Sportunfälle im Alter: Die eine gute Lösung für alle gibt es nicht
Bericht:
Claudia Benetti
Medizinjournalistin
Immer mehr Senior:innen treiben auch noch im höheren Alter intensiv Sport. Sie sind fitter als noch vor wenigen Jahren – verunfallen aber auch öfter. Die Entwicklung stellt Mediziner:innen vor neue Herausforderungen, was die Versorgung von älteren Menschen mit Sportverletzungen betrifft. PD Dr. med. Thomas Rauer, Zentrum für Knie und Sportmedizin in Aarau, führte in einem Vortrag am FOMF Notfallmedizin Update Refresher aus, welche Aufgaben sich konkret stellen und welche Rolle die personalisierte Medizin bei der Lösung spielen könnte.
Keypoints
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Die Inzidenz von Sportunfällen im Alter, auch im höheren Alter, steigt.
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Sportlich aktive Senior:innen haben höhere Ansprüche an die Funktion.
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Die Medizin steht im Spannungsfeld von komplexeren Verletzungen, zusätzlichen Komorbiditäten und der Notwendigkeit komplexerer Versorgungen.
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Bisherige Versorgungsstrategien müssen deshalb nicht nur neu, sondern auch interdisziplinär gedacht werden.
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Es braucht Präventionsprogramme für sportliche Senior:innen zur Senkung des Verletzungsrisikos.
Die Bevölkerung wird weltweit immer älter. 2050 wird laut Prognosen jeder Fünfte über 65 Jahre alt sein.1 Die Senior:innen werden aber nicht nur älter, sie sind auch immer aktiver. Parallel zu dieser Entwicklung steigt die Zahl der Sportunfälle bei Erwachsenen und Senior:innen kontinuierlich. Zwischen 2013 und 2023 nahmen sie in der Schweiz bei den Erwachsenen um 15% zu, bei den >65-Jährigen sogar um 49%.2 «Diese Steigerungen liegen deutlich über dem Bevölkerungswachstum», betonte Rauer.
Ähnlich sieht die Situation in anderen Ländern aus. In den USA beispielsweise wird bis 2040 ein Anstieg der orthopädischen Sportverletzungen um 120% vorausgesagt.3 Gleichzeitig soll die Zahl der Orthopäd:innen und Sportmediziner:innen um nur 20% zunehmen.3 «Dies kann zu einer medizinischen Unterversorgung führen», so der Referent. Neben den immer häufiger werdenden Sportunfällen dürfe deshalb auch das Nachwuchsproblem nicht aus dem Blick verloren gehen, monierte er.
Fitter, aber auch häufiger verletzt
Sport ist zweifellos in jedem Alter gesund. Für Senior:innen ist er für die allgemeine Gesundheit und die Lebensqualität entscheidend. Die ältere Bevölkerung ist heute denn auch deutlich fitter als noch vor Jahren. Wenn Senior:innen sich beim Sport verletzen, sind sie heute im Schnitt 73 Jahre alt – sechs bis zehn Jahre jünger als weniger aktive Ältere, die verunfallen.3,4 «Gleichzeitig können ältere Menschen, die sich beim Sport eine Fraktur zugezogen haben, häufiger aus dem Spital wieder nach Hause entlassen werden als diejenigen mit einer nicht mit Sport assoziierten Fraktur», so Rauer.
Die Zunahme der Sportverletzungen hängt nicht nur damit zusammen, dass Senior:innen aktiver sind. Sie gehen auch vermehrt Risiko-Trendsportarten nach und haben generell ein höheres Verletzungsrisiko als Jüngere. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich >65-Jährige beispielsweise beim Radfahren schwer verletzen, ist 6,35-mal höher als bei 25- bis 44-Jährigen.5 Hinzu kommt, dass die Wundheilung langsamer und die Knochenqualität schlechter ist. «Dennoch haben Senior:innen heute einen ähnlich grossen Aktivitäts- und Mobilitätsanspruch wie die Jüngeren», betonte der Referent. «Auch sie wollen nach einer Verletzung möglichst rasch und gleich intensiv wieder Sport treiben wie vor dem Unfall.» Diese Entwicklung stellt die Medizin vor Herausforderungen.
