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Ästhetische Dermatologie im Wandel der Zeit

Einblicke in die Geschichte des Botulinumtoxins

Die Geschichte der Entstehung des Botulinumtoxins ist bemerkenswert: Vom gefürchteten Lebensmittelgift entwickelte es sich zu einem etablierten, weltweit eingesetzten Arzneimittel mit vielfältigen therapeutischen und ästhetischen Einsatzmöglichkeiten.

Keypoints

  • Botulinumtoxin hat eine außergewöhnliche historische Entwicklung genommen: Von frühen, teils letalen Lebensmittelvergiftungen bis hin zur gezielten medizinischen Anwendung spannt sich ein einzigartiger Bogen der Medizingeschichte.

  • Justinus Kerner erkannte bereits im frühen 19. Jahrhundert zentrale pathophysiologische Prinzipien des Toxins, darunter die selektive Blockade peripherer Nervenfunktionen bei erhaltener Sensibilität, und formulierte erstmals Überlegungen zu einem möglichen therapeutischen Nutzen.

  • Die Einführung in die ästhetische Medizin erfolgte durch eine klinische Zufallsbeobachtung des Ehepaars Carruthers.

  • BoNT-A gilt heute als sicherer und wirksamer Standard in der Behandlung dynamischer Gesichtsfalten und weiterer Indikationen.

Kaum ein Wirkstoff der ästhetischen Medizin hat eine derart vielseitige Entwicklungsgeschichte wie das Botulinumtoxin. Ursprünglich im Kontext lebensbedrohlicher Lebensmittelvergiftungen beschrieben, etablierte es sich im 20. Jahrhundert als biologisches Werkzeug der Neurowissenschaften und später als zentrales Therapeutikum in der Dermatologie. Seine heutige ästhetische Bedeutung basiert auf einem tiefgreifenden Verständnis seines Wirkmechanismus sowie auf fundierten klinischen Beobachtungen.

Historische Ursprünge: vom „Fettgift“ zur mikrobiologischen Entdeckung

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Blutwurst (Blunzn)

Die Ursprünge des Botulinumtoxins lassen sich weit vor seine mikrobiologische Entdeckung, also die Identifikation des verursachenden Mikroorganismus, zurückverfolgen und sind eng mit lebensmittelbedingten Vergiftungen verknüpft. Bereits im frühen Mittelalter deuteten Verbote auf die Gefährlichkeit bestimmter Wurstwaren hin: So untersagte Kaiser Leo VI. von Byzanz im 9. Jahrhundert die Herstellung von Blutwürsten, offenbar auf Grundlage wiederkehrender toxischer Ereignisse.1

Eine signifikante Häufung entsprechender Vergiftungen wurde jedoch erst im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert im süddeutschen Raum dokumentiert. Die sozioökonomischen Folgen der Napoleonischen Kriege führten zu extremer Armut und mangelhaften hygienischen Bedingungen, wodurch nahezu alle verfügbaren tierischen Bestandteile zu Wurstwaren verarbeitet wurden. So entstand die süddeutsche Tradition der Blunzn, ein mit Innereien, Blut, Brotresten und Gewürzen gefüllter Saumagen, der geräuchert oder gekocht gerne vom einfachen Volk gegessen wurde. In diesem Kontext kam es wiederholt zu letalen „Wurstvergiftungen“, die zunächst fälschlich auf die Wirkung von Hydrogencyanid, einem chemischen Toxin, zurückgeführt wurden.1

