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Integrative Ansätze in der gynäkologischen Onkologie

Komplementäre Stärkung des Immunsystems

«Gut essen, gut schlafen, keine Sorgen»: So fassen die Theorien der traditionellen chinesischen Medizin die Kriterien für ein starkes Immunsystem zusammen. Die moderne Evidenz ergänzt einen vierten Punkt: körperliche Aktivität. Der Beitrag zeigt, welche komplementären Massnahmen im Bezug auf die vier Aspekte wissenschaftlich fundiert und im Alltag umsetzbar sind – auch bei onkologischen Patient:innen.

Keypoints

  • Eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzliche und ballaststoffreiche Ernährung unterstützt die Immunfunktion.

  • Chronischer Schlafmangel und anhaltender Stress fördern eine niedriggradige Entzündung und schwächen die zelluläre Abwehr.

  • Leitlinienbasierte Verfahren, allen voran körperliche Aktivität, achtsamkeitsbasierte Verfahren, Qigong/Tai-Chi oder Akupunktur verbessern Schlaf, Ängstlichkeit, Depressivität und Lebensqualität und lassen sich gut in die onkologische Betreuung integrieren.

Das Immunsystem ist ein komplexes Netzwerk aus Organen, Zellen und Botenstoffen. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) führt seine Kraft auf das «Qi» zurück. Das «Abwehr-Qi» schützt den Körper nach aussen, speist sich u.a. aus der Nahrung und ist beeinflussbar durch Erholung, Entspannung und Bewegung. So bildhaft dieses Modell ist, es verweist auf vier bedeutsame Stellschrauben: Ernährung, körperliche Aktivität, Schlaf und den Umgang mit Stress. Gerade in der Onkologie, wo Immunfunktion und Therapieansprechen eng zusammenhängen, bieten diese Faktoren Patient:innen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden.

Ernährung als Fundament

Zahlreiche Mikro- und Makronährstoffe sowie sekundäre Pflanzenstoffe sind an der Immunabwehr und Inflammation des Körpers beteiligt (Tab.1).1–4 Entscheidend ist jedoch nicht die einzelne Substanz, sondern eine ausgewogene Nährstoffzufuhr über eine abwechslungsreiche, bunte und überwiegend pflanzliche Ernährung. Vollkornprodukte, Gemüse, Früchte und Hülsenfrüchte, ungesättigte Öle sowie eine Einschränkung stark verarbeiteter Lebensmittel, von Zucker und rotem Fleisch bilden die Basis; das Halten des Normalgewichts wirkt zusätzlich einer chronischen Entzündung entgegen.5,6 Von einer breiten, unkontrollierten Supplementierung mit Nahrungsergänzungsmitteln ist, wenn kein Mangel besteht, hingegen abzuraten:7 Fettlösliche Vitamine können bei langfristiger und hoch dosierter Einnahme im Körper akkumulieren und zu Intoxikationen führen.8 Supplementierung mit Vitamin E und Beta-Carotin zeigten sogar negative Auswirkungen auf Krebsrisiko und -prognose.9,10 Eine Ausnahme stellt dabei das Vitamin D dar. Das Halten des Vitamin-D-Spiegels auf hochnormalem Niveau kann sich günstig auf die Gesundheit im Allgemeinen und auf das Krebsrisiko sowie die Mortalität auswirken.11–13

Tab. 1: Immunrelevante Nährstoffe (Auswahl)

Ein besonderes Augenmerk gilt der Wechselwirkung zwischen dem Immunsystem und dem Darmmikrobiom. Eine vielfältige Darmflora (Eubiose) hält die Barriere intakt und fördert die Immuntoleranz, während eine Dysbiose systemische Inflammation und Immundysregulation begünstigt. Genau hier kann die Ernährung ansetzen: In einer randomisierten Studie steigerte eine an fermentierten Lebensmitteln reiche Kost die mikrobielle Vielfalt und senkte Entzündungsmarker, während eine ballaststoffreiche Diät die Funktion des Mikrobioms veränderte und personalisierte Immunantworten hervorrief.14 Ergänzend dazu zeigte eine Studie beim metastasierten Melanom unter Immuncheckpoint-Inhibition eine Assoziation zwischen Ballaststoffzufuhr von mindestens 20g pro Tag und einem signifikant längeren progressionsfreien Überleben. Jede zusätzliche Zufuhr von 5g pro Tag war assoziiert mit einer Reduktion des Risikos für Progression oder Tod von rund 30%. Im Mausmodell zeigten sich diese Effekte nur, wenn ein gesundes Darmmikrobiom vorhanden war, was das Zusammenspiel zwischen Ernährung, Immunsystem und dem Mikrobiom nochmals unterstreicht.15

