Leopold Ritter von Dittel als Wegbereiter der endoskopischen Diagnostik
Autoren:
Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat1
Priv.-Doz. Dr. Friedrich H. Moll, MA FEBU2,3
1 Leiter der Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Wien
2,3 Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Düsseldorf
Kurator Museum, Bibliothek und Archiv zur Geschichte der Urologie,
Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. Düsseldorf, Berlin
E-Mail: friedrich.moll@uni-koeln.de
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Wer heute ein Zystoskop in die Hand nimmt, steht in einer Tradition, die über 160 Jahre zurückreicht. Ihr Gründer ist ein Mann, dessen Name trotz seines prägenden Einflusses auf unsere Disziplin heute allzu selten ausgesprochen wird: Leopold Ritter von Dittel (1815–1898)– jüdischer Herkunft, konvertiert und anerkannt zugleich – Chef der III. Chirurgischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses Wien und wesentlicher Pionier der Urologie als eigenständiges Fach im deutschen Sprachraum (Abb. 1). In der Erinnerungskultur verblasst sein Name hinter Theodor Billroth (1829–1894) und Eduard Albert (1841–1900), die zur gleichen Zeit in Wien wirkten.
Keypoints
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Dittel prägte den Übergang zur wissenschaftlich fundierten Urologie als eigenständiger Spezialdisziplin.
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Seine Arbeiten systematisierten Diagnostik und Therapie von Harnröhrenstrikturen nachhaltig.
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Er leistete Pionierarbeit bei Prostatahyperplasie und suprapubischer Harnableitung.
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Die Weiterentwicklung des Zystoskops machte die Endoskopie klinisch breit einsetzbar.
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Durch Innovation und Vernetzung etablierte Dittel Wien als frühes internationales Zentrum der Urologie.
Abb. 1: Leopold von Dittel um 1885 (Quelle: Josef Löwy, Wien, Druck V. A. Heck, Wien AT-MUW-DG-000181-0014)
Leopold Ritter von Dittel wurde am 29. Mai 1815 im mährischen Fulnek geboren, einer Kleinstadt, die heute zur Tschechischen Republik gehört. Er entstammte einer jüdischen Familie. Sein Vater, Abraham Dittel, war Gutspächter und Destillateur, seine Mutter war Maria Anna, geborene Oppenheim (1790–1839). Den Übertritt zur römisch-katholischen Kirche vollzog Dittel im Jahre 1847, ein Schritt, der im Österreich der Vorrevolutionszeit für jüdische Akademiker mit Karriereambitionen – insbesondere im staatlichen Medizinbetrieb – praktisch unausweichlich war. 1861 heiratete er Marie Girtler (1833–1907), Tochter eines Wiener Apothekers.
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Troppau und Brünn studierte er ab dem Jahr 1836 Medizin an der Universität Wien, wo er 1840 zum Doktor der gesamten Medizin promoviert wurde. Seine frühe Karriere war geprägt von Vielseitigkeit: Er leitete kurzzeitig ein orthopädisches Institut, arbeitete als praktischer Arzt und wirkte alljährlich als Badearzt in Trentschin-Teplitz. Die entscheidende Wende kam mit der Rückkehr an das Allgemeine Krankenhaus Wien im Jahr 1848. Zunächst als Assistent des Gerichtsmediziners Johann (Johan) Dlauhy (1808–1888) tätig, wechselte er 1853 an die chirurgische Klinik von Johann von Dumreicher (1815–1880). 1856 habilitierte er in Chirurgie, 1861 übernahm er die Leitung der III. Chirurgischen Abteilung des AKH Wien und 1865 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Die Berufung auf den Lehrstuhl Dumreichers im Jahr 1880 lehnte er ab. Eduard Albert übernahm 1881 die Lehrkanzel Dumreichers, auf die Dittel 1880 aufgrund der antisemitischen Einstellung der Universität verzichtet hatte.
