zu Unrecht: Die Diagnose OAB ist eine rein klinische Diagnose, basierend auf Symptomen, während die DO eine urodynamische Diagnose darstellt. Diese Unterscheidung ist relevant für die Interpretation der epidemiologischen Studien zur OAB. Sie erklärt einen erheblichen Teil der Streuung publizierter Häufigkeitsangaben.
Prävalenz: häufig uneinheitlich erhoben
Eine systematische Übersicht der ICS über 23 populationsbasierte Studien ergibt eine mediane OAB-Prävalenz von 17%, mit einer Spannweite von 2–35% bei Männern und 3–41% bei Frauen. Für den DACH-Raum werden – bei breiter Fassung jeder Drangsymptomatik – Werte von 25–45% genannt. Die US-amerikanische NOBLE-Studie kam per Telefoninterview auf 17% bei Frauen und 16% bei Männern.
Sobald der Leidensdruck mitgemessen wird, sinken diese Zahlen noch einmal. In der EpiLUTS-Studie berichteten 36% der Frauen über zumindest gelegentlich auftretenden Harndrang, aber nur rund 12% über eine relevante Beeinträchtigung. In der finnischen FINNO-Studie nannten 57% der Frauen einen gelegentlichen Harndrang mit einer «OAB wet» in 26% der Fälle. Einen relevanten Leidensdruck gaben jedoch nur 9% der Befragten an.
Prävalenz- und Inzidenzraten werden massgeblich von der verwendeten Definition, der Messmethode, dem Erhebungsweg – telefonisch, postalisch, online, persönlich oder per Diagnosecode – sowie von Unterschieden der untersuchten Populationen beeinflusst. Wer anders fragt, erhält ein anderes Ergebnis.
Alter ist der stärkste Treiber
Über alle Erhebungsformen hinweg bleibt das Alter der konsistenteste Risikofaktor für das Auftreten einer OAB. Bei Frauen steigt die Prävalenz der Dranginkontinenz kontinuierlich an, während die Belastungsinkontinenz um das 40. bis 50. Lebensjahr ihren Gipfel erreicht und danach wieder abfällt. Die Mischinkontinenz nimmt über die gesamte Lebensspanne zu (Abb. 1A). Bei Frauen zwischen 60 und 80 Jahren – das zugleich am schnellsten wachsende Bevölkerungssegment – erfüllen bis zu 50% die Kriterien einer OAB.
Geschlecht: ähnlich häufig, anders zusammengesetzt
Während die Prävalenz der generellen OAB zwischen den Geschlechtern relativ ähnlich ist, unterscheidet sich die Ausprägung des Auftretens von Harnverlust. Bei beiden Geschlechtern kommt OAB etwa gleich häufig vor, allerdings haben Männer ungefähr viermal häufiger eine «OAB dry» als eine «OAB wet». Im Gegensatz hierzu treten bei Frauen beide Probleme etwa gleich häufig auf (Abb. 1B).
Abb. 1: A) Prävalenz der Harninkontinenz-Subtypen bei Frauen nach Altersgruppe (modifiziert nach Minassian et al.: Int Urogynecol J 2017). B) Verteilung von «OAB wet» und «OAB dry» nach Geschlecht; Gesamtprävalenz der OAB 16,0% (Männer) bzw. 17% (Frauen) ( modifiziert nach Stewart et al.: World J Urol 2003, NOBLE-Studie)
Subgruppen: Vorsicht bei rohen Vergleichen
Auch zwischen Ländern variieren die Angaben stark. Die Prävalenz bei Frauen reicht in der ICS-Übersicht von 1% (Australien) über 7% (Deutschland) bis 20% (Türkei) – bei durchweg unterschiedlichen Altersgruppen und Erhebungswegen. Ähnliches gilt für ethnische Vergleiche: In einer Sekundäranalyse von EpiLUTS lagen die OAB-Prävalenzen bei afroamerikanischen (46%), weissen (43%) und hispanischen US-Amerikanerinnen (42%) nahe beieinander, bei asiatischstämmigen Frauen mit 27% deutlich niedriger. Rohe Subgruppenunterschiede sind daher zurückhaltend zu interpretieren – inwiefern Komorbiditäten, sozioökonomische Faktoren und Meldeverhalten eine Rolle spielen, ist noch nicht abschliessend geklärt.
