«Traumaversorgung braucht mehr als operative Expertise»
Unser Gesprächspartner:
Prof. Dr. med. Shahin Mohseni
Örebro-Universität
E-Mail: shahin.mohseni@oru.se
Das Interview führte Clara Fruhmann, MA
Im Gespräch mit Leading Opinions Rheumatologie & Orthopädie spricht der Präsident des diesjährigen ECTES, Prof. Shahin Mohseni, Örebro, über die wichtigsten Themen des Kongresses, die Herausforderungen der modernen Traumaversorgung und die Frage, wie chirurgische Kompetenzen in Zeiten minimalinvasiver Verfahren erhalten werden können.
Der ECTES 2026 in Stockholm fand gemeinsam mit dem World Trauma Congress (WTC) statt. Was war das zentrale Ziel dieser Verbindung?
S. Mohseni: Das wichtigste Ziel war, die verschiedenen Fachdisziplinen, die sich um verletzte Patient:innen kümmern, unter einem Dach zusammenzubringen. Das ist grundsätzlich ein zentraler Anspruch der European Society for Trauma and Emergency Surgery (ESTES). In diesem Jahr konnten wir darüber hinaus den WTC als Partner gewinnen. Dadurch kamen nicht nur Kolleg:innen aus Europa zusammen, sondern auch zahlreiche Teilnehmer:innen aus Süd- und Nordamerika, Südafrika und Asien. Besonders wertvoll war dabei der Austausch zwischen unterschiedlichen Gesundheitssystemen und Ressourcenlagen. Vertreter aus Hochressourcenländern trafen auf Kolleg:innen aus Ländern mit deutlich begrenzteren Möglichkeiten. Diese unterschiedlichen Perspektiven waren für den Kongress sehr bereichernd.
Was bedeutete das konkret für die Versorgung von Traumapatient:innen?
S. Mohseni: Ein schwer verletzter Patient/eine schwer verletzte Patientin kann gleichzeitig mehrere Probleme haben: eine Fraktur, eine intrakranielle Blutung oder eine intraabdominelle Verletzung. Historisch wurden diese Verletzungen häufig von unterschiedlichen Fachdisziplinen behandelt. In Stockholm hatten wir die Möglichkeit, all diese Perspektiven zusammenzuführen und gemeinsam über komplexe Fälle, operative Strategien und die Versorgung kritisch kranker Patient:innen zu diskutieren.
Ein Kongress dieser Grössenordnung stellt auch organisatorisch eine erhebliche Herausforderung dar. Was war für Sie persönlich die grösste?
S. Mohseni: Ein solcher Kongress ist auf vielen Ebenen anspruchsvoll. Entscheidend war deshalb das Team. Wir hatten ein lokales Organisationskomitee mit Kolleg:innen aus der Anästhesie, Orthopädie und Traumatologie sowie der Pflege. Dazu kamen das Programmkomitee und weitere Teams, die organisatorische und administrative Aufgaben übernommen haben. Bei einem internationalen Kongress müssen zudem zahlreiche Länder, Referent:innen und Industriepartner koordiniert werden. Am Ende war es aber ein grosser Erfolg: Mit mehr als 1600 Teilnehmer:innen und 228 Referent:innen war es der grösste ECTES bisher.
Welche inhaltlichen Aspekte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
S. Mohseni: Eine Sitzung zur Führung eines Traumateams ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Traumaversorgung besteht eben nicht nur aus der operativen Expertise der Traumatolog:innen. Im Schockraum arbeiten Pflege, Radiologie, Anästhesie, Notfallmedizin,Orthopädieund verschiedene chirurgische Disziplinen zusammen. Jemand muss dieses Team führen, Entscheidungen treffen und gleichzeitig mit mehreren sehr erfahrenen Spezialist:innen umgehen können.
Das lässt sich nicht einfach aus einem Buch lernen. Führung im Schockraum entsteht durch Erfahrung – und auch durch Fehler. Einer der Referenten hat sehr offen darüber gesprochen, welche Entscheidungen er rückblickend anders treffen würde. Von solchen Erfahrungen kann die nächste Generation unmittelbar profitieren.
Der Nachwuchs spielte beim Kongress offenbar eine besonders wichtige Rolle. Was hat Sie hier beeindruckt?
S. Mohseni: Wir sehen erfreulicherweise immer mehr junge Kolleg:innen. Entscheidend ist aber, dass sie nicht nur im Publikum sitzen. Die «Junge ESTES» war aktiv in die Gestaltung des Programms eingebunden und hat eigene Sessions organisiert. Dabei wurde deutlich, dass die junge Generation vor erheblichen Veränderungen und Herausforderungen steht: Das Gesundheitssystem wandelt sich, Technologien entwickeln sich weiter, Arbeitszeiten und Anforderungen verändern sich. Allerdings wird es immer Traumapatient:innen geben. Daher muss geklärt werden, wie sich Ausbildung, Fragen der Work-Life-Balance, die geringere Zahl operativer Traumafälle und die steigenden Qualitätsanforderungen an medizinisches Fachpersonal miteinander vereinbaren lassen.