Jüdische Herkunft, Konversion und das Klima an der Wiener Medizinischen Schule
Dittels Biografie lässt sich nicht ohne den Kontext der jüdischen Geschichte an der Universität Wien lesen. Er lebte und arbeitete in einer Epoche, in der die formelle Emanzipation der österreichischen Juden (1867) und ein wachsender, akademisch legitimierter Antisemitismus zeitgleich existierten – eine Spannung, die das intellektuelle und politische Leben Wiens bis ins frühe 20. Jahrhundert durchzog.
Dittel konvertierte 1847, noch vor dem rechtlichen Durchbruch der Judenemanzipation. Sein Übertritt war kein Einzelfall: Für jüdische Mediziner, die im staatlichen Universitätssystem eine Karriere anstrebten, bedeutete das Festhalten am jüdischen Glauben in der Praxis eine Deckenbarriere. Dass Dittel gleichwohl in biografischen Quellen seiner Zeit als von jüdischer Herkunft verzeichnet blieb und im Österreichischen biografischen Lexikon als „mos. [mosaisch] bis 1847“ geführt wurde, zeigt, dass seine Abstammung dem Milieu bekannt war und blieb.
Die prägnanteste Dokumentation dieser Spannung liegt nicht in Dittels eigenem Leben, sondern in dem seines chirurgischen Kollegen. Als Theodor Billroth, damaliger Vorstand der II. Chirurgischen Klinik am AKH Wien und wohl einer der berühmtesten Chirurgen des 19. Jahrhunderts, im Jahre 1875/76 sein Buch „Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten der deutschen Nation“ publizierte, löste es einen Skandal aus. Das Werk enthielt scharfe antisemitische Polemik gegen jüdische Medizinstudenten aus Galizien und Ungarn. Billroth bezeichnete sie als das „leider nicht ganz auszurottende Unkraut der Wiener Studentenschaft“ und erklärte, Juden seien eine „scharf ausgeprägte Nation“, die nicht zum deutschen Kulturraum gehöre. Das Buch entfachte die ersten gewaltsamen antisemitischen Auseinandersetzungen an der Universität Wien im Dezember 1875 und gilt heute als eines der frühesten Dokumente des modernen akademischen Antisemitismus in Österreich.
Die Ironie der Geschichte ist komplex: Billroth und Dittel waren auf beruflicher und privater Ebene keine Feinde. Sie arbeiteten wissenschaftlich zusammen. Dittels Hauptwerk „Die Stricturen der Harnröhre“ erschien im von Billroth und Pitha herausgegebenen „Handbuch der allgemeinen und speciellen Chirurgie“ mit Einschluss der topografischen Anatomie, Operations- und Verbandlehre (Bd.3, Abt. 2, bei Enke Stuttgart 1871–1875). Später wurde es in dem von Billroth und Lücke herausgegebenen Werk „Deutsche Chirurgie“ überarbeitet (Bd.49, 1880), das als Standardreferenzwerk innerhalb der deutschsprachigen Chirurgie galt. Diese wissenschaftliche Kooperation fand statt, während Billroth öffentlich eine Weltsicht propagierte, nach der ein Mann wie Dittel – jüdisch geboren, konvertiert, jedoch seine Herkunft im ärztlichen Milieu bekannt – nicht ganz standesmäßig war. Damit war Dittel strukturell im universitären System benachteiligt. Billroth selbst revidierte in späteren Jahren Teile seiner Positionen und wurde 1893 zum Ehrenmitglied des 1891 gegründeten Wiener Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ernannt. Ob dahinter ein echter Sinneswandel stand, ist in der Forschung umstritten. Manche Historiker deuten ihn weniger als überzeugten Rassisten als vielmehr als soziokulturellen Elitisten, der die Konsequenzen seiner Worte unterschätzte. Die Wirkung blieb dennoch dauerhaft: Der akademische Antisemitismus an der Universität Wien nahm ab 1875 systematisch zu und prägte das Universitätsleben bis 1938.