Lebensphasen: Schwangerschaft, Geburt, Menopause
Drangsymptome nehmen im Verlauf der Schwangerschaft deutlich zu. Der Geburtsmodus wirkt sich auf die OAB schwächer aus als auf die Belastungsinkontinenz: In einer Longitudinalkohorte betrug die kumulative 15-Jahres-Inzidenz nach spontaner vaginaler Geburt 34% für die Belastungsinkontinenz, aber 22% für OAB; die Sectio war mit einem signifikant geringeren Risiko für beide Entitäten assoziiert. Häufiger Harndrang war allerdings gleich häufig anzutreffen und der Leidensdruck durch Blasenbeschwerden unterschied sich nicht nach beiden Entbindungsformen. Die Postmenopause ist mit vermehrter Drangsymptomatik assoziiert; die Datenlage zur Hormontherapie ist diesbezüglich inkonsistent.
Krankheitslast: mehr als häufige Toilettengänge
Die Belastung durch OAB reicht weit über die Miktionsfrequenz hinaus (Tab. 1). Betroffene mit belastender OAB weisen eine schlechtere Lebensqualität sowie höhere Raten an Angststörungen und Depression auf – ein über mehrere unabhängige Kohorten replizierter Befund – und nehmen mehr ärztliche Konsultationen pro Jahr in Anspruch. Bei Nykturie kommt ein Sicherheitsaspekt hinzu: Ab drei nächtlichen Miktionen steigt das Sturz- und Frakturrisiko um etwa 30%. Assoziationen bestehen ferner zu Adipositas, Diabetes mellitus, Reizdarmsyndrom und kardiovaskulären Erkrankungen. Assoziationen sind aber nicht zwingend als Kausalität zu verstehen. Ebenfalls ist die Sexualfunktion häufig negativ beeinträchtigt, oft vermittelt über Vermeidungsverhalten und Scham, aber auch über Libidoverlust sowie koitale Abstinenz.
Klinisch relevant ist die sich daraus entwickelnde Dynamik: Das Symptom führt zu Vermeidungsverhalten und zu einer Einschränkung sozialer sowie körperlicher Aktivitäten. Hinzu kommen aufwendige Bewältigungsstrategien wie vorsorgliches Wasserlassen, «bathroom mapping» oder das Tragen von Vorlagen, was letztlich mit einer messbaren Verschlechterung der subjektiv wahrgenommenen Gesundheit einhergeht. Bei älteren Frauen kann die OAB zu Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung beitragen. Scham ist dabei die Regel, nicht die Ausnahme: Betroffene sprechen das Thema selten von sich aus an.
Ökonomische Implikationen
Die belastbarsten Kostenanalysen stammen aus den USA. Für 2007 wurden die gesellschaftlichen Gesamtkosten der OAB bei rund 34Mio. Betroffenen auf ca. 66Mrd. USD beziffert: 49Mrd. USD direkte medizinische Kosten, 2Mrd. USD direkte nichtmedizinische Kosten (Inkontinenzprodukte, Hilfsmittel, Wäsche) und 15Mrd. USD indirekte Kosten (Produktivitätsverlust, informelle Pflege). Bemerkenswert ist die Verteilung: Der grösste Einzelposten ist über alle Datenquellen hinweg die Routineversorgung wie Hilfsmittel und Pflege, nicht Diagnostik oder operative Therapie.
Für den DACH-Raum fehlen OAB-spezifische Vollkostenanalysen weitgehend; verfügbare Daten stammen überwiegend aus der Versorgungsforschung zur Harninkontinenz allgemein. Grössenordnung und Kostenstruktur dürften jedoch übertragbar sein – hier besteht eine konkrete Forschungslücke.
Der demografische Wandel wird die Lage sehr wahrscheinlich noch verstärken. Für die USA wird eine Zunahme der Frauen mit Beckenbodenfunktionsstörungen von 28Mio. 2010 auf 44Mio. 2050 vorhergesagt, für die Harninkontinenz von 18 auf 28Mio. Die Zahl der Inkontinenzoperationen dürfte von rund 200000 auf 300000 pro Jahr steigen.
Fazit
OAB ist häufig, wird aber uneinheitlich gemessen – Definition und Methodik bestimmen die berichtete Prävalenz mindestens so stark wie die untersuchte Population. Das Alter ist der stärkste Treiber: Bei den 60- bis 80-jährigen Frauen ist bis zu jede Zweite betroffen, und der demografische Wandel wird die absolute Krankheitslast weiter erhöhen. Rohe Subgruppenunterschiede, insbesondere nach Ethnizität, sollten zurückhaltend interpretiert werden. Die psychosoziale und ökonomische Last ist erheblich und für den DACH-Raum unzureichend untersucht. Aktives Nachfragen lohnt sich deshalb in jeder Konsultation.
Literatur:
bei den Verfasser:innen
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