Zunächst blieb die Ursache für die Wurstvergiftungen unbekannt. Einen entscheidenden wissenschaftlichen Fortschritt erzielte der deutsche Arzt Justinus Kerner, der zwischen 1815 und 1822 zahlreiche klinische Fälle einer bis dahin rätselhaften, mit dem Verzehr verschiedenster Wurstwaren assoziierten Lebensmittelvergiftung systematisch untersuchte. In seinen detaillierten klinischen Beschreibungen identifizierte er einerseits charakteristische neuromuskuläre und autonome Symptome, wie Erbrechen, innere Krämpfe, Ptosis, Dysphagie und Atemlähmung. Andererseits erkannte er die selektive Blockade peripherer Nervenfunktionen bei erhaltener Sensibilität und erhaltenem Bewusstsein. Neben umfangreichen Tierversuchen, bei denen insbesondere bei Katzen ein dem menschlichen Krankheitsbild vergleichbares Symptommuster beobachtet wurde, führte Kerner auch Selbstexperimente durch. Bei diesen applizierte er geringe Mengen des Gifts auf die Zunge und stellte eine darauffolgende ausgeprägte Trockenheit von Zunge und Gaumen fest. Auf diesen Grundlagen postulierte Kerner erstmals den spezifischen Wirkmechanismus des unbekannten Toxins, das er aufgrund des engen Zusammenhangs mit dem Verzehr von Würsten als „Fettgift“ bezeichnete. Darüber hinaus formulierte er bereits frühe Überlegungen zu dessen möglichem therapeutischem Nutzen, wie beispielsweise zur Behandlung hyperaktiver Symptome im Rahmen des „Veitstanzes“, vergleichbar mit Chorea minor und Chorea Huntington.2,3,4

Die endgültige Aufklärung gelang 1897, als Emile Pierre Van Ermengem im Zuge eines Vergiftungsereignisses mit kontaminiertem Schinken in Belgien den ursächlichen Erreger isolierte und als Bacillus botulinus identifizierte, der heutzutage als Clostridium botulinum bezeichnet wird. Damit wurde der mikrobiologische Ursprung des Toxins endgültig geklärt und die Grundlage für die spätere pharmakologische und medizinische Nutzung des Botulinumtoxins geschaffen.3,5

Zwischenkriegszeit und frühe pharmakologische Anwendung

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Botulinumtoxin zeitweise als potenzielle biologische Waffe untersucht. Dafür arbeitete der Exildeutsche Hermann Sommer an der University of California parallel an der erstmaligen Herstellung einer stabilen Präzipitationsform von Botulinumtoxin Typ A (BoNT-A). Der während des Zweiten Weltkriegs verfolgte Plan, Botulinumtoxin über kontaminierte Getränke gegen hochrangige japanische Offiziere einzusetzen, scheiterte noch vor der ersten Anwendung, nachdem sich in Tierversuchen herausgestellt hatte, dass das Toxin bei Eseln als Versuchstieren keine letale Wirkung zeigte. Später stellte sich heraus, dass Esel zu den wenigen Säugetieren gehören, die gegen Botulinumtoxin immun sind.3,5

Klinisch relevant wurde BoNT-A erst, als Alan Scott in den 1960er-Jahren gezielt nach Substanzen zur Therapie okulärer Muskelhyperaktivität forschte. Mit Botuli-numtoxin gelang ihm eine reproduzierbare Schwächung überaktiver Muskeln, was den Weg für eine breite neurologische Anwendung ebnete, etwa bei Dystonien, Spastizität oder Migräne.3

Der Weg in die ästhetische Dermatologie

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Einsatz von Botulinumtoxin in der ästhetischen Medizin

Die Einführung von Botulinumtoxin in die ästhetische Medizin beruht auf einer klinischen Zufallsbeobachtung: 1987 machte die kanadische Ophthalmologin und damalige Schülerin von Alan Scott, Jean Carruthers, eine bemerkenswerte Feststellung. Nach Injektionen mit Botulinumtoxin bei Patient:innen mit Blepharospasmus kam es nebenbefundlich zu einer deutlich reduzierten mimischen Aktivität im Bereich der Stirn und Glabella. Auf dieser Grundlage führte ihr Ehemann, der Dermatologe Alastair Carruthers, das Toxin in die ästhetische Dermatologie ein. 1996 erschien die erste wissenschaftliche Publikation zur Behandlung mimischer Falten. Seitdem sind Indikationen wie Glabellafalten, Krähenfüße und Stirnfalten feste Bestandteile der ästhetisch-dermatologischen Routine.6

1991 übernahm Allergan die Vermarktung und führte das Präparat unter dem Namen „Botox“ ein. Die zugelassenen Indikationen waren zunächst ausschließlich neurologisch, darunter Erkrankungen wie Migräne oder Spastizität.5