Vor diesemHintergrund ist Dittels Karriere nicht selbstverständlich: ein Mann jüdischer Abstammung, der für die Universitätslaufbahn konvertierte, als außerordentlicher Professor reüssierte, 1881 in den Ritterstand erhoben wurde und 1894 Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien war. Sie zeugt von einer natürlichen wissenschaftlichen Autorität, die sich auch in einem feindseligen akademischen Klima durchzusetzen vermochte.
Die Entstehung einer Disziplin: Urologie aus der protochirurgischen Tradition
Die Chirurgie und in der Folge die Medizingeschichte pflegen gerne bis heute das bequeme Narrativ, wonach sich die Urologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Allgemeinchirurgie abgespalten habe. Das ist eine Vereinfachung, die der Realität nicht gerecht wird. Die Wahrheit ist nuancierter und für das Verständnis von Dittels Bedeutung entscheidend.
Was wir heute als Allgemeinchirurgie kennen, gab es in seiner modernen Ausprägung noch nicht. Das 19. Jahrhundert erlebte vielmehr die Differenzierung einer älteren, handwerklich geprägten operativen Tradition (von Stein- und Blasenoperateuren, Lithotomisten, Bandagisten, Feldscheren und Oculisten sowie Wundärzten) in mehreren gleichzeitig entstehenden Fachdisziplinen: Allgemeinchirurgie, Gynäkologie, Orthopädie, Ophthalmologie und eben Urologie. Diese stammten nicht voneinander ab, sondern aus einer gemeinsamen handwerklichen Wurzel: der sog. prächirurgischen und protochirurgischen Medizin, die instrumentelle Eingriffe an Körperhöhlen und Gliedmaßen umfasste, lange bevor die anatomisch-physiologische Grundlagenwissenschaft eine systematische Differenzierung erlaubte.
Im Bereich der Urologie war dieser Ursprung besonders alt. In der Kunst des Blasensteinschnitts (Lithotomie) verfügte man über eine eigenständige Handwerksüberlieferung seit der Antike. Die Katheterisierung der Harnröhre war eine der wenigen effektiven therapeutischen Maßnahmen der vormodernen Medizin, wie der „goldene Stich“ zur Entlastung einer Hydrozele oder auch die Beschneidung/Zirkumzision. Es war diese Tradition, aus der die Urologie erwuchs, nicht die Viszeralchirurgie des 19. Jahrhunderts. Männer wie Leopold von Dittel, Sir Henry Thompson und Felix Guyon schufen keine Unterabteilung der Chirurgie – sie hoben eine alte handwerkliche Praxis auf das Niveau einer wissenschaftlich fundierten Spezialdisziplin, ausgestattet mit Pathophysiologie, Instrumentenlehre und einer eigenen diagnostischen Methodik.
Dittel verkörpert diesen Übergang exemplarisch. Er war formal Chirurg und habilitiert, ordiniert, eingebettet in die chirurgischen Strukturen des AKH Wien. Zugleich war sein gesamtes wissenschaftliches Werk, wie die Untersuchungen zu Harnröhrenstrikturen, der Prostata, dem Blasenstein, der Zystoskopie und der suprapubischen Harnableitung, nicht eine chirurgische Spezialisierung, sondern die Begründung eines eigenständigen Feldes mit eigener Methode, eigener Logik und eigenem Instrumentarium.
Wissenschaftliche Entdeckungen und Innovationen
1. Harnröhrenstrikturen: Klassifikation, Dilatation und operative Therapie
Zu Dittels frühesten und einflussreichsten Arbeiten zählen seine systematischen Untersuchungen zur Pathologie und Therapie der Harnröhrenstrikturen. Seine Veröffentlichungen ab dem Jahre 1862 und das grundlegende Großkapitel „Die Stricturen der Harnröhre“ im Handbuch von Pitha und Billroth (1871–1875) etablierten erstmals eine systematische Nomenklatur, Klassifikation und Therapiestrategie. Dittel unterschied präzise zwischen kongenitalen, inflammatorischen und posttraumatischen Strikturen und beschrieb deren unterschiedliche Prognose unter verschiedenen Behandlungsregimen. Er entwickelte neue Dilatationsinstrumente (darunter einen eigens konstruierten Dilatator im Jahr 1869) und verfeinerte Techniken der externen und internen Urethrotomie, deren Grundprinzipien in modifizierter Form bis in die heutigen EAU-Leitlinien weiterwirken (Abb.2).
