Status quo und Perspektiven in der roboterassistierten Knieendoprothetik
Autor:innen:
Prof. Dr. med. Ioannis Stratos
Prof. Dr. med. Maximilian Rudert
Dr. med. Philip Anderson
Orthopädische Klinik König-Ludwig-Haus; Lehrstuhl für Orthopädie der Universität Würzburg
Korrespondenz:
E-Mail: ioannis.stratos@klh.de
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Die totale Knieendoprothetik (TKA) zählt weltweit zu den häufigsten elektiven orthopädischen Eingriffen. Trotz standardisierter Operationstechniken und kontinuierlicher Weiterentwicklung der Implantate bleibt ein relevanter Anteil unzufriedener Patient:innen bestehen. Vor diesem Hintergrund wird die roboterassistierte Knieendoprothetik als Möglichkeit diskutiert, operative Präzision, Reproduzierbarkeit und potenziell auch Langzeitergebnisse zu verbessern.
Historische Entwicklung und Markttrends
Bereits 1992 wurde mit dem Robodoc® das erste aktive Robotersystem in der orthopädischen Chirurgie eingeführt. Diese frühen, vollautonomen Systeme führten knöcherne Präparationen auf Basis präoperativer CT-Planungen durch.1 Trotz theoretischer Vorteile zeigten sich erhebliche klinische Limitationen, darunter verlängerte Operationszeiten, spezifische Komplikationen sowie hohe Raten der Konversion auf manuelle Instrumentierung von bis zu 30%.2 Mangels eines nachweisbaren klinischen Nutzens verschwanden diese Systeme weitgehend vom Markt.
Die Renaissance der Robotik wurde durch die Einführung semiaktiver Systeme eingeleitet, die den Chirurgen mittels haptischer Führung unterstützen. Ein wesentlicher Meilenstein war hierbei die Übernahme von MAKO® Surgical durch Stryker im Jahr 2013 und die Einführung der TKA-Applikation 2017.2 In den USA ist seither eine deutliche Zunahme der Zahl roboterassistierter Knieendoprothesenimplantationen zu beobachten, während für den Gesamtmarkt orthopädischer Robotersysteme weiterhin hohe Wachstumsraten prognostiziert werden.3
In Deutschland bleibt die Zahl konventioneller TKA bisher stabil, die Zahl navigierter Verfahren ist rückläufig, während robotische Systeme insbesondere in High-Volume-Zentren und bei jüngeren Patient:innen immer öfter eingesetzt werden.4
Systemkategorien und technologische Grundlagen
Zur Einordnung der klinischen Relevanz ist eine Differenzierung der verfügbaren Technologien notwendig, die sich nach Autonomiegrad und präoperativ notwendiger Bildgebung klassifizieren lassen in aktive, semiaktive und passive Systeme. Aktive Systeme wie Robodoc® führen Knochenschnitte autonom aus, wobei der Chirurg den Prozess lediglich überwacht.1 Demgegenüber haben sich semiaktive Systeme (z.B. MAKO, ROSA, VELYS, CORI) als aktueller Standard etabliert. Hier behält der Operateur die Kontrolle über das Instrument, während das System meist haptische Grenzen definiert und Abweichungen vom geplanten Resektionskorridor verhindert.1,2 Passive Systeme entsprechen der klassischen Computernavigation ohne aktive Eingriffsbegrenzung (Abb. 1).
Abb. 1: Autonomiegrade in der chirurgischen Robotik: Level 0 = konventionelle Instrumentierung, Level 1 = visuelle oder haptische Assistenz, Level 2 = teilautonome Ausführung definierter Schritte, Level 3 = autonome Durchführung einzelner Teilschritte, Level 4 = autonome Durchführung ganzer Operationsphasen, Level 5 = vollständig autonome Operation (modifiziert nach Deckey et al. 2025)3
Bildgebung: CT-basiert versus bildfrei
CT-basierte Systeme ermöglichen eine präoperative 3D-Planung, sind jedoch mit zusätzlicher Strahlenexposition und Kosten verbunden.2 Bildfreie Systeme erzeugen das anatomische Modell intraoperativ durch das Abtasten anatomischer Landmarken, während Hybridlösungen konventionelle Röntgenbilder zur 3D-Rekonstruktion nutzen. Der technologische Trend geht hin zur Reduktion des invasiven und logistischen Aufwands.3
Hardware und Tracking
Technologisch zeigt sich eine zunehmende Miniaturisierung der Systeme. Grosse Konsolen werden durch kompakte Einheiten ersetzt, die direkt am OP-Tisch positioniert werden können. Optische Tracking-Systeme dominieren weiterhin, erfordern jedoch eine freie Sichtlinie; zukünftig könnten elektromagnetische Sensoren den Workflow weiter vereinfachen.3
Klinische Evidenz: Präzision und Outcome
Die Literatur belegt eine Überlegenheit der Robotik gemessen an radiologischen Präzisionsparametern, während der klinische Nutzen differenziert betrachtet werden muss.