Schlaf – essenziell für das körperliche und mentale Funktionieren

Chronische Schlafstörungen gehen mit einer verminderten Aktivität natürlicher Killerzellen (NK-) und zytotoxischer T-Zellen einher und fördern über proinflammatorische Zytokine (IL-1β, IL-6, TNF-α) einen niedriggradigen Entzündungszustand.16,17 Bei onkologischen Patient:innen sind Schlafstörungen besonders häufig (30–50%, teilweise bis zu 95%).18 Zusätzlich sind Schlafstörungen eng mit Fatigue, Stress, Ängstlichkeit, Depressivität und reduzierter Lebensqualität verknüpft.

Für die Verbesserung des Schlafs lohnen sich therapeutisch eine konsequente Schlafhygiene sowie die Behandlung der zugrunde liegenden Ursachen wie Hitzewallungen, Schmerzen oder nächtlicher Krämpfe. Daneben gilt die kognitive Verhaltenstherapie als Goldstandard.19 Ergänzend empfiehlt die S3-Leitlinie «Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen» Verfahren wie Tai-Chi/Qigong, Akupunktur, Yoga und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR).20

Stress und chronische Belastung

Anhaltender Stress aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und das sympathische Nervensystem. Die dabei dauerhaft freigesetzten Hormone (Cortisol, Katecholamine) fördern eine chronische Inflammation und verschieben das Immunsystem in Richtung immunsuppressiver Zellen, während sie die Zytotoxizität von NK- und CD8+-T-Zellen schwächen.21,22 Zudem kann Stress über ungünstige Verhaltensmuster wie schlechtere Ernährung, Bewegungsmangel oder gestörten Schlaf das Immunsystem zusätzlich beeinträchtigen.

Auch hier gibt es evidenzbasierte Optionen. Für eine gezielte Intervention ermöglicht ein strukturiertes Distress-Screening in Tumorzentren die Identifizierung belasteter Patient:innen und deren Stressoren. Ergänzend zu psychoonkologischer und/oder sozialmedizinischer Betreuung werden achtsamkeitsbasierte Interventionen wie die achtsamkeitsbasierte Atemtechnik oder MBSR empfohlen.20 Eine kürzlich gestartete multizentrische, randomisiert-kontrollierte Studie untersucht zudem die Wirkung von Akupunktur auf Stress in der Survivorship (STREAK: Stress-Reduktion durch Akupunktur).23 Die Rekrutierung läuft. Interessierte Zentren können zur Teilnahme gerne bei der Swiss-Go Trial Group (Sponsor) anfragen.

Bewegung – der Allrounder

Regelmässige, moderate Bewegung stärkt die Immunabwehr über Mobilisation von Immunzellen und Reduktion inflammatorischer Marker.24 Zudem verbessert körperliche Aktivität Fatigue, Schlaf, Stimmung und Lebensqualität und ist bei mehreren Tumorentitäten mit einer günstigeren Prognose assoziiert.20,25 Es lohnt sich, hin und wieder in den Wald als besonderen Ort für die Bewegung zu gehen. Studien zeigen, dass Waldaufenthalte (Shirin-Yoku) mit steigender Aktivität und Zahl von NK-Zellen bei gleichzeitig sinkenden Stresshormonen einhergehen, ein Effekt, der teils mit von Bäumen abgegebenen Phytonziden erklärt wird.26

Angebote koordiniert bündeln

In der Praxis entfalten diese Massnahmen ihre Wirkung am besten, wenn sie koordiniert empfohlen und angeboten werden. Eine integrative Sprechstunde verbindet die konventionelle Krebstherapie mit ganzheitlicher Beratung und evidenzbasierten komplementärmedizinischen Verfahren wie Akupunktur, Yoga, Achtsamkeitsprogrammen, Entspannungsverfahren, Aroma- und Phytotherapie sowie Ernährungs- und Bewegungsangeboten. Wichtig sind die individuelle Abstimmung und die Stärkung der eigenen Ressourcen, körperlich wie seelisch. So eröffnen sich konkrete Möglichkeiten, nach dem Prinzip «gut essen, gut schlafen, keine Sorgen – und aktiv bleiben» selbst Einfluss auf die Gesundheit zu nehmen.