Abb. 2: Publikation – Leopold von Dittel (1880): Die Strikturen der Harnröhre; in: Deutsche Chirurgie, Band 49. Herausgeber: Theodor Billroth (1829–1894) und Albert Lücke (1829–1894), Straßburg. Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
2. Prostatahyperplasie und suprapubische Harnableitung
Abb. 3: Ausriss aus der Wiener Klinischen Wochenschrift Nr. 18 aus dem Jahr 1890: Prostatectomia lateralis von Leopold von Dittel. Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Dittel war einer der ersten Ärzte im deutschsprachigen Raum, die sich akademisch-systematisch mit der benignen Prostatahyperplasie befassten. Seine Beiträge ab 1867 sowie die Abhandlung „Zur Behandlung der Hypertrophie der Vorsteherdrüse“ (1876) beschrieben differenzierte therapeutische Strategien (Abb.3). Von besonderer Bedeutung war seine Pionierleistung bei der suprapubischen Harnableitung: Dittel gelang es als einem der Ersten, einen Kautschukkatheter auf suprapubischem Weg zu platzieren. Er beschrieb die Indikationen für den Blasenstich in einer Reihe einflussreicher Artikel (1865, 1870) und konstruierte einen eigenen Apparat zur sicheren Durchführung des hohen Blasenstichs – des Vorläufers der heute selbstverständlichen suprapubischen Zystostomie.
3. Das Zystoskop: Demonstration, Weiterentwicklung und bleibende Wirkung
Abb. 4: Nitze-Leiter-Zystoskop vor 1887 mit Platinglühdraht. Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Abb. 5: Präsentation der Berliner (Nitze-Hartwig) und Wiener Modelle (Leiter-Dittel) des Zystoskops auf dem Chirurgenkongress 1887 in Berlin. Die Dittel-Klinik wird von Alexander Brenner (1859–1936) vertreten, der ausführt: „… steht seit Februar (1887) auf der Abteilung von Dittel’s fast täglich in Gebrauch und hat sich bestens bewährt.“ Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Dittels vielleicht nachhaltigster Beitrag liegt im Bereich der endoskopischen Diagnostik. Die Entwicklung des modernen Zystoskops ist untrennbar mit dem AKH Wien verbunden – und mit dem Namen Dittels. Als Maximilian Nitze (1848–1906) Ende der 1870er-Jahre in enger Zusammenarbeit mit dem Wiener Instrumentenmacher Josef Leiter das erste funktionsfähige Zystoskop konstruierte, fand die entscheidende klinische Premiere in Dittels Klinik statt. Am 9. Mai 1879 präsentierte Leopold von Dittel der Kaiserlich-Königlichen Gesellschaft der Ärzte in Wien das Nitze-Leiter-Zystoskop, das Urethroskop und das Rektoskop an einem lebenden Patienten. Diese öffentliche Demonstration vor der medizinischen Elite war mehr als ein wissenschaftliches Ereignis: Sie legitimierte das Instrument als klinisch anwendbar und öffnete den Weg zu seiner systematischen Verbreitung in Europa und darüber hinaus.
Das ursprüngliche Nitze-Leiter-Zystoskophatte jedoch einen gravierenden technischen Mangel: Als Lichtquelle diente ein erhitzter Platindraht, dessen Temperatur so hoch war, dass ein kontinuierliches Wasserspülsystem zur Kühlung erforderlich war. Das Instrument war sperrig, schwer handhabbar und für den klinischen Alltag kaum praktikabel. Dittel erkannte dieses Problem und arbeitete an dessen Lösung.
