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Weltweite Inzidenz steigt, Versorgungslücken verzögern die Therapie

Anorexie und Bulimie – immer häufiger sind auch Männer betroffen

Zwischen 1990 und 2023 stieg die Prävalenz von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa weltweit um 20,6%. Knapp 30% der Betroffenen sind mittlerweile männlich. Österreich gehört laut den Analysen zu den Ländern mit der höchsten Krankheitslast.

Essstörungen sind schwere psychische Erkrankungen mit Behandlungsbedarf. Für 2023 wurden rund 18,1 Millionen Fälle geschätzt: 3,92 Mio. mit Anorexie und 14,2 Mio. mit Bulimie. Die altersstandardisierte Krankheitslast dieser Erkrankungen, gemessen in „disability-adjusted life-years“ (DALY), nahm seit 1990 um 20,5% zu. Ohne Altersstandardisierung betrug der Anstieg der Fallzahlen 71%. Das sind die Ergebnisse einer Analyse der Global Burden of Disease Study, die in JAMA Psychiatry publiziert wurden.1

70% der Betroffenen sind weiblich, höchste Zunahmen in Asien

Die Analyse basiert auf Daten aus 204 Ländern und Territorien und wurde von einem internationalen Forschungskonsortium erstellt, an dem auch Ass.-Prof. Dr. Brendon Stubbs von der MedUni Wien beteiligt war. Von den weltweit Betroffenen waren 12,6 Millionen Frauen (69,4%) und 5,5 Millionen Männer (30,6%), 41,2% zwischen 10 und 24 Jahre alt. Hohe Prävalenzen zeigten sich in einkommensstarken Regionen. Den stärksten relativen Zuwachs verzeichneten Ost-, Süd- und Südostasien. Für 2050 prognostiziert das Team 21,8 Mio. Fälle (4,7 Mio. Anorexie, 17 Mio. Bulimie). Österreich gehört laut den Analysen zu den Ländern mit der höchsten Krankheitslast. Gemeinsam mit Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Spanien, den skandinavischen Ländern und Australien weist Österreich besonders hohe altersstandardisierte Prävalenzraten auf. In diesen Ländern leben mehr als 493 Betroffene pro 100000 Einwohner mit Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa. Deutschland, Italien, Griechenland und Kanada liegen etwas darunter.

Prof. Dr. Anja Hilbert, Universitätsklinikum Leipzig, hebt hervor: „Für die Binge-Eating-Störung und die vermeidend-restriktive Ernährungsstörung, die erst seit relativ kurzer Zeit als eigenständige Essstörungen diagnostiziert werden können, standen leider keine ausreichenden Daten zur Verfügung. Die tatsächliche Prävalenz aller Essstörungen liegt daher höher, als es die Ergebnisse zu Anorexie und Bulimie in dieser Studie zeigen.“ Auch Prof. Johannes Hebebrand, Universität Duisburg-Essen, betont: „Kritisch ist, dass die atypische Anorexia nervosa nicht berücksichtigt wurde.“ Diese zeige vergleichbare psychische und körperliche Merkmale, jedoch ohne das für Anorexie erforderliche Untergewicht.

Prof. Dr. Stephan Zipfel, Universitätsklinikum Tübingen, betont die schweren körperlichen Folgen von Essstörungen: „Die Anorexia nervosa hat die höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen. Besonders ist zudem, dass Körper und Psyche untrennbar betroffen sind: Mangelernährung oder wiederholtes Erbrechen haben auch Einfluss auf die körperliche Entwicklung und können zu körperlichen Schäden führen. Darüber hinaus leiden Betroffene mit einer Essstörung häufig noch an weiteren psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen.“ Für die Versorgung sei frühzeitiges Handeln zentral: „Die ersten Jahre der Erkrankung sind ein entscheidendes Zeitfenster.“ Er fordert kürzere Wartezeiten, Prävention in Schulen und der Kinder- und Jugendmedizin, Schulungen in der Primärversorgung und mehr Verantwortung der Plattformbetreiber. Bisher profitiere nur etwa jede/r zweite Betroffene ausreichend von verfügbaren Behandlungen. (red)

Mitteilung des Science Media Center vom 28.10.2026

1 Bai R et al.: Global burden of anorexia nervosa and bulimia nervosa, 1990 to 2023, with forecasts to 2050: a Global Burden of Disease Study 2023 analysis. JAMA Psychiatry 2026; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.3457

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