Der Helm schützt vor schweren Kopfverletzungen
Gross im Trend ist auch bei den Senior:innen das E-Bike-Fahren. Damit sind sie ähnlich schnell unterwegs wie mit einem Mofa. Mehr ältere und untrainierte Menschen mit einer langsameren Reaktionszeit nehmen heute mit deutlich höheren Geschwindigkeiten am Strassenverkehr teil. Dies hat Folgen: «Mit einem E-Bike verunfallen ältere Menschen häufiger und schwerer als mit einem klassischen Fahrrad und sie sind 10 bis zu 15 Jahre älter als verunfallte Rad- und Motorradfahrer:innen», sagte Rauer mit Verweis auf Studienresultate seiner eigenen Forschungsgruppe.6–8 «Die Älteren haben auch ein höheres Risiko für schwere Verletzungen wie ein Schädel-Hirn-Trauma», sagte Rauer. Er hat mit seinen Kolleg:innen deshalb das Schädel-Hirn-Trauma und intrakranielle Blutungen bei Fahrrad-, E-Bike- und Motorradfahrer:innen genauer untersucht. Das durchschnittliche Alter und der Anteil an >60-Jährigen waren in der E-Bike-Gruppe am höchsten. In der Fahrrad-Gruppe trugen 34% einen Helm, in der E-Bike-Gruppe 69% und in der Motorrad-Gruppe >90%. Insgesamt waren intrakranielle Blutungen in allen drei Gruppen etwa gleich häufig, auch bei den verschiedenen Blutungstypen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede, ausser beim Subduralhämatom, das in der E-Bike-Gruppe signifikant häufig war als in den anderen beiden Gruppen (Abb. 1). Interessant war auch eine Subgruppenanalyse zum Einfluss des Helmtragens auf das Verletzungsmuster. Trugen die E-Bike-Fahrer:innen keinen Helm hatten sie ein 6-fach erhöhtes Risiko für eine intrakranielle Blutung und ein 14-fach erhöhtes Risiko für ein Subduralhämatom (Abb. 2).9 «Das Subduralhämatom ist eine der häufigsten Todesursachen in solchen Notfallsituationen», so der Referent. Tragen E-Bike-Fahrer:innen jedoch einen Helm, ist ihr Risiko für eine solche Blutung gleich hoch wie für Radfahrer:innen. «Ältere und untrainierte E-Bike-Fahrer:innen profitieren von einem Kopfschutz und praktischen Fahrkursen ähnlich wie bei Motorradfahrer:innen. Hier müssen wir mit der Prävention ansetzen», forderte Rauer.
Abb. 1: Häufigkeit von intrakraniellen Blutungen bei Zweiradfahrer:innen (adaptiert nach Rauer T et al. 2024)9
Abb. 2: Zweiradfahrer:innen ohne Helm haben ein signifikant erhöhtes Risiko, eine intrakranielle Blutung zu erleiden (altersadjustiert) (adaptiert nach Rauer T et al. 2024)9
Personalisierte Medizin bei Knieverletzungen
Kommt es im Sport zu einem Fehltritt-Trauma ziehen sich Senior:innen ähnliche Knieverletzungen zu wie die Jüngeren. Es braucht für die Entstehung der Verletzung jedoch weniger Energie und die Behandlungsempfehlungen sind unterschiedlich. Bei einem Riss des vorderen Kreuzbandes (VKB) beispielsweise ist bei jüngeren Patient:innen in vielen Situationen die VKB-Rekonstruktion indiziert, während Ältere häufig konservativ behandelt werden. «Es gibt aber auch immer mehr Studien, die zeigen, dass auch die über 50-Jährigen biomechanisch, klinisch und funktionell von einer VKB-Rekonstruktion profieren», so Rauer. Ein systematischer Review kam ausserdem zum Schluss, dass ein höheres Alter keine Kontraindikation für eine VKB-Rekonstruktion ist.10 «Sicherlich braucht nicht jede/jeder 65-Jährige mit einem Kreuzbandriss eine Operation. Doch wir sollten auch ältere Patient:innen individuell beurteilen und die Therapieempfehlung von ihren/seinen Bedürfnissen und Wünschen abhängig machen», sagte der Referent.
Allograft-Augmentation bei proximaler Humerusfraktur
«Ebenfalls ein Dauerbrenner auf der Notfallstation ist die proximale Humerusfraktur», so Rauer. Sie ist die dritthäufigste Fraktur im Alter, die häufigste osteoporotische Fraktur der langen Knochen, 70% der Betroffenen sind älter als 60 Jahre und Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Inzidenz und auch die Verletzungsschwere steigen in der älteren Population.11 70% der komplexen 3- und 4-Segment-Frakturen treten bei über 70-Jährigen auf.
Wie eine proximale Humerusfraktur am besten behandelt werden soll, wird kontrovers diskutiert. Die beste Evidenz liefert eine Schweizer Publikation mit einem Algorithmus, der die Fraktur- und Patient:innenmorphologie berücksichtigt.12 «Die überwiegende Zahl der Patient:innen wird konservativ therapiert, obschon bekannt ist, dass komplexere Humerusfrakturen mit einem unzureichenden Repositionsergebnis zu schlechteren Ergebnissen im Alltag führen», so Rauers Einwand. «Wir stehen vor dem Problem einer komplexen Frakturmorphologie und einer schlechteren Knochenqualität auf der einen Seite und hohen Anforderungen an die Funktionalität auf der anderen Seite.» Hinzu kommt, dass nur 6% der geriatrischen Patient:innen mit einer proximalen Humerusfraktur postoperativ eine Osteoporosetherapie erhalten. «Eine schlechte Knochenqualität erhöht jedoch das Risiko für Schraubenpenetration, verzögerte Wundheilung und persistierende Instabilität», betonte Rauer.13 Eine Studie, an der er mitarbeitete, zeigt, dass durch die Verwendung von Allograft-augmentierten Verriegelungsplatten bei älteren Patient:innen mit Osteopenie vergleichbare Resultate erzielt werden können wie bei Patient:innen mit besserer Knochensubstanz, die mit nichtaugmentierten Platten versorgt werden.13 Weitere Studien unterstützen diese Resultate.