Ab August/September 1886 adaptierte Josef Leiter im stetigen Gedankenaustausch mit Dittel die Edison-Glühbirne – genauer die minaturisierte Mignonlampe – für die endoskopische Anwendung am Zystoskop. Deren klinischer Regelbetrieb an der Dittel Klinik wurde ab Februar 1887 etabliert. Damit entfiel die Notwendigkeit der Wasserkühlung vollständig. Das Instrument wurde schlanker, leichter, robuster und vor allem für den klinischen Betrieb breiter nutzbar. Diese technische Modifikation, die heute als selbstverständliche Grundvoraussetzung jeder Endoskopie bereits vergessen ist, war in ihren Konsequenzen kaum zu überschätzen: Sie verwandelte das Zystoskop von einem Laborprototypen in ein alltagstaugliches diagnostisches Instrument (Abb.4–6; Tab.1).
Neben der instrumentellen Weiterentwicklung leistete Dittel grundlegende konzeptuelle Beiträge zur endoskopischen Diagnostik selbst. Er entwickelte einen neuartigen Arzneimittelträger zur lokalisierten Medikation der Harnröhre und beschrieb systematisch, welche Blasenläsionen unter direkter zystoskopischer Sicht erkennbar und klassifizierbar sind – ein konzeptueller Vorläufer der modernen Zystoskopieleitlinien für das Harnblasenkarzinom.
4. Blasensteinoperationen: über dreihundert Eingriffe
Dittels chirurgische Produktivität war außergewöhnlich. In seinen „Dreihundert Blasenstein-Operationen“ (Wiener Medizinische Wochenschrift, 1882) und dem Folgebericht über „Fünfzig weitere Steinoperationen“ (1888) dokumentierte er eine für die damalige Zeit bemerkenswert große Serie und analysierte Ergebnisse, Komplikationen und technische Verbesserungen systematisch. Er entwickelte den sogenannten „Steinsauger“ (1870), ein Instrument zur Entfernung von Blasensteintrümmern nach Lithotripsie, und führte den hohen Steinschnitt (Sectio alta) wieder ein. Die Publikationsserie bestätigte die „blinde Blasensteinlithotripsie“ als urologische Routineoperation.
5. Weitere Beiträge zur operativen Medizin und Urologie
Dittels Innovationskraft reichte über die Urologie im engeren Sinne hinaus. Er konstruierte ein Gerät zur Katheterfixierung in der Blase (1864), gehörte zu den frühen Anwendern der antiseptischen Wundbehandlung nach Lister (1877) und leistete Beiträge zur Chirurgie eingeklemmter Hernien sowie zur Darmresektion.
Wien als europäisches Zentrum der Urologie
Dittels institutionelles Wirken reichte weit über seine eigenen Entdeckungen hinaus. Durch seine klinische Offenheit, seine Zusammenarbeit mit Instrumentenmachern wie Josef Leiter (1830–1892) und sein Engagement für die Arbeiten Nitzes machte er die III.Chirurgische Abteilung am AKH Wien zu einem Mittelpunkt für Urologen aus ganz Europa und den USA.
Ab 1850 Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, wurde er 1892 zu ihrem Vizepräsidenten, 1894 zu ihrem Präsidenten und 1898 – im Jahr seines Todes – zu ihrem Ehrenpräsidenten gewählt. Er war Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der Société belge de chirurgie, der Pirogov-Gesellschaft russischer Ärzte sowie der urologischen Vereinigungen in Paris und sogar in Milwaukee. 1881 wurde er in den Ritterstand erhoben.
Seine literarisches Werk zur Behandlung der häufigen Harnröhrenstrikturen in den wesentlichen chirurgischen Handbüchern der Zeit war das wesentliche Referenzwerk zu dieser das Fach besonders prägenden Erkrankung. Es sollte für die Ausbildung der nachfolgenden Generation und der Fachpositionierung einen wichtigen Beitrag leisten. Es war zugleich das sichtbare Produkt einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit, die unter politisch und sozial spannungsreichen Umständen zustande kam.
