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40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie e.V. (DGS)

Sexualität nach Brustkrebs – was ist zu beachten?

Gynäkologie & Geburtshilfe | Onkologie
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Angesichts der existenziellen Bedrohung durch eine Karzinomerkrankung konzentrieren sich Patientinnen zunächst auf die notwendige Therapie und die damit verbundenen Einschränkungen. Fragen nach der Diagnostik, der Therapie und den Überlebenschancen stehen im Vordergrund.

Sexualität ist weder für die betroffenen Frauen noch für uns Ärzt*innen zum Zeitpunkt der Diagnosestellung ein Thema. Nach Abschluss der Behandlung und Rückkehr in den Lebensalltag werden sexuelle Wünsche sowie krankheits- und therapiebedingte Beeinträchtigungen wieder wichtiger. Einschränkungen der Sexualität können für die Betroffenen eine signifikante Beeinträchtigung der Lebensqualität, ihres Selbstwertgefühls und der Zufriedenheit in der Paarbeziehung zur Folge haben.

Nach einer Mastektomie ist, laut den meisten Studien, das Risiko für eine sexuelle Dysfunktion nicht höher als nach brusterhaltender Operation. Trotzdem leiden Frauen zum Teil unter Dysästhesien im Bereich der Narben oder fühlen sich in ihrem Körperbild beeinträchtigt. Dabei gibt es bei Frauen mit einem Mammakarzinom einen klaren Zusammenhang zwischen gestörtem Körperbild und sexueller Funktion.

Neben der Operation können auch die neoadjuvante oder adjuvante Chemotherapie, eine Radiatio, Antikörpertherapien oder antihormonelle Behandlungen mit ihren Folgen für die Hormonproduktion oder Nebenwirkungen wie das Fatiguesyndrom oder eine Alopezie die körperliche Leistungsfähigkeit und die Libido und somit das sexuelle Erleben beeinflussen.

Antihormonelle Therapie wirkt sich negativ auf die Sexualität aus

Im Rahmen einer multizentrischen retrospektiven Studie wurde untersucht, wie sich Krebserkrankungen und deren Behandlung auf die Sexualität von Patientinnen mit Mammakarzinom oder Ovarialkarzinom auswirkten.1

396 Patentinnen mit Mammakarzinom und 93 Patientinnen mit Ovarialkarzinom im Alter zwischen 18 und 70 Jahren wurden in die Studie eingeschlossen und mindestens 24 Monate nach Erstdiagnose mittels validierter Fragebogen befragt und mit 60 gesunden Frauen verglichen. Die Zielparameter „sexuelle Aktivität“, „sexuelle Funktion“ und „Lebensqualität“ wurden mittels validierter Fragebögen erhoben (Female Sexual Function Index-d, EORTC Quality of Life Questionnaire-C30). 45,9% der Mammakarzinompatientinnen und 56,5% der Patientinnen mit Ovarialkarzinom gaben an, sexuell aktiv zu sein. Dabei wurden weder die sexuelle Funktionsfähigkeit noch das Wohlbefinden der sexuell aktiven Mammakarzinompatientinnen durch die Art und Radikalität der Operation oder der Verabreichung von Chemotherapie beeinflusst.

Patientinnen, die zum Zeitpunkt der Auswertung eine antihormonelle Therapie erhielten, waren weniger häufig sexuell aktiv (p=0,007), zeigten außerdem weniger Zufriedenheit (p=0,003) und mehr Unbehagen in Bezug auf die sexuelle Aktivität (p<0,001) im Vergleich zu der gesunden Kontrollgruppe. Im Gegensatz dazu wiesen Mammakarzinompatientinnen ohne antihormonelle Therapie nur einen höheren Discomfort-Score (p=0,028) auf als gesunde Kontrollen und schätzten ihren Gesundheitszustand und ihre Lebensqualität signifikant besser ein als Patientinnen, die eine antihormonelle Therapie erhielten (p=0006). Im Allgemeinen war bei Patientinnen mit Mammakarzinom eine sexuelle Aktivität mit einem besseren Gesundheitsstatus (p=0,007) und einer höheren Lebensqualität (p=0,004) assoziiert.1

Dabei ergab die gewählte Operationsmethode (Brustentfernung versus brusterhaltende OP) keine Unterschiede bezüglich sexueller Aktivität und Lebensqualität innerhalb des beschriebenen Patientinnenkollektivs.1

Anamnese sexueller Probleme aktiv und feinfühlig erfragen

Für Ärzt*innen, die Patientinnen mit Brustkrebs behandeln, muss die Erhebung sexueller Probleme genauso wichtig sein wie die anderer krankheitsspezifischer Beeinträchtigungen. Eine diesbezügliche Beratung sollte Frauen aller Altersgruppen sowie homo- und heterosexuellen Paaren angeboten werden.

Wir Ärzt*innen haben eine Vorbildfunktion. Wenn wir unsere Patientinnen auf sexuelle Probleme ansprechen, zeigen wir, dass wir Sexualität als einen selbstverständlichen Teil der Lebensqualität betrachten.

Wie für alle Frauen gilt für die Krebspatientin, dass sich eine befriedigende Sexualität positiv auf das seelische und körperliche Wohlbefinden auswirkt. Eine adäquate Wiederherstellung körperlicher Intimität kann die Lebenszufriedenheit erheblich verbessern und die Ausbildung sekundärer Ängste verhindern. Die frühzeitige Information beugt dabei der Entstehung chronifizierter sexueller Störungen vor. Dazu braucht es Ärzt*innen mit ausgebildeten kommunikativen Fähigkeiten, die den Einfluss der Erkrankung und die Therapienebenwirkungen auf die Sexualität ihrer Patientinnen kennen und die Bedürfnisse ihrer Patientinnen verstehen und diese besprechen können. Durch offene Fragen, wie z.B.: „Hat sich in Ihrer Partnerschaft etwas verändert?“, erhält die Patientin die Möglichkeit, ihre Probleme zu schildern oder das Thema rasch zu beenden.

Eine lebensbedrohliche Erkrankung betrifft nicht nur die Patientin, sondern auch ihren Partner oder ihre Partnerin. Dies kann zu Rollen- und Paarkonflikten führen. Die Patientin sollte deshalb zur Kommunikation über ihre Wünsche, Fantasien und Schwierigkeiten ermutigt werden und es ist sinnvoll, die Partner frühzeitig in Gespräche einzubeziehen, um ihre Ängste und Probleme zu erfragen und Hilfestellungen anzubieten. Die Erkrankung kann dann genutzt werden, um gemeinsam zu wachsen und der Partnerschaft neue Bedeutung zu geben.

Behandlung therapiebedingter vaginaler Atrophie

Vaginale Atrophie und Trockenheit stellen häufige Folgen eines durch chemo-/antihormontherapiebedingten Hormonabfalls dar. Brennen, Juckreiz, Missempfindungen sowie Dyspareunien sind mögliche Folgen. Zur lokalen Behandlung können hyaluronsäurehaltige Produkte, wie z.B. Replans sanol® oder SanaGel®, östrogen-frei angeboten werden. Die Verwendung von Gleitgelen oder Olivenölen ist ebenfalls effektiv. Deumavan®-Pflegeprodukte tragen durch ihre rückfettende Wirkung zur Linderung bei.

Eine prospektive randomisierte doppelt verblindete Phase-II-Studie untersuchte die Effektivität und Sicherheit einer niedrig dosierten, lokal applizierten Östriol-Therapie bei Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem Mammakarzinom unter endokriner Therapie, die unter einer behandlungsassoziierten, symptomatischen vulvovaginalen Atrophie litten.2 Die Ergebnisse zeigten, dass eine niedrig dosierte, lokale Östriol-Applikation zur Verbesserung der Symptome einer vulvovaginalen Atrophie beitrug und die topische Therapie kaum Einfluss auf die systemisch messbaren Östrogenkonzentrationen hatte.

In Anlehnung an die Empfehlungen der AGO Mamma ist nach Abwägung des individuellen Nutzen-Risiko-Profils bei Brustkrebserkrankungen eine topisch niedrig dosierte Östriol-Applikation nicht mehr kontraindiziert, sodass symptomatischen Patientinnen nach Ausschöpfen hormonfreier Lokaltherapien eine niedrig dosierte, lokal zu applizierende Östriol-Therapie angeboten werden kann.3 Aufgrund hoher Akzeptanz und großem Interesse onkologischer Patientinnen an integrativen Konzepten stellt sich die Frage, welche komplementärmedizinischen Verfahren bei der Therapie sexueller Probleme empfohlen werden können. Optionen mit nachgewiesenen positiven Effekten sind die „mindfulness-based stress reduction“ (MBSR), Sport, Yoga, Phytotherapeutika oder Akupunktur.

Botschaft

Der mögliche Einfluss onkologischer Therapien auf die weibliche Sexualität sollte ein fester Bestandteil in der Betreuung unserer Patientinnen sein. Ein aktives Ansprechen der Thematik durch uns behandelnde Ärzt*innen bietet Raum für eine Öffnung des vermeintlichen Tabus. Die Patientin steht dabei mit ihren persönlichen Bedürfnissen im Mittelpunkt und benötigt einen multimodalen und interdisziplinären Therapieansatz, der zu einer Steigerung der Lebensqualität, des Körpergefühls, der Paarbeziehung und der sexuellen Zufriedenheit führen kann.

1 Mayer S et al.: Sexual activity and quality of life in patients after treatment for breast and ovarian cancer. Arch Gynecol Obstet 2019; 299(1): 191-201 2 Hirschberg AL et al.: Efficacy and safety of ultra-low dose 0,005% estriol vaginal gel for the treatment of vulvovaginal atrophy in postmenopausal women with early breast cancer treated with nonsteroidal aromatase inhibitors: a phase II, randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Menopause 2020; 27(5): 526-34 3 www.ago-online.de : Leitlinien/Empfehlungen der AGO Mamma

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