Ein Stichwort ist die zunehmende Minimalinvasivität. Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für die Ausbildung?
S. Mohseni: Das ist eine der grossen Herausforderungen. Verletzungen, die früher operativ behandelt wurden, werden heute teilweise interventionell-radiologisch versorgt. Blutungen können beispielsweise durch einen minimalinvasiven Zugang und die gezielte Embolisation eines Gefässes gestoppt werden. Das ist für die Patient:innen natürlich ein grosser Fortschritt.Gleichzeitig bedeutet es, dass junge Chirurg:innen bestimmte offene Eingriffe immer seltener sehen. Eine Kollegin im vierten Ausbildungsjahr berichtete beispielsweise, dass sie eine durchaus häufige Verletzung, und zwar eine Milzverletzung bei Traumapatient:innen, die eine offene Operation erfordert, bislang nur einmal gesehen hatte. Damit stellt sich eine sehr praktische Frage: Was passiert, wenn ein solcher Patient/eine solche Patientin plötzlich in einem kleineren Krankenhaus behandelt werden muss, in dem keine interventionelle Radiologie verfügbar ist? Dann muss die chirurgische Expertise vorhanden sein.
Wie kann man verhindern, dass solche Fähigkeiten verloren gehen?
S. Mohseni: Es gibt keine einzelne Lösung und schon gar keinen Silver Bullet. Wir können die Entwicklung nicht zurückdrehen. Wir werden nicht aufhören, endovaskuläre oder minimalinvasive Verfahren einzusetzen, nur damit junge Chirurg:innen wieder mehr offene Operationen durchführen. Wir müssen vielmehr neue Wege finden, um diese Kompetenzen gezielt zu vermitteln. Die ESTES hat dafür unter anderem ein Fellowship-Programm etabliert. Junge europäische Chirurg:innen erhalten die Möglichkeit, an Zentren mit einem hohen Aufkommen bestimmter Verletzungen zu hospitieren und dort praktische Erfahrung zu sammeln. Das ist wichtig, weil sich die Fallzahlen regional stark unterscheiden. In einem grossen Traumazentrum mit sehr hohem Patient:innenaufkommen sieht man Verletzungen, die in anderen europäischen Regionen nur noch selten vorkommen.
Welche Rolle spielen dabei praktische Kurse?
S. Mohseni: Eine sehr wichtige. Neben Kursen zur Führung von Traumateams gibt es Hands-on-Trainings zu verschiedenen traumachirurgischen Techniken. Auch endovaskuläre Traumaversorgung wird vermittelt. Beim Kongress wurde beispielsweise ein entsprechender Kurs angeboten, bei dem nach einer theoretischen Einführung praktische Techniken trainiert wurden. Natürlich kann eine Simulation oder ein praktischer Kurs die reale Versorgung blutender Patient:innen nicht vollständig ersetzen. Aber solche Trainings geben jungen Kolleg:innen zumindest die Möglichkeit, sich mit den Techniken vertraut zu machen, bevor sie tatsächlich in eine solche Situation geraten.
Was nehmen Sie persönlich vom Kongress für Ihre eigene Arbeit mit?
S. Mohseni: Ich arbeite in einem sehr gut ausgestatteten Traumazentrum und habe in den USA, in Europa und im Nahen Osten gearbeitet. Dadurch konnte ich unterschiedliche Gesundheitssysteme kennenlernen. Besonders interessant waren deshalb die Beiträge aus Regionen mit deutlich begrenzteren Ressourcen.Wir sprechen beispielsweise von Mass-Casualty-Situationen. In einem gut ausgestatteten Zentrum kann die Herausforderung vor allem das enorme Patient:innenaufkommen sein. In anderen Krankenhäusern ist dagegen die Ressourcensituation selbst das Problem: Es fehlt möglicherweise an Blutkonserven, Personal oder technischer Ausstattung. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind wertvoll. Hoffentlich werde ich nie in eine Situation kommen, in der mir wichtige Ressourcen fehlen. Sollte es aber passieren, möchte ich mich daran erinnern, welche Prioritäten Kolleg:innen in solchen Situationen setzen und welche Lösungen sie entwickelt haben.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der europäischen Traumaversorgung?
S. Mohseni: Die ESTES ist eine grosse Familie von Expert:innen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen. Genau diese Zusammenarbeit ist entscheidend. Angesichts der aktuellen Entwicklungen und zunehmender Mass-Casualty-Situationen gewinnt der internationale Austausch zusätzlich an Bedeutung. Wir müssen Systeme schaffen, in denen Erfahrungen weitergegeben werden – nicht nur zwischen verschiedenen Fachdisziplinen, sondern auch zwischen Ländern mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Der Kongress bietet dafür eine wichtige Plattform. Und letztlich geht es um ein gemeinsames Ziel: sicherzustellen, dass die nächste Generation über die Kompetenzen verfügt, die sie braucht, um auch komplexe und seltene Verletzungen adäquat zu behandeln.
Vielen Dank für das Gespräch!
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