Nachleben und Bedeutung für die heutige Urologie
Abb. 7: Relief aus 1908 von Leopold von Dittel im Arkadenhof der Universität Wien (Rudolf Bachmann [1877–1933], Maler und Medailleur)
Leopold Ritter von Dittel starb am 28. Juli 1898 in Wien. Sein Relief, gestaltet von Rudolf Bachmann, wurde 1908 im Arkadenhof der Universität Wien angebracht, jener Stätte, an der die Bildnisse der prägenden Gelehrten der Wiener Medizinischen Schule vereint sind (Abb.7). Eine Gasse im 22.Wiener Gemeindebezirk trägt seinen Namen.
Seine eigentlichen Denkmäler sind unsichtbarer Natur: das Zystoskop, das täglich in urologischen Ambulanzen und Operationssälen eingesetzt wird; die systematische Klassifikation von Harnröhrenstrikturen, die in modifizierter Form noch immer gültig ist, und das Konzept einer instrumentell gestützten, wissenschaftlich begründeten Urologie als eigenständige Disziplin.
Seine Biografie enthält aber auch eine Mahnung. Dittel arbeitete in einem Klima, in dem jüdische Akademiker struktureller Diskriminierung ausgesetzt waren. Er schuf sich einen Weg durch Konversion, wissenschaftliche Exzellenz und institutionelle Ausdauer. Dass er dabei in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit einem Mann stand, der den akademischen Antisemitismus in Wien maßgeblich mitentfacht hatte, gehört zu jenen historischen Widersprüchen, die sich nicht auflösen lassen und die erinnert werden sollten.
Wien als Welthauptstadt der Urologie: Tradition, die verpflichtet
Leopold von Dittel hat Wien auf die Landkarte der Urologie gesetzt. Er tat es nicht durch Dekret oder durch institutionelle Macht, sondern durch das, was Wissenschaft in ihrem Kern ausmacht: Neugier, Präzision, Mut zur Instrumentierung des Unbekannten und die Bereitschaft, ein ganzes Fachgebiet von Grund auf neu zu denken. Was Dittel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schuf, ist keine nostalgische Reminiszenz, sondern vielmehr ein internationales Gravitationszentrum für urologische Exzellenz, in das Ärzte aus ganz Europa und Amerika reisten, um zu lernen, zu operieren und zu forschen. Es ist ein Auftrag.
Österreich war schon einmal das, was es heute wieder sein kann und sein sollte: ein Ort, an dem die besten Köpfe der Urologie nicht nur zusammenkommen, sondern auch geformt werden – ein Ort, an dem klinische Exzellenz und wissenschaftliche Innovation keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen, ein Ort, an dem internationale Fellows und Doktoranden nicht nur ein Visum beantragen, sondern auch eine Karriere beginnen, die sie ein Leben lang prägt.
Die Voraussetzungen sind vorhanden. Österreich liegt im Herzen eines Kontinents, der gerade in einer Zeit globaler Unsicherheit mehr denn je auf wissenschaftliche Brücken angewiesen ist: zwischen Ost und West, zwischen klinischer Praxis und translationaler Forschung, zwischen universitärer Lehre und internationalem Wissenstransfer.
Was fehlt, ist nicht die Substanz. Was fehlt, ist der kollektive Wille, das Erbe Dittels nicht nur zu verwalten, sondern auch aktiv weiterzuschreiben. Dittel hat uns gezeigt, was es bedeutet, ein Zentrum zu sein: nicht durch Selbstbehauptung, sondern durch Anziehungskraft. Das AKH der damaligen Zeit zog Urologen aus ganz Europa an – nicht weil es das größte war, sondern weil es das innovativste war. Dieses Modell ist kein Relikt. Es ist ein Bauplan.