1 Tourkochristou E et al.: The influence of nutritional factors on immunological outcomes. Front Immunol 2021; 12: 665968 2 Martínez G et al.: Effects of flavonoids and its derivatives on immune cell responses. Recent Pat Inflamm Allergy Drug Discov 2019; 13(2): 84-104 3 Medina-García M et al.: Carotenoids and their interaction with the immune system. Antioxidants (Basel) 2025; 14(9): 1111 4 Baldelli S et al.: Glucosinolates in human health: metabolic pathways, bioavailability, and potential in chronic disease prevention. Foods 2025; 14(6): 912 5 Fund WCR: https://www.wcrf.org/diet-activity-and-cancer/cancer-prevention-recommendations/do-not-use-supplements-for-cancer-prevention/ ; zuletzt aufgerufen am 14.8.2026 6 Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Gut essen und trinken – die DGE-Empfehlungen. 2024. https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-empfehlungen/ ; zuletzt aufgerufen am 14.8.2026 7 Skrzypska N et al.: Between deficiency and excess: the dual role of selected dietary supplements in immune health. Cureus 2026; 18(2): e104014 8 Costa IS.: Fat-soluble vitamins in food supplements: do the labels follow the recommended. Ann Med 2019; 51(Suppl 1): 172 9 Bairati I et al.: A randomized trial of antioxidant vitamins to prevent second primary cancers in head and neck cancer patients. J Natl Cancer Inst 2005; 97(7): 481-8 10 Albanes D et al.: Alpha-tocopherol and beta-carotene supplements and lung cancer incidence in the alpha-tocopherol, beta-carotene cancer prevention study: effects of base-line characteristics and study compliance. J Natl Cancer Inst 1996; 88(21): 1560-70 11 Chen YC et al.: Elevated risks of all-cause mortality and distant metastasis in breast cancer patients with vitamin D deficiency: a population-based analysis. Cancer Treat Res Commun 2026; 48: 101281 12 Goodwin PJ et al.: Prognostic effects of 25-hydroxyvitamin D levels in early breast cancer. J Clin Oncol 2009; 27(23): 3757-63 13 Bischoff-Ferrari HA: Optimal serum 25-hydroxyvitamin D levels for multiple health outcomes. Adv Exp Med Biol 2014; 810: 500-25 14 Wastyk HC et al.: Gut-microbiota-targeted diets modulate human immune status. Cell 2021; 184(16): 4137-53 e4114 15 Spencer CN et al.: Dietary fiber and probiotics influence the gut microbiome and melanoma immunotherapy response. Science 2021; 374(6575): 1632-40 16 Garbarino S et al.: Role of sleep deprivation in immune-related disease risk and outcomes. Commun Biol 2021; 4(1): 1304 17 Lanza G et al.: The triad of sleep, immunity, and cancer: a mediating perspective. Cells 2024; 13(15): 1246 18 Büttner-Teleagă A et al.: Sleep disorders in cancer-a systematic review. Int J Environ Res Public Health 2021; 18(21): 11696 19 Spiegelhalder K et al.: S3-Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen – Update 2025. Version 2.0; https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/063-003; zuletzt aufgerufen am 17.8.2026 20 Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft: S3 Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen, Version 2.0; https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/032-055OL; zuletzt aufgerufen am 14.8.2026 21 Zhang L et al.: Chronic stress-induced immune dysregulation in cancer: implications for initiation, progression, metastasis, and treatment. Am J Cancer Res 2020; 10(5): 1294-1307 22 Liu Y et al.: Stress and cancer: The mechanisms of immune dysregulation and management. Front Immunol 2022; 13: 1032294 23 Ge IX, Heinzelmann-Schwarz V: Stressreduktion durch Akupunktur – für Brustkrebspatientinnen nach Abschluss der Primärtherapie (STREAK). In: Basel, Schweiz: Swiss GO Trial Group; Universitätsspital Basel; 2025 24 Forte P et al.: The relationships between physical activity, exercise, and sport on the immune system. Int J Environ Res Public Health 2022; 19(11): 6777 25 Courneya KS et al.: Structured exercise after adjuvant chemotherapy for colon cancer. N Engl J Med 2025; 393(1): 13-25 26 Chae Y et al.: The effects of forest therapy on immune function. Int J Environ Res Public Health 2021; 18(16): 8440

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