Wirkmechanismus und klinische Bedeutung

Alle identifizierten Serotypen (A–H) hemmen die präsynaptische Freisetzung von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte. BoNT-A ist dabei der am weitesten verbreitete Serotyp in der ästhetischen Medizin. Die gezielte, reversible Muskelrelaxation ermöglicht die Reduktion dynamischer Falten und wirkt zugleich präventiv gegen die Ausbildung statischer Linien. Umfangreiche klinische Studien belegen insbesondere die hohe Wirksamkeit bei Glabellafalten, verursacht durch die Aktivität des Corrugator-supercilii- und des Procerus-Muskels.5,6

Neben seinen ästhetischen Einsatzgebieten hat das Toxin eine hohe therapeutische Relevanz, etwa zur Behandlung der axillären Hyperhidrose, verschiedener Dystonien oder in der Phoniatrie.6

Bei sachgerechter Indikationsstellung, korrekter Dosierung und fachgerechter Injektion gilt BoNT-A als sehr sicheres Arzneimittel. Zu den unerwünschten Wirkungen, welche überwiegend mild, transient und lokal begrenzt sind, zählen Schmerzen an der Injektionsstelle, Hämatome oder reversible muskuläre Asymmetrien (z.B. Ptosis). Diese sind häufig auf die Injektionstechnik und Diffusionseffekte zurückzuführen.7

Heutzutage existieren international zahlreiche Präparate, überwiegend basierend auf Botulinumtoxin A, das aufgrund seiner klinischen Effektivität mit einer Wirkdauer von typischerweise 3–6 Monaten sowie seiner Sicherheit den Goldstandard darstellt.5,8

Botulinumtoxin heute: eine zentrale Substanz der ästhetischen Dermatologie

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich Botulinumtoxin von einem potenziell letalen Lebensmittelgift zu einer der wichtigsten Substanzen der minimalinvasiven Ästhetik entwickelt. Die stetige Weiterentwicklung der Präparate, die zunehmende Standardisierung der Injektionstechniken sowie ein wachsendes Verständnis der Anatomie des Gesichts haben wesentlich zu seiner Erfolgsgeschichte beigetragen.

Insgesamt basiert der Einsatz von BoNT-A auf einer Evidenzlage, die durch jahrzehntelange klinische Erfahrung ergänzt wird. Aufgrund seines Wirkmechanismus, der reversiblen Effekte und des günstigen Sicherheitsprofils gilt BoNT-A heute als ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen ästhetischen Dermatologie.5

1 Mukhopadhyay AK: Blood sausage to BOTOX: the story of the miracle toxin. Indian Dermatol Online J 2023; 15(3): 556-8 2 Kerner J: Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den thierischen Organismus: Ein Beytrag zur Untersuchung des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes. Stuttgart, Tübingen: Cotta, 1822 (Kapitel III/IV) 3 Carruthers A, Carruthers J: History of botulinum toxin for medical and aesthetic use. In Botulinum Toxins (eds J. L. Cohen and D. M. Ozog), 2017; https://doi.org/10.1002/9781118661833.ch1 (zuletzt aufgerufen am: 15.1.2026) 4 Häfner S: Justinus Kerners wagemutige Experimente mit Botulinumtoxin. Akt Neurol 2009; 36: 412-7 5 Couvillion M, Allen AW: The history of botulinum toxin and its relationship to the skin. Dermatological Reviews 2022; 3: 177-9 6 Patel KR et al.: A comprehensive review on the history, uses, and safety of onabotulinum toxin type A (Botox). Dermatological Reviews 2022; 3: 180-96 7 Wollina U, Konrad H: Managing adverse events associated with botulinum toxin type A: a focus on cosmetic procedures. Am J Clin Dermatol 2005; 6(3): 141-50 8 Fagien S et al.: Safety and duration of effect of 40-unit prabotulinumtoxinA-xvfs for the treatment of moderate to severe glabellar lines in adult patients: a phase II, multicenter, randomized, double-blind, active-controlled trial. Aesthet Surg J 2024; 44(9), 987-1000

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