Moderne urologische Exzellenz in Österreich, eingebettet in das internationale Netzwerk und in die globale urologische Gemeinschaft, könnte genau das leisten, was Dittel im 19.Jahrhundert leistete: Maßstäbe zu setzen für die Ausbildung junger Urologen aus aller Welt, für die Übersetzung von Laborergebnissen in die klinische Praxis, für die Etablierung Österreichs als führende Adresse in der onkologischen Urologie, der rekonstruktiven Chirurgie, der funktionellen Urologie und der Andrologie sowie Männergesundheit. Dittel hat seine Antwort in der Praxis gegeben. Wir schulden ihm – und unseren Patienten – die unsrige.
Literatur:
● Albert E: Gedenkrede auf weiland Leopold Ritter von Dittel. Wien Klin Wochenschr 1898; 12: 939-42 ● Billroth T: Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten der deutschen Nation. Wien: Gerold 1876 ● Buklijas T: Surgery and national identity in late nineteenth-century Vienna. Stud Hist Philos Biol Biomed Sci 2007; 38(4): 756-74 ● Dittel L: Beitrag zur Pathologie und Therapie der Harnröhrenstricturen. Allg Wien Med Zeitung 1862; 7: 226-57 ● Dittel L: Beiträge zur Lehre der Prostatahypertrophie. Med Jahrb 1867; 14: 142-51 ● Dittel L: Zur Behandlung der Hypertrophie der Vorsteherdrüse. Wien Med Wochenschr 1876; Nf 26, Heft 22: 537-40, Heft 23: 561-5, Heft 24: 593-7, Heft 25: 619-24 ● Dittel L: Erfahrungen in der Wundbehandlung nach Lister. Wien: kaiserlich-königliche Staatsdruckerei 1877 ● Dittel L: Prostatectomia lateralis. Wien Klin Wochenschr 1890; 3: 339-41 & 364-66 ● Dittel L: Die dreihundert Blasenstein-Operationen. Wien Med Wschr 1882; Bd 32, Heft 24: 723-6, Heft 25: 755-60 Dittel L: Fünfzig weitere Steinoperationen (415-500). Wien Med Wschr 1888; Bd 38: 137-41, 158-85, 217-20, 295-98, 321-6, 358-62 ● Dittel L: Hundert Blasenstein-Operationen (700-800). Wien Klin Wschr 1894; Bd 7: 607-9, 634-6, 655-7, 675-7, 733-4, 776-8, 793-5, 813-5, 830-1 ● Dittel L (jun.): Erinnerungen an Leopold von Dittel mit noch nicht veröffentlichten Briefen von Bergmann, Billroth, Czerny, Küster, Hans Richter, Thompson, Trendelenburg und anderen. Wien: M. Perles 1923 European Association of Urology: Nitze’s Cystoscope. ● European Museum of Urology: https://history.uroweb.org ; zuletzt aufgerufen am 2.9.2026 ● Figdor PP: Leopold von Dittel. Urologik 2002; 9: 12-5 ● Gröger H: Leopold von Dittel (1815–1898) – Die Urologie der Wiener medizinischen Schule. In: Schultheiss D, Rathert P, Jonas U (Hrsg). Wegbereiter der Urologie. Springer 2002: 1-17 ● Moll F: Leopold von Dittel. Österreichisches Biographisches Lexikon ab 1815. https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_D/Dittel_Leopold_1815_1898.xml ; zuletzt aufgerufen am 2.9.2026 ● Reuter MA: Geschichte der Endoskopie. Stuttgart: Krämer 1998: 173 ● Seebacher F: Der operierte Chirurg. Theodor Billroths Deutschnationalismus und akademischer Antisemitismus. Z Geschichtswiss 2006; 54(4): 317-38 ● Wiener Stadt- und Landesarchiv: Wien Geschichte Wiki. Leopold von Dittel (Urologe). https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Leopold_von_Dittel_(Urologe) ; zuletzt aufgerufen am 2.9.2026
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