© ViktorCap iStockphoto

Studie der Universität Basel

Determinanten körperlicher Aktivität bei Personen mit depressiven Störungen

Psychiatrie

Nebst der momentan herrschenden Covid-19-Pandemie erleben wir auch die Pandemie des Bewegungsmangels.1 Weltweit erfüllt ca. ein Drittel der Menschen die empfohlenen 150 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität pro Woche nicht2, dies wiederum führt zu erhöhtem Risiko für nicht übertragbare Krankheiten, u.a. auch depressive Störungen3.

Umgekehrt führen auch depressive Symptome und die damit assoziierten Komorbiditäten zu vermehrter körperlicher Inaktivität, obschon regelmässige körperliche Aktivität auf psychischer, neuronaler, hormoneller und kognitiver Ebene mit positiven Effekten verbunden ist.4 Ob eine Person regelmässig körperlich aktiv ist, hängt von mehreren Determinanten ab. Mögliche Faktoren, die das Bewegungsverhalten steuern, sind psychologische Personenmerkmale, soziale Einflüsse oder kognitive Entscheidungsprozesse.5 Manche dieser Determinanten sind expliziter, andere impliziter Natur. Ob sich Personen mit vs. ohne Depression im Hinblick auf solche expliziten und impliziten Determinanten unterscheiden, wird in einer laufenden randomisierten kontrollierten Studie6 untersucht.

Die Studie findet in vier schweizerischen psychiatrischen Kliniken statt. Dort werden erwachsene Patient*innen rekrutiert, die zu Beginn körperlich wenig aktiv sind und laut ICD-10 eine unipolare episodische oder rezidivierende Depression haben. Zudem wird eine Kontrollgruppe mit Personen, die ebenfalls wenig körperlich aktiv sind, jedoch keine Vorgeschichte oder aktuelle depressive Erkrankung aufweisen, rekrutiert. Die objektive körperliche Aktivität wurde während einer Woche via Akzelerometer gemessen, die subjektive körperliche Aktivität sowie die psychosozialen Determinanten wurden mittels Fragebögen erfasst und die impliziten Einstellungen wurden mit computerbasiertem Reaktionstest erhoben.

Die Untersuchungspersonen mit Depression wiesen im Vergleich zu den Proband*innen ohne Depression höhere Werte für objektiv erfasste körperliche Aktivität auf (Gruppe mit Depression: 40,2 ± 18,8 Minuten/Tag, Gruppe ohne Depression: 34,5 ± 17,8 Minuten/Tag; p=0,017). Dies traf auch für die selbstberichtete körperliche Aktivität zu; auch hier wiesen die Proband*innen mit Depression höhere Werte auf (p<0,001). Proband*innen mit Depression gaben zudem im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe mehr Stress (p<0,001), mehr Schlafprobleme (p<0,001) und eine geringere gesundheitsbezogene Lebensqualität (p<0,001) an. Sie hatten umgekehrt eine höhere Intention (p<0,001) und intrinsische Motivation (p=0,001), körperlich aktiv zu sein, und positivere Erwartungen bezüglich der körperlichen Aktivität (p<0,001). Im Bereich der impliziten Einstellungen unterschieden sich die beiden Gruppen nicht signifikant voneinander.

Die Daten der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass ein Klinikaufenthalt möglicherweise einen Wendepunkt darstellt, weshalb die Patient*innen mit Depression im Vergleich zu Kontrollpersonen ohne Depression ein höheres Mass an körperlicher Aktivität aufwiesen. Analog dazu waren in der Patientengruppe auch die expliziten (Intention, Motivation und Erwartungen) und impliziten Einstellungen gegenüber körperlicher Aktivität positiv ausgeprägt. Einige psychosoziale Determinanten (Stress, Schlaf und gesundheitsbezogene Lebensqualität) weisen auf die Gefahr potenzieller Bewegungsbarrieren sowie den möglichen Nutzen einer Bewegungsberatungsintervention während des stationären Klinikaufenthalts hin, um bei Patient*innen mit Depression nachhaltig einen körperlich aktiven Lebensstil aufzubauen.

SGPP-Jahreskongress, 25.–27. August 2021, virtuell

1 de Castro RRT et al.: Exercise training: a hero that can fight two pandemics at once. Int J Cardiovasc Sci 2020; 33: 284-7 2 Hallal PC et al.: Global physical activity levels: surveillance progress, pitfalls, and prospects. Lancet 2012; 380: 247-57 3 Schuch FB et al.: Physical activity and incident depression: a meta-analysis of prospective cohort studies. Am J Psychiatry 2018; 175: 631-48 4 Stubbs B et al.: EPA guidance on physical activity as a treatment for severe mental illness: a meta-review of the evidence and Position Statement from the European Psychiatric Association (EPA), supported by the International Organization of Physical Therapists in Mental Health (IOPTMH). Eur Psychiatry 2018; 54: 124-44 5 Bauman AE et al.: Correlates of physical activity: Why are some people physically active and others not? Lancet 2012; 380: 258-71 6 Gerber M et al.: The impact of lifestyle Physical Activity Counselling in IN-PATients with major depressive disorders on physical activity, cardiorespiratory fitness, depression, and cardiovascular health risk markers: study protocol for a randomized controlled trial. Trials 2019; 20: 367

Back to top