Radiologische Präzision und Outlier-Reduktion
Metaanalysen zeigen konsistent, dass die roboterassistierte TKA eine höhere Genauigkeit bei der Wiederherstellung der mechanischen Beinachse und der Implantatpositionierung erreicht als manuelle Techniken. Abweichungen von mehr als ±3° gelten als klinisch relevante Outlier, deren Rate durch robotische Systeme deutlich reduziert wird.5 In der Sagittalebene bestehen jedoch weiterhin Variabilitäten, wenn auch geringer als bei manueller Instrumentation.5
Klinische Ergebnisse und PROMs
Die Übertragung der verbesserten technischen Präzision auf klinische Endpunkte bleibt uneinheitlich. Shaw et al. (2021)6 zeigten in einer Kohorte von 1160 Patienten, dass die roboterassistierte TKA nach sechs Monaten nicht häufiger zum Erreichen der minimalen klinisch relevanten Verbesserung (MCID) in PROMIS-Scores führte als die manuelle TKA. Zwar berichten systematische Reviews teils statistisch signifikante Verbesserungen in Scores wie WOMAC oder KSS, die Effektstärken sind jedoch gering und die klinische Relevanz bleibt diskussionswürdig.5 Hinweise auf Vorteile in der frühen postoperativen Phase relativieren sich im mittelfristigen Verlauf.2
Langzeitüberleben und Revisionsraten
Belastbare Langzeitdaten zu modernen semiaktiven Robotersystemen fehlen bislang. Registeranalysen zur Navigation zeigen jedoch, dass insbesondere jüngere Patient:innen (<65 Jahre) von einer präziseren Ausrichtung profitieren könnten, was sich in niedrigeren 5-Jahres-Revisionsraten widerspiegelt.7 Für die Robotik insgesamt ist die Evidenz zur Reduktion von Revisionsraten derzeit als limitiert einzustufen.2
Wirtschaftlichkeit und Kosteneffektivität
Aus gesundheitsökonomischer Sicht ist die roboterassistierte TKA nur unter spezifischen Rahmenbedingungen kosteneffektiv. Modellbasierte Analysen berichten einen sehr geringen Zusatznutzen von etwa +0,01 bis +0,03 «quality-adjusted life years» (QALYs), entsprechend 3–11 Tagen zusätzlicher Lebenszeit in perfekter Gesundheit. Dem stehen relevante Mehrkosten gegenüber. In einer Markov-Analyse über 35 Jahre ergab sich ein inkrementelles Kosten-Nutzen-Verhältnis von etwa 128500 Dollar pro QALY und damit eine deutliche Überschreitung gängiger Kosteneffektivitäts-Schwellenwerte.8 Entscheidend ist das jährliche Operationsvolumen: Analysen zum «incremental net monetary benefit» zeigen eine Kosteneffektivität erst ab etwa 50 Eingriffen pro Jahr.9 Damit ist die Robotik aktuell vor allem für High-Volume-Zentren wirtschaftlich sinnvoll.
Zukunftsausblick: Endoprothetik 2035
Zukünftige Entwicklungen werden durch zunehmende Autonomie, KI-gestützte Planung und neue Visualisierungstechnologien geprägt sein. KI-basierte Big-Data-Analysen könnten patientenspezifische Implantatpositionierungen unter Berücksichtigung von Kinematik und Weichteilspannung ermöglichen.3 Mixed- und Augmented-Reality-Anwendungen könnten klassische OP-Monitore ersetzen, während patientenindividuelle Implantate im Sinne eines «true resurfacing» neue Konzepte der Endoprothetik eröffnen.
Zusammenfassung
Die roboterassistierte Knieendoprothetik hat sich von einer experimentellen Technologie zu einem etablierten Verfahren entwickelt. Die technische Präzision und Reduktion von Alignment-Outliern sind gut belegt, während klinische und ökonomische Vorteile bislang begrenzt bleiben. Die zukünftige Rolle der Robotik wird massgeblich davon abhängen, ob sich technische Exzellenz in messbare klinische Vorteile und verbesserte Kosteneffizienz übersetzen lässt.
Literatur:
1 Jacofsky DJ, Allen M: Robotics in arthroplasty: a comprehensive review. J Arthroplasty 2016; 31(10): 2353-63 2 St Mart JP, Goh EL: The current state of robotics in total knee arthroplasty. EFORT Open Rev 2021; 6(4): 270-9. doi: 10.1302/2058-5241.6.200052. PMID: 34040804; PMCID: PMC8142057 3 Deckey DG et al.: The future of robotic surgery in joint arthroplasty: Current platforms, emerging technologies and outlook for 2035. Orthopadie (Heidelb) 2025; 54(9): 682-92 4 Heinz T et al.: Trends in computer-assisted surgery for total knee arthroplasty in Germany: an analysis based on the operative procedure classification system between 2010 to 2021. J Clin Med 2023; 12(2): 549 5 Agarwal N et al.: Clinical and radiological outcomes in robotic-assisted total knee arthroplasty: a systematic review and meta-analysis. J Arthroplasty 2020; 35(11): 3393-409.e2 6 Shaw JH et al.: Minimal clinically important difference in robotic-assisted total knee arthroplasty versus standard manual total knee arthroplasty. J Arthroplasty 2021; 36(7S): 233-241 7 Varshneya K et al.: Imageless computer navigation reduces 5-year all-cause revision rates after primary total knee arthroplasty. J Arthroplasty 2022; 37(6S): 211-5 8 Zhang JJY et al.: Cost-effectiveness of robot-assisted total knee arthroplasty: a Markov decision analysis. J Arthroplasty 2023; 38(8): 1434-7 9 Hua Y, Salcedo J: Cost-effectiveness analysis of robotic-arm assisted total knee arthroplasty. PLoS One 2022; 17(11): e0277980
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