OP bringt oft besseres Resultat
Mit 10–25% aller Frakturen ist die distale Radiusfraktur die häufigste Fraktur bis zum 75. Lebensjahr. Es gibt zwei Häufigkeitsgipfel um das 10. und das 60. Lebensjahr. Die Therapiewahl hängt von Frakturtyp, Begleitverletzungen und Komorbiditäten, dem biologischen Alter sowie dem Funktionsanspruch der Betroffenen ab. In der Literatur besteht Konsens darüber, dass die Wiederherstellung der Anatomie essenziell ist für das Erreichen einer guten Funktion. Studien bei über 60-Jährigen zeigen allerdings, dass in dieser Altersgruppe das Repositionsergebnis ignoriert werden kann.14,15 In den aktuellen unfallchirurgischen Leitlinien steht deshalb: «Eine gute Funktion ist auch bei nicht anatomischer Stellung und deutlicher Deformität im Röntgenbild bei Patienten >60 Jahre mit limitierten funktionellen Anforderungen möglich.»16 «Dies gilt aber nur für Patient:innen, die keine hohen Anforderungen an die Funktion haben», betonte Rauer. «Wir sprechen heute aber über Senior:innen, die sportlich sehr aktiv sind und zum Beispiel weiterhin Tischtennis spielen wollen.» Die Entscheidung für die operative Versorgung oder die konservative Behandlung mit einem Gips müsse deshalb für jede Patientin und jeden Patienten individuell getroffen werden, forderte er.
Quelle:
FOMF Notfallmedizin Update Refresher, 13. bis 14. November 2025, Zürich
Literatur:
1 Zhaurova K: Genetic causes of adult-onset disorders. Nature Education 2008; 1: 49 2 Meier D et al.: Sicherheitsniveau im Schweizer Sport 2023. Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU. 2023 3 Zaifman JM et al.: Orthopaedic sports injuries in an aging population: current trends and future projections. Sports Health 2025; 17: 1192-9 4 Yeon YD: Sports-related fractures in the geriatric population at a level I trauma center. BMC Geriatrics 2024; 24: 464 5 Eriksson J et al.: Injured cyclists with focus on single-bicycle crashes and differences in injury severity in Sweden. Accid Anal Prev 2022; 165: 106510 6 Spörri E et al.: Comparison of injury patterns between electric bicycle, bicycle and motorcycle accidents. J Clin Med 2021; 10: 3359 7 Berk T et al.: Increased injury severity and hospitalization rates following crashes with e-bikes versus conventional bicycles: an observational cohort study from a regional level II trauma center in Switzerland. Patient Safa Surg 2022; 16: 11 8 Rauer T et al.: Fractures of the lower extremity after e-bike, bicycle, and motorcycle accidents: a retrospective cohort study of 624 patients. Int J Environ Res Public Health 2023; 20: 3162 9 Rauer T et al.: Cranio-cervical and traumatic brain injury patterns-do they differ between electric bicycle, bicycle, and motorcycle-induced accidents? Eur J Trauma Emerg Surg 2024; 50: 3039-48 10 Costa GG et al.: Age over 50 years is not a contraindication for anterior cruciate ligament reconstruction. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc 2019; 27: 3679-91 11 Khatib O et al.: The incidence of proximal humeral fractures in New York State from 1990 through 2010 with an emphasis on operative management in patients aged 65 years or older. J Shoulder Elbow Surg 2014; 23: 1356-62 12 Spross C et al.: Outcomes of management of proximal humeral fractures with patient-specific, evidence-based treatment algorithms. J Bone Joint Surg Am 2021; 103: 1906-16 13 Halvachizadeh S et al.: Treatment of proximal humerus fractures in geriatric patients - can pathological DEXA results help to guide the indication for allograft augmentation? PLoS One 2020; 15: e0230789 14 Young BT, Rayan GM: Outcome following nonoperative treatment of displaced distal radius fractures in low-demand patients older than 60 years. J Hand Surg Am 2000; 25: 19-28 15 Finsen V et al.: The relationship between displacement and clinical outcome after distal radius (Colles’) fracture. J Hand Surg Eur Vol 2013; 38: 116-26 16 Dresing K et al.: Leitlinie Distale Radiusfraktur des Erwachsenen. Leitlinien Unfallchirurgie AWMF-Nr. 012